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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Hat die Herde was geahnt?
Zwischenüberschrift:
Totes Elefantenbaby im Zoo Osnabrück: Fragen und Antworten
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Trauer im Zoo Osnabrück: Ein am 11. Februar 2021 geborenes Elefantenbaby musste nach nur fünf Tagen eingeschläfert werden, weil es nicht bei seiner Mutter trank und immer schwächer wurde. Fragen und Antworten zum Dickhäuter-Drama am Schölerberg.

Das Elefantenbaby kam bereits vor einer Woche zur Welt. Warum hat der Zoo Osnabrück mit dieser Nachricht bis zum Tod des Tieres fünf Tage später gewartet? Wie der Zoo am Dienstag mitteilte, hat er deswegen nicht früher über die Geburt informiert, weil es von Anfang an nicht gut aussah, aber dennoch die Hoffnung bestand, dass das Tier über das Wochenende anfängt zu trinken″. Der kleine Bulle wurde in der Nacht zum vergangenen Donnerstag (11. Februar) geboren, wollte aber einfach nicht bei seiner Mutter Sita trinken. Er entwickelte schließlich starken Durchfall und wurde immer schwächer. Wir haben alles versucht, auch mit Unterstützung vieler Experten, aber nun mussten wir unsere Verantwortung wahrnehmen, damit das Tier nicht unnötig leidet″, fasst Andreas Wulftange, zoologischer Leiter und zuständig für die Asiatischen Elefanten im Zoo Osnabrück, die tragischen Ereignisse zusammen.

Wie machten sich die Komplikationen nach der Elefantengeburt bemerkbar? Die nächtliche Geburt selbst war anscheinend gut verlaufen, heißt es im Zoo. Schon am nächsten Morgen habe es jedoch Grund zur Sorge gegeben. Was uns beunruhigt hat, war das Verhalten der Elefantenherde″, erklärt Wulftange. Das Neugeborene habe in einer Ecke des Elefantenhauses gestanden und der Rest der Herde Mutter Sita, Leitkuh Douanita sowie deren Söhne Minh-Tan (dreieinhalb Jahre) und Yaro (zwei Monate) in der anderen Ecke. Normalerweise kümmere sich die Mutter, aber auch die Anführerin der Herde nach der Geburt sofort um das Jungtier, würden ihm nicht von der Seite weichen. Das sie es in diesem Fall nicht taten, sei ungewöhnlich″ und habe nichts Gutes″ erahnen lassen.
Äußerlich sei der neugeborene Bulle den Tierpflegern und Tierärzten gesund erschienen. Und auch die erstgebärende Sita habe noch am Vormittag nach der Geburt immer mehr Interesse an ihrem Kind gezeigt, es berüsselt und versucht, ihm die Zitze geben was der Kleine jedoch verschmähte. Wulftange: Nach der ersten Erleichterung, dass Sita ihr Kind annimmt, war das der nächste, noch etwas größere Schock.″ Das Jungtier habe zwar an vielen anderen Dingen genuckelt, selbst an den Stahlträgern an der Wand, aber er wollte offenbar nicht an Sitas Brust saugen und so die lebenswichtige Muttermilch aufnehmen.

Was hat der Zoo unternommen, um das Elefantenbaby vor dem Verhungern zu retten? Seit Freitag wurde den Angaben zufolge versucht, den Kleinen mit der Flasche und angerührter Elefantenmilch aus Ersatzpulver an Sitas Zitzen zu bekommen. In den ersten drei Tagen sei das Muttertier dafür leicht betäubt worden, sodass es schlief, aber noch stand, und das Team direkt zu ihm und seinem Kalb in den Stall gehen konnte.
Da die Elefanten im Zoo Osnabrück im geschützten Kontakt gehalten werden, die Mitarbeiter sich ihnen also nur durch sichere Abtrennungen hindurch nähern, sei ein so enges Arbeiten mit den Tieren nur mit Narkosemitteln möglich. Zootierarzt Thomas Scheibe berichtet: Anfangs stemmte sich das Jungtier mit allen vier Füßen dagegen, als wir es näher zu seiner Mutter an die Zitze bringen wollten. Das ist wirklich Schwerstarbeit bei einem 100-Kilo-Tier und auch nicht ungefährlich. Der kleine Bulle trank nach einigen Versuchen aus der Flasche, und wir konnten ihn nach und nach zur Zitze leiten aber er wollte dort nicht saugen.″
Da eine tägliche Sedierung über einen längeren Zeitraum nicht gut für die Elefanten sei, habe das Team zusätzlich auf Tricks zurückgegriffen, die es den Tieren in jahrelangem medizinischen Training beigebracht hatte. Auf diese Weise sei es gelungen, Mutter Sita passend ans Gitter zu stellen. So konnten die Tierpfleger durch die Streben die Flasche an ihre Zitze halten und den Kleinen anlocken. Sita hat das super mitgemacht und war ganz ruhig. Aber für uns war es immer noch sehr gefährlich, und gleichzeitig konnten wir die Flasche nicht optimal an der Zitze positionieren, wie das bei Elefantenhaltung mit direktem Kontakt ohne Abtrennung möglich ist. Zudem wollte der Kleine einfach nicht an die Brust, er lief immer wieder weg″, bedauert Scheibe.

Wenn das Elefantenbaby partout nicht bei der Mutter trinken will, warum kann man es nicht einfach mit der Flasche aufziehen? Die originale Elefantenmuttermilch sei besonders wichtig, betont der Zootierarzt. Sie ist durch nichts zu ersetzen, denn sie enthält über längere Zeit mütterliche Antikörper, die die Jungtiere der Asiatischen Elefanten zum Überleben brauchen.″ Deswegen sei Füttern per Flasche keine dauerhafte Lösung. Scheibe weiter: In allen uns bekannten Fällen haben Flaschenaufzuchten, die von Geburt an notwendig waren, gravierende Auswirkungen auf Asiatische Elefanten. Die Jungtiere sind meist nur wenige Monate oder Jahre alt geworden, da sie schnell Infekte, Krankheiten oder Knochenerkrankungen entwickelten.″
Zudem seien mit der Flasche aufgezogene Dickhäuter generell zu stark vom Menschen geprägt und zeigten artuntypisches Verhalten. So können sie sich laut Zootierarzt zum Beispiel nicht richtig in einer Herde sozialisieren. Für die Tiere ist das mit lebenslangem Leiden verbunden, das möchten wir ihnen ersparen.″

Warum haben sich die anderen Elefanten so wenig um den jüngsten Nachwuchs gekümmert? Das ist auch für die Zoomitarbeiter ein Rätsel. Biologe Wulftange sagt: Es kann sein, dass das Jungtier nicht ganz gesund war was wir Menschen vielleicht nicht wahrnehmen können, aber die Elefanten schon.″ Der Kleine selbst habe auch keinen Kontakt zu den anderen Artgenossen oder seiner Mutter gesucht. Hauptsächlich sei es Sita gewesen, die ihrem Kind hinterherlief. Leitkuh Douanita habe sich völlig gleichgültig gezeigt. Für alle Beteiligten war die Situation sehr frustrierend und traurig″, erinnert sich der wissenschaftliche Kurator. Eigentlich sei alles gut laufen: Sita habe die Geburt geschafft, sich sehr gut gekümmert und Milch produziert. Nur das Jungtier wollte nicht zu seiner Mutter.″
Über die Tage habe sich der Gesundheitszustand des Kleinen dann verschlechtert: Seine Muskulatur baute merklich ab, und am Montag bekam er starken Durchfall. Am Dienstag stand der Zoo Osnabrück dann vor der schwierigen Entscheidung, das Tier einzuschläfern. Wulftange: Wenn Elefanten in der Natur nicht trinken, verhungern sie. Dort ist niemand, um ihnen zu helfen. Hier im Zoo können wir immer ein wenig gegensteuern. Aber wenn es nicht weitergeht, ist das Letzte, was wir tun können, dem Kleinen die Qualen eines Hungertodes zu ersparen und ihn zu erlösen.″

Auf welche externe Unterstützung hat der Zoo Osnabrück in dieser Notlage zurückgegriffen? Bis es zu der Entscheidung kam, dem Elefantenbaby eine tödliche Spritze zu geben, arbeiteten Tierpfleger, Tierärzte und die zoologische Leitung den Angaben zufolge seit der Geburt mit Überstunden unermüdlich daran, den Kleinen endlich zum Trinken bei seiner Mutter zu bewegen″.
Dafür standen sie auch im engen Kontakt mit anderen Zoos und Elefantenexperten aus ganz Deutschland sowie mit dem zuständigen Veterinäramt. Noch am Dienstag machte sich Imke Lüders, Zootierärztin im Allwetterzoo Münster und tierärztliche Beraterin für das Zuchtbuch von Afrikanischen Elefanten, ein Bild von dem Jungtier: Die Situation war wirklich sehr kompliziert und schwierig, das Team hat alles versucht″, wird sie in einer Mitteilung des Osnabrücker Zoos zitiert.

Was passiert nach dem Einschläfern mit dem toten Elefantenbaby? Die Aufgabe des Elefantenbabys war laut Kurator Wulftange für alle Beteiligten ein schwerer Schritt. Wir hatten uns 22 Monate auf den Kleinen gefreut. Wir haben ihm extra noch keinen Namen gegeben, weil die Bindung sonst noch größer und eine derartige Entscheidung noch schwerer wird.″
Der tote Dickhäuter wurde am Mittwochmorgen in die Pathologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover gebracht, um dort abschließend untersucht zu werden. Eventuell wird hier noch festgestellt, warum das Jungtier sich so merkwürdig verhalten hat. Für uns sind das hier die traurigsten Entscheidungen, aber sie gehören dazu.″ In der Nacht vor seinem Abtransport hatten die anderen Osnabrücker Elefanten noch Gelegenheit, sich von dem toten Artgenossen zu verabschieden. Insbesondere für Sita kann das wichtig sein″, betont der Zooleiter. Die achtjährige Elefantenkuh habe gezeigt, dass sie eine sehr gute Mutter sei – „ und darüber freuen wir uns hier bei aller Trauer sehr″.

Bildtext:
Mit einer Flasche führten die Zoomitarbeiter das Jungtier an die Zitzen der sedierten Mutter Sita, doch dort war Schluss. Die wichtige Muttermilch, die auch vor Krankheiten schützt, wollte es an der Brust seiner Mutter nicht trinken.
Foto:
Zoo Osnabrück/ Lisa Simon
Autor:
Sebastian Stricker


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