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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Die „Theaterfrage″ stellte sich schon vor 100 Jahren
Zwischenüberschrift:
Osnabrück im Dezember 1920: Möser-Jubiläum, glatte Gehwege und leere Kassen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Wichtige Jahrestage, die uns im Dezember 2020 beschäftigt haben, sind Mösers Geburt vor 300 Jahren und Beethovens Geburt vor 250 Jahren. Da die beiden auch schon vor hundert Jahren Berühmtheiten waren, überrascht es wenig, dass auch das Osnabrücker Tageblatt″ im Dezember 1920 in großer Aufmachung die runden Geburtstage der beiden großen Geister würdigte.
Der Historische Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück fühlt sich damals in besonderer Weise berufen, Mösers runden Geburtstags zu gedenken. Der Vorsitzende, Geheimrat Dr. Friedrich Knoke, übernimmt den Festvortrag im Saale Dütting persönlich. Er handelt darin die Verdienste Mösers auf den Gebieten Juristerei, Staats- und Volkswirtschaft, Geschichte, Handwerk und Landwirtschaft ab. Fassen wir alles zusammen, so müssen wir die Behauptung, Möser sei der größte Osnabrücker, als berechtigt anerkennen″, resümiert Knoke.

Denkmal mit Tannengrün

Am 14. Dezember begeht seine Vaterstadt Osnabrück″ den 200. Geburtstag durch Kranzniederlegungen an Mösers Grab in der Marienkirche und am Möser-Denkmal auf der Großen Domsfreiheit. Das Möser-Denkmal ist festlich geschmückt. Ein Belag von Tannenzweigen bildet die Umrahmung, die an den vier Ecken von Buchsbaumkugeln flankiert ist. Der Sockel ist ebenfalls in Tannengrün gehüllt. Oberbürgermeister Julius Rißmüller rühmt den großen Sohn der Stadt: Wenn ein Volk in Not ist, dann wendet es rückwärts seine Blicke auf Männer, die vordem in schwerer Bedrängnis ihres Volkes Führer waren […] Solch ein Mann war Justus Möser […]. In der Not des Siebenjährigen Krieges und in den bitteren Jahren nach diesem Kriege hat Möser mit fester Hand die Geschicke seiner engeren Heimat, des Fürstentums Osnabrück, geleitet, die Ordnung wiederherstellend, die Not mildernd, den Wohlstand mehrend.″
Um acht Uhr abends beginnt die große Feier in der Stadthalle. Das städtische Orchester spielt Beethovens Leonoren-Ouvertüre und das Andante aus der dritten Symphonie von Brahms, der Lehrergesangverein intoniert Kunstlieder von Karl Rosenthal, der Geheime Regierungsrat Professor Brandi aus Göttingen hält die Festrede. Sowohl der große runde, wie der anschließende Weiße Saal sind vollständig besetzt, sogar der Balkon muss noch in Anspruch genommen werden. Vor der Bühne ist eine große Möser-Büste aufgestellt, während an der rechten Wandseite das von Bernard Brickwedde gemalte Möser-Bild in Girlandeneinfassung seinen Platz gefunden hat.

Grab verlegt

Ein eigener Beitrag befasst sich mit Mösers Grab in St. Marien. Im Gegensatz zu vielen anderen Prominenten, unter deren Grabplatten man nicht mehr deren Gebeine finden würde, sei man bei Möser immer bestrebt gewesen, die Einheit zu wahren auch, als bei einem Umbau 1820 eine Verlegung um 20 Fuß weiter nach Osten unumgänglich war. Die Graböffnung geschah bei Nacht, in Gegenwart vieler angesehener Personen. Man öffnete den Sarg und fand die Leiche noch unversehrt, das Haupthaar war aber schneeweiß geworden.″
1903 musste das Grab abermals verlegt werden. Im Beisein weniger Personen, darunter Regierungspräsident Dr. Stüve und Laischaftsbuchhalter Lammers, wurde im Grabe außer vermoderten Sargbrettern nach sorgsamster Wegräumung des Sandes der Schädel Mösers bloßgelegt.″
Aber nicht nur der Osnabrücker Staatsmann hätte 1920 einen runden Jahrestag gefeiert, sondern auch der große deutsche Komponist: Beethovens 150. Geburtstag begeht das Stadttheater mit einer Aufführung seiner einzigen Oper Fidelio″, während der Musikverein in der Stadthalle die 3. Sinfonie Eroica″ und das Es-Dur-Klavierkonzerts darbietet. Ein A. Gülker würdigt im Tageblatt″ den größten deutschen Tondichter″, den unsterblichen Künstler im Reiche der Töne″ so: Kein Volk der Welt hat so Großartiges und Erhabenes auf dem Gebiete der Musik geleistet, als das jetzt so trostlos und verlassen dastehende deutsche Volk. […] Suchen wir Trost und Erquickung in den hervorragenden Werken unserer großen deutschen Meister. Und einer der besten und größten deutschen Geister und Künstler, das war Ludwig van Beethoven.″
Leider findet das Festkonzert in der offenbar nur ungenügend geheizten Stadthalle nicht nur Beifall. Ein Leser beklagt im Namen vieler vereister Besucher″ die unverantwortliche Zumutung″ einer Feier unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen. Die durchweg stark vermummten, zum bewegungslosen Zuhören″ über volle drei Stunden gezwungenen Menschen wären sicherlich in Scharen davongelaufen, hätten nicht die Darbietungen in gewisser Weise die Seelen erwärmt.

Kulturelle Verarmung?

Im Dezember 1920 wird aber nicht nur der großen Toten gedacht. Das allein von städtischen Zuschüssen am Leben gehaltene Theater mitsamt dem städtischen Orchester ist mal wieder in den Schlagzeilen. Es gibt Stimmen, die seine Schließung befürworten. Die Stadt ist praktisch pleite und kann den Zuschuss eigentlich nicht aufrechterhalten, geschweige denn erhöhen. Das Osnabrücker Tageblatt″ spricht sich vehement für den Fortgang des Betriebs aus. Die Schließung würde die Stadt keinesfalls von allen Kosten befreien: Verzinsung und Tilgung des Baukapitals, Reparatur und Unterhaltungskosten gehen ihren Gang, und schließlich geht ein unbenutztes Gebäude schneller wie (sic!) ein bewohntes Haus dem Verfall entgegen.″ Vielleicht empfehle sich der Versuch, Theater und Orchester durch eine Kooperation mit den Nachbarstädten auf eine breitere finanzielle Grundlage zu stellen. Jedenfalls dürfe zu der rein geldlichen Not″ nicht auch noch die geistige und kulturelle Verarmung″ treten. Osnabrück würde in öffentlich kultureller Beziehung zum reinsten Krähwinkel herabsinken″.
Derweil sorgt das Weihnachtsmärchen Peterchens Mondfahrt″ regelmäßig für volles Haus. Das fantasievolle Spiel um Peterchen, Anneliese und den Maikäfer Sumsemann, der sein verlorenes sechstes Bein sucht, wird in der Zeitung sehr gelobt: Es waren schöne Bilder, die sich dem entzückten Auge der Kleinen darboten.″
Der Dezember 1920 ist kalt. Bestreuet die Fußwege reichlich mit Asche! fordern die Kriegsbeschädigten Hausbesitzer auf. Namentlich die Beinamputierten erlebten bei Schneeglätte gefahrvolle Zeiten. Da nützten auch die Freifahrtscheine der Straßenbahn nichts, denn erst einmal müsse man nun die Haltestelle erreichen. Überall sieht man auch die sogenannten Glitschen, die schon manchem Passanten verhängnisvoll geworden sind.″ Das Amtliche Kreisblatt gibt bekannt, dass wegen vorgekommener Unfälle das Rodeln auf der Osnabrück-Telgter Chaussee (heute B 51) und auf der Rothenfelder Chaussee (alte B 68) in der Gemeinde Harderberg bei Strafe verboten ist.
Wie sich die Lebenserwartung in den vergangenen hundert Jahren verändert hat, verdeutlicht eine Kurzmeldung wie diese: Eine unserer ältesten Mitbürgerinnen, Frau Wwe. Johanna Scheirmann, Rolandsmauer 22, begeht am morgigen Dienstag ihren 80. Geburtstag. Die Dame erfreut sich noch einer seltenen geistigen Frische und einer für ihr Alter beneidenswerten körperlichen Rüstigkeit.″ Im November verstarb einer der ältesten Einwohner unserer Stadt, vielleicht der älteste, der Zollaufseher a. D. August Klinkers″, im 91. Lebensjahr. Er war ein Veteran von 1848 und hat in dem Gefecht bei Ulderup in Schleswig im Jahr 1849 mitgekämpft.″

Spielzeugausstellung

Das Kunstgewerbehaus Carl Schäffer wartet wieder mit einer großen Ausstellung an Spielwaren auf. Schaukelpferde, Ställe, Leiterwagen werden beworben, Puppen und Babys, gekleidet und ungekleidet, Fliegende Holländer (Ruderrenner) sowie für die reifere Jugend″ elektrische Lehrmittel, Dampfmaschinen, Metallbaukästen und Kinematographen. Grammophone und Grammophon-Platten Marke Die Stimme seines Herrn″ dürften eher die Erwachsenen begeistern.

Bildtexte:
Das Osnabrücker Stadttheater steht wegen des Zuschussbedarfs in der finanziellen Notzeit des zweiten Nachkriegsjahres auf der Kippe.
Eine ganze Zeitungsseite und noch viel mehr widmet das Osnabrücker Tageblatt″ am 14. Dezember 1920 dem 200. Geburtstag Justus Mösers.
Justus Mösers 200. Geburtstag wird am 14. Dezember 1920 mit einer Gedächtnisfeier in der Stadthalle begangen.
Fotos:
Archiv des Architekten- und Ingenieurvereins Osnabrück, Osnabrücker Tageblatt
Repro:
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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