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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Schwarze Winkel, dunkle Flecken
Zwischenüberschrift:
Nationalsozialistische Vervolkung von "Asozialen" in Osnabrück
Artikel:
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Originaltext:
Man geht im wahrsten Sinne des Wortes über sie hinweg, ohne darüber nachzudenken, dass jeder dieser Steine die Geschichte , eines menschlichen Wesens erzählt - und dessen Tod. Die Stolpersteine dokumentieren dunkle Flecken in Osnabrücks Vergangenheit. Wir werden hier einige dieser düsteren Ecken etwas ausleuchten.

Es genügt schon der kleinste Anlass, um ins Räderwerk der braunen Vernichtungsmaschinerie″ zu geraten. Bereits geringe Verstöße gegen die herrschenden Vorstellungen von Moral und Arbeitsethos haben schnell lebensbedrohliche Konsequenzen. Aberder Schwarze Winkel als Erkennungszeichen für sogenannte asoziale″ KZ-Häftlinge steht nicht nur für Vernichtung durch Arbeit, Verhungern, Folter und Misshandlung. Nach dem Krieg liefert der Schwarze Winkel oft auch noch den Grund für die Verweigerung von Wiedergutmachung, da die erlittene KZ-Haft für Asoziale″ ja irgendwie schon berechtigt gewesen sein dürfte. Die unterschiedlichen Schicksale der hier vorgestellten Osnabrückerinnen und Osnabrücker eint deren Stigmatisierung als asozial″ oder arbeitsscheu″ sowie ihr Tod auf dem Altar des Herrenmenschentums.

PoIitisch, Arbeítsscheu, AsoziaI"
Der Auslöser ist eher nichtig, das Endergebnis mörderisch. Bei seiner ersten Verhaftung zählt Iohannes Beerlage 20 lahre. Die Gestapo-Unterlagen notieren B. wurde am 10. Februar 1941 festgenommen, weil er sich einem Zellenleiter der NSDAP gegenüber ungebührlich benommen hatte und durch sein Verhalten seinen Eltern gegenüber, die Volksgemeinschaft beeinträchtigt hatte. Er wurde nach einer Haftdauer von 10 Tagen, am 20.2.41 wieder entlassen.″ Bei einem Pflichtarbeitseinsatz zwei Monate später soll er dann durch unwürdiges Verhalten die Ruhe und den Frieden im Lager in erheblichem Masse gestört″ haben, sodass er für zwei Monate ins Arbeitserziehungslager der Gestapo in Recklinghausen eingewiesen wird.
Im Ianuar 1942 erfolgt die nächste Verhaftung: B. hatte' wiederum' die Arbeit verweigert und auch den Polier des Arbeitgebers tätlich angegriffen. Da B. ein arbeitsscheuer und sittlich verkommener Mensch ist, der nur sein Leben durch Faulenzen fristet, wurde gegen ihn bei RSHA Schutzhaft und Überweisung in einem Konzentrations Lager mit Vorschlag für die Stufe II beantragt.″ Die Unterlagen im KZ-Ravensbrück ordnen ihn in die Haftkategorie Politisch, Arbeitsscheu-Reich, Asozial″ ein. Im Männerlager des KZ Ravensbrück ist die Todesrate aufgrund von Arbeitstempo und Misshandlungen noch weitaus höher als im Frauenlager. Am 7. Juli 1942 stirbt Iohannes Beerlage dort. Sein Stolperstein am Schölerberg, Bröckerweg 22, steht unter der Patenschaft des SPD-Ortsvereins Hellern.

ArbeitsbummeIei″
Zwei Verhaftungen wegen Arbeitsbummelei″ führen dazu, das Charlotte Rieker, geborene Peussner, von der Gestapo im November 1944 zuerst in Schutzhaft genommen und anschließend ins KZ Ravensbrück eingeliefert wird.
Die genauen Umstände ihres Todes und auch das Sterbedatum sind nicht dokumentiert. Charlotte Rickert wird nach Kriegsende zum 8. Mai 1945 für tot erklärt. Der Stolperstein an der Möserstraße 29 erinnert an sie.

Arbeit nicht aufgenommen"
Für Heinrich, Stille wird die enge Zusammenarbeit von Arbeitsamt und Gestapo zum Verhängnis. Letztere notiert: Stille wurde am 19.5.1941 festgenommen, weil er die ihm vom Arbeitsamt zugewiesene Arbeit bei der Firma Hagedorn in Osnabrück nicht aufgenommen hat, sondern sich als Gelegenheitsarbeiter betätigte. Nach verantwortlicher Vernehmung und ernstlicher Warnung, wurde er am 26.5.41 wieder entlassen und dem Arbeitsamt zur Verfügung gestellt. Ihm ist die Auflage erteilt worden, sich jeden 2. Tag auf der hiesigen Dienststelle zu melden.″
Da er trotzdem eine zugewiesene Arbeit nicht aufnimmt, wird er im September in Schutzhaft″ genommen und dann ins Konzentrationslager Niederhagen in Wewelsburg bei Paderborn überstellt, einem privaten Bauprojekt von Heinrich Himmler. Die mörderischen Arbeitsbedingungen, Misshandlungen und eine Ernährungvon 600 bis 900 Kalorien am Tag führen zu täglichen Todesfallen. Heinrich Stille überlebt diese Hölle nur knapp zwei Monate und stirbt am 12. Dezember 1941. Sein Stolperstein befindet sich im Stadtteil Wüste, Hermannstraße 7, in Patenschaft des Autonomen Zentrums SubstAnz.

Beziehung mit Ausländern″
Anita Frankenberg, geborene Beckmann, erregt aufgrund Finanzieller Schwierigkeiten und dem Kindstod ihrer Zwillinge die besondere Aufmerksamkeit der nationalsozialistischen Volkspflege. Die Fürsorgeakten dokumentieren dabei die abenteuerlichsten Verfehlungen″: Am Freitag, dem 16.8.1940, hat sie in der Gastwirtschaft Gensch allein an einem Tisch gesessen, es ist anzunehmen, dass sie auf einen passenden Gesellschafter gewartet hat.″ Der letzte Eintrag der Volkswohlfahrt vermerkt: Frau Anita Frankenberg, Thomasburgstr. 35, ist von der Gestapo festgenommen, sie hat mit Ausländern unerlaubte Beziehungen unterhalten. Frau F. wird in ein Konzentrationslager überführt werden.″ Im April 1944 landet sie im KZ Ravensbrück. Am 20. Oktober 1944 spricht das Landgericht. Osnabrück die Scheidung aus aufgrund von zwei Bescheinrigungen der Geheimen Staiatspolizei aus Adenen sich ergibt, daß die Beklagte intimen Verkehr mit Ausländern gehabt hat″. Anita Frankenberg gilt seit April 1945 als vermisst. Ihre Kinder wachsen bei der Schwester, Großmutter und im Heim auf. Die Schwester beantragt nach Kriegsende Waisenrente für die Kinder und erklärt an Eides statt, dass die Ehe der Eltern meiner Mündel Frankenberg auf Anordnung der Gestapo geschieden wurde. Die Eheleute Frankenberg hatten nicht die Absicht, sich scheiden zu lassen.″ Und weiter: Meine Schwester war mit einem Franzosen befreundet. Ob es sich um ein Liebesverhältnis handelte, ist mir nicht bekannt. Ich weiß aber bestimmt, daß meine Schwester aus Mitleid und Mitgefühl Lebensmittel gegeben hat, und zwar laufend.″
Zeugen für den angeblichen Ehebruch gibt es nicht, dafür verlässt man sich bei der Ablehnung des Rentenantrags ganz auf die Unterlagen der NS-Fürsorge: Der Sonderhilfsausschuss schließt daraus, daß der verbotene Umgang mit Ausländern weder politischer Natur war, noch aus Gründen der Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft getätigt wurde.″ Im Iahr 1980 wird Anita Frankenberg vom Amtsgericht Osnabrück formal für tot erklärt - Todeszeitpunkt 31.12.1945. Ihr Stolperstein liegt im Schinkel an der Thomasburgstraße 35.

LiederIiches Wesen″
Die Familie von Alida Margarete Anna Jans befindet sich schon länger im Visier des NS-Apparates. Sie wohnt in einer Barackensiedlung am Hafen, An der Papenhütte 15 und der″ Vater gehört der KPD an. Im Alter von 16 Jahren wird Alida Ians denunziert und verwarnt. da sie über Bombenschäden in Wilhelmshaven gesprochen habe. Es erfolgt die Fürsorgeerziehung im Frauenheim Himmelsthür″ bei Hildesheim sowie eine Gefängnisstrafe auf Bewährung. Der Zwangsarbeit im Frauenheim versucht sie sich mehrmals durch Flucht zu entziehen. Der Vorsteher dieses Frauenheims berichtet ans Jugendamt Osnabrück: Nun ist sie - nachdem sie noch nicht ganz einen Monat in Stellung war - schon wieder entwichen. Gerade die letzten beiden Versager zeigen, daß Alida von ihrem liederlichen Wesen nicht lassen will. Ich bitte daher Alida der Erziehungsabteilung beim Landeswerkhaus in Moringen zu überweisen.″ Das Landeswerkhaus Moringen″ war ein Jugend-KZ. Es folgt eine Odyssee ` durch diverse Einrichtungen, ihre Gesundheit verschlechtert sich zusehends.
Im August 1944 wird sie im nicht gesunden Zustand; vom Krankenhaus ins Polizeigefängnis an der Turnerstraße verbracht. Im Novemberwird sie auf Betreiben der örtlichen Gestapo ins KZ Ravensbrück überstellt. Dort überlebt sie ganze zwei Monate. Im Jahr 1950 wird ihr Todes datum auf den 16. Januar 1945 festgelegt. Ein Entschädigungsantrag der Mutter wird abgelehnt, da Alida Jans, nicht politisch, religiös oder rassisch verfolgt worden sei. Dieser Entscheidung , liegen die Akten des Iugendamtes zugrunde, dass sie wegen asozialen Verhaltens inhaftiert worden″. sei. Der Stolperstein für Alida Iansrliegt im Stadtzentrum am Kamp 10/ 11.

Umhertreíben″ '
Hubertine Sanders wird 1941 zum ersten Mal wegen Arbeitsverweigerung″ zu zwei Monaten auf Bewährung verurteilt. Ende 1942 landet sie dann im Gerichtsgefängnis Osnabrück. Die Gestapo notiert: Die S. wurde vom Reichstreuhänder der Arbeit als notorische-Faulenzerin bezeichnet, sie war mit 50 RM bestraft worden und hat diese jedoch nicht bezahlt. Wie festgestellt wurde, ist die S. bereits von der Kripo wegen Umhertreibens und Arbeitsbummelei festgenommen worden″ und dem Richter, vorgeführt.″ Die Haft im Arbeits-Zucht-Lager in Ahaus/ Westfalen endet vorzeitig wegen guter Führung, sie wird aber laut Meldekartei Osnabrück im Iuni 1944 erneut wegen Arbeitsbummelei festgenommen″.
Ihr letzter Eintrag in der Gestapokartei vom 8.11.1944 lautet: Die S. wird mittels Sondertransports dem KL.- Ravensbrück überstellt.″ In ihrer Meldekartei wird vermerkt: l0.07.1944 Gestapo 1 Iahr- KZ″. Ihr Sterbedatum ist nicht bekannt. Hubertine Sanders wird Anfang der 50er-Iahre vom Amtsgericht für tot erklärt. Sie hinterlässt zwei Kinder im Alter von sieben und drei Jahren. Der Stolperstein be? ndet sich in der Weststadt, Adolfstraße 22.

Arbeitsscheu mit asozia/ em Einschlag″
Katharina Heuer war laut Aussage ihres Vaters aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeitsfähig. Als Grund für ihre Verhaftung im Iuli 1943 liest man in den Unterlagen: Bei der H. handelt es sich um eine arbeitsscheue Person mit stark asozialem Einschlag. Sie ist unverbesserlich und bildet für die Allgemeinheit eine Gefahr. Es ist gegen die H. Schutzhaft u. Einweisung in ein KL. Anzuordnen.″
Im September wird sie auf ärztliche Anweisung hin ins KZ Ravensbrück überführt. Am 1. Februar 1945 verstirbt sie dort laut Gestapo-Unterlagen an Lungen-Tüberkulose. Ihr Stolperstein befindet sich im Schinkel an der Bremer Straße 70.

AsozialerMischling″
Als Halbjude″ gebrandmarkt verliert Heinz Foitzick immer wieder seine Arbeit. Gleichzeitig wird ihm die beantragte Ausreise verweigert, da er als halber Deutscher″ wiederum der Wehrpflicht unterliegt. Der ständige Arbeitsplatzverlust führt schließlich zu seiner Kategorisierung als asozial″ und Deportation ins KZ Groß-Rosen. Dort wird er mit 31 Iahren im Dezember 1941 angeblich bei einer Flucht erschossen″.
Sein Stolperstein liegt heute vor einer Anlaufstelle für Wohnungslose: Bramscher Straße 11, dem jetzigen Bernhard-Schopmeyer-Haus. Hier ist ebenfalls das Redaktionsbüro- der Osnabrücker Straßenzeitung abseits.

Bildtext:
Für viele die Durchgangsstatíon Richtung KZ: Tür zur ehemaligen Gestapozelle im Schloss Osnabrück.
Bürokratie des Todes: Gestapo-Unterlagen über Alida Jans, Anita Frankenberg und Heinz Foitzíck. Drei von vielen Osnabrücker Opfern des nationalsozialistischen Regimes.
Foto:
Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht Gestapo-Karteikarten: Niedersächsisches Landesarchiv
Osnabrück Rep 439 Nr. 17601 (A. Jans), Rep 439 Nr. 10303 (A. Frankenberg), Rep 439Nr.i1oo9s' (H. Foiizick)
Autor:
Ulrich Sandhaus


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