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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Die Konflikte sind schon vorgezeichnet
Zwischenüberschrift:
So sollen Osnabrücks grüne Finger vor dem Salami-Schicksal bewahrt werden
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Andere Städte haben ausgedehnte Parks, Osnabrück hat die grünen Finger. Was sie an Lebensqualität bringen und wie sie dauerhaft zu sichern sind, erkunden die Stadt und die Hochschule Osnabrück mit einem Projekt, das nicht mit Friede, Freude, Eierkuchen zu Ende gehen soll. Konflikte sind vorgezeichnet.
Es war kein Zufall, dass die Stadtplaner im 20. Jahrhundert Streifen unterschiedlicher Breite von der Bebauung frei gehalten haben. Es sind Ackerflächen, Wiesen und Wälder, die sich wie die Speichen eines Rades auf das Zentrum zubewegen. Der damalige Stadtbaurat Friedrich Lehmann gilt als Vater der grünen Finger, weil er in seinem 1926 veröffentlichten Generalbebauungsplan für die Stadt Osnabrück festlegte, dass die von Natur aus gegebenen Grüngebiete″ mit den innerstädtischen Freiflächen zu verbinden seien.

Verschiedene Interessen

Seitdem wurden Lehmanns Erbstücke allerdings an unzähligen Stellen angeknabbert, um Wohnsiedlungen, Straßen und Gewerbegebiete zu schaffen. Eine Entwicklung, die kein Ende nimmt. Aktuell droht den grünen Fingern Sandbachtal, Schinkelberg und Röthebach/ Belmer Bach Gefahr durch ganz unterschiedliche städtebauliche Vorhaben.
Wie lassen sich diese radialen Freiräume trotz aller Begehrlichkeiten auch für zukünftige Generationen sichern? Dieser Aufgabe haben sich die Stadt und die Hochschule Osnabrück mit einem gemeinsamen Projekt verschrieben, das vom Bundesforschungsministerium und dem Bundesumweltministerium mit zusammen 1, 26 Millionen Euro gefördert wird. Unter dem Titel Grüne Finger für eine klimaresiliente Stadt″ tragen Wissenschaftler zusammen, welche Bedeutung die so bezeichneten Freiflächen für Mensch und Natur haben.
Zwei Jahre wird schon geforscht und dokumentiert. Inzwischen ist eine Wissensdatenbank entstanden, in der die Funktionen der grünen Finger und die entsprechenden Geodaten aufgerufen werden können, etwa Angaben zu Biotopschutz und Wasserhaushalt, Klimaresilienz und Landwirtschaft, Wegesystemen und Erholung. Im Herbst 2021 wollen Projektleiter Hubertus von Dressler und sein Team neben der Bestandsanalyse auch ein Entwicklungskonzept vorlegen. Die grünen Finger sollten nicht nur erhalten, sondern besser noch ausgebaut werden, meint der Professor für Landschaftsplanung und Landschaftspflege, und dabei dürfe das Denken keineswegs an der Stadtgrenze aufhören.
Von den Stadtbewohnern werden die grünen Finger vorrangig als Naherholungsschneisen im Betondschungel wahrgenommen, zum Luftholen, Entspannen, Spazierengehen und Radfahren. Mit dem Klimawandel bekommt außerdem ihre Rolle als Frischluftzubringer für das an Überhitzung leidende Stadtzentrum mehr Aufmerksamkeit. Ganz wichtig sind Hubertus von Dressler aber auch die Menschen, die im Freiraumsystem der grünen Finger ihren festen Platz haben. Etwa eine angehende Landwirtin, die sich ganz und gar nicht damit abfinden will, dass die Stadt ihren Ackerboden als Verfügungsfläche für die nächsten Bauvorhaben betrachtet.

Bürgerbeirat installiert

Um die Bedeutung der grünen Finger aus möglichst vielen verschiedenen Perspektiven zu dokumentieren, hat die Projektgruppe einen Bürgerbeirat installiert und zu verschiedenen Jahreszeiten samstägliche Spaziergänge (auf Neudeutsch Walks″) veranstaltet. Gerade im Corona-Jahr war dabei viel über die Wertschätzung zu erfahren, die der Nischen-Natur innerhalb bebauter Räume entgegengebracht wird.
Mit einer Schlüsselpersonengruppe erörterten die Wissenschaftler Prioritäten und Handlungsmöglichkeiten, bevor sie sich damit auch in eine Arbeitsgruppe mit Politikern wagten. Konstruktiv und vertrauensvoll sei es da zugegangen, betont Henrik Schultz, der im Projekt das Fachpaket Beteiligung leitet.
Aber die Konflikte sind schon vorgezeichnet. Der Professor für Landschaftsplanung und Regionalentwicklung konstatiert, dass es den grünen Fingern in Osnabrück trotz aller Bekenntnisse für deren Erhalt nicht anders ergehe als einer Salami, die Scheibe um Scheibe kürzer wird. Es gelte, diese Entwicklung nicht nur zu stoppen, sondern die Freiräume möglichst noch um einige Bereiche zu erweitern. Im Entwicklungskonzept soll am Ende stehen, was zur Tabufläche erklärt wird – „ möglichst mit einem politischen Beschluss″, wie Schultz meint. Wer sich in zehn Jahren doch noch mit einem Bauprojekt an einem Freiraum vergreifen wolle, müsse sich auf einen Aufschrei gefasst machen.
In ihrer Betrachtung hat die Projektgruppe auch Erfahrungen aus anderen Städten aufgegriffen, um das Beispiel Osnabrück besser einordnen zu können. So gibt es in Frankfurt das Strahlen- und Speichenkonzept, das darauf abzielt, Bäume zu pflanzen und Fassaden zu begrünen, um neue Freiräume zu schaffen. Durch die sollen Fuß- und Radwege vom Zentrum in die Peripherie führen.

Zu Freiräumen bekennen

Ähnlich ist das Konzept der acht grünen Strahlen″ in Mailand gedacht. Auch dort wollen die Planer bestehende und neue Freiräume wie einen ausgemusterten Industriestandort von Alfa Romeo nutzen, um Fußgängern und Radlern abseits der Hauptverkehrsachsen ein Angebot für den Ausflug ins Umland zu bieten.
Wer sich das auf dem Satellitenbild anschaut, entdeckt allerdings, dass es dort bislang nicht viele grüne Finger gibt, die dem Vergleich mit dem norddeutschen Friedensstädtchen standhalten. Für Hubertus von Dressler stellt sich deshalb die Frage, ob in Osnabrück erst wertvolle Flächen bebaut werden sollen, um sie später mit größter Mühe zurückzugewinnen.
Er findet, dass die Stadt sich besser jetzt zu ihren Freiräumen bekennen sollte. Das hieße aber auch, auf flächenzehrende Einfamilienhaussiedlungen künftig zu verzichten. Denn die grünen Finger, meint der Professor, die sind doch das Tafelsilber der Stadt″.

Bildtexte:
Vom Stadtrand bis zum Zentrum: So schlängelt sich der grüne Finger Nettetal durch die Siedlungen und kommt dem Osnabrücker Stadtzentrum schon sehr nahe.
Entspannung finden, ohne die Stadt zu verlassen: Das Foto entstand im grünen Finger am Rande der Wüste.
Auf Entdeckungsreise durch einen grünen Finger: Ein " Walk" durch die Gartlage.
Fotos:
Geodaten Osnabrück, Lea Nikolaus, Hannah Einhäuser
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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