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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Vom Bischof vor den Nazis gerettet
Zwischenüberschrift:
Dr. Josef Müller und seiner Frau Irmgard gelang 1938 die Flucht aus Osnabrück in die USA
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück Wenn am 9. November an die Reichspogromnacht erinnert und damit des Schicksals der früheren jüdischen Mitbürger in Osnabrück gedacht wird, fallen Emmy Feldwisch-Drentrup immer wieder die Begegnungen mit Irmgard und Dr. Josef Müller ein. Irmgard Müller war Jüdin, ihr Mann Arier″. Sie entgingen dem Holocaust nur knapp.
Die heute 98-jährige Emmy Feldwisch-Drentrup ist die Witwe des 1994 verstorbenen Architekten Josef Feldwisch-Drentrup. Er war der Hausarchitekt des Marienhospitals. Zu seinen großen Leistungen gehört der rasche Wiederaufbau des Krankenhauses nach der Kriegszerstörung.
Das Marienhospital ist auch der Verknüpfungspunkt der Lebenswege von Emmy Feldwisch-Drentrup und den Müllers. Dr. Josef Müller hatte dort 1931 die geburtshilfliche Abteilung aufgebaut. Er war gebürtiger Rheinländer und von kontaktfreudiger Natur, zugleich ein guter, ein beliebter Arzt, der Tausenden von kleinen Osnabrückern dabei half, das Licht dieser Welt zu erblicken. Kein Kind ohne Müller″, lautete damals ein gängiger Slogan.
Trennungs-Druck
Das Problem Dr. Müllers in der Nazizeit bestand darin, dass er eine Jüdin zur Frau hatte. Irmgard war zwar getaufte Katholikin, aber für die Nazis galt sie weiterhin als Jüdin. Die Partei legte Dr. Müller nahe, sich von seiner Frau zu trennen. Der wusste aber: Er konnte seine Frau nur so lange vor der Deportation bewahren, wie er zu ihr hielt. Würde er sich von ihr trennen, drohte ihr unmittelbar der Transport ins KZ.
Gleichzeitig wuchs der Druck auf Dr. Müller. Er verlor seine Stelle als Leiter der Gynäkologie, durfte am Marienhospital aber zunächst noch untergeordnet weiterarbeiten. Die NS-Kreisleitung schreckte noch davor zurück, ihn zu verhaften, weil sie um seine große Popularität in der Bevölkerung wusste. Doch das konnte sich täglich andern. Zudem setzte sich Dr. Müller weiterer Gefahr aus, indem er auch jüdische Patientinnen behandelte.
1938 drohte sich die Schlinge um Müllers Hals schließlich zuzuziehen. Bischof Wilhelm Berning erfuhr durch die besonderen Kontakte seines Generalvikariatsrats Dr. Heinrich Lünenborg zur örtlichen Parteispitze von der bevorstehenden Verhaftung der Müllers.
Der Bischof zögerte nicht lange und setzte eine Geheimaktion ins Werk. Er beauftragte Kaplan Witte aus Ostercappeln, sich zivil zu kleiden, in ein bereitgestelltes unauffälliges Auto zu steigen und zur Wohnung der Müllers am Kollegienwall zu fahren. Dort traf der Kaplan Frau Müller an, klärte sie über die in der Nacht bevorstehende Verhaftung auf und bedrängte sie, alles stehen und liegen zu lassen und mitzukommen.
Frau Müller wollte aber erst noch zur Bank. Nein, das geht nicht, wir dürfen keine Minute Zeit verlieren, sonst sind Sie morgen in Bergen-Belsen″, wurde der Kaplan deutlich.
Weiter ging es zum Marienhospital, wo sie Dr. Müller unter einem Vorwand aus dem Kreißsaal holten und zusteigen ließen. Der Kaplan brachte sie ins Emsland, ins Burtanger Moor, und dort zu einer Vertrauensperson, die sie nachts über die grüne Grenze in die Niederlande schleuste. Das Bistum hatte das Ehepaar mit ausreichend Devisen ausgestattet, damit es die Schiffspassage ab Rotterdam in die USA bezahlen konnte.
In New York trafen die Müllers einen jüdischen Fabrikanten, der sie fürs Erste aufnahm. Frau Müller konnte als Hilfsarbeiterin in dessen Handschuhfabrik arbeiten. Herrn Müllers Approbation wurde nicht anerkannt, er schob zunächst Nachtdienst als Sanitäter in einem Krankenhaus. Tagsüber büffelte er Englisch und die medizinischen Fachbegriffe in der fremden Sprache. Nach einiger Zeit absolvierte er das amerikanische Staatsexamen und erlangte die Zulassung als Arzt im amerikanischen Gesundheitssystem.
In Chicago herrsche Mangel an Frauenärzten, hieß es. Das Ehepaar zog dorthin. Dr. Müller eröffnete eine gynäkologische Praxis, die er bis ins hohe Alter erfolgreich betrieb.
Aber es gab dann auch den Faktor Heimweh. In der Nachkriegszeit kehrten die Müllers einige Male nach Osnabrück zurück, unterhielten zeitweise sogar eine Wohnung beim Friseur Hunecke in der Hasestraße.
Um 1947 entstand die Verbindung zu Josef und Emmy Feldwisch-Drentrup. Der Architekt führte den früheren Chefarzt der Gynäkologie durch das wiederaufgebaute Krankenhaus. Dr. Müller zeigte sich glücklich über die Wiederauferstehung seines″ Hospitals und war stolz darauf, Teil von dessen Geschichte zu sein.
Die Angst blieb
Die Frauen Irmgard und Emmy freundeten sich an. Irmgard war nicht so glücklich wie ihr Mann, wieder in Deutschland zu sein. Obwohl es dafür keinen Grund mehr gab, litt sie unter der Angst, wieder verhaftet zu werden, und traute sich in der ersten Zeit überhaupt nicht aus dem Haus.
Wenn Emmy sie an der Hasestraße besuchte, musste sie auf die Minute genau zur Stelle sein. Fünf Minuten vorher oder fünf Minuten später machte Irmgard nicht auf weil sie fürchtete, es könnten wieder Männer mit Ledermantel und Schlapphut vor der Tür stehen.
Emmy sagt heute, es sei kein Wunder gewesen, wenn die Frau in dieser Hinsicht kurz vor dem Wahnsinn gestanden hätte, wo sie doch im Holocaust alle Geschwister und 20 weitere nahe Verwandte verloren hatte.
Wenn Emmy sie zum Kaffee besuchte, stand immer das schneeweiße, dekorlose Porzellan auf dem Tisch. Es war gutes Porzellan aus der Königlichen Porzellan-Manufaktur in Berlin. Irmgard erzählte ihr dazu, dass es geringfügige Fehler enthalte und deshalb nicht zur Bemalung freigegeben worden war. Für Juden erschien es aber gerade gut genug zu sein. In lange zurückliegenden Zeiten hätten ihre Vorfahren es erwerben müssen, um im alten Preußen gewisse Bürgerrechte zu erlangen. Das sogenannte Judenporzellan″ hätte dazu gedient, Kaufkraft der oft vermögenden Juden abzuschöpfen. Diese Familien-Erbstücke der besonderen Art musste Irmgard bei der überstürzten Flucht 1938 in der Wohnung zurücklassen. Die Zugehfrau habe sie am nächsten Tag in der verlassenen Wohnung entdeckt und sich gedacht: Bevor die Gestapo alles einkassiert, nehme ich es lieber an mich.
Diese Putzhilfe hatte nun nach dem Krieg erfahren, dass die Müllers wieder im Lande seien. Sie hatte daraufhin nichts Eiligeres zu tun, als den Karton mit dem Porzellan aus dem Keller zu holen und es den rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben. So war Irmgard Müller kurz zuvor wieder in den Besitz ihres ererbten Judenporzellans″ gelangt, worüber sie sehr glücklich war.
Die freundschaftlichen Bande der beiden Ehepaare waren so eng, dass die Müllers einige Male in Feldwisch-Drentrups Ferienhaus im Oberbayerischen Urlaub machten. Emmy zeigt heute stolz den Schriftverkehr und Einträge der Müllers im Gästebuch.
Das ging so bis Ende der 1960er-Jahre. Damals errang die NPD gewisse Wahlerfolge. Da fürchteten die Müllers für die Bundesrepublik einen Rückfall in den Faschismus. Sie kehrten ihrer ersten Heimat endgültig den Rücken. Der Kontakt riss ab.
Emmy Feldwisch-Drentrups Enkel Hinnerk gelang es jedoch, die beiden Adoptivkinder der Müllers in den USA ausfindig zu machen. Georg und Ursula Levy, heute 90 und 85 Jahre alt, sind die leiblichen Kinder von Irmgards Schwester Lucie und deren Mann Max aus Lippstadt. Lucie und Max wurden beide Opfer des Holocausts. Die Kinder durchliefen verschiedene KZs, bis Uncle Joseph″ in den USA es schaffte, die Kinder aus Bergen-Belsen herauszuholen und in ein katholisches Internat in den Niederlanden zu schaffen, von wo er sie später zu sich und seiner Frau in die USA ausreisen ließ.
Georg hat seine Lebensgeschichte unter dem Titel Lucie′s Hope″ aufgeschrieben und darin auch einiges über seine Adoptiveltern erzählt. Man erfährt zum Beispiel, dass die Müllers schon vor 1938 einen Exil-Versuch in Brasilien starteten. Irmgard kam mit den dortigen Lebensumständen aber überhaupt nicht zurecht, sodass sie schon bald wieder nach Deutschland in die Höhle des Löwen zurückkehrten bis es dann im September 1938 unter dramatischen Umständen zur Flucht über die Niederlande und England in die USA kam.
Die Osnabrücker Holocaust-Forscherin Martina Sellmeyer, Mitautorin des Werks Stationen auf dem Weg nach Auschwitz″, stand 1985 in brieflichem Kontakt mit Irmgard Müller. Sellmeyer gibt in ihrem Standardwerk über das Schicksal der Osnabrücker Juden im Kapitel über die sogenannten Mischehen″ auch Auskunft über die Müllers.

Bildtexte:
Das Ehepaar Müller hatte sich im amerikanischen Exil eine neue Existenz aufgebaut. Bei der Flucht half ihnen Bischof Wilhelm Berning.
Dr. Josef Müller und Frau Irmgard in glücklicheren Tagen.
Emmy Feldwisch-Drentrup war mit dem Ehepaar Müller befreundet.
Das Marienhospital Osnabrück nach dem ersten Wiederaufbauabschnitt 1946.
Fotos:
Privatarchiv George Levy Mueller/ USA, Archiv Martina Sellmeyer, Joachim Dierks, Archiv MHO/ Josef Feldwisch-Drentrup
Autor:
Joachim Dierks


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