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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Schinkenbutterbrot ist nun Geschichte
Zwischenüberschrift:
Parkhotel am Heger Holz und Altes Gasthaus Kampmeier in Osnabrück schließen zum Jahresende
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Aktuell haben alle Gastronomen große Sorgen. Doch in den normalen Zeiten davor, als noch kaum einer das Wort Corona kannte, war es besonders eine Gruppe von Gastwirtschaften, die reihenweise aufgeben musste: die Ausflugslokale am Stadtrand von Osnabrück. Eine Ausnahme war bislang das Alte Gasthaus Kampmeier am Heger Holz. Doch nun ist auch hier das Ende nahe. Ein Blick zurück auf eine lange Geschichte.
Lang ist die Liste mit den klangvollen Namen von Ausflugslokalen und Kaffeewirtschaften an der Peripherie, die es nicht mehr gibt. Um nur einige zu nennen: Barenteich, Schweizerhaus, Blankenburg, Zur Spitze, Bellevue, Meyer im grünen Tal, Blumenhalle, Forsthaus Sutthausen, Hunger, Fernblick, Schumla, Mehring, Hettlich, Gretescher Turm, Ludwigshalle, Gartlage, Vorderhall, Widerhall, Tentenburg, Osterhaus, Urlage, Schmied im Hone, Siebenbürgen. Sie lagen in angenehmer Spaziergangsentfernung von den Endstationen der Straßenbahn und kamen im beginnenden Industriezeitalter dem erwachten Naturverständnis und dem wachsenden Bedürfnis der Stadtbewohner nach Erholung entgegen. Doch in den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Freizeitverhalten auch dank gestiegener Mobilität so sehr verändert, dass die Lokale nicht mehr genügend Publikum fanden.

Gegen Westumgehung

Kampmeier schien gegen das Sterben der Peripherie-Gastronomie immun, hatte es doch eine privilegierte Lage am verlängerten Kammweg über den Westerberg und am Naherholungsgebiet Heger Holz/ Rubbenbruchsee. Ein Argument gegen die Westumgehung bei der Bürgerbefragung 2014 war, dass man Kampmeier dann vom Grünzug über den Westerberg abschneiden würde. Doch nun steht Kampmeier auch ohne Entlastungsstraße zumindest in seiner bisherigen Erscheinungsform vor dem Aus. 2018 hat das Bauunternehmen MBN das Areal Edinghausen 1 gekauft, plant den Abriss des Hotels und des angrenzenden Apartment-Flügels und will dort ein neues kleines Wohngebiet mit dem Schwerpunkt auf Seniorenresidenzen entwickeln. Zum Kampmeier-Altbau war beim letzten Bürgerforum zu erfahren, dass er nicht unter Denkmalschutz und damit auch zur Disposition steht. Zwar soll es in dem neuen Komplex auch wieder eine allgemein zugängliche Gastronomie geben. Doch wird sie wohl nicht mehr viel mit dem alten, leicht morbiden Charme des Gasthauses Kampmeier zu tun haben.

Gut Edinghausen

Die Adresse Edinghausen 1 verweist auf eine spätmittelalterliche Gutsanlage dieses Namens. Urkundlich belegt ist, dass sie 1568 in den Besitz der Stadt Osnabrück gelangte. Die Hofstellen vor Kampmeier (Werremeyer/ Janik, Edinghausen 2) und dahinter (Altrup, Edinghausen 3) gehörten ursprünglich dazu. Sie sind jetzt nicht Bestandteil des von MBN erworbenen Pakets und daher von den Umwandlungen nicht betroffen. Der Altbau der Gaststätte Kampmeyer wird auf etwa 1875 datiert. Durch zahlreiche Um- und Anbauten ist von seinem ursprünglichen Gesicht nicht mehr viel übrig geblieben. Die Entscheidung der Denkmalbehörde, ihn nicht unter Schutz zu stellen, ist daher nachvollziehbar.
Die Geschichte des Gasthauses beginnt mit Heinrich Altrup. Er war ein Schneidermeister aus Schinkel, der es durch das Schneidern von Gala-Uniformen für die kaiserlichen Regimenter in Lemgo, Detmold und Paderborn zu Wohlstand gebracht hatte.
Er erwarb den Hof Edinghausen 1 mit zugehörigen 150 Hektar Land, um ausreichend Wohnraum und Betätigungsmöglichkeiten für sich, seine Frau Wilhelmine und die neun Kinder zu haben. Der vorgesehene Hoferbe Bernhard Altrup fiel im Ersten Weltkrieg. So rückte Tochter Luise in der Erbfolge an die Spitze. Sie heiratete 1929 einen Heinrich Kampmeier. Der erwies sich als ausgesprochen unternehmungslustig. Luise verkaufte Teile des Grundbesitzes, um ihrem Mann die Gründung eines Lohndreschunternehmens mit Dampfmaschine zu ermöglichen. Leider ging der Betrieb nach kurzer Zeit pleite. Nächster Versuch: Gründung einer Vulkanisierungsanstalt, um Autoreifen herzustellen und zu reparieren. Weitere Ländereien wurden dafür verkauft. Doch auch dieses Unterfangen endete im Konkurs.
Zur tragenden Geschäftsidee wurde schließlich die Umwandlung des Hofes in ein Kaffeehaus. Das war Ende 1929. In die Küche kam ein großer Steinofen, Brot und Backwaren stellte man jetzt selbst her. Auch ein Konditormeister wurde eingestellt. Auf der Speisenkarte stand Kampmeiers Schinkenbutterbrot ganz oben, es war wegen seiner Überdimensionierung bald stadtbekannt. Draußen im Garten machte Luises jüngerer Bruder Karl Altrup auf eigene Rechnung den Getränkeausschank, im Winter kellnerte er drinnen. Das schaffte er neben seinem Job als Straßenbahnfahrer. Karl Altrup war übrigens der Vater von Karl-Heinz Altrup, dem jetzigen Besitzer des Nachbarhofes Edinghausen 3. Heinrich und Luise Kampmeier mit den Töchtern Inge (später Göbel) und Frieda (später Hackmann) hatten ihre Wohnung im Obergeschoss, dort, wo heute der Gastraum Heger Stiege″ ist.

Wehrmacht und die Briten

1944 beschlagnahmte das Wehrbereichskommando das gesamte Lokal. Am Waldrand des Heger Holzes hatte man eine Flak-Batterie aufgebaut. Da es noch keine Unterkunftsbaracken bei der Flakstellung gab, hatte die Luftwaffe den Saal des Gasthauses mit dreistöckigen Betten ausstaffiert. Hier waren zwei Klassen der Ratsoberschule für Jungen, wie das Ratsgymnasium damals hieß, als Flakhelfer quasi kaserniert. Die 50 Rats-Schüler standen rund um die Uhr unter dem Kommando ihrer Ausbilder. Heimschläfer″ gab es nicht, ganz bewusst sollten die Heranwachsenden schon mal an die Entbehrungen eines Frontsoldaten fern der Heimat herangeführt werden. Sie waren die ersten Übernachtungsgäste in einem zwangsweise eingerichteten Vorläufer des Parkhotels, wenn man so will.
Nach dem verlorenen Krieg schloss sich nahtlos die Belegung durch britisches Militär an. Kein Kampmeier und kein Altrup durfte im Haus wohnen bleiben. Kommandeur Robertson war aber kein Unmensch. Er ließ auf dem Gelände eine Baracke aufbauen, die Platz für vier Familien bot. Bis etwa 1952 wohnten Kampmeiers und Altrups darin. Unterdessen diente das Gasthaus als eine Art Fronttheater, als ENSA-Hostel″. ENSA (Entertainments National Service Association) war eine Organisation, die für die Unterhaltung der britischen Streitkräfte sorgte. Die dort untergebrachten britischen Künstler wurden verstärkt durch deutsche, die noch arbeitslos waren. Als sich abzeichnete, dass Osnabrück auf Dauer eine britische Garnison beherbergen würde, richtete man im Gasthaus die erste britische Schule für die Soldatenkinder auf Osnabrücker Boden ein. Ab 1950 entstanden die Briten-Häuser″ im Norden (Literatenhöfe) und im Osten (Komponistenhöfe) des Gasthofs. Kampmeiers Tochter Frieda Hackmann eröffnete in der Baracke eine Bauklause″ für die Bauarbeiter. Das war der Start der Nachkriegs-Gastronomie der alten Eigentümer.

Neustart nach dem Krieg

1953 waren die Engländer-Häuser fertig. Das Militär gab das Gasthaus frei. Frieda Hackmann machte mit dem Kaffeehaus Waldschänke″ da weiter, wo ihre Mutter 1940 aufgehört hatte. Die Wirtschaftswunderjahre sorgten für gute Geschäfte, die legendären Schinkenbrote wurden wieder dichter belegt. 1963 richtete sie im Obergeschoss zehn Betten in sieben Gästezimmern ein und nannte den Betrieb fortan Kaffeehaus Kampmeier Waldhotel″. 1970 kam es zum Eigentümerwechsel. Frieda Hackmann verkaufte das Anwesen an den Klöckner-Hüttendirektor Dr. Wilhelm Heemeyer auf Rentenbasis.
Der gab nun richtig Gas, er war es gewohnt, mit großen Investitionssummen umzugehen. Vor 50 Jahren ließ er an den Altbau einen Hotelflügel mit Schwimmbad und Sauna, mit Friseursalon und medizinischen Bädern errichten und dahinter einen Winkelbau mit Mietwohnungen. Architekt Hans-Otto Jasper hatte einen für die damalige Zeit hochmodernen Komplex mit 90 Hotelzimmern und 40 Dauer-Apartments in die Landschaft gesetzt. Das Parkhotel am Heger Holz″ wurde zum Schwesterbetrieb des Alten Gasthauses Kampmeier″ unter einheitlicher Leitung. Parkhotel und Kampmeier erlebten goldene Jahre mit bis zu 100 Tagungen im Jahr, zu denen Firmen aus dem ganzen Bundesgebiet ihre Mitarbeiter zusammenzogen. Der Passant erkannte es an den vielen Autos mit Kennzeichen von weit weg″. Die Gastronomie war erste Adresse für Familienfeiern und Bankette, der Biergarten unter Kastanien galt als einer der schönsten der Region.
Heemeyers Sohn Jobst war bekannt für seine Sammlung seltener Sportwagen und Rennautos. Diese Vorliebe konkurrierte mit seinen Aufgaben als Hotelier. In den 1980ern zog er es vor, den Betrieb zu verpachten, und zwar an Erna Ramsbrock und Tochter Annette Klöker. 1989 wurden die Damen auch Eigentümerinnen. Annette Klöker war es, die den Betrieb ins neue Jahrtausend führte und 2018 an MBN verkaufte. Seit Anfang 2019 ist Hotel-Profi Elmar Schmitz der von MBN eingesetzte Geschäftsführer. Er hat nun die traurige Aufgabe, den Betrieb gänzlich herunterzufahren und am Jahresende die Lichter auszumachen, blickt aber für sich persönlich mit Optimismus seinen neuen Aufgaben in der Leitung der Senioren-Residenz entgegen.

Bildtexte:
Das Alte Gasthaus Kampmeier lässt in den ersten Nachkriegsjahren noch mehr von der ursprünglichen Architektur erkennen.
Die Gründerfamilie Altrup/ Kampmeier etwa um 1910: An den Tischenden sitzen die Senioren, links Wilhelmine und rechts Heinrich Altrup. In weißer Bluse: Luise Altrup, später Kampmeier. Sie gilt als Erfinderin″ des legendären Schinkenbutterbrots.
Am Jahresende ist Schluss: Bald wird das Gasthaus Kampmeier einem Neubau weichen müssen.
Um 1930 verrät das Scheunentor noch den landwirtschaftlichen Ursprung des Gebäudes.
Der Kaffeegarten″ erfreut sich um 1938 großer Beliebtheit. Am Gasthaus ist links der sogenannte Wintergarten angebaut worden.
Blick aus Kampmeiers Dachgeschoss in Richtung Hafen, um 1946. Links der Kämmerer-Schornstein, rechts die Scharnhorst- und Metzer Kasernen. Die Briten-Siedlungen gibt es noch nicht. Im Mittelgrund die Wohnbaracke der Familien Altrup und Kampmeier.
Der Bettentrakt des Parkhotels ist 2020 ein halbes Jahrhundert alt geworden. Seine Tage sind, genau wie die des Gasthauses, gezählt.
Fotos:
Archiv NOZ, Archiv Karl-Heinz Altrup, Joachim Dierks, Sammlung Helmut Riecken, Hans-Theodor Rudolph
Autor:
Joachim Dierks


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