User Online: 1 | Timeout: 13:22Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wenige Meter entscheiden über den Tod
Zwischenüberschrift:
Die letzten Zeitzeuginnen des Zweiten Weltkriegs: Lore Niemann und der brennende Bahnhof
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Georgsmarienhütte/ Osnabrück Der Osnabrücker Autor Christian Hardinghaus gibt in seinem neuen Buch Die verratene Generation″ Gespräche mit Zeitzeuginnen des Zweiten Weltkriegs wieder, die entweder Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten oder den Bombenkrieg in der Heimat hautnah miterlebt haben. Darin kommt auch eine Osnabrückerin vor: Lore Josepha Niemann, geborene Pötter.
Sie ist die einzige Osnabrückerin unter den zwölf ausführlich in Einzelinterviews zu Wort kommenden Frauen. Die anderen leben kreuz und quer verteilt im Bundesgebiet. Hardinghaus hat sich über seine bisherigen historischen Arbeiten ein Netzwerk aufgebaut, das ihm zu entsprechenden Kontakten verhalf. Ihm ging es bei der Auswahl darum, Frauen mit unterschiedlichen Funktionen im NS-Staat, ob Wehrmachtshelferin, Lazarettschwester oder Rüstungsarbeiterin, Frauen aus unterschiedlichen Vertreibungsgebieten und Frauen mit unterschiedlichen Erfahrungen im Bombenkrieg abzubilden. Hardinghaus kannte Lore Niemann zuvor nicht. Er entschied sich für ihre Geschichte, weil sie gleich mehrere Bombenangriffe miterlebt hatte, darunter den für sie grauenvollsten am 13. September 1944, als sie den Zug im brennenden Hauptbahnhof verlassen musste und über brennende Leichen und stöhnende Schwerverletzte stolperte.
Lore Niemann stammt aus einem behüteten Elternhaus″, wie sie es selbst beschreibt, gut katholisch, der Vater August Pötter hat ein Geschäft für Haushaltswaren, Betten, Gardinen und Stoffe an der Wesereschstraße/ Ecke Bremer Straße. Lore Josepha, wie sie laut Taufschein heißt Lore allein erschien dem Kreuzkirchen-Pfarrer als zu unchristlich″ –, geht zur Kreuzschule. Sie kommt täglich am jüdischen Gemischtwarenladen Samson David vorbei, wo sie große Teile ihres Taschengeldes für Süßigkeiten lässt. Fassungslos steht sie am 10. November 1938 nach der Reichskristallnacht vor dem verwüsteten Laden, die Gläser mit den Bonbons zerschlagen, die Lutscher im Dreck. Sie bekommt keine Antworten auf ihre Fragen, die Zusammenhänge werden beschwiegen. Ab Klasse 5 besucht sie die Ursulaschule jedenfalls solange die Nazis den Betrieb der Nonnenschule noch dulden. Damit ist es im August 1941 vorbei. Lore beginnt eine Einzelhandelslehre im Geschäft des Vaters.
Den Bombenkrieg bekommt sie vom ersten Angriff an mit. Im Juni 1940 fallen Bomben auf das Stahlwerk. Die ersten Verletzten und ein Toter werden geborgen. Ab 1942 setzen die Angriffe auf Wohngebiete ein. Lore verbringt viele Nächte mit der Familie im Luftschutzkeller. Schlimm ist das Bombardement am 13. Mai 1944, das auch Wohngebiete an der Bremer Straße heimsucht. Noch wird das Haus der Pötters verschont, aber das Haus der besten Spielkameradin ist einfach weg, nur noch ein Trümmerhaufen. Die Freundin ist mit Geschwistern und Eltern darin erschlagen worden. Ich wusste, dass genau das Gleiche auch uns hätte treffen können. Wenige Meter entscheiden über den Tod″, erinnert sich Lore Niemann. In ihrer direkten Nachbarschaft sterben 243 Menschen. Dem Vater reicht es. Er entscheidet, die Familie bei Freunden auf einem Bauernhof in Oesede unterzubringen.
Lore fährt jeden Tag mit dem Zug nach Osnabrück hinein, weil sie im Laden verkaufen muss. Bei einer dieser Fahrten durchlebt sie die grausamsten Momente ihrer bislang 92 Lebensjahre. Sie gerät in den Großangriff vom 13. September 1944. Ihr abendlicher Zug nach Oesede ist schon angefahren, hält dann aber nach wenigen Metern. Vollalarm, gellende Sirenen, alle raus aus dem Zug, alle hasten in Richtung Bahnhofsbunker. Zu spät, die Bomben fallen. Der Zug, den sie gerade verlassen hat, steht in Flammen. Es sind noch Menschen drin. Panik, Schmerzensschreie. Einige bleiben mit ihren Schuhen im glühenden Asphalt des Bahnsteigs stecken, sie sacken zusammen, ihre Kleidung fängt Feuer, keiner kann ihnen helfen. Lore überlebt.
Es folgen weitere Angriffe. Am 13. Oktober 1944 wird auch das bislang verschont gebliebene Wohn- und Geschäftshaus der Pötters vernichtet. Lores einziger Trost ist ihr Freund Joseph Niemann, den sie bei den Zugfahrten kennengelernt hat. Er ist ihre erste große Liebe. Sie bleiben zusammen und heiraten nach dem Krieg. Doch noch ist der nicht zu Ende. Lore berichtet dem Historiker Christian Hardinghaus von amerikanischen Panzertruppen, die Anfang Mai 1945 in Oesede auftauchten. Amerikaner im Osnabrücker Land? Es waren doch Briten, die Osnabrück besetzten? Hardinghaus kann das einordnen: Die Amerikaner zogen aus dem Ruhrkessel nach Nordosten, um den Briten, die von Nordwesten kamen, die südliche Flanke frei zu halten. Ihr Auftrag war, im Osnabrücker Südkreis die letzten Widerstandsnester auszuschalten. An der Stadtgrenze machten sie halt, um den Engländern dann die relativ ungestörte Einnahme der Stadt Osnabrück zu ermöglichen.″
Lore wird zur Trümmerfrau″. Mit Eltern und Geschwistern pickt sie Steine für den Wiederaufbau an der Wesereschstraße. Es gelingt, das alte Lagerhaus auf dem rückwärtigen Grundstücksteil wieder zu errichten und darin unterzukommen. Das Vorderhaus darf nicht neu entstehen, da die Stadt die Bremer Straße verbreitern will. Lore und ihr Joseph ziehen nach der Heirat 1950 nach Sutthausen. Sie schaffen einen glücklichen Neustart. Vier Kinder kommen zur Welt. Heute kann Lore ihre große Familie kaum noch zählen, mittlerweile gehören zwölf Enkel und zwölf Urenkel dazu.
Hardinghaus beschreibt im Vorwort seine Motivation zur Wahl des Themas. Er möchte jenen eine Stimme geben, die es bald nicht mehr gibt. Er möchte die letzten Zeitzeuginnen verteidigen, wenn ihnen immer wieder pauschal unterstellt wird, Hitler angehimmelt und gewählt, aber nichts gegen den Mord an Millionen Juden unternommen zu haben. Sie haben nicht nur geschwiegen, weil man sie schon vorher mit Vorurteilen überschüttet hatte, sondern auch, um überhaupt wieder ins Leben zu finden″ angesichts eigener erlittener Traumata.
14 Millionen Deutsche wurden aus ihrer Heimat vertrieben, mehr als zwei Millionen von ihnen ermordet, mindestens zwei Millionen Frauen und Mädchen vergewaltigt. Die Vertreibungsverbrechen gelten gesellschaftlich als Tabuthema, ebenso wie die Diskussion darüber, ob die alliierten Flächenbombardements mit 600 000 zivilen Opfern, darunter mehrheitlich Frauen und Kinder, Kriegsverbrechen waren. Wer diese Themen anspreche, gerate automatisch in Verdacht, die Verbrechen der Nazis relativieren zu wollen. Mutig streitet Hardinghaus für ein Überdenken unserer Erinnerungskultur.

Bildtexte:
Lore Niemann aus Osnabrück ist jetzt 92 und erfreut sich bester Gesundheit.
Lore Pötter und Joseph Niemann kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.
Pötters Haushaltswaren-Laden an der Wesereschstraße/ Ecke Bremer Straße um 1910.
Fotos:
Joachim Dierks, Archiv Niemann, Archiv NOZ

Der Autor Christian Hardinghaus

Jahrgang 1978, aufgewachsen in Osnabrück-Haste, ist Historiker, Schriftsteller und Fachjournalist . Er veröffentlicht neben Sachbüchern zu zeitgeschichtlichen Themen (Schwerpunkt Erforschung des NS-Systems und des Zweiten Weltkriegs) historische Romane sowie Thriller und Kriminalliteratur. Zu seinen wichtigsten Werken zählen eine Biografie Ferdinand Sauerbruchs, des Wehrmachts-Arztes Helmut Machemer und Die verdammte Generation: Gespräche mit den letzten Soldaten des Zweiten Weltkriegs″.
Er studierte Geschichte, Medien und Literaturwissenschaft an der Universität Osnabrück .
2011 promovierte er hier im Bereich Propaganda- und Antisemitismusforschung. 2016 erwarb Hardinghaus zudem den Abschluss für das gymnasiale Lehramt in den Fächern Deutsch und Geschichte. Hardinghaus lebt in Osnabrück und arbeitet als Schriftsteller, Lektor, beratender Historiker und freier Journalist.


Anfang der Liste Ende der Liste