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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
„Alles war schwarz″
Zwischenüberschrift:
Vor 20 Jahren brennt das Osnabrücker Schulzentrum Sebastopol
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Es war die auf den Ossensamstag folgende Nacht, als vor 20 Jahren ein Großfeuer das Osnabrücker Schulzentrum Sebastopol zerstörte. Zwei Jahre lang mussten die betroffenen Schulen improvisieren, bis sie im März 2003 die Neueinweihung feiern konnten.
Um 2.25 Uhr am frühen 25. Februar 2001 bemerkte ein Taxifahrer von der Knollstraße aus einen Feuerschein im Schulzentrum. Er verständigte seine Funkzentrale, und die alarmierte sofort die Feuerwehr. Die wenig später eintreffenden Feuerwehrleute rückten unter Atemschutz in das Gebäude vor. Als sie sich vom Forum″ aus, dem weitläufigen Foyer, der Cafeteria näherten, flogen ihnen schon die Fensterscheiben aus den Innentrennwänden entgegen. In dem Schüler- Café Olé″ war ein offenes Feuer ausgebrochen, das sich rasch ausbreitete.

Giftige Rußablagerungen

Berufsfeuerwehr und die Freiwilligen Wehren Haste und Sutthausen hatten das Feuer bald unter Kontrolle. Erst in den Tagen danach zeigte sich, dass der eigentliche Brandschaden noch das geringste Übel war. Als viel gravierender erwiesen sich Brandgase, Rauch und Ruß. Sie hatten sich bis in die hintersten Winkel des riesigen Gebäudekomplexes verteilt. Geschlossene Türen und Schränke waren keine Hindernisse. Alles war von einer schwarzen, schmierigen Rußschicht überzogen. Das Problem: Als Verbrennungsprodukt bestimmter Kunststoffe entsteht Salzsäure, die nicht nur Metalle, auch Beton zum Korrodieren bringt. Mit Abwaschen ist es nicht getan. Deshalb kamen die Schadensgutachter bald zu dem Ergebnis, dass nicht nur das bewegliche Inventar, sondern auch alle Innenbauteile und Installationen einschließlich der Zwischendecken abgängig waren. Nicht weniger als eine komplette Entkernung des Baukörpers stand an.
Weil am Ossensamstag ausgiebig gefeiert worden war, erschien es der Kripo zunächst nicht unwahrscheinlich, dass heimwärts ziehende Partygäste den Brand gelegt haben könnten. Doch nach wenigen Tagen schlossen die Ermittler die Akte: Brandstiftung könne ausgeschlossen werden. Man habe keine Spuren im frisch gefallenen Schnee und keine Hinweise auf Manipulationen an Türen und Fenstern finden können, hieß es vonseiten der Beamten.
Als Brandursache wurde vielmehr ein technischer Defekt festgestellt. Eine Mehrfachsteckdose an der Theke im Schülercafé hatte infolge Überhitzung einen Schwelbrand ausgelöst. Im Zusammenwirken verschiedener Gase und der Temperaturerhöhung in dem zunächst abgeschlossenen Raum kam es zu einem sogenannten Flashover″ und einem Vollbrand in der Folge. Die Temperaturen am Brandherd wurden so hoch, dass sogar eine Auflaufform aus feuerfestem Jenaer Glas zu einem Klumpen zusammenschmolz. Die angeblich nicht brennbaren Deckenverkleidungen im Forum″ brannten und fielen zusammen mit den darüber angeordneten Lüftungskanälen herunter. Die Feuerwehrleute mussten die großen Scheibenfronten einschlagen, um die massiven Rauchansammlungen abziehen zu lassen.

Schüler auf der Straße

Im Schulzentrum Sebastopol (heute: Schulzentrum Sonnenhügel) waren damals vier Schulen untergebracht: das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium (EMA), die Sophie-Scholl-Orientierungsstufe, die Felix-Nussbaum-Hauptschule und die Wittekind-Realschule.
Am nachhaltigsten betroffen waren die Räume des EMA. Der damalige EMA-Schulleiter Hartmut Bruns erinnert sich so an die Unglücksnacht: Unser Hausmeister Udo Lüddecke weckte mich telefonisch, kurz nachdem er von dem Feueralarm erfahren hatte. Ich kam aus dem Tiefschlaf und war so unsortiert, dass ich etwas völlig Danebenliegendes sagte, etwa wie: , Das werdet ihr ja wohl selbst lösen können, muss ich dafür extra rauskommen? Im nächsten Moment wurde mir klar, was das bedeutete: Der Unterricht für die rund 1000 Schüler des Schulzentrums könnte betroffen sein. Fünf Minuten später saß ich im Auto und raste zum Sonnenhügel. Schon als ich vom Haster Weg in die Knollstraße einbog, konnte ich bei geschlossenen Fenstern den Brand riechen.″
An Ort und Stelle eingetroffen, fragte ein Feuerwehrmann, wer denn einen Schlüssel habe, um die rückseitigen Türen zwecks Rauchabzugs zu öffnen. Mein Kollege Karl Wurdel von der Nussbaum-Schule, Udo Lüddecke und ich meldeten uns, weil wir Generalschlüssel hatten. Ein Feuerwehrmann führte uns durch das Forum. Das offene Feuer war inzwischen gelöscht, aber der Rauch hing noch unter der Decke. Es sah gespenstisch aus. Alles war schwarz, überall Trümmer und geschmolzene Metallgerippe, die völlig deformierte Telefonzelle war noch irgendwie zu erkennen. Wir öffneten die hinteren Türen.″ Die Aktion war aber wohl nicht so ganz mit dem Einsatzgeschehen koordiniert: Später machte uns ein Feuerwehr-Hauptmann heftige Vorwürfe, wie wir da einfach so reingehen konnten. Er brauche nicht auch noch Leute mit Rauchvergiftungen.″
Später am Vormittag trafen sich die Schulleiter mit Schuldezernent Reinhard Sliwka zur Krisensitzung. Es hatte sich bereits herauskristallisiert, dass die Orientierungsstufe am wenigsten abbekommen hatte. Man hegte die Hoffnung, dass deren Räume bereits nach wenigen Tagen und einer gründlichen Reinigung wieder benutzt werden könnten. Aber auch die anderen Schulen legten Wert auf möglichst optimistische Nachrichten, damit die Anmeldezahlen für das kommende Schuljahr nicht einbrechen würden. So ist es wohl zu erklären, dass Sliwka zwei Tage nach dem Brand ein ehrgeiziges Ziel verkündete: Nach den Sommerferien (2001!) solle das renovierte Schulzentrum wieder bezogen werden können.

Lange Improvisation

Es kam dann allerdings ganz anders. Zwar konnten Orientierungsstufe, Hauptschule und Realschule nach den Sommerferien etwas zusammengedrängt wieder den sogenannten Altbau des Schulzentrums nutzen, aber für das EMA ging die Odyssee mit bis zu 60 verschiedenen Ersatz-Räumlichkeiten noch lange weiter. Es sollte bis Januar 2003 dauern, ehe die Ausweichstandorte und Containerklassen endlich der Vergangenheit angehörten.
Das Gebot europaweiter Ausschreibungen, Pfusch am Bau und zwischenzeitliche Konkurse beauftragter Firmen hatten für eine Kette unglücklicher Verzögerungen gesorgt. Der bei der Wiedereinweihungsfeier am 27. März bemühte Vergleich vom Phönix aus der Asche″ klang dann aber doch recht überzeugend, denn das Schulzentrum war für eine Gesamtsumme von 15, 1 Millionen Euro nun moderner und zweckmäßiger denn je zuvor geworden. Etwa 90 Prozent der Baukosten hatte die Feuerversicherung übernommen. Für den Rest musste die Stadt selbst aufkommen, weil er Sonderwünsche wie etwa eine verstärkte Neigung des Flachdachs betraf.

Solidarität der Stadt

Was bei Hartmut Bruns auch nach 20 Jahren geblieben ist: tief empfundene Dankbarkeit gegenüber den Asyl gewährenden Einrichtungen, ob es andere Schulen, die Hochschule und die Universität waren, Kirchengemeinden, Sportvereine, Gemeinschaftszentren, das Konservatorium oder sogar das Nussbaum-Museum. Wir haben die Solidarität der ganzen Stadt erfahren.″
Nicht zuletzt hätten die für die Stundenpläne zuständigen Kollegen Großartiges geleistet. Bei den oft kurzfristig sich ergebenden Änderungen habe man für jede Klasse Telefonketten organisiert. Letztlich sei aber das Internet die Rettung als Kommunikationsplattform gewesen. Dabei bestand das Problem, dass damals gerade einmal ein Drittel der Schüler und der Lehrkräfte einen Anschluss besaß. Auch in der Hinsicht galt es zu improvisieren. Eine Lehrerin rief zum Beispiel jeden Abend ihren Sohn in Berlin an, der dann für seine Mutter im Internet nach dem Vertretungsplan des nächsten Tages schaute.
Bei der Stadtverwaltung sieht Bruns keine Schuld an den bürokratiebedingten Verzögerungen bei den Baumaßnahmen. An den Bestimmungen des öffentlichen Vergaberechts seien sie halt nicht vorbeigekommen: Reinhard Sliwka und Fachbereichsleiter Hans-Georg Freund haben wirklich alles gegeben, um uns unser Schicksal zu erleichtern.″

Bildtexte:
Bestandsaufnahme nach dem Brand: Gutachter und Versicherungsexperten besichtigen Schäden im Obergeschoss des Schulzentrums Sebastopol nach dem Feuer vor 20 Jahren.
Lüftungskanäle und ausgeglühter Schrott liegen überall im Weg.
Der Foyerbereich, das Forum″, war besonders stark vom Brand betroffen.
Das Schulzentrum Sonnenhügel lässt heute nichts mehr von der Brandkatastrophe erahnen.
Die gewellten Sitzmulden im Forum″ sind von herabgestürzten Deckenteilen bedeckt.
Fotos:
Archiv/ Klaus Lindemann, Archiv/ Michael Hehmann, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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