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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Als der Tiefkühlmann noch gefeiert wurde
Zwischenüberschrift:
Tante-Emma-Läden im Schinkel / Um 1960 war Tiefkühlkost auf dem Vormarsch
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Eigentlich eine unspektakuläre Szene: Der Fahrer eines Kühllastwagens übergibt Tiefkühlware an die ihn freudig erwartende Verkäuferin eines Lebensmittelgeschäftes. Ort: Tannenburgstraße 58, Osnabrück-Schinkel. Zeit: um 1960. Das Interessante ist der Einblick in die Zeit der Tante-Emma-Läden vor 60 Jahren.
Der Laden in dem eingeschossigen Behelfsbau gehört Ursula Helmkamp. Sie hat sich dem Fachring-Einkaufsverbund des Osnabrücker Lebensmittelgroßhändlers Lüer angeschlossen. Der Kühldienst″ mit einem Mercedes-Benz L 319 und Kühl-Aufbau stellt zu dieser Zeit ein Novum dar, mit dem man sich gerne brüstet. Grund genug für die Fachring-Werbeabteilung, den renommierten Werbefotografen Georg Bosselmann mit einem professionell gestalteten Foto zu beauftragen.

Spinat und Fischstäbchen

Tiefkühlware ist auf dem Vormarsch. Die typische Speisekammer im deutschen Haushalt hat schon mit der Verbreitung des Kühlschranks so langsam ausgedient, und in den 1960er-Jahren besitzen auch immer mehr Haushalte eine Tiefkühltruhe. Etwas später als in den USA werden 1955 auf der Kölner Nahrungsmittelmesse Anuga erstmals Tiefkühlspinat, Fischstäbchen und Co. vorgestellt. Die größere Verbreitung von auch anderen Gemüsen, Fleisch und Speiseeis setzt etwa zu der Zeit ein, als dieses Fotos entstand, also in den 1960er-Jahren. Damals, 1960, lag der Pro-Kopf-Jahresverbrauch von Tiefkühlkost noch bei durchschnittlich 800 Gramm. Heute sind es über 46 Kilogramm.
Die Fachring-Kette im Osnabrücker Land geht auf den Lebensmittelhändler Carl Lüer (1881–1965) zurück, Carl den Großen″, wie er respektvoll von seiner Umgebung genannt wurde. Der hatte die Handlung für Lebensmittel und Eisenwaren seines Onkels Rudolf Lüer im ehemaligen Neustädter Rathaus gegenüber der Johanniskirche geerbt. Als nach dem Zweiten Weltkrieg das Wirtschaftswunder″ neue Konsummöglichkeiten eröffnete, gerieten die vielen kleinen Lebensmittelgeschäfte in eine Strukturkrise. Um möglichst viele dieser später Tante-Emma-Läden genannten Verkaufsstellen in die neue Zeit hinüberzuretten, gründete er die hiesige Fachring-Zentrale, der die Einzelhändler sich freiwillig anschließen konnten und wo sie vereinfachte und günstige Bezugsmöglichkeiten genossen natürlich aus den Händen der Großhandlung Lüer.
Nach amerikanischem Vorbild richteten er und sein Sohn Kurt später die ersten Cash & Carry″-Märkte für Wiederverkäufer ein. Kaufmannskollegen aus ganz Europa kamen nach Osnabrück, um sich die neue Vertriebsform der SB-Märkte″ anzuschauen. Nach Kurt Lüers frühem Unfalltod führte dessen Bruder Helmut (1917–1993) die Unternehmensgruppe erfolgreich weiter. Mit seinem Namen ist die Gründung der EKZ-Märkte in Osnabrück-Hellern, Bramsche, Wallenhorst, Melle und Bersenbrück verbunden. Nach seinem Tode wurde die Unternehmensgruppe liquidiert. Lediglich das Haushaltswarengeschäft gegenüber von St. Johann existierte noch bis zum Jahr 2000.

Verkostungen

Elke Hövelmeier begann 1958 als 14-Jährige die Lehre bei Ursula Helmkamp. Zunächst stellt sie klar, dass nicht sie diejenige ist, die auf dem Foto das Kühlgut entgegennimmt, sondern ihre damalige Kollegin Margot Bernau. Aber egal, den Vertreter von Lüer haben sie alle in sehr angenehmer Erinnerung. Der organisierte immer mal Verkostungen für die Verkäuferinnen etwa von Kaffeesorten, von Käse oder von Wein. Wir sollten uns ja damit auskennen, was wir den Kunden empfehlen″, erinnert sich die heute 77-jährige Tiefkühlpionierin, die seit ihrer Heirat Elke Schnabel heißt. Es habe keine ausschließliche Kaufbindung an den Fachring gegeben, die Chefin sei frei gewesen, Eier und Gemüse bei dem Landwirt in ihrer Verwandtschaft zu beziehen, oder Fleisch bei einem ihr bekannten Schlachter. Aber den Großteil der Waren habe Lüer geliefert. Das hatte den Vorteil, dessen Werbezettel mit den Angeboten übernehmen zu können.
Ursula Helmkamp trat mit ihrem Laden in die Fußstapfen ihrer Mutter Maria Helmkamp, die bis etwa 1956 ein Milchgeschäft zwei Häuser weiter, in Nr. 62 auf der Ecke zur Thomasburgstraße, betrieb. Hier wurde die Milch noch lose mit der Schwengelpumpe abgezapft. Ihr Vater war der mobile Milchmann, er fuhr die Molkerei-Erzeugnisse in der Nachbarschaft herum. Ursula nahm in den 1960ern parallel zur Führung des Lebensmittelgeschäfts eine Anstellung auf dem Amt″ an, ob Finanzamt oder Arbeitsamt, das weiß Elke Schnabel nicht mehr. Jedenfalls stellte Helmkamp dabei fest, dass dabei mehr für sie heraussprang als bei der selbstausbeuterischen Arbeit im Laden. Sie verpachtete das Geschäft ab etwa 1964. Aber auch wechselnde Pächter hatten nicht mehr Glück. Es folgten andere Branchen wie ein Orthopädiegeschäft, ein Zoohandel und ein Computerladen. Vor wenigen Jahren ist der Flachbau in Wohnraum verwandelt worden. Und Elke Schnabel wohnt selbst darin. Ihr Schlafzimmer ist genau dort, wo sie einst im Laden Kunden bedient hat.

Nicht einzigartig

Der kleine Laden von Ursula Helmkamp war nichts Einmaliges. Im Schinkel brauchte man, ebenso wie in anderen Wohngebieten Osnabrücks, nicht weit zu gehen, um vor der nächsten Ladentür zu stehen. Ein anderer Schinkelaner, Heinz-Udo Böker, kommt auf 13 Geschäfte, in denen man in seiner Jugendzeit in der Tannenburgstraße Lebensmittel einkaufen konnte. Eines davon war der Laden seines Großvaters Heinrich Stockhowe in der Tannenburgstraße 111. Er zählt auf: Früher, da gab es hier außer unserem Laden noch Entrup und Hüdepohl und Eisele, dann die Bäcker Meinker und Tepe, an Schlachtern Schwan und Bernhard Lucas. Puke und Helmkamp waren Milchläden. Nicht zu vergessen die Fischhalle, die Drogerie Deuper und Tabakläden, wo man auch Schlickersachen kriegen konnte.″ Wenn man heute die 236 Häuser der Straße abgeht, trifft man noch auf genau ein Einzelhandelsgeschäft, das Essbares anbietet. Die Entwicklung hin zu großflächigen Supermärkten und Discountern kann man beklagen oder achselzuckend hinnehmen oder, mit Blick auf das Preisniveau, sogar begrüßen. Fest steht für alteingeborene Schinkelaner wie Schnabel oder Böker jedoch, dass mit dem Sterben der kleinen Läden auch ein Stück nachbarschaftlicher Identität und Vertrautheit verschwand.

Bildtexte:
Die Pinguine vom Fachring-Kühldienst grüßen das Lebensmittelgeschäft von Ursula Helmkamp in der Tannenburgstraße 58 im Schinkel.
Der frühere Laden ist heute in Wohnraum umgewandelt.
Kaufmann Carl Lüer.
Fotos:
Georg Bosselmann, Archiv Museum Industriekultur, Joachim Dierks, Atelier Lichtenberg, Archiv NOZ
Autor:
Joachim Dierks


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