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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Großer Arzt und Menschenfreund
Zwischenüberschrift:
Dr. Siegfried Pelz diente dem Stadtkrankenhaus 49 Jahre, dann verfolgten ihn die Nazis
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
OSNABRÜCK. 1954 entstand südlich der Knollstraße am Königshügel ein Baugebiet, dessen Straßennamen an verdiente Osnabrücker Persönlichkeiten erinnern. Neben dem Handelskammer-Syndikus Franz Stumpf und dem Vater der Taubstummen″ Karl Luhmann stoßen wir hier auf Dr. Siegfried Pelz, der sich als Leiter des Stadtkrankenhauses um das Gesundheitswesen in der Stadt verdient gemacht hat.

Dr. Pelz wurde erster Leiter der 1887 neu eröffneten chirurgischen Abteilung und übernahm 1902 als Chefarzt die Gesamtleitung des Krankenhauses, das damals in dem heute als Volkshochschule genutzten Stüvehaus vor dem Heger Tor angesiedelt war. Während des Ersten Weltkriegs war er beratender Chirurg für sämtliche Lazarette im Regierungsbezirk. Als glänzen der Operateur rettete er so manchem schwer verwundeten Soldaten das Leben. Mehr als 7800 Kriegsteilnehmer behandelte er persönlich. Der preußische Staat zeichnete ihn mit dem Ehrentitel Geheimer Sanitätsrat″ aus. Dabei hat der Zusatz geheim″ nichts mit Geheimniskrämerei zu tun, sondern leitet sich aus der früher gebräuchlicheren Nebenbedeutung des Wortes ab, die so viel wie vertraut″ oder vertrauenswürdig″ ausdrückt. Ein Geheimer Rat war also jemand, den der Dienstherr als besonders vertrauenswürdig kennengelernt hatte und ihn deshalb regelmäßig ins Vertrauen zog und Rat bei ihm einholte.
Siegfried Pelz kam am 4. November 1848 in Rogasen in der Provinz Posen als Sohn jüdischer Eltern zur Welt. Er studierte Medizin und nahm als Feldarzt am Krieg von 1870/ 71 teil. 1873 begann er seinen Dienst am Osnabrücker Stadtkrankenhaus als Assistenzarzt. Die Chirurgie″ baute er buchstäblich aus dem Nichts auf. Er sorgte für die Einrichtung eines Operationsraums, was insofern ein Novum darstellte, als bis dahin die Ärzte Operationen gewöhnlich am Krankenbett des Patienten vornahmen. Dr. Pelz beendete die Ära der Petroleumlampen, die bis dahin das Operationsgeschehen erhellt hatten. Osnabrücks erster OP-Saal bekam elektrisches Licht. Für die Stromerzeugung sorgte eine dampfgetriebene Dynamomaschine. Denn ein allgemeines städtisches Stromnetz ließ noch bis 1901 auf sich warten. Dr. Pelz griff auch die neuen Diagnosemöglichkeiten auf, die die Erfindung der X-Strahlen″ 1895 durch Wilhelm Conrad Röntgen eröffnete. Bereits 1898 erhielt die Chirurgie ein erstes Röntgengerät.
Trotz antisemitischer Ressentiments, die auch schon vor 1933 in manchen Bevölkerungskreisen gehegt wurden, gewann Dr. Pelz im Laufe der Zeit nicht nur durch seine berufliche Kompetenz ein Höchstmaß an öffentlicher Anerkennung. 1928 machte ihn die Stadt zum Ehrenbürger. Das war eine seltene Ehrung, die seit 1831 nur acht Bürger vor ihm (und bis heute fünf nach ihm) verliehen bekommen hatten. Der Magistrat sah in Dr. Pelz einen edlen, immer hilfsbereiten, uneigennützigen Menschen″. Fast sein ganzes Einkommen hatte er unbemittelten Patienten geopfert. Der Historiker Heinrich Koch beschrieb diese Seite des Arztes so: Manche ehrenvolle Berufung lehnte er ab, um seine Anstalt, aber auch die Stadt Osnabrück, die er mit ihren Menschen und Kranken liebte, nicht zu verlassen. Er nahm die bescheidensten Honorare, strich sie aber auch häufig genug ganz und legte sogar noch zu, wenn es ihm aus sozialen Gründen nötig schien. Sogar Kuraufenthalte finanzierte er.″
Der Judenhass der neuen Machthaber machte ab 1933 auch vor einer so verdienstvollen Person wie Dr. Pelz nicht halt. Die Ehrenbürgerwürde wurde ihm aberkannt, die Bronzebüste, die nach seiner Pensionierung 1922 im Foyer des neuen Hochhauses der Krankenanstalten zu seinem Gedenken aufgestellt worden war, vernichtet. Bis in seine letzten Tage wurde der fast 90-jährige Greis von den Parteistellen schikaniert und verfolgt. Vor seiner Wohnung an der Natruper Straße spannten die Nazis ein Transparent quer über die Straße mit der Aufschrift: Die Juden sind unser Unglück.″ Tochter Anna, die ihm seit dem frühen Tod der Frau 1910 den Haushalt führte und ihn in den letzten Jahren pflegte, wurde ihm genommen. Sie wurde 1941 im KZ Riga ermordet.
Das musste Siegfried Pelz nicht mehr miterleben, denn er starb am 26. Juli 1936. Den Zeitungen wurde untersagt, seinen Tod anzuzeigen und einen Nachruf auf ihn zu drucken. Der riesige Trauerzug, der sich trotzdem vom Krankenhaus zum Hasefriedhof bewegte, war ein erschütternder Beweis der allgemeinen Dankbarkeit und zugleich eine Kundgebung für die Menschlichkeit. Marien-Pastor Bodensiek sprach als Freund am Grab, Superintendent Rolffs würdigte ihn als barmherzigen Samariter Osnabrücks″.

Bildtext:
In Sonnenhügel ist dem Geheimen Sanitätsrat Dr. Siegfried Pelz eine Straße gewidmet.
Der erste gewählte Stadtrat nach dem Krieg setzte Dr. Siegfried Pelz 1946 wieder in den Stand des Ehrenbürgers zurück.
Foto:
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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