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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Einst kein Einlass für Langhaarige
Zwischenüberschrift:
Peitschenkneipe am Heger Tor in Osnabrück hat in 127 Jahren krasse Umbrüche erlebt
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Osnabrücks Traditionskneipen und deren Stammgäste hatten alle so ihre Eigenarten. Im Olle Use″ etwa bestimmte die Nähe zum Rathaus das Kommunalpolitisieren, während der Holling″ auf dem Weg zum Dom lag und stets die katholische Geistlichkeit anzog. An der Alten Wirtschaft Peitsche″ musste einfach jeder vorbei, der von Westen her der Altstadt zustrebte. Und auf dem Rückweg kam er wieder vorbei und blieb oft genug hängen.
Die Peitsche″ am Heger Tor ist mit ihrer Toilette (Kopf einziehen!) und anderen Nebenräumen in die Stadtmauer hineingebaut und schon von daher ein Stück vom alten Osnabrück. Das drückt auch ihr Name aus. Wie der zustande kam? Sebastian Heukamp, Peitschenwirt von 2005 bis 2010, vertritt die Theorie, dass früher die Fuhrleute hier ihre Wartezeiten überbrückten, während deren Herrschaften gegenüber abstiegen, auf der anderen Seite des Heger Tores, in dem feineren Gasthaus, das einmal Stadtwache″ hieß, später Potator″ und heute Almani″.
Damit die Fuhrleute nicht allfällige Streitigkeiten untereinander unter Zuhilfenahme ihrer Peitschen austrugen, veranlasste der Wirt, dass sie diese am Eingang abzustellen hatten. Dort waren sie durchs Fenster schon von außen zu sehen und wurden so zum Wahrzeichen. Eine andere Geschichte besagt, dass hier Peitschen hergestellt und verkauft wurden. Auch die sogenannten Cloppenburger Handschuhe aus grobem Heidschnuckenleder waren im Angebot. Im Schankraum hing die Kohlezeichnung eines Peitschenknüpfers bei der Arbeit.

Fuhrwerksverkehr

Dass die Fuhrmänner hier ein und aus gingen, liegt schon räumlich auf der Hand. Hinter dem Haus lag ein Botenbahnhof″. Dort, wo sich heute die Außengastronomie der Lagerhalle abspielt, versammelten sich bis etwa 1920 Fuhrwerke und warteten auf Fuhren. Auch wenn die Eisenbahn längst für den Ferntransport der Güter zwischen den Städten zuständig war, trugen Pferdefuhrwerke die Hauptlast des lokalen und regionalen Güterverkehrs. Das änderte sich erst in der Zwischenkriegszeit, als motorisierte Lastwagen mehr und mehr den lokalen Verteilerdienst übernahmen.
Der Zeitungsredakteur Karl Kühling (1899–1985) erlebte die Zeit der Ein- und Zwei-PS-Gefährte hautnah mit und beschreibt sie sehr lebendig in dem Geschichten-Buch Olle Use″. Sein Vater hatte den Kolonialwaren-Groß- und Einzelhandel von C. F. Weymann in der Heger Straße 2/ 3 (heute Antiquariat Wenner) übernommen, in direkter Nachbarschaft zur Peitsche″. Selbstverständlich hatte Vater Wilhelm Kühling für den Rollverkehr ein Pferd im Stall, ebenso wie Eisenhändler Rudolf Richter (heute Lagerhalle), Schlachter Geese und Hauderer Freese in der weiteren Nachbarschaft. Die Anlieferung von landwirtschaftlichen Produkten aus dem Umland hatten allerdings die Lohnkutscher aus den Nachbargemeinden ziemlich fest in der Hand, sie besorgten den sogenannten Botenverkehr.
Wenn sie Gemüse, Obst, lebendes Vieh wie Hühner, Enten und Gänse, Schinken und Würste, Butter und Eier zu den Wochenmärkten oder zu den Händlern ausgeliefert hatten, begann für sie das Warten. Meist hatten sie von den Höfen ihrer Heimatgemeinde Bestellzettel mitbekommen. Die trugen sie zu den entsprechenden Geschäften in der Stadt und warteten nun darauf, dass die Waren für ihre Rückfracht kommissioniert, gewogen und verpackt wurden. Und wo überbrückten sie die Wartezeit? Gerne und immer wieder in der Peitschenkneipe.

Gründungsjahr 1893

Die hieß zunächst ganz bieder Schankwirthschaft am Heger Thore″, als der 26-jährige Hermann Heims 1893 das alte Torhaus von Kaufmann und Schankwirt Carl Sievers übernahm. Heims verfügte bereits über Gastro-Erfahrung: Er war Oberkellner im Hotel Schaumburg am Schillerplatz gewesen und hatte danach den Biergarten der Aktien-Bierbrauerei auf dem Westerberg gepachtet. Heims wusste den traditionsreichen Standort zu schätzen, in dem schon vor 1820 Schnaps ausgeschenkt wurde. Er hielt das alte Gebälk des äußerlich verputzten Fachwerkhauses in Ehren. Auf einem Balken im Schankraum ist die Jahreszahl 1601 zu entziffern. Heims bewahrte die Atmosphäre des alten Osnabrücks durch Zinnteller, Stiche und Urkunden an den Wänden und altersgegerbtes Mobiliar. Schwiegersohn Harry Albrecht und dessen Frau Charlotte machten nach Heims′ Tod 1928 genauso weiter.
Das schmiedeeiserne Wirtshausschild mit dem Peitsche schwingenden Löwen und dem Namen Hermann Heims″ blieb bis 2005 an der Außenfassade. Der Löwe ist ein Gruß aus München. Das bernsteinfarbene Löwenbräu-Märzen-Bier galt über Jahrzehnte schon für sich allein als Grund genug, die Peitsche″ aufzusuchen.
Harry Albrecht wird als ein stets korrekt gekleideter, feiner Mann mit höflichen Umgangsformen beschrieben. Er bediente Arbeiter und Präsidenten, Einheimische und Zugereiste mit derselben Freundlichkeit. Johannes Heesters und Heinz Erhardt fühlten sich bei ihm ebenso wohl wie Friedrich Vordemberge-Gildewart oder Schauspieler Jürgen Prochnow zu Zeiten seines Engagements am Osnabrücker Theater. Früher müssen hier kaum glaubliche Mengen an Schnaps ausgeschenkt worden sein, von 165 Hektolitern in einem Jahr wird berichtet.
Der Fahrer der Schnapsbrennerei Gosling kam jede Woche und füllte das Vorratsfass im Keller auf. Von dort gelangte der Hochprozentige mittels Schlauchleitung und Schwengelpumpe zur Theke. Manche Gäste brachten ihre leere Flasche mit und ließen sie sich mit dem guten Excelsior″ oder der Hausmarke″ für den Heimbedarf auffüllen. In guter Erinnerung ist vielen Gästen auch die ewige Lampe″, eine schwach leuchtende Gasflamme an der Theke. Wenn man an einem kleinen Griff zog, wurde die Flamme stärker, dann konnte man die Zigarre daran anzünden.
Harrys Sohn hieß genauso wie der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident: Ernst Albrecht. Er muss ein Mann mit vielen Ecken und Kanten gewesen sein. Stammgäste hatten es gut bei ihm. Die Treuesten der Treuen kamen schon am späten Vormittag. Es soll sogar Lehrpersonal von Osnabrücker Gymnasien gegeben haben, für das pünktlich zur zweiten großen Pause ein Gezapftes bereitstand.
Aber zahlreich sind die Geschichten, in denen er etwa Langhaarigen oder Turnschuhträgern den Zutritt verwehrte. Parka tragende Studenten und Gammler″ hatten keine Chance. Jünglinge mit langer Matte begleitete er hinaus auf die Heger Straße, wies auf den silbernen Friseur-Teller an einem Haus etwas die Straße hinunter und sprach: Wenn du da gewesen bist, dann kannst du wiederkommen und ein Bier bei mir trinken.″ Ernst und Maria Albrecht wohnten mit ihren fünf Kindern in der Wohnung über der Kneipe. Die Wohnung war nur durch den Schankraum zu erreichen. Auf 49 Quadratmeter Grundfläche in eineinhalb Geschossen musste die siebenköpfige Familie Platz finden. Das hinderte Ernst Albrecht aber nicht daran, ein eigenes Zimmer für seine Modelleisenbahnanlage exklusiv zu beanspruchen.

Wechsel zur Musikkneipe

Mitte der 1990er-Jahre endete diese Ära. Es folgten zehn Jahre mit Axel und Anetta Stadlbauer als Pächtern, gefolgt von Sebastian Heukamp von 2005 bis 2010. Seither bedienen Willy Batta und seine Frau Ulla den Zapfhahn. Und DJ Willy″ gibt im wahrsten Wortsinn den Ton an: Er legt jeden Abend auf, die Ohrwürmer der 70er, 80er oder 90er, je nach Altersdurchschnitt des Partyvolks auf der Mini-Tanzfläche. Udo Jürgens′ Griechischer Wein″ ist der absolute Stimmungsgarant. Der traditionsreiche Ort und ganz überwiegend auch seine althergebrachte Einrichtung sind geblieben, doch sucht der heutige Gast der Peitschenkneipe seine Entspannung auf durchaus andere Art als der Fuhrmann in alten Zeiten.

Bildtexte:
Heger Straße und Heger Tor um 1901: Links vom Tor schmiegt sich die später sogenannte Peitschenkneipe an die Stadtmauer an. Im Haus davor handelte Wilhelm Kühling unter der Firmierung C.F. Weymann mit Kolonialwaren en gros & en detail″.
Ein Blick durchs Heger Tor auf die Peitschenkneipe, zu sehen auf einer Weihnachtsgrußkarte, mit freundlicher Genehmigung des Verlags Schöning, Lübeck.
Die neue Bier-Lieferung ist eingetroffen. Die Fässer werden, vermutlich um 1966, vorsichtig in den Keller der Peitschenkneipe gerollt.
Erinnerungskrug zum 75-jährigen Jubiläum der Peitschenkneipe 1968. Sammlung Sebastian Heukamp.
Die Peitschenkneipe in der Kunst: Ölgemälde von Rainer Jansen. Offset-Druck als Jahresgabe 1988 des VVO.
Fotos/ Repro:
Rudolf Lichtenberg, Emil Harms, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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