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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Grüne Finger „mehr als Bauerwartungsland″
Zwischenüberschrift:
Forschungsprojektleiter Hubertus von Dressler betont Bedeutung der Kaltluftschneisen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Seit fast 100 Jahren setzt die Stadt Osnabrück auf den Erhalt ihrer grünen Finger, aber die Freiräume werden weiter angeknabbert. Aktuell ist der Streit über die Gartlage und das Sandbachtal. Dazu fragen wir Prof. Hubertus von Dressler, der das Forschungsprojekt Grüne Finger für eine klimaresiliente Stadt″ leitet.

Die Stadt kauft 22 Hektar Ackerland im grünen Finger Sandbachtal. Auf einem Teil davon will sie Häuser bauen, der Rest soll ökologisch aufgewertet werden. Ist das gut oder schlecht für den grünen Finger?
Der Flächenkauf an sich ist ja nicht schlecht. Eine Flächenvorratspolitik kann man sowohl für eine Freiraumsicherung als auch für Bauland betreiben. Für mich ist entscheidend, dass das vor dem Hintergrund eines langfristigen und ausgewogenen Gesamtkonzepts passiert, in dem die grünen Finger Garant einer nachhaltigen Stadtentwicklung sind. Das kann ich in der aktuellen Entwicklung aber nicht erkennen. Selbst im grünen Finger Sandbachtal werden ja zusätzliche Bauprojekte diskutiert. In der Summe steht dessen Funktionsfähigkeit zur Disposition. Wenn man nach einer sorgsamen Abwägung dann trotzdem beschließt, einen Teil dieser Flächen zu bebauen, kommt es sehr stark auf das Wo″, das Wieviel″ und das Wie″ an. Im konkreten Fall ist es wichtig, den offenen Landschaftseindruck zu erhalten und einen deutlichen Abstand zum Wald zu halten.

Wie könnte eine ökologische Aufwertung aussehen?
Als wir mit Bürgern im Forschungsprojekt dort gewandert sind, haben viele die Weite in unmittelbarer Nachbarschaft zur bebauten Stadt als besondere Qualität benannt. Diese und andere Qualitäten müssten erhalten bleiben. Dazu gehört dann auch, dass weiterhin dieselbe Menge an Kaltluft produziert und transportiert werden kann und dass der Raum auch für die Naherholung mit grünen Wegen besser erschlossen wird. Dem Sandbach täte eine Revitalisierung gut mit dem Ziel, den Wasserhaushalt, das Klima und die Lebensbedingungen für Arten und Lebensgemeinschaften zu verbessern.

Wohngebiete auf Kosten der grünen Finger das ist der häufigste Konflikt in Osnabrück. Ein beliebtes Argument lautet: Ist doch nur ein Maisacker, der hat praktisch keine ökologische Bedeutung. Sehen Sie das auch so?
Das sehe ich überhaupt nicht so. Viele Funktionen der grünen Finger, die den Bewohnern zugutekommen, entstehen auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen. Über Äckern und Wiesen bildet sich die Kaltluft und fließt dem Stadtzentrum zu. Böden, die von Bauern bewirtschaftet werden, sind sowohl Teil des Landschaftserlebens und zugleich eine wichtige Grundlage für die regionale Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten. Auch das kann zum Klimaschutz beitragen. Es war sicher ein großer Fehler, dass im Naturschutz Tätige die landwirtschaftlich genutzten Flächen immer wieder als wertlos dargestellt haben

Die Befürworter neuer Siedlungen machen geltend, dass damit auch bunte und artenreiche Hausgärten entstehen würden naturnäher als jede landwirtschaftliche Nutzfläche. Ist da etwas dran?
Wenn ich diese artenreichen Hausgärten finden würde! Aber die scheinen doch eher die Ausnahme zu sein. Hausgärten und Dachbegrünung sind kein Ausgleich für Eingriffe, sie dienen der ohnehin bestehenden rechtlichen Verpflichtung, den Schaden oder die Beeinträchtigung durch die Bebauung möglichst gering zu halten. Die Stadt will außerdem so wenig Vorgaben wie möglich machen. Und wer will am Ende die neuen Bewohner beim Gärtnern kontrollieren?

Passt der Begriff Natur″ überhaupt, wenn wir von grünen Fingern reden?
Es geht ja um stadtnahe Räume, nicht um Wildnis. Für mich geht′s hier nicht um Natur, sondern um Landschaft, genauer gesagt, um stadtnahe Landschaft. Landschaft wird durch Natur und uns Menschen geprägt. Landschaft verstehe ich als einen wichtigen Bestandteil der Lebensqualität. Das schließt Naturverbundenheit und den Schutz der Natur ein. Gerade in der Corona-Pandemie wird uns klar, wie wichtig wohnungsnahe große, luftige Grünräume sind, in denen wir durchatmen und uns frei bewegen können. Die stadtnahen Landschaften sind ein wichtiger Standortfaktor für eine lebenswerte Stadt.

Ein Teil dieser stadtnahen Flächen wird immer noch landwirtschaftlich genutzt. Kann das auf Dauer funktionieren?
Unser Projekt arbeitet daran, dass das funktionieren kann. Das ist eine große Aufgabe, denn die stadtnahe Landwirtschaft unterliegt einigen Nachteilen. Dazu gehören kleine Betriebe und sehr unsichere Pachtverhältnisse. Auf der anderen Seite hat sie eine besondere Nähe zu den Verbrauchern. Politik und Verwaltung müssen erkennen, dass landwirtschaftliche Flächen nicht nur Bauerwartungsland sind. Umgekehrt müssen sich die Landwirte für die Stadtgesellschaft öffnen und eine Verbindung zu ihr herstellen. Es gibt ja Betriebe, die möchten die Menschen wegen ihrer Hofläden, Maislabyrinthe oder einer Milchtankstelle nicht mehr missen. Wenn der Osnabrücker Servicebetrieb alle diese Freiflächen pflegen müsste, würde das den Stadthaushalt sicherlich überfordern.

Dass die grünen Finger wichtig sind für das Stadtklima, hat sich inzwischen herumgesprochen. Was verbinden Sie ganz persönlich mit dem Objekt Ihrer Forschung?
Ich verbinde damit Räume, in denen ich mich gerne mit dem Fahrrad oder zu Fuß bewegen kann, und ich liebe es, auf dem Ziegenbrink zu stehen und die herrliche Aussicht auf die Stadt zu genießen. Das habe ich sehr intensiv in den Zeiten des Lockdowns genutzt und dabei viele tolle neue Ecken entdeckt.

Sie wollen mit Ihrem Projekt einen politischen Beschluss herbeiführen, um die grünen Finger in Osnabrück dauerhaft zu sichern. Welche Botschaft haben Sie für die Politiker, die in 30 oder 50 Jahren das Sagen haben?
Drehen wir doch lieber die Blickrichtung erst mal um. Die Politiker in 30 Jahren sollten anerkennend sagen können: Gut, dass unsere Vorgänger 2021 die Idee der grünen Finger von Stadtbaurat Friedrich Lehmann ernst genommen und zu einem belastbaren Gesamtkonzept weiterentwickelt haben. Ein Konzept, das den Herausforderungen des Klimawandels frühzeitig Rechnung getragen hat. Jetzt stellen wir uns der Verantwortung, die vielen Funktionen für eine produktive, nachhaltige und lebendige Stadt weiterzuentwickeln.

Bildtext:
Hubertus von Dressler ist der Leiter des Projekts Grüne Finger für eine klimaresiliente Stadt″.
Foto:
Swaantje Hehmann

Bürger zu Teilnahme an Umfrage aufgerufen

Die Stadt Osnabrück arbeitet gemeinsam mit der Hochschule Osnabrück an Konzepten zur Entwicklung der grünen Finger, um ihre Erlebbarkeit zu verbessern und Osnabrück besser auf zukünftige Klimaveränderungen vorzubereiten. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Verbundprojekt Produktiv. Nachhaltig. Lebendig. Grüne Finger für eine klimaresiliente Stadt″ soll auch Erkenntnisse darüber bringen, wo sich Menschen in den grünen Fingern und weiteren landschaftlichen Freiräumen besonders wohlfühlen und wo sie Nachholbedarf sehen.
Dazu haben die Kooperationspartner eine Umfrage erstellt. Bürger sind dazu aufgerufen, unter gruene-finger.de Fragen zu beantworten. Diese beziehen sich auf ihr alltägliches Wissen zu den grünen Fingern, deren Nutzung sowie Erfahrungen aus Veranstaltungen des Projekts. Darüber hinaus lassen sich in einer interaktiven Karte als besonders empfundene Orte markieren. Es besteht auch die Möglichkeit, Bilder und Eindrücke aus den grünen Fingern via Instagram unter dem Hashtag # meinegruenenfinger zu teilen oder sich die Beiträge dieser Bilderaktion anzusehen.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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