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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
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Überschrift:
Von der „Hauptturnanstalt″ zum Impfzentrum
Zwischenüberschrift:
Die bewegte Geschichte der Sporthalle am Schlosswall
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Osnabrücks Turnvater Jahn″ hieß Julius Schurig. Er war ein genialer Pädagoge und tatkräftiger Organisator des Schulsports. Als städtischer Oberturnlehrer brachte er in seiner langen Dienstzeit zwischen 1865 und 1911 das gesamte Turnwesen der Stadt aus kleinsten Anfängen zu stattlicher Blüte. Ein wichtiger Baustein dabei war die Hauptturnanstalt″ am Schlosswall die heutige Schlosswallhalle.
Mit seltener Hartnäckigkeit wird Schurig immer wieder beim Magistrat vorstellig, um den Bau einer großen, neuzeitlichen Turnhalle durchzusetzen. Denn was war vorher? Es gab den Rabenkamp″ südlich des heutigen Berliner Platzes. Dort konnten die Ratsgymnasiasten während der Sommermonate üben. Im Winter zog man in einen ehemaligen Viehstall an der Großen Gildewart 9, später in das ausgediente Legge-Lokal im Alten Rathaus. 1862 errichtete eine Aktiengesellschaft auf der Ratswiese an der heutigen Turnerstraße eine erste kleine Turnhalle im Fachwerkstil. Für die stark wachsende Schülerschaft und den erwachenden Vereinssport war diese Halle völlig unzureichend.

Prächtiger Start: Im Oktober 1873 hat Schurig es geschafft: Nach Plänen des Stadtbaurats Hackländer und Ausgestaltungsideen Schurigs wird die Doppelturnhalle am Schlosswall eingeweiht ein repräsentativer Bau mit neugotischen Fenstern und zinnenbewehrten Giebeln, die auch dem Hauptbahnhof einer mittleren Großstadt zur Ehre gereicht hätten. Die Anstalt″ besteht aus zwei Hallen von je 200 Quadratmeter Nutzfläche und den zugehörigen Sanitärräumen. In einer Halle ist Sägemehl, die andere ist mit einem Holzfußboden ausgestattet, sodass man darin sogar Rollschuh laufen kann. Im Obergeschoss des Zwischentrakts befinden sich die Wohnungen für den Oberturnlehrer, also Schurig, und für den Hallenwärter.
Die Hallen avancieren nach ihrer ganzen Anlage zu einem Muster-Institut″ für ähnliche Bauten in Norddeutschland. Auch Hamburg und Bremen lernen von Osnabrück und nehmen hier ihre Blaupausen ab. Die Schlosswallhalle ist und bleibt das Flaggschiff unter Osnabrücks Turn- und Sporthallen auch in Gestalt des Nachfolgebaus nach dem letzten Krieg. Die städtische Sportverwaltung hat hier ihre Büros.
Im Krieg erhält die Halle Bombentreffer und brennt aus. Die Außenmauern stehen noch. Aber der neugotische Tudor-Stil passt nicht in die neuen Zeiten, die nun auch in der Architektur für Osnabrück anbrechen sollen. Deshalb ebnet man die Ruine ein.
Der erste Wiederaufbau auf dem Grundstück zwischen Schlosswall und Heinrichstraße betrifft die zur Heinrichstraße hin gelegene Turnhalle der Höheren Mädchenschule. Die Stadt gestattet dem Osnabrücker Turnerbund (OTB), der seine eigene Halle am Schnatgang im Krieg verloren hat, die beschädigte Halle für den eigenen Übungsbetrieb in Eigenleistung wieder herzurichten. Die Vormittagsstunden bleiben dabei für das Mädchengymnasium reserviert. 1949 beginnt hier der Übungsbetrieb.

1954 erster Hallenneubau: Zum Wall hin beginnt der Wiederaufbau 1954. Auf den Fundamenten der nördlichen Alt-Halle entsteht in Anlehnung an die Vorkriegsbezeichnung die neue Hauptturnanstalt″, eine schlichte Normturnhalle mit einer Grundfläche von 12 mal 24 Metern, die von vornherein als erster Bauabschnitt einer größeren Gesamtanlage gedacht ist.

1963 Neubau der großen Mehrzweckhalle: Diese größere Anlage nimmt von 1961 bis 1963 Gestalt an. Kern ist eine neue Mehrzweckhalle mit einer schwingenden Parkettfläche von 44 mal 24 Metern. Und einer Tribüne für 750 Zuschauer. Ein absolutes Novum für Osnabrück ist der Muskelkraftraum″, lobt das Osnabrücker Tageblatt″. Im Obergeschoss des wallseitigen Zwischentrakts haben Wand an Wand die Dachorganisationen des Schulsports und des Vereinssports ihre Büros: das städtische Sportamt mit seinem neuen Leiter, dem Zehnkampf-Meister Friedel Schirmer, und die Geschäftsstelle des Stadtsportbundes, die immerhin für 38 Vereine mit 16 000 Mitgliedern zuständig ist.
Neuartig für Osnabrück ist auch die rundum verglaste Pressekabine, in der bei ganz großen Ereignissen″ sogar ein Rundfunksprecher Platz nehmen wird. Ein erstes Großereignis ist die Eröffnungsfeier am 12. Mai 1963. Kein Geringerer als NDR-Sportchef Herbert Zimmermann („ Rahn schießt Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!″) sitzt als Moderator im Glaskasten.
In einer dreistündigen Schau zeigt der Osnabrücker Leistungssport, was er alles so draufhat. Insbesondere die hochklassig spielenden Basketballer und Handballer warten sehnsüchtig auf das neue Parkett, nachdem sie letzte Länderspiele noch in der zugigen Viehauktions-Halle Gartlage bestreiten mussten. Tennis und Leichtathletik präsentieren sich genauso wie Turner, Boxer, Judokas und die Tischtennis-Asse um Hans Micheiloff. Das Jugendblasorchester unter Gustl Huuck spielt, Architekt Pause überreicht den Schlüssel an Oberbürgermeister Willi Kelch.
Und dann kommt der Höhepunkt: Die Fußball- Altligisten″ des VfL spielen gegen eine junge Auswahlmannschaft. Die Publikumslieblinge um Addi Vetter und Hannes Haferkamp werden umjubelt und siegen plangemäß, obwohl sie alle an Pfunden sehr zugenommen haben, aber mit dem Ball umzugehen haben sie nicht verlernt″, wie das Tageblatt″ schreibt.

2010 kein Abriss, sondern Sanierung: Aber auch das 1963 hochgelobte Zentrum des Hallensports in Osnabrück″ kommt einmal in die Jahre. 2010 sieht sich die Stadt gezwungen, wegen unzureichenden Brandschutzes, fehlender Wärmedämmung und verschiedener Erschwernisse in der Nutzung zwischen Abriss und Neubau oder einer aufwendigen Sanierung zu entscheiden. Die Entscheidung fällt zugunsten eines 7, 3 Millionen Euro schweren Sanierungspakets, bei dem die Hallen von 1954 und 1963 in ihren Grundstrukturen erhalten bleiben, aber in neue Hüllen gesteckt werden. Der Zwischentrakt zum Wall hin wird durch einen Neubau ersetzt. Die Tribüne wird verkleinert, um breitere Fluchtwege zu schaffen.

2014 Wiedereröffnung: Im März 2014 ist die 50 Jahre alte Dame des Osnabrücker Sports″ nach zweijähriger Bauzeit runderneuert wiedergeboren, was insbesondere das Ratsgymnasium freut. Denn die Schule in der Nachbarschaft am Wall war Hauptnutzer in den Vormittagsstunden. Unsere 1200 Schüler haben jetzt alle gründlich Busfahren gelernt″, merkte Schulleiter Lothar Wehleit an: Während der Bauzeit mussten seine Schützlinge bis zu zwölf Ausweich-Sportstätten überall im Stadtgebiet ansteuern.

2021 Corona-Impfzentrum: Die Freude über die zurückgewonnene Normalität währt jedoch nicht ewiglich. Im November 2020 bestimmt die Stadt die Schlosswallhalle zum vorübergehenden Impfzentrum für die anlaufenden Corona-Schutzimpfungen. Nach Ansicht des Krisenstabes war in der Kürze der Zeit kein besser geeigneter Ort in der Stadt zu finden und herzurichten. Kritik daran kommt von den betroffenen Vereinen. Sie können es nicht fassen, dass nicht etwa das leer stehende Galeria-Kaufhaus oder die Halle Gartlage genommen wurde. Die Stadt zieht sich darauf zurück, dass die Halle am Schlosswall unter den einzuhaltenden Standards die beste Wahl war. An diesem Sonntag sollen nach mehreren Verzögerungen die Impfungen aufgenommen werden.

Bildtexte:
Die städtische Hauptturnanstalt″ am Schlosswall wurde von 1871 bis 1873 im Neu-Tudor-Stil errichtet. Hinter den beiden markanten Giebeln liegen zwei gleich große Turnhallen. Bild unten links: die ausgebrannte Ruine der Doppelturnhalle nach 1945. Bild unten rechts: Die neue große Sporthalle (links mit Schrägdach) und der Verbindungsbau zur alten Halle (rechts) werden 1963 eingeweiht.
Seit 2014 zeigt sich die Schlosswallhalle umfassend saniert und in moderner Optik.
Die Osnabrücker Hauptturnanstalt″ auf einer Ansichtskarte des Jahres 1903 aus der Sammlung Dieter Mehring.
Eine Turnerriege des MTV vor der Schlosswallhalle im Jahr 1915.
Im Rohbau fertig ist 1954 der erste Turnhallen-Neubau an der Ecke von Schloßwall (links) und Schnatgang (rechts).
Die Halle von 1954 im Vordergrund ist 1963 Bestandteil eines großen Sportzentrums am Schloßwall geworden.
Fotos:
Archiv NOZ/ Walter Fricke, Archiv NOZ, Michael Gründel, Helmut Riecken
Autor:
Joachim Dierks


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