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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Jérömes Eintreiber baten Müller Böhne zur Kasse
Zwischenüberschrift:
Seit 750 Jahren Nackte Mühle In Haste
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Wer heute durch den Stadtteil Haste fährt und am Östringer Weg an der Nackten Mühle vorbeikommt, denkt kaum darüber nach, welch bewegte Zeit das Bauwerk hinter sich hat. Vor 750 Jahren wurde die Mühle auf dem damaligen Grundstück des Benediktinerinnenklosters Gertrudenberg an der Nette gebaut. Von diesem Zeitpunkt an widerstand sie allen Naturkatastrophen und sogar zwei Weltkriegen. Seit genau 200 Jahren wird die Nackte Mühle von der Müllerfamilie Böhne bewirtschaftet. Das Mühlenrad klappert seit 1967 nur noch von Zeit zu Zeit, per Familienbetrieb, der sich inzwischen auf Futter-, Düngemittel und Sämereien beschränkt, wird vom Ururenkel des ersten Pächters. Johann Matthias Böhne, weitergeführt.

Jérömes Eintreiber baten Müller Böhne zur Kasse

Seit 750 Jahren Nackte Mühle In Haste

Einen so strengen Winter wir 1929 habe ich noch nie erlebt", erinnert sich Müllermeister Hubert Böhne sen. " Wir mußten jeden Morgen um 6 Uhr mit dem Eispickel und einer Axt das Eis am Mühlrad losschlagen, damit wir überhaupt mahlen konnten." Der Müllermeister und sein Bruder Alois bewirtschafteten damals mit Hilfe der Familienangehörigen die Mühle Im ,, Alleingang". Über Arbeit konnten sie sich nicht beklagen, die Böhnes. So " ganz nebenbei" unterhielt Alois Bohne noch eine Sägemühle, die bis 1969 über eine Wasserturbine durch die Nette angetrieben wurde.

Auch die Frauen der Familie hatten den ganzen Tag über alle Hände voll zu tun. Von 1929 bis 1945 war das Kaffeehaus " Nackte Mühle" ein beliebtes Ausflugslokal für die Osnabrücker, die in ihrer Freizelt gerne längs der Nette prominierten, um anschließend bei Kaffee und Kuchen auf der Terrasse und im Garten des Cafes zu verschnaufen. Wem es im Sommer zu heiß wurde, daß er keine Lust zum Wandern verspürte, konnte sich in der Badeanstalt, gleich hinter dem Kaffeehaus, ausruhen, um sich im kühlen Naß des Mühlenteiches zu erfrischen.

Ungemütlich wurde es an der Nackten Mühle in diesem Jahrhundert eigentlich erst zum Ende des zweiten Weltkrieges, als auch Haste nicht mehr von den Bombenangriffen der Alliierten verschont blieb. " Am Nikolaustag 1944 ging am Nachmittag eine Brandbombe der Engländer in unmittelbarer Nähe der Mühle nieder", erinnert sich der Müllermeister, der dabei gedankenverloren von der Nettebrücke auf das ehrwürdige Bauwerk blickt: " Zum Glück kann man heute sagen fing nur das Wohnhaus Feuer, die alte Mühle blieb verschont.'' An das Feuer von 1944 erinnern heute nur noch einige jahrhundertalte Dokumente, die bei dem Brand leicht ankohlten.

Mit der Niederlage der Deutschen, gleichzeitig auch Befreiung, kam die Zeit der Sieger. Ab Ende März 1945 machten sich vorübergehend die Engländer bei den Böhnes breit. Kurzerhand wurden die Veranda, die frühere Kaffeeterrasse, und ein Teil des Wohnhauses von Offizieren der britischen Armee belegt. Diese Notlage war glücklicherweise nur vorübergehend.

In der Zeit des Wiederaufbaus, als Mangel an Räumen in der Stadt herrschte, mußte die Veranda nochmals als Notnagel herhalten. 1950 hielten die Dozenten der höheren Gartenbauschule (jetzt FH Haste) dort Ihre ersten Vorlesungen.

Seit 1967 ist die alte Mühle " ausgemustert", wenngleich das im April 1981 erneuerte, 4, 8 Tonnen schwere Mühlrad sich noch ab und zu dreht.

Mit etwas Wehmut denkt Hubert Bohne sen. an die Zeit zurück, in der das Wasserrad weder am Tage noch in der Nacht stillstand. " Während des ersten Weltkrieges wurde durchgearbeitet. Das war zwar nicht so einfach, hat aber trotzdem viel Spaß gemacht."

Mit ihrem Beruf stehen die Böhnes in der Tradition ihrer Vorfahren. Vor genau 200 Jahren pachtete Johann Matthias Bohne die Nackte Mühle von den Benediktinerinnen des Gertrudenbergklosters. Mit ihm kam so etwas wie Kontinuität in die Pachtergeschichte der Mühle, die vorher fast nie über Generationen von derselben Familie bewirtschaftet wurde.

1785 wurde nach zähen Verhandlungen ein Pachtvertrag zwischen Bohne und dem Kloster Gertrudenberg unterzeichnet. Auf sage und schreibe 15 Seiten die heute noch erhalten sind hielt die damalige Priorin des Klosters, Othillia von Cornarens, die Rechte und Pflichten des neuen Pächters fest.

Matthias Böhne konnte ungefähr zwanzig Jahre in Ruhe arbeiten, bis er zum erstenmal Ärger bekam und zwar nicht mit den Nonnen, sondern mit den Franzosen. Napoleon, der sich geschworen hatte, die Welt zu erobern, um sie anschließend zu " verbessern", machte auch vor Osnabrück und der Nackten Mühle nicht halt.

Im Zuge seiner Eroberungspolitik kam Osnabrück 1807 zum Königreich Westfalen, das von Kassel aus durch Napoleons Bruder Jérome er wurde auch " Bruder Lustig" genannt regiert wurde. Und da Eroberer in der Regel Gebiete ausbeuten und nicht beschenken, wurde auch die Nackte Mühle bzw. Müller Böhne zur Kasse gebeten. Noch heute zeugen Dokumente von der Zeit, als sogar Schnupftabak, der sogenannte Rappe, für die Franzosen gemahlen wurde.

Nach dem Tod des Müllers verpachtete dessen Witwe die Mühle 1834 auf acht Jahre an elnen gewissen Hovelmann und wanderte anschließend mit den noch minderjährigen Kindern nach Amerika, ins Land der unbegrenzten Möglichkelten, aus. Hovelmann, alles andere als ein ,, begnadeter" Müller, ließ die Mühle derart verkommen, daß die Benediktinerinnen vom Gertrudenberg sich gezwungen sahen, den Pachtvertrag zu lösen.

Etwa zur gleichen Zelt kam mein Großvater, Johann Matthias Ferdinand Böhne. der älteste Sohn des Exmüllers, aus den Staaten zurück. berichtet der jetzige Besitzer. Hubert Böhne. ,, Er hatte sich in Cincinnati (Ohio) als Müller und Mühlenbauer einen Namen gemacht." Da es dem Mühlenbauer innerhalb von wenigen Jahren gelang, die ramponierte Mühle wieder auf Vordermann zu bringen. verkaufte das Kloster ihm das gute Stück 1846 für 1800 Taler. Von diesem Jahr an waren die Böhnes nicht mehr Pächter, sondern stolze Besitzer der Nackten Mühle.

Viel älter als die Müllerchronik der Böhnes Ist jedoch die Historie der Mühle: Im Jahre des Herrn 1235, die Stadt Osnabrück oder vielleicht besser gesagt der Ort Osnabrück und sein Umland waren kaum kultiviert, kam es in Östringen zu einem Tauschgeschäft. Die Benediktinerinnen, die knapp hundert Jahre vorher in einer Art Strafversetzung (sie hatten zuwenig die Klosterregeln beachtet) von Herzebrock ins Kloster Gertrudenberg kamen, damit Bischof Philipp sie besser im Griff hatte, tauschten zwei Acker gegen eine Wiese an der Nette. Diese Grünfläche eignete sich ausgezeichnet für den Bau einer dringend benötigten Mühle vorausgesetzt, man legte sie zu beiden Seiten der Nette trocken.

Nachdem die Ordensschwestem dieses Problem innerhalb kürzester Zeit bewältigt batten, begann man wahrscheinlich noch im selben Jahr (1235) mit dem Bau einer Wassermühle der Nackten Mühle. Diesen Namen bekam das Bauwerk, weil es im Gegensatz zu den anderen Mühlen, die netteaufwarts von Bergen und Waldgebieten umgeben waren, ,, nackt" auf dem weiten Wiesengrund des Gertrudenbergklosters lag.

Die Müller, die die Muhle später pachteten. waren verpflichtet. sämtliches Korn des Klosters unentgeltlich zu mahlen. Der jährliche Pachtzins betrug einen Taler und dreizehn gute Groschen. Zudem mußten sich die Müller bereiterklären, pro Jahr mindestens acht Malter Roggen an die Ordensschwestern zu liefern.

Bilduntertitel

RELIKTE aus längst vergangenen Zeiten: Müllerwerkzeuge und die Originalurkunde aus dem Jahre 1785, in der die Äbtissin des Gertrudenberges der Familie Böhne die Mühle verpachtete.

DIE NACKTE MÜHLE HEUTE: Eine ,, Zeichnung" mit der Kamera

STUMME ZEUGEN in der Nackten Mühle: Obwohl des Antriebswerk des Mühlrades noch voll funktionsfähig ist, wird es in letzter Zeit nur noch selten benutz, worauf au die Spinnweben (rechts) hinweisen.


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