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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
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Überschrift:
Vor 100 Jahren kochten die Bäcker vor Wut
Zwischenüberschrift:
Osnabrück im November 1920: Streit um Backofen-Kauf, die Jüngsten leiden Hunger, und der Meyerhof zu Heringen brennt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Manchmal wundert es aus heutiger Sicht, mit welchen Kleinigkeiten sich vor 100 Jahren die städtischen Kollegien″, also Magistrat und Bürgervorsteherkollegium, befassen mussten. Im November 1920 allerdings weitete sich eine vermeintliche Kleinigkeit zu einem Politikum aus.
Die Gremien, die ungefähr dieselben Aufgaben gehabt haben wie heute Verwaltungsvorstand und Rat, müssen sich damals mit den Budgetbewilligungen befassen. Dabei geht es etwa um den Anbau eines Geräteschuppens für die Feuerwehr auf der Neustadt für 3000 Mark oder die Anstellung einer neuen Schwester im Stadtkrankenhause, es wäre die 22. Schwester. 700 Mark stehen für den Neuanstrich des Akzisehauses am Johannistor zur Debatte. Das alles wird ohne Probleme durchgewinkt. Doch dann kommt die Anschaffung eines Backofens für das Stadtkrankenhaus auf die Tagesordnung.

Ordentliches Weißbrot

Die Krankenhauskommission hat sich einstimmig für die Bewilligung von 7000 Mark für den Ofen ausgesprochen. Begründung: Die Kranken brauchen einwandfreies Brot, und das Osnabrücker Krankenbrot sei längst nicht so gut wie das in anderen Städten. Es müsse hier endlich auch ein ordentliches Weißbrot″ geben. Außerdem ließen sich jährlich 10 000 Mark einsparen, wenn man selber backe.
Bürgervorsteherin Billmann weist darauf hin, dass das Marienhospital auch selber backe. Die Kranken im Stadtkrankenhaus müssten in Bezug auf Brot mit den Kranken im Marienhospital gleichgestellt werden. Bürgervorsteher Dr. Böger fordert, der Mehlverteilungskommission auf die Finger zu schauen, wo denn das gute Weißmehl eigentlich bleibe. Es gibt aber auch eine Gegenfraktion, die sich dafür ausspricht, erst noch einmal mit der Bäckerinnung zu verhandeln. Ihr sei es sicherlich Ehrensache, gutes Krankenbrot zu liefern. Die Abstimmung geht schließlich 23 zu 15 für den Backofen aus.
Der Proteststurm seitens der Bäcker- und Konditor-Zwangsinnung bleibt nicht aus: Für die Zahlung der jüngst wieder erhöhten Gewerbesteuer sei man gut genug, aber wenn es darum gehe, das Gewerbe auch zu fördern, dann stehle sich die Stadt aus der Verantwortung. Einstimmig stärken die Innungsmitglieder dem bisherigen Vertragslieferanten Bäckermeister Läer den Rücken.
Läer selbst schildert, dass er wiederholt die Lieferung von Auszugsmehl für die Kranken beantragt habe, leider vergebens. Mit der Mehlqualität, wie sie ihm und den übrigen Bäckereien geliefert werde, lasse sich von keinem Fachmann ein besseres Brot backen, von einem städtischen Krankenhausbäcker schon gar nicht. Wenn im Marienhospital angeblich ein besseres Brot hergestellt werde, dann nur deshalb, weil es als Privatunternehmen Zugang zu besserem Mehl und anderen besonderen Zutaten habe. Leider lasse die Stadt ihn im Stich.
Die Bäckermeister Berger, Mönter und Lejeune pflichten ihm bei. Sie weisen auf die vielen Backöfen in der Stadt hin, die wegen Mangels an Mehl und Kohlen kalt daständen, da sei die Aufstellung eines zusätzlichen Ofens die reinste Geldverschwendung. Außerdem sei zu befürchten, dass der Backofen nur der Anfang eines neuen städtischen Betriebes sei, der sich zu einer fühlbaren Konkurrenz des Bäckergewerbes auswachsen könne. Gegen den Beschluss müsse nachdrücklichst″ Front gemacht werden, nicht nur seitens der Bäcker, sondern auch von den Bürgervereinen und vom gesamten Handwerkerstand.

Kinder unterernährt

Rette das deutsche Kind! So lautet der Spendenaufruf des Ortsausschusses der Deutschen Kinderhilfe″. Durch die Hungerblockade während des Krieges sind 800 000 Menschen gestorben. Seit Kriegsende hat sich der allgemeine Ernährungszustand nicht gebessert. Dramatisch wirkt sich die Mangelernährung besonders bei den Zwei- bis Sechsjährigen aus. Krankheiten wie Anämie, Tuberkulose, Rachitis und die Hautkrankheit Skrofulose greifen um sich, wobei sich der Mangel an Milch besonders ungünstig auswirkt, wie die Zeitgenossen glauben. Auch ungesunde Wohnverhältnisse spielen eine Rolle. Im Wachstum sind Tausende von Kindern zurückgeblieben. Hast du dir ein reines Menschentum bewahrt, dann komme und rette mit uns, rette das deutsche Kind!″, heißt es im Aufruf zu Beginn der einwöchigen Straßensammlung.
Mit gutem Beispiel voran geht die Religionsgemeinschaft der Quäker aus den USA. Sie sorgt für täglich 2000 Portionen nahrhaften Essens, die gegen eine Schutzgebühr von je 25 Pfennig ausgegeben werden. Zuvor muss der Schularzt die Unterernährung des betreffenden Kindes nach Kriterien, die von den Quäkern vorgegeben sind, feststellen.
Ein Großfeuer vernichtet den Meyerhof zu Heringen in Hellern. Menschen kommen nicht zu Schaden, auch der Viehbestand kann bis auf ein Schaf und ein Kalb gerettet werden. Aber der Wertverlust an Gebäuden ist erheblich. Ein Wirtschaftsgebäude von so durabler, kerniger Bauart, zu dem manche alte Eiche das Holz geliefert hatte, kann heute kaum noch errichtet werden, es sei denn, daß der Erbauer Millionen opfern wollte″, schreibt das Osnabrücker Tageblatt″. Heinrich Meyer zu Heringen (1887–1923) hatte den Hof vor einigen Jahren an die Stadt verkauft, dann aber zurückgepachtet. Er steht vor den Trümmern seiner beruflichen Existenz.

Firma als Wendehals

Das Tageblatt″ entrüstet sich über eine Firma Ungemach in Schiltigheim/ Elsass. Sie überschwemme derzeit auch Osnabrücker Feinkostgeschäfte mit ihren Waren, darunter Obstkonserven, Schokoladen und Bonbons. Die Firma sei mit deutschem Kapital gegründet worden. Vor dem Kriege habe der Inhaber sich bemüht, seine deutsche Gesinnung herauszustellen. Nach dem Zusammenbruch Deutschlands und der Abtretung Elsass-Lothringens an Frankreich habe derselbe Herr Ungemach bei einem Besuch des französischen Präsidenten seine Ergebenheit unter die neue Herrschaft erklärt. Nun könnten Recht und Freiheit triumphieren, soll er gesagt haben, nachdem zuvor in deutscher Zeit das Land geschändet″ worden sei, Demütigungen, verweigerte Gerechtigkeit und Brutalität ohne Zahl″ erlitten habe. Die Zeitung hofft: Deutsche Verbraucher werden aus dem Mitgeteilten ihren Schluß zu ziehen wissen.″

Fledder versumpft

Der hintere Fledder droht zu versumpfen. Die Gärten zwischen Meller Straße und Stahlwerk liefern seit langen Jahren wegen ihrer Fruchtbarkeit vielen Einwohnern für den Hausbedarf Gemüse, Kartoffeln und sonstige Bodenerzeugnisse in guter Qualität. Seit Beginn des Krieges ist aber der Entwässerung dieser zahlreichen Landstücke aus Mangel an Arbeitskräften nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt worden. Das drückende Wasser vom Schölerberg kann nicht ausreichend abfließen. Die Genossenschaft für den hinteren Fledder ruft die Genossen zum baldigen Ausräumen und Tieferlegen der Gräben auf.
Eine heitere Anekdote, die die Zeitung wiedergibt, handelt vom Nutzen einer ländlichen Fortbildungsschule″: Nur ungern folgten viele Schüler dem Unterricht, der Lehrer hatte seine liebe Mühe. Besser wurde es, als er Beispiele des praktischen Lebens in den Unterricht einbezog. So wurde eines Tages eine Holzversteigerung durchgenommen. Die Schüler erhielten die Aufgabe, einen Aufsatz in Form eines Gesuchs an die Forstverwaltung zu schreiben, in dem wegen der hohen Holzpreise um Überlassung einiger Festmeter zum niedrigen Taxpreis gebeten wird. Der Lehrer sammelt am nächsten Tag die Aufsätze ein. Ein häufig säumiger Schüler hat ihn nicht bei sich. Auf die Frage, wo er damit geblieben sei, antwortet er trocken: Den habe ich in den Briefkasten gesteckt! Groß war das Erstaunen des Lehrers, als dieser Schüler einige Tage später erklärte, die Forstverwaltung habe aus den angegebenen Gründen das Gesuch genehmigt und ihm zehn Meter Holz zum Taxpreis reserviert. Seitdem seien auch die früheren Gegner der Schule zu eifrigen Befürwortern dieser segensreichen Einrichtung geworden, schreibt das Tageblatt″.

Bildtext:
Das Stadtkrankenhaus am Heger Tor (heute Stüvehaus der VHS) in der Zwischenkriegszeit.
Foto:
Archiv Manfred Huesmann
Autor:
Joachim Dierks


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