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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Feldkamps Landschwarzbrot Marke Herold″
Zwischenüberschrift:
Pumpernickel aus dem Osnabrücker Stadtteil Pye wurden früher in alle Welt verkauft
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Die Fabrikationsanlagen der Großbäckerei Feldkamp am Fürstenauer Weg in Pye fristeten in den drei Jahrzehnten nach der Betriebseinstellung ein weitgehend unauffälliges Dasein. In die Schlagzeilen gerieten sie vor gut einem Jahr, als die Beschwerden von Nachbarn über ausufernden Partylärm in der inzwischen zum Teil als Veranstaltungssaal genutzten Immobilie deutlich artikuliert wurden.

Saalbetrieb hätte nicht genehmigt werden dürfen: Dröhnend laute Musik, Feuerwerke, Hupkonzerte, aufheulende Motoren PS-starker Autos, zugeparkte Grundstückseinfahrten, Verkehrschaos: Darüber führten Anwohner massiv Klage und schalteten die Politik ein. Auf Betreiben der CDU-Fraktion prüfte die Verwaltung die Genehmigungsunterlagen. Dabei kam heraus, dass die Nutzungsänderung zu einem Festsaal zu Unrecht genehmigt wurde. Bevor das Verfahren zur Rücknahme der Baugenehmigung und zur Nutzungsuntersagung″ Fahrt aufnehmen konnte, brachte der Corona-Lockdown den Nachbarn den ersehnten Wochenendfrieden. Wie es nach dem Lockdown weitergeht, bleibt abzuwarten.

Reform-Schwarzbrot″ als Verkaufsschlager: Schlagzeilen lieferte Feldkamp früher auch. Aber eher mit flotten Werbesprüchen wie Willst du dich mit Schmeling messen, musst du Feldkamps Schwarzbrot essen″. Das Reform-Schwarzbrot″ galt als gesund und kräftigend und war ein Verkaufsschlager. Die Lieferungen gingen bis nach Übersee. Das war möglich, weil Heinrich Feldkamp (1890–1975) ein patentiertes Verfahren zur Haltbarmachung entwickelt hatte. Die Backtemperatur war niedriger als gewöhnlich, wurde dafür länger gehalten. Elektrische Steuerung sorgte für exaktes Einhalten der optimalen Temperatur, bei der Vitamine und Spurenelemente überwiegend erhalten bleiben sollten. In den 1920er- und 1930er-Jahren heimste Feldkamp dafür Goldmedaillen auf Fachausstellungen etwa in Breslau, Leipzig und Brüssel ein.

1989 kommt das Ende der Brotfabrik: Niemand zuvor hatte ein bereits geschnittenes Pumpernickelbrot in die Läden gebracht. Sterilisierung und Folienverpackung in 500-Gramm-Portionen machten es möglich, dass die so produzierten Reformbrote″ nicht mehr nur beim Bäcker um die Ecke, sondern auch überregional in den Lebensmittel-Supermärkten der wachsenden Ketten wie Vege und Edeka erhältlich waren.
Der Sprung in die neue Vertriebsform bescherte Heinrich Feldkamps Sohn Theodor (Jahrgang 1927) als letztem Geschäftsführer nicht nur rasante Umsatzsteigerungen, sondern in den 1980er-Jahren zunehmend auch Probleme mit der Marktmacht der Einzelhandelsriesen. Daumenschrauben setzten diese Akteure nicht nur beim Einkaufspreis an, sondern auch bei teils als sittenwidrig empfundenen Zusatzleistungen wie Regalmieten, Werbekostenzuschüssen und erpressten Hochzeitsgeschenken″ bei Fusionen. Ende der 1980er-Jahre sah Theodor Feldkamp keinen Sinn mehr darin, sich weiter diesem Wettbewerb auszusetzen, zumal auch keiner der Söhne die Brotfabrik weiterführen wollte.

Rechtsanwaltskanzlei im Altbau: Feldkamps Landschwarzbrot ist allerdings nicht komplett aus den Regalen verschwunden. Vor einigen Jahren erwarb die Bäckerei Büscher aus Schwagstorf das Nutzungsrecht des Originalrezepts und fertigt seitdem für den regionalen Markt in der alten Aufmachung die Brot-Spezialität mit dem klingenden Namen. Zuvor hatte Theodors Ehefrau Maria Feldkamp einen Kleinverkauf von Backwaren im ehemaligen Pausenraum weitergeführt. Als passionierte Künstlerin hatte sie dort neben Brötchen auch eigene Gemälde im Angebot. Die übrigen Gewerbeflächen wurden nach und nach vermietet. Seit 1999 nutzt Sohn Heinz-Bernd Feldkamp das Bruchsteingebäude der früheren Bäckerei an der Ecke Fürstenauer Weg/ Pyer Kirchweg als Sitz seiner Rechtsanwaltskanzlei.

Bergmeister Herold als Namensgeber: Dies alles spielt sich auf dem größeren Teil des Firmenareals auf der nordöstlichen Seite des Fürstenauer Weges ab. Die eigentliche Keimzelle der Bäckerei mit der ersten Mühle liegt hingegen in der Gebäudegruppe gegenüber auf der anderen Straßenseite. Hier, auf der Kuppe zwischen Pye und Hollage, baute sich 1818 der damalige Bergmeister des Piesberger Kohlenbergwerks, Adolf Herold, das bis heute stehende Herrenhaus, umgeben von einer kleinen Landwirtschaft. Der Name Herold wurde zur Flurbezeichnung Heroldskamp″. Als Theodor Feldkamps Großvater Ferdinand (1857–1917), ebenfalls Bergmann und Nebenerwerbslandwirt, 1881 das nach einem Brand heruntergekommene Anwesen erwirbt, heißt es im Volksmund: Er zieht auf den Herold″.

Brot für die hungrigen Kanalbauer: Der landwirtschaftliche Besitz ist nicht sehr groß und wirft auch zusammen mit dem Bergmannssalär kaum genug ab, um die große Familie mit 13 Kindern zu ernähren. Ferdinand rät seinem ältesten Sohn Heinrich zu einem neuen Standbein: Er soll das Bäckerhandwerk erlernen, ein Bäcker fehle nämlich noch in Pye.
Heinrich folgt dem Rat, geht bei Bäcker Trentmann in der Redlingerstraße in die Lehre und anschließend auf Wanderschaft. Auf der Walz lernt er Backbetriebe und - methoden in vielen Gegenden Deutschlands und im angrenzenden Ausland kennen. Akribisch hält er alles in Tagebuchaufzeichnungen fest. 1911 kehrt er zurück. Mithilfe des Vaters wird ein Anbau erstellt, darin eine Backstube eingerichtet und sogleich angeheizt. Die Geschäfte des erst 21-jährigen Jungunternehmers werden vom Bau des Stichkanals beflügelt: Feldkamp erhält den Dauerauftrag, alle fünf Kantinen für die Arbeitskolonnen zu beliefern.

Herold zu Pferde als Markenzeichen: Nach einer Zwangspause während des Ersten Weltkriegs, Heinrich Feldkamp wird zur Kaiserlichen Marine eingezogen, eine Vertretung gibt es nicht, nimmt der Betrieb in der Reformbrot-Großbäckerei und Mühle″ sogleich wieder Fahrt auf. Auf der Suche nach einem Markenzeichen kommt Feldkamp auf die Idee, den Flurnamen seines Anwesens umzusetzen.
Er beauftragt einen Grafiker, die mittelalterliche Herold-Figur des fanfarenblasenden Boten zu Pferde als Bildsymbol zu gestalten. Feldkamps Landschwarzbrot Marke Herold″ wird zur geschützten Wort-Bild-Marke angemeldet. In einem salbungsvollen Zeitungsbericht heißt es dazu: Wahrlich, wie ein Herold des Osnabrücker Landes ist Feldkamps Reformbrot in alle Welt vorgedrungen und hat des Kreises Ruhm und den von Pye mit dem Heroldhaus am Fürstenauer Weg in alle Erdteile getragen.″

Krieg gegen die harte Kruste″: 1927 ist der Geschäftsumfang so stark angewachsen, dass der Pyer Schwarzbrotkönig″ Heinrich Feldkamp den Sprung über den Fürstenauer Weg wagt und auf der anderen Seite die neue Fabrik einschließlich einer eigenen Schrotmühle und einer Kornreinigungsanlage baut. Sie gilt als Vorzeigebetrieb. Oft kommen auswärtige Fachleute zur Besichtigung. Es werden Brötchen und verschiedene helle Brotsorten produziert, Kerngeschäft aber bleibt das Schwarzbrot. Nach eigenem Qualitätsanspruch muss es dunkel, süß, schnittfest, haltbar und leicht verdaulich″ sein. In langen Versuchsreihen hat Feldkamp zudem den Krieg gegen die harte Kruste″ gewonnen, wie es in einem Zeitungsbericht heißt.

Französische Zwangsarbeiter: Während des Zweiten Weltkriegs bekommt der Betrieb als Ersatz für eingezogene Gesellen französische Zwangsarbeiter zugewiesen. In der Firmenchronik steht, die Franzosen seien im April 1945 den einmarschierenden Briten entgegengelaufen und hätten um Schonung des Betriebs gebeten: Chef gut, Chef kein Nazi! Die Franzosen wollen zunächst gar nicht zurück in die Heimat und arbeiten freiwillig weiter. Weil sie bei uns gut behandelt wurden und immer satt zu essen bekamen″, sagt dazu Theodor Feldkamp aus eigener Erinnerung.

24 Tonnen Brot pro Tag: Die größte Auslastung erreicht der Betrieb in den 1980er-Jahren. 70 Mitarbeiter schaffen einen Ausstoß von bis zu 2000 Broten pro Stunde, die Tageskapazität liegt bei 24 Tonnen Backwaren. Mehr als 20 Lieferfahrzeuge verteilen die Ware bis mit dem erreichten Mengenwachstum und dem Vorstoß in die Regale der großen Lebensmittelketten die beschriebenen Probleme ihren Lauf nehmen und der Betrieb schließlich eingestellt wird.
Während rechts des Fürstenauer Weges die Betriebsräumlichkeiten an verschiedene gewerbliche Nutzer vermietet sind, zuletzt unter anderem an einen Partyveranstalter, ist die linke Seite des Fürstenauer Weges komplett in Wohnraum umgewandelt worden. Sieben Parteien genießen die geschichtsträchtigen, sorgfältig renovierten Räumlichkeiten. Darunter Theodor und Maria Feldkamp, die nächste Generation mit Ludger und Rita Feldkamp sowie deren Kinder. Hinzu gesellen sich drei internationale″ Parteien, die nicht Feldkamp heißen. Auf dem gemeinsamen Hof kann man italienische, russische und polnische Töne hören″, berichtet Rita Feldkamp.

Gründungsort des Musikkorps Herold″: Es ist übrigens der Hof, auf dem vor fast 100 Jahren das Musikkorps Herold″ zu Pye gegründet wurde und erstmals probte. Nach der glücklichen Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg kamen auf dem Herold″ junge Männer aus dem Freundeskreis der Gebrüder Feldkamp zusammen, um den tristen Alltag der von Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Inflation gekennzeichneten frühen 1920er-Jahre zu vergessen. Aus der anfänglichen Juxkapelle wurde bald ein ambitioniertes Blasorchester, das heute über rund 50 Aktive verfügt und aus der Musikszene Pyes und Wallenhorsts nicht wegzudenken ist. Theodor Feldkamp agiert als eine Art Schutzpatron, da er den Musikern Name und Logo des Herolds″ überlassen hat.

Bildtexte:
Die Brotfabrik Feldkamp in Pye im Jahr 1991. Der Betrieb ist bereits eingestellt, aber Gebäudebestand und Firmenschriftzug sind noch unverändert.
Feldkamps Bäckerwagen im Innenhof, vermutlich in den 1920er-Jahren. Zweiter von rechts: Bäckermeister Heinrich Feldkamp.
Die alte Brotfabrik links des Fürstenauer Weges ist heute komplett in Wohnraum umgewandelt worden.
Feldkamp′s Landschwarzbrot wurde in dieser Aufmachung berühmt. Mittlerweile wird es von Bäckerei Büscher, Schwagstorf, in Lizenz hergestellt.
Die weitere Nutzung einer der stillgelegten Backstuben wird im Jahr 1991 diskutiert. Von rechts: Theodor Feldkamp, der Pyer Ortsbürgermeister Josef Thöle und Burkhard Teschner von der Osnabrücker Musikerinitiative.
Keimzelle der Brotfabrik ist der Gebäudekomplex Fürstenauer Weg 225/ 227 mit dem Herold′schen Herrenhaus von 1818 (links) und Nebengebäuden.
Schwarzbrotkönig″ Heinrich Feldkamp (1890–1975) gründete die Großbäckerei.
Heinrich Feldkamp auf dem Bock des Bäckerwagens startet zu einer Lieferfahrt, vermutlich in den 1920er-Jahren.
Zeitungsannonce aus dem Jahr 1936.
Theodor Feldkamp (geboren 1927) war letzter Geschäftsführer der Brotfabrik.
Das Bildsymbol des Herold ziert nicht nur Schwarzbrot-Packungen, sondern auch den Glockenturm am Anwesen Fürstenauer Weg 225.
Fotos:
Hermann Pentermann, Archiv NOZ, Archiv Familie Feldkamp, Maria Theresia Seelig-Bothe, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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