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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Kontakte ermöglichen, Selbstachtung stärken
Zwischenüberschrift:
Osnabrücker Straßenzeitung „Abseits″ entstand vor 25 Jahren
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Eine Redaktion mit ehrenamtlichen Reportern und mit Verkäufern, die durch diese Arbeit ein wenig Selbstachtung wiederfinden: Die Osnabrücker Straßenzeitung Abseits″ gibt es seit August 1995. Wie ist sie entstanden?
Der Chefredakteur erinnert sich an die Anfänge. Der heißt Thomas Kater, und in seinem Beruf dreht sich alles um die Wohnungslosenhilfe: Er ist Fachdienstleiter für die Tageswohnung und für die Straßenzeitung Abseits″. Sein Arbeitsplatz ist das Haus an der Bramscher Straße 11, das seit einigen Monaten Bernhard-Schopmeyer-Haus heißt.
Eine Straßenzeitung für Osnabrück das war seine Idee. Und die hatte er 1994. Da habe ich meine Diplomarbeit geschrieben: , Entstehung und Bewältigung von Wohnungslosigkeit in Osnabrück′. Bei der Recherche dafür habe ich mitbekommen, dass sich in anderen Städten gerade Straßenzeitungen gegründet hatten. Das hat mich beeindruckt. Als ich meine Stelle bekommen habe, hatte ich die Idee für eine Straßenzeitung in Osnabrück.″
1994 war also auch das Jahr, in dem Thomas Kater begann, in der Fachberatungsstelle für Wohnungslose zu arbeiten, unter dem Dach des Katholischen Vereins für soziale Dienste in Osnabrück″, der damals noch Sozialdienst Katholischer Männer″ hieß. Dieser Name wurde 1999 aufgegeben, lebt in der bis heute verwendeten Abkürzung SKM″ aber weiter.

Aufbruchstimmung

Über seine Idee berichtete Kater den SKM-Kollegen in einer Dienstbesprechung. Und wie kam die an? Offenbar sofort gut. Kater erinnert sich an Unterstützung von Kollegen und offene Türen bei Geschäftsleitung und Vorstand″. Dann begann er, in seinen Sprechstunden seine Besucher zu fragen, ob sie Interesse hätten, in einer Redaktion mitzuarbeiten. Die Abseits″ war geboren damals noch unter dem Namen Abseits!? – Erste Osnabrücker Straßenzeitung″.
Die erste Redaktionssitzung fand im Sozialraum der Wohnungslosenhilfe statt, die sich zu diesem Zeitpunkt an der Lohstraße 42 befand. Im Dachgeschoss traf sich Thomas Kater mit ehemaligen Wohnungslosen, einer Berufspraktikantin und einem Kollegen: Wir waren sieben Leute und wir waren schon in einer Aufbruchsstimmung.″ Viele Vorbilder gab es in Deutschland noch nicht: Wir waren eine der ersten Straßenzeitungen nach München und Hamburg.″
Die Themen waren schnell gefunden. Es ging um persönliche Lebensgeschichten und um die Fragen, wie Menschen im sozialen Abseits denken, wie sie fühlen und wie ihr Umfeld mit ihnen umgeht immer mit einem regionalen Bezug. Für die erste Ausgabe haben wir in der Stadt eine Umfrage gemacht. Die Frage lautete: , Was halten Sie von wohnungslosen Menschen in Osnabrück?′″

Schub durch Harry Potter

Und die Redaktion selbst stand vor dieser Frage: Wie wird die Straßenzeitung bei den Osnabrückern ankommen? Wie Kater sich erinnert, schwärmten im Sommer vor 25 Jahren zehn Verkäufer mit der ersten Ausgabe aus. Und: Sie haben innerhalb von acht Stunden 1000 Zeitungen verkauft. Damit hatte keiner gerechnet. Wir haben noch zweimal jeweils 1000 Stück nachgedruckt.″
2003 erreichte eine Abseits″-Ausgabe erstmals eine Auflage von 9000 Exemplaren. Dabei war die britische Autorin Joanne K. Rowling behilflich, denn sie hatte es Straßenzeitungen weltweit ermöglicht, das erste Kapitel eines neuen Harry-Potter-Bandes zwei Wochen vor Erscheinen abzudrucken. Doch auch ohne prominente Unterstützung stieg die Auflage weiter auf etwa 10 000 Hefte. Und 2019 erreichte die Ausgabe vor Weihnachten sogar 13 000 Exemplare.
Die Redaktion ist in der Zwischenzeit zweimal umgezogen erst zur Kommenderiestraße und schließlich zur Bramscher Straße, wo sie sich seit 1999 befindet. Aus welchen Menschen besteht sie? In den vergangenen 25 Jahren haben sich nach Katers Zählung 300 ehrenamtliche Mitarbeiter so abgewechselt, dass sich stets ein fester Stamm″ ergeben hat. Und der besteht immer aus einer bunten Mischung″, berichtet Kater und nennt einige Beispiele für die Bandbreite: Schüler, Studenten, Rentner, Lehrer, Krankenschwestern, ein Physiker, ein Professor.″ Was sie verbindet, ist, dass sie gerne über soziale Themen schreiben. Viele von ihnen sind über die Freiwilligen-Agentur zu Abseits″ gekommen.
Und dann sind da die Verkäufer 660 in 25 Jahren, wie Kater vorrechnet. Derzeit sind es in der Stadt und im Landkreis zusammen 30.″ Und sie spielen ebenfalls Hauptrollen bei der Straßenzeitung, denn: „, Abseits′ ist pädagogischer Bestandteil der Tageswohnung. Sämtliche Ziele der Tageswohnung setzen wir auch mit der Zeitung um: Es geht um die Motivation, an der eigenen Lebenssituation etwas zu verändern, darum, Kontakte und Begegnungen zu ermöglichen sowie das Selbstwertgefühl und die Selbstachtung zu stärken.″ Außerdem verdienen die Verkäufer sich mit dieser Arbeit etwas dazu: Die Hälfte des Verkaufspreises ist für sie bestimmt.

Bürgermedaille

Auch ehemals Wohnungslose und Menschen in finanziellen und sozialen Schwierigkeiten verkaufen die Abseits″. Und sie machen die unterschiedlichsten Erfahrungen: Erst ist da eine Hemmschwelle, weil man damit offenbart, im sozialen Abseits zu leben, aber dann überwiegen die positiven Erfahrungen.″ Die sind immer wieder mit kleinen Geschichten verbunden wie die von dem Heft-Verkäufer, der von seinem Kunden neu eingekleidet wird, einem anderen, der einen Korb mit Lebensmitteln erhält, oder dem, der zum Essen eingeladen wird, und von weiteren, die Freundschaften schließen. Und dann kam die Straßenzeitung selbst zu einer besonderen Anerkennung: 2015 erhielt Abseits″ die Bürgermedaille der Stadt.
Was Thomas Kater schon bald nach den Anfängen von Abseits″ festgestellt hatte, war dies: Eine Zeitung ins Leben zu rufen ist gar nicht so schwierig, wohl aber, sie am Leben zu erhalten und sie auf Dauer interessant zu gestalten.″
Und wie entwickelt sich Abseits″ weiter? Auf diese Frage antwortet Thomas Kater ganz pragmatisch: Immer mit der nächsten Ausgabe.″ Doch verfolgt er darüber hinaus auch eine neue Idee: die einer Jugendredaktion, die an einer zusätzlichen Abseits″-Ausgabe arbeiten soll – „ von jungen Leuten für junge Leute″.

Bildtexte:
So sah die Abseits″ vor 25 Jahren aus: Thomas Kater erinnert sich an die Anfänge der Straßenzeitung. Seit 1999 befindet sich die Redaktion im jetzigen Bernhard-Schopmeyer-Haus an der Bramscher Straße. Sie ist Teil der Wohnungslosenhilfe.
Die erste und die neueste Ausgabe: Die Straßenzeitung Abseits″ hat sich optisch und inhaltlich beständig weiterentwickelt.
Wie eine Ahnengalerie: Die Titelbilder aller Ausgaben befinden sich in einem Flur unter der hohen Decke des Bernhard-Schopmeyer-Hauses.
Fotos:
Swaantje Hehmann
Autor:
Jann Weber


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