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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
„Möchten Hausfrauen den Einkauf erleichtern″
Zwischenüberschrift:
Zunächst nur „auf Probe″: Vor 50 Jahren begann die Wandlung der Großen Straße zur Fußgängerzone
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Im November 1970 beschloss der Osnabrücker Rat die zunächst probeweise Einrichtung von Fußgängerbereichen in der Großen Straße und der Johannisstraße. Der Einzelhandel hatte das schon länger gefordert, Skepsis kam eher von den Verkehrsplanern in der Verwaltung. Die wollten erst einen Ring von Parkhäusern und Tiefgaragen um die Innenstadt herum fertiggestellt sehen. Für die Große Straße wurde der Versuch zur Dauereinrichtung, für die Johannisstraße jedoch schon nach fünf Tagen abgebrochen.
Die Verkehrsplaner wollten nämlich erst einen Ring von Parkhäusern und Tiefgaragen um die Innenstadt herum fertiggestellt sehen.
Die Mitglieder im Verkehrsausschuss hatten zuvor neidisch in die Nachbarstädte geschielt. Von einer Besichtigungstour nach Münster und Enschede im Dezember 1969 kehrten sie begeistert zurück. Sie lobten Blumenkübel, Ruhebänke und Kaffeehaustische″ mitten auf der ehemaligen Fahrbahn, in Münster fanden sie die Schachbrettpflasterung auf der Ludgeristraße faszinierend einschließlich des Umstandes, dass die Kaufleute diese selber finanziert hatten. In Enschede entzückten sie Vitrinen, die Schmuckstück und Informationsstand″ zugleich seien.
Sie erkannten jedoch auch, dass diese Nachbarstädte es leichter gehabt hätten, den Autoverkehr aus den Haupteinkaufsstraßen zu verbannen, da die Zentren kompakter und von einem System leistungsfähiger Ringstraßen umgeben seien. In Osnabrück hingegen sei die Innenstadt lang gestreckt. Die Kette der Ladengeschäfte vom Hasetor bis zum Rosenplatz dehne sich immerhin über zwei Kilometer.
Große Straße und Johannisstraße seien gewachsene, wichtige Verbindungen zwischen Altstadt und Neustadt. Dennoch möchte der Verkehrsausschuss nicht so lange warten, bis die Sanierung der Altstadt abgeschlossen und die Parkringstraße″ verwirklicht ist. Er empfiehlt daher ein schrittweises Vorgehen″.
Stadtbaurat Carl Cromme aber bleibt skeptisch. Es bestünde bei einer Sperrung für den Autoverkehr zwischen den Einzelhandelsgebieten der südlichen Neustadt und der nördlichen Altstadt keine annehmbare Fahrverbindung″ mehr mit der Gefahr, dass die Geschäfte in Randlage benachteiligt würden. Cromme zeigt sich aber offen für die Aussperrung des Autoverkehrs an bestimmten Tagen und zu begrenzten Uhrzeiten.
So kommt es denn auch in vorsichtigen Schritten zu Fußgängerparadiesen auf Zeit″. An langen Samstagen″ an einem Samstag im Monat schloss der Einzelhandel nicht um 14, sondern erst um 18 Uhr müssen die Autos ab 14 Uhr draußen bleiben, später ausgeweitet auf alle Adventssamstage.
Der Druck des Einzelhandels in Richtung einer weitergehenden Verkehrssperre nimmt zu. Im November 1970 ist es dann so weit: Die Große Straße vom Nikolaiort bis zum Neumarkt und die Georgstraße bis zur Hase werden vom 7. November 1970 vorerst bis zum Jahresende zum Fußgängerbereich erklärt. Linienbusse dürfen weiterhin fahren, ferner die Anlieger vormittags und in den Abendstunden. Das Gleiche gilt für die Johannisstraße vom Neumarkt bis zur Süsterstraße.
Wir möchten den Hausfrauen den Einkauf erleichtern und ihnen zu einem schönen Einkaufserlebnis verhelfen″, begründet Konrad Nettelnstrot die Zustimmung der CDU-Fraktion. Unsere Redaktion fängt einige Stimmen des Mannes auf der Straße″ ein: Die meisten sind für die Verkehrsbeschränkung, einem 20-jährigen Opel-GT-Fahrer″ ist es vollkommen egal: Ich fahre selten in der Innenstadt″. Nur ein 19-jähriger Pkw-Fahrer ist dagegen: Immer auf die Autofahrer! Soll ich an meinen Schlitten Propeller anbauen?

Beschwerden

Natürlich gibt es Kinderkrankheiten und Beschwerden. Die Fußgänger misstrauen dem Frieden, bleiben zunächst wie gewohnt auf den Gehsteigen und meiden die Fahrbahn. Dann werden sie mutiger, aber sogleich durch die häufigen Busdurchfahrten erschreckt. Fahrrad- und Mopedfahrer scheren sich nicht um das Fahrverbot, obwohl es auch für sie gilt, manche Pkw-Fahrer erkennen in dem Fußgängerbereich einen bequemen Dauerparkplatz.
Alles in allem fallen die Erfahrungen in der Großen Straße aber so positiv aus, dass die Sperrung im Jahr 1971 bestehen bleibt. Den Bussen wird zunächst als Höchstgeschwindigkeit 20 km/ h vorgeschrieben. Auf Druck der SPD-Fraktion wird der Busverkehr vom 11. Dezember 1970 an während der Geschäftsöffnungszeiten ganz aus der Großen Straße herausgenommen.

Sonderfall Johannisstraße

Für die Johannisstraße kommt dagegen schon nach fünf Tagen das Aus. Anwohner der im rückwärtigen Raum liegenden Nebenstraßen haben sich beschwert, weil sie nicht mehr erreichbar sind. Der Parkplatz Große Rosenstraße kann überhaupt nur verbotswidrig über den Fußgängerbereich angefahren werden. Die Nebenstraßen sind überlastet und zugeparkt, ihre Gehwege werden teilweise als Fahrbahn missbraucht. Es herrscht Chaos.
Die Verantwortlichen müssen schließlich einsehen, dass die Einrichtung der Fußgängerzone Johannisstraße überhastet geschehen ist, ohne die Probleme auf den Ausweichstrecken vernünftig durchdacht zu haben. Der weitere Weg der nördlichen Johannisstraße zu einer eingeschränkten Fußgängerzone ist von vielen Wendungen, Enttäuschungen und Widersprüchen gekennzeichnet, die letztlich alle mit dem weiterhin für notwendig erachteten Busverkehr und dem darunter leidenden Pflaster zusammenhängen.
Der weitere Weg der Großen Straße zu einer echten″ Fußgängerzone verläuft hingegen recht zielstrebig und gradlinig. Im Dezember 1971 wird ein millionenschweres Investitionsprogramm beschlossen, das vorab die Erneuerung der Kanäle und Versorgungsleitungen, ein neues Pumpwerk und die Ertüchtigung der Hasebrücke Herrenteichsstraße vorsieht, bevor dann ein durchgängiges Pflaster ohne Bordsteine verlegt werden kann.
Der erste Teilabschnitt zwischen Nikolaiort und Georgstraße wird 1972 fertiggestellt, im Folgejahr das zweite Teilstück bis zum Neumarkt.
Am 4. Oktober 1973 übergibt Oberbürgermeister Ernst Weber (SPD) den ersten zusammenhängenden Fußgängerbereich von 710 Meter Länge an die Bürgerschaft. Waschbetonpflaster, achteckige Betonkübel und Sitzlandschaften, Kugelleuchten und Vitrinen sind als Straßenmöblierung″ der letzte Schrei. Heute erkennen wir, dass der Zeitgeschmack auch darüber hinweggegangen ist.

Bildtexte:
In den 1960er-Jahren brandet der Autoverkehr durch die Große Straße.
Der dichte Automobilverkehr lässt 1960 keinen entspannten Einkaufsbummel zu. Die Große Straße in Blickrichtung Nikolaiort.
Schwere Blumenkübel versperren im Oktober 1971 den Weg in die noch provisorische Fußgängerzone Große Straße.
Ein Paketbus der Stadtwerke steht im Dezember 1971 in der Großen Straße/ Ecke Neumarkt bereit, um dort Weihnachtseinkäufe zwischenlagern zu können.
Das war mal der letzte Schrei: Waschbetonplatten, achteckige Pflanztröge und Sitzlandschaften in der Fußgängerzone Große Straße am Nikolaiort, nach 1973 (Ansichtskarte des Verlags Herbert Kl. Maschmeyer, Osnabrück).
Fotos:
Emil Harms, Archiv Museum Industriekultur/ Christian Grovermann, Joachim Behrens, Archiv Peter Berning
Autor:
Joachim Dierks


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