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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Freifläche für die Opfer einer Katastrophe
 
Der Platz für den Fall der Fälle
Zwischenüberschrift:
Auf dem Heger Friedhof in Osnabrück wird eine Fläche für Pandemieopfer frei gehalten
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück Eine Fläche von 6800 Quadratmetern auf dem Heger Friedhof in Osnabrück ist für den schlimmsten aller Fälle vorbehalten und ist glücklicherweise seit Einweihung des Friedhofs vor 95 Jahren unberührt. Denn mit der Corona-Krise hat der reservierte Platz nichts zu tun: Die Vorhaltung einer Pandemiefläche″ geht laut Experten wahrscheinlich auf die während der Spanischen Grippe gesammelten Erfahrungen zurück. Sollte sich die Sterberate während einer Katastrophe, etwa einer Pandemie, mehr als verdoppeln, wäre so auch weiterhin ausreichend Platz für Bestattungen vorhanden. Wie groß die frei gehaltene Fläche sein soll, wird unter anderem mithilfe makabrer Berechnungen ermittelt, bei denen Zahlen gewälzt werden, von denen wir nach Ansicht von Experten zum Glück noch weit entfernt sind.

Osnabrück Auf dem Heger Friedhof in Osnabrück gibt es eine unscheinbare Rasenfläche. Sie befindet sich unweit des Eingangs an der Rheiner Landstraße und ist rund 6800 Quadratmeter groß. Weder Urnenbeisetzungen noch Erdbestattungen dürfen auf dieser Fläche vorgenommen werden denn sie soll für Pandemien frei gehalten werden.
Dass es in Osnabrück so etwas wie eine Pandemiefläche″ gibt, wissen vermutlich nur wenige Bürger. Mit Corona hat die freie Fläche auf dem Heger Friedhof allerdings nur bedingt zu tun sie ist deutlich älter.
Wie alt? Das ist schwer zu sagen. Es gibt keine Verpflichtung für Städte und Kommunen, solche Gebiete für den Fall frei zu halten, dass es in einem kurzen Zeitraum zu einer großen Zahl von Todesfällen kommt. Doch eine Empfehlung gibt es sie geht zurück auf den nationalen Pandemieplan aus dem Jahr 2005, der sich an einem Leitfaden der WHO orientiert. Für Katastrophenfälle wie Infektionen, aber auch Naturkatastrophen oder einen Gau sollen bestimmte Flächen vorgehalten werden″, sagt Dr. Michael Albrecht, Sprecher des Verbands der Friedhofsverwalter.
Die Fläche auf dem Heger Friedhof wird aber vermutlich schon länger für Katastrophenfälle frei gehalten: Der 270 000 Quadratmeter große Friedhof wurde im Jahr 1925 eingeweiht. Seit der Friedhofsgründung wurde diese Fläche nicht angerührt″, sagt Eva Güse, Abteilungsleiterin Friedhöfe beim Osnabrücker Servicebetrieb (OSB).
Wahrscheinlich war die Entscheidung, ein bestimmtes Feld frei zu halten, von den Erfahrungen der Spanischen Grippe geprägt″, meint Dr. Martin Venne, Landschaftsarchitekt aus Kassel. Historische Belege dürften hierfür aber schwer zu finden sein.″ Venne ist Experte im Bereich Friedhofsplanung, und da seine Forschungstätigkeiten zu Friedhofsthemen durch die in Osnabrück ansässige Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert wurden, kennt er die Friedhöfe der Stadt gut.
Unter seiner Leitung hat eine Arbeitsgruppe der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL) Standards für Friedhofsplanungen im Jahr 2018 entwickelt, in denen auch Pandemieflächen eine Rolle spielen. Mitunter lesen sich die mathematischen Formeln makaber bis furchteinflößend, doch Venne winkt ab: Von diesem Worst-Case-Szenario sind wir derzeit aber Lichtjahre entfernt.″ Dennoch hier einmal beispielhaft die Formel für eine Pandemie mit schwerem Verlauf: Bei einer Stadt mit 100 000 Einwohnern gehen die Forscher in dem Fachbericht von durchschnittlich 1250 Sterbefällen pro Jahr aus, also etwa 1, 25 Prozent. Für einen Zeitraum von acht Wochen würde dies 193 Tote bedeuten. Bei einer schweren Pandemie wäre der Friedhofsbetrieb gezwungen, mehr als die doppelte Anzahl an Bestattungsfällen abzuwickeln″, heißt es in dem Fachbericht.
Um ausreichend Platz für die Bestattungen vorzuhalten, werden für 100 000 Einwohner 2646 Quadratmeter vorgesehen, sofern man von Erdbestattungen ausgeht. Sollte der Platz knapp werden, könnte durch Leichensäcke statt Särge Platz eingespart oder es könnten die Toten in den Gräbern gestapelt werden. Außerdem sollten es Flächen sein, auf die man schnell Zugriff hat und an die man mit großem Gerät herankommt″, sagt Martin Venne. Denn man müsse bedenken: In einem Land, in dem eine wie auch immer geartete Katastrophe wütet, gibt es weniger arbeitsfähige Menschen.
Dass die Fläche auf dem Heger Friedhof größer ist, als es der nationale Pandemieplan vorsieht, und dass sie in absehbarer Zeit genutzt wird, ist abwegig: Wie in den meisten anderen Städten und Kommunen gibt es auch auf den Osnabrücker Friedhöfen viele freie Flächen, sodass Friedhöfe wie der Hasefriedhof oder der Johannisfriedhof mittlerweile als Parkanlagen genutzt werden.
Natürlich haben die Menschen noch die Bilder aus Bergamo im Kopf″, sagt Michael Albrecht vom Verband der Friedhofsverwalter. Militärkonvois mussten im Frühjahr Särge aus der italienischen Stadt abtransportieren. Aber das lag nicht an zu geringen Friedhofskapazitäten, sondern daran, dass die Krematorien mit ihrer Arbeit nicht mehr hinterherkamen″, sagt Albrecht. So werde für Katastrophenfälle auch zu Erdbestattungen geraten das Verbrennen von Leichen dauere einfach zu lange.
Ähnlich wie in Osnabrück werden jedoch bundesweit Friedhöfe umgewidmet oder verkleinert. Seit einigen Jahrzehnten ist der Bedarf an Grabfläche rückläufig. Eine höhere Lebenserwartung, eine gesunkene Kindersterblichkeit, mehr Urnenbestattungen es gibt viele Gründe für diese Entwicklung. Wenn irgendwo Friedhöfe verkleinert werden, sage ich oft: Plant nicht zu knapp!″, sagt Michael Albrecht. Bedenkt, dass es die Empfehlung für Pandemieflächen gibt.″

Bildtext:
Auf dem Heger Friedhof gibt es eine Fläche, die als Pandemiefläche ausgewiesen ist. Mit dem Coronavirus hat das allerdings nichts zu tun.
Foto:
Michael Gründel
Autor:
Cornelia Achenbach


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