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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Einer von Hitlers jüngsten Kindersoldaten
Zwischenüberschrift:
Der Osnabrücker Max Brink erinnert sich an sein persönliches Kriegsende als Luftwaffenhelfer
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück/ Georgsmarienhütte An Silvester im Jahr 1928 erblickte er um 19 Uhr das Licht der Welt. Genau 15 Jahre und fünf Tage später wird Max Brink als Luftwaffenhelfer eingezogen, in eine graublaue Uniform gesteckt und in den Kampf gegen eine übermächtige Armee von Alliierten geschickt. Als einer der jüngsten Soldaten Hitlers blickt er heute auf eine Reise zurück, in der Ehrfurcht in Todesangst umgeschlagen ist.
Sie lagen tagsüber mit drei Kanonen leicht eingebuddelt hinter einem Heckenwall im Acker, sollten als sogenannte Straßenjagd″ die Reichsstraße 64 von Telgte nach Warendorf und die danebenliegende Bahnverbindung gegen die immer stärker werdenden Tiefangriffe der amerikanischen Jagdflugzeuge verteidigen. Es war der 25. März 1945, der Krieg neigte sich mehr und mehr dem Ende zu.
Die letzten Stunden waren an diesem milden Frühlingstag ruhig verlaufen. Wer will freiwillig zum Kartoffelschälen?″, fragte irgendwann der Oberleutnant. Max Brink, damals 16 Jahre, meldete sich sofort und machte sich auf den Weg zu dem Bauernhof, in dessen Nähe die Soldaten ihr Zelt aufgeschlagen hatten und bei dem sie warme Mahlzeiten bekamen. Max Brink sah den Küchendienst als Abwechslung, freute sich auf das Gespräch mit dem Bauern.

Kumpel stirbt

Doch noch auf dem Weg zu dem Hof hörte er den Anflug der feindlichen Flugzeuge. Sie hatten aus der Luft ihr Versteck entdeckt und es bombardiert. Er schnappte sich eine Bahre, rannte zurück. Leider war das Schlimmste passiert″, erzählt er traurig. Seinen Kumpel habe es genau dort getroffen, wo noch wenige Minuten zuvor er gelegen hatte. Ein Bauchschuss hatte ihn getötet. Nur wenige Meter weiter durch Splitterschäden und Kopfverletzung getötet ein weiterer Junge seiner Truppe.
Max Brink sitzt heute mit blau-rot-grün kariertem Hemd auf dem Sofa im warmen Wohnzimmer, lässt seine Gedanken zurückkreisen zu jener Episode in seinem Leben, in der er die besondere Härte und Sinnlosigkeit des Kriegs erfahren musste. Angefangen hatte alles bereits kurz nach Silvester 1943, nur fünf Tage nach seinem 15. Geburtstag. Zusammen mit seinen Eltern stand er an jenem 5. Januar 1944 am Lieneschweg, wartete auf die Straßenbahn. Mit zarten Händen umklammerte er fest den Griff des kleinen abgeschabten Koffers, den seine Mutter ihm kurz zuvor ausgehändigt hatte. Wenig private Utensilien hatte er eingepackt. Mein Vater konnte seine Gefühle nie richtig gut zeigen, aber an dem Tag nahm er mich in den Arm, verabschiedete mich mit unterdrückten Tränen und sagte: Du bist jetzt jüngster Soldat des Führers. Werde ein anständiger Soldat und halte die Ohren steif.″
Wenig später kam Max Brink bei der mittelschweren Flugabwehrkampfbatterie (Flak) in Georgsmarienhütte an. Sie lag auf dem Holzhauser Berg, diente zum Schutz des Stahlwerks. Brink sollte als Luftwaffenhelfer dienen. Mein Einzug ist damals nicht überraschend gekommen″, erzählt er. Zur Kriegsgeneration gehörend, musste er als i-Männchen bereits mehr Geschichten über Granaten und tapfere Kämpfer lesen als harmlose Fibelgeschichten wie von Heini und Lene″. Als sich drei Monate vor Einberufung sein Jahrgang auf dem Pausenhof des Carolinums aufstellen musste, wusste er, dass auch er jetzt dran war. Wir waren seit unserem zehnten Lebensjahr in der Hitlerjugend, waren alle stramm erzogen, glaubten damals an den Sieg und waren stolz darauf, das Vaterland verteidigen zu können.″
Im Nachhinein schüttelt er darüber verurteilend den Kopf. Von heute aus betrachtet, ist es ein furchtbarer Gedanke, dass man in so verbrecherischen Zeiten gelebt hat. Aber damals war alles, was gesagt wurde, wie ein Evangelium. Befehlen und Gehorchen waren selbstverständlich. Meine Mutter sagte immer, wir seien Kindersoldaten gewesen. Sie hatte recht. Das alles war eine Zumutung.″ Tags wie nachts bediente Max Brink mit fünf Schulkameraden unter dem Kommando eines erwachsenen Geschützführers eine 3, 7-cm-Kanone. Dreimal die Woche fuhren die Jungen abwechselnd zu der Möser-Mittelschule nach Osnabrück, um den geistigen Anschluss″ nicht zu versäumen. Während die einen lernten, waren die anderen feuerbereit. Als Ladekanonier war es Brinks Aufgabe, auf der Plattform zu stehen, Geschosse in das Kanonenrohr einzuführen und der schweren Flak bei Tiefangriffen Schutz zu bieten. Am 8. Februar 1945 hieß es plötzlich Stellungswechsel″. Die Truppe musste nach Handorf bei Münster.
Das war ein gewaltiger Unterschied. Die Luft war plötzlich viel eisenhaltiger als in GMHütte. Wir Jungen mussten hier schon etwas mehr der Angst trotzen″, schildert Max Brink die kurze Zeit am Flugplatz, von dem aus die Deutschen ihre Einsätze nach England flogen. Der Flugplatz war jedoch auch lohnendes Ziel der Amerikaner und Engländer, täglich wurde er mit Bomben angegriffen. Nach Hause konnten wir nicht. Ich war froh, dass ich damals meine Kameraden hatte. Wir waren gute Freunde, kannten uns ja aus frühester Schulzeit. Und wir waren uns trotz allem so sicher in unserer Stärke.″ Nein, richtige Angst hatten sie damals noch nicht gehabt.
Wenige Wochen später, nach erneutem Stellungswechsel des Flakzugs nach Raestrup/ Everswinkel, änderte Max Brink seine Meinung. Es war der Tag, an dem er gleich zwei seiner Freunde verlor. Es war auch der Tag, an dem der Oberleutnant eine bemerkenswerte Entscheidung traf, deren mögliche Risiken uns Jungen in ihrer Tragweite damals kaum bewusst waren″, berichtet er. In einem kurzen Appell habe dieser seiner Einheit klargemacht, dass mangels infanteristischer Ausrüstung er einen sinnvollen Widerstand nicht mehr habe verantworten können, und danach alle 50 Helfer nach Hause geschickt. Aber nicht ohne uns vorher die Sprengung der eigenen Geschütze vorbereiten zu lassen und uns den Rat mitzugeben, dass wir die Nacht, das Gelände und alles, was wir gelernt hatten, nutzen sollten.″
Die aufgelöste Flak-Batterie hatte keine Papiere, mit denen sie die Entlassung von ihrer Einheit hätten beweisen können. Von Bauern in der Gegend von Schwege erhielten sie Zivilkleidung. Sie versteckten ihre Uniformen in einer Scheune, versprachen, sie später einmal abzuholen. Sie stellten taktische Überlegungen an und planten Vorsichtsmaßnahmen. Doch Anfang April brachen sie ungeduldig vor Dämmerungsbeginn auf. Es war etwas zu früh, wie sich herausstellen sollte.
Aus der Deckung einer Wallhecke heraus inspizierte die kleine Truppe der versprengten″ Soldaten das Gelände und die Straße vor sich. Beobachteten, wie ein langer Zug deutscher Gefangener von britischen Soldaten in Fahrzeugen begleitet nach Norden an ihnen vorbeizog. Bloß keinen Mucks von sich geben, Geduld haben und in Deckung bleiben, dann könnten sie sicher in wenigen Tagen zu Hause ankommen. Doch plötzlich tauchte hinter ihnen ein polnischer Kriegsgefangener auf, stolperte geradezu über die gut getarnte Truppe. Laut schreiend rannte er dann auf die Engländer zu. Wir konnten damals nur blitzschnell reagieren und im Sturmschritt den Rückzug antreten″, berichtet Max Brink, wie sie Glück hatten, die einbrechende Dunkelheit ihnen Schutz bot und sie so nicht gefunden wurden.
In weiteren Nächten wanderten sie unbehelligt weiter Richtung Norden, schliefen teilweise im Laufen ein, stolperten über ihren Vordermann und waren plötzlich wieder hellwach. Als sie in Hagen am Teutoburger Wald ankamen, bekamen sie Essen und Trinken. Der Krieg war bereits durch das Dorf gezogen, die britischen Einheiten stießen nun Richtung Osnabrück vor. Dorthin, wo auch ihr Ziel lag. Sie entschlossen sich, nochmals die Gruppe zu verkleinern, um weniger aufzufallen.
Wenig später lagen Max Brink und sein Kamerad in einem Graben und versteckten sich vor einem britischen Soldaten. An der Stelle machte ich dann eine tief greifende Erfahrung.″ Max Brink hält kurz inne, schaut auf. Das war für mich der Augenblick, in dem ich den Glauben an den Sieg verloren hatte″, sagt er. Weder die Masse der Panzer noch die Überlegenheit der gegnerischen Flugzeuge hatte seine Zuversicht genommen. Es war ein einziger britischer Soldat, der ganz alleine in einem offenen Jeep die Straße entlangfuhr. Und er wirkte so sicher, vermittelte den Eindruck, dass der Krieg längst vorbei war.″

Entscheidende Stunden

Am 5. April 1945 erreichten Max Brink und sein Kriegskommilitone Osnabrück. Wir dachten erst, wir müssten uns nach Hause schleichen. Doch die Straßen waren leer gefegt. Wir kamen in eine tote Stadt.″ Als seine Mutter ihn wenig später weinend, aber überglücklich in die Arme schloss, erfuhr er, dass es einen Anschlag der Wehrwölfe″ gegeben hatte. Aus einem Kellerfenster war ein englischer Soldat erschossen worden und das obwohl die Stadt ohne Widerstand eingenommen wurde. Als Strafe war daher an jenem Mittwoch eine ganztägige Ausgangssperre verhängt worden.
Max Brink gehörte zu dem Jahrgang, der als letzte Altersstufe eingezogen wurde. Wäre er 1928 an Silvester nur fünf Stunden später auf die Welt gekommen, wäre ihm einiges erspart geblieben. Doch darüber hat er sich nie Gedanken gemacht. Wissen Sie, mein Geburtstermin war eigentlich auf Ende September berechnet. Und meine Mutter musste mich ja irgendwann zur Welt bringen″, lächelt er.
Überhaupt macht der sympathische, mittlerweile 92-Jährige niemandem Vorwürfe. Und nein, rückblickend könne er auch nicht sagen, dass er ein unglücklicher Junge gewesen sei. Die Jugend von damals habe auch irgendwie unbeschwert gelebt, jahrelang von vielem nichts geahnt, erklärt er und fügt hinzu: Dass jedoch später noch so viele dieser verbrecherischen Menschen an oberste Stellen berufen wurden und diese mit fauler Ausrede argumentierten, sie hätten nur auf Befehl gehandelt, das gefällt mir überhaupt nicht.″

Bildtexte:
Auf einer Plattform bedienten die jungen Soldaten unter dem Kommando eines Erwachsenen die 3, 7-cm-Kanone.
Max Brink hat eine Zeitung aus dem Jahr 1928, seinem Geburtsjahr, aufgehoben. Für seine Kinder und Enkelkinder hat er seine Erlebnisse aufgeschrieben.
Er war gerade 15 Jahre alt geworden, als er einberufen wurde. Die Wirklichkeit machte aus dem Luftabwehrhelfer Max Brink schnell einen gründlichen Soldaten.
In seinem Koffer hatte er nur wenige private Utensilien. Eine Kamera gehörte jedoch dazu mit der fotografierte Max Brink 1944 die Flakstellung am Holzhauser Berg.
Fotos:
Monika Vollmer
Autor:
Monika Vollmer


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