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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Osnabrücker Persönlichkeiten, Politiker und interessierte Bürger verkaufen abseits
 
Ein Tag in der Rolle eines abseits-Verkäufers...
Zwischenüberschrift:
Aktionswoche "Wohnen ist ein Menschenrecht"
 
Ulrike Homann engagiert sich für abseits
Artikel:
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Originaltext:
Vom 21. bis zum 28. November fand die Aktionswoche ,, Wohnen ist ein Menschenrecht″ der Wohnungslosenhilfe in Nordwest-Niedersachsen statt. Die Idee war, durch verschiedene Aktionen auf die zunehmend problematische Wohnraumversorgung aufmerksamzu machen, und gleichzeitig Solidafität mit wohnungslosen Menschen zu zeigen. Die Soziale Dienste SKM gGmbH bzw. die Straßenzeitung abséits beteiligten sich mit insgesamt drei verschiedenen Aktionen an dieser Aktionswoche. Neben einer Alternativen Stadtführung und der Ausstellung ,, Ausweg Straßel? war die dritte Aktion die Einladung an Osnabrücker Persönlichkeiten, Politiker und interessierte Bürgern, selbst einmal in die Rolle eines abseits-Verkäufers zu schlüpfen, und die Zeitung einen begrenzten Zeitraum lang zu verkaufen. Mit ihrem Einsatz bekundeten sie ihre Solidarität mit den abseits-Verkäufern, die tagtäglich an ihren Pliitzen stehen und bei Wind und Wetter die Straßenzeitung an die Leser bringen. Zur Freude der Redaktion folgten viele der Einladung. Ihre Erfahrungen, die sie während oder auch nach der Aktionswoche gemacht haben, beschreiben sie uns im Folgenden.

Foto:
Thomas Osterfeld

Die Straßenzeitung abseits habe ich im Rahmen der Aktion ,, Wohnen ist ein Menschenrecht″ bei der Kunsthandlung Esch gegenüber vom Dom verkauft. Mir ist der Verkauf dort nicht schwer gefallen, da an der Stelle viele Menschen vorbei kommen und ich auch viele kenne. Mir ist klar, dass das für mich deutlich einfacher war als für die ,, regulären″ abseits-Verkäufer, die regelmäßig bei Wind und Wetter die Zeitung zum Verkauf anbieten. Darüber hinaus war es der Verkaufsstandort vom inzwischen verstorbenen abseits-Verkäufer Karl Fiedler, mit dem ich auch persönlich einen guten Kontakt gepflegt habe. " Ich fand es besonders schön, dass ich an seinem ehemaligen Verkaufsplatz verkaufen konnte.
Ich habe viele erfreuliche und positive Reaktionen während meines abseits-Verkaufs erhalten und die Aktion, die ja auch ein Zeichen der Solidarität und Unterstützung für Menschen am Rande der Gesellschaft sein soll, gern unterstützt.

Bildtext:
Dr. E. h. Fritz Brickwedde Fraktionsvorsitzender der CDU im Stadtrat
,, abseits-Verkauf nicht schwer gefallen"
Foto:
Thomas Osterfeld

Es war ein sehr kalter Tag, als ich in die Rolle eines abseits-Verkäufers schlüpfte, und die Zeitung in der Osnabrücker Innenstadt zum Kauf anbot. Ich war ziemlich durchgefroren, war aber mit meinem Verkauf ganz gut zufrieden. Meine Erfahrungen, die ich während des Verkaufs gemacht habe, waren Überwiegend positiv. Ein Jugendlicher bot mir sogar mit den Worten: ,, Das kann ich mir ja gar nicht mit ansehen″ seine Handschuhe an. Ich habe schnell gemerkt, dass abseits sehr bekannt ist, und die Stimmung mir gegenüber als abseits-Verkäufer war im allgerneinen nett und freundlich. Allerdings erlebte ich auch, dass einige Menschen sehr gleichgültig oder so mit sich selbst beschäftigt waren, dass sie mich Überhaupt nicht zur Kenntnis nahmen. Dass mir gegenüber jemand unhöfich oder sogar aggressiv wurde, habe ich nicht erlebt, ganz im Gegenteil, die meisten Käufer waren sehr großzügig. Was mich persönlich sehr nachdenklich gemacht hat, ist, dass Bekannte von mir, die mich dort mit abseits stehen sahen, bewusst wegschauten. Diese Erfahrung war sehr unschön und hinterlässt einen faden Beigeschmack bei mir.

Bildtext:
Frank Henning MdL und Fraktionsvorsitzender der SPD im Stadtrat
,, Passanten bewusst weg geschaut"
Foto:
privat

Mein Standort für den abseits-Verkauf bei der Aktion ,, Wohnen ist ein Menschenrecht″ war der Wochenmarkt am Riedenbach im Stadtteil Schölerberg. Dort habe ich mit dem abseits-Verkäufer Thomas die Zeitschrift angeboten und den Verkauf sowie die netten Kontakte als sehr harmonisch erlebt. Viele sind vorbeigekommen, die ihn oder mich kannten und mit uns Smalltalk gehalten haben. Das hat mir gezeigt, wie wichtig neben den Einnahmen auch das Gesprach und die damit verbundene - Wertschätzung fiir die Verkäufer sind! Die freundlichen Blicke, ein nettes Lächeln und die aufmunternden Wortegaben uns, gerade bei dem regnerischen Wetter, sehr viel! Während des Verkaufs hatte mir eine Frau zwar keine Zeitung abgekauft, aber einen Euro fur einen Kaffee geschenkt, den ich dankend an Thomas weiterreichte. Auf der anderen Seite gab es aber auch eine Reihe von Menschen, die uns gegenüber zuriickhaltend waren und schnell und verschämt an uns vorbei gegangen sind.
Insgesamt war der abseits-Verkauf eine sehr positive Erfahrung für mich. Ich habe großen Respekt fiir die abseits-Verkäufer, die sich im Grunde ja outen, dass sie in einer schwierigen Finanziellen oder sozialen Situation sind und möchte dazu ermuntern, das Gespriich und den Kontakt zu ihnen zu suchen!

Bildtext:
Wulf-Siegmar Mierke Vertreter der UWG im Stadtrat
Auch der freundliche Blick und das nette Lächeln zählen!
Foto:
Helga Duwendag-Strecker

Knapp zwei Stunden verkaufte ich bei Holthaus, dem Standplatz von abseits-Verkäufer Achim, die abseits. Während ich dort stand, hatte ich genügend Zeit, die vorbeigehenden Passanten zu beobachten. Einige schauten weg oder hatten wenn, nur kurzen Blickkontakt mit mir. Die Zeitung gekauft haben bei mir ausschließlich Frauen. Das hat mich nachdenklich gemacht. Leider kam, außer ,, Alles Gute″ usw. kein Gespräch zustande, und im Nachhinein hätte ich gern den Einen/ Oder Anderen gefragt, was sie von abseits und vielleicht auch den Verläufern halten, was sie über sie denken. Einmal fragte mich ein Passant nach dem abseits-Verkäufer Achim, der ja sonst bei Holthaus verkauft. Ich hielt es fiir besser, mich nicht zu erkennen zu geben und erklärte ihm, dass ich nur zur Aushilfe hier stünde. Ich machte mir Gedanken darüber, wie man sich wohl fühlt, wenn man tatsächlich ein abseits-Verkäufer ist. Es ist gar nicht so einfach, sich in eine solche Situation hineinzuversetzen. In der Markthalle gönnte ich mir zwischen durch eine kurze Pause, und war erfreut, wie freundlich man mich dort bediente, trotz meines Verkäuferausweises. Als ich schließlich in die TaWo kam, um das Geld, das ich eingenommen hatte, abzugeben, hatte ich irgendwie das Gefühl, dazuzugehören. Nach dieser Erfahrung kann ich sagen, dass ich die abseits-Verkäufer wirklich bewundere, dass sie diesen Iob machen und somit auch auf soziale Misslagen hinweisen.

Bildtext:
Giesela Brandes-Steggewentz Vertreterin der Linken im Stadtrat
Ich bewundere die Abseits-Verkäufer
Foto:
Helga Duwendag-Strecker

Auch die siebenköpfige A-Cappella Formation FISHERGIRLIS FRIENDS aus Osnabrück beteiligte sich an der Aktion ,, Wohnen ist ein Menschenrecht″. und schliipfte für ein paar Stunden in die Rolle von abseits-Verkäufern. FISHERGIRLIS FRIENDS, das sind: Michael Zimmermann, Michael Tiaden, Robert Stutzenstein, Jens Mathlage, Christoph Tiemann, Dietmar Placke und Georg Moersheim. Ihre Eindrücke, die sie während des Verkaufs sammelten, waren durchweg positiv,~ so berichtet Christoph zum Beispiel: ,, Ich hatte bei meinem kurzen Auftritt als FISHERGIRL' s-abseits-Verkäufer das Gefühl, dass viele Kunden den Zeitungskauf als alltagliches Geschäft tätigen und dabei sehr großzügig sind. Das ist sicherlich ein Verdienst der Kollegen, die täglich auf der Straße stehen″. Obwohl es an dem Tag kalt, nass und auf der Großen Straße sehr windig war, verkauften die Sieben erfreulich viele Zeitungen. Einige Kaufer zahlten ihnen auch mehr als den Verkaufspreis, was auch sicherlich daran lag, dass sie die Zeitung ,, singend″ anboten. ,, Mir war ganz schon kalt, aber ich konnte mich beim Singen aufwärmen und war zwischendurch noch Kaffee holen. Zwei Stunden einfach nur dastehen und warten?″, erzählt Robert, der sich auch Gedanken darüber gemacht hat, was die abseits-Verkäufer motiviert, ,, Über den Lohn darf ich gar nicht nachdenken, können es die paar Euros sein oder gibt es da noch andere Gründe?″. Auf jeden Fall waren sich die FISHERGIRL′S FRIENDS darüber einig, dass der abseits-Verkauf ein hartes Geschäft ist, und obwohl es ihnen Freude gemacht hat, miteinander unterwegs zu sein, und etwas Gutes zu tun, hat sie die Aktion sehr nachdenklich gemacht.

Bildtext:
Fishergirl´s Frends
,, Die Aktion hat uns auch nachdenklich gemacht"
Foto:
Thomas Osterfeld

Den Aufruf, einen Tag in die Rolle eines abseits-Verkäufers zu schlüpfen, habe ich in der letzten Ausgabe gelesen. Warum nicht, habe ich mir gedacht?
Meine Familie war skepiisch und meine Kinder fanden die Idee peinlich.
Ich nahm Kontakt mit der Redaktion auf, bekam die ersten Infos und man, begrüßte mein Vorhaben. Gerne wollte ich abseits am 5. Dezember vor meinem Wunsch-Supermarkt verkaufen. - Nach Rücksprache mit der Geschäftsführung war es dort aber nicht möglich. Wo denn dann? Spontan erklärte sich mein Friseur Bodo Werth bereit, dass ich abseits vor seinem Friseursalon verkaufen könnte. Nachdem mir am 4. Dezember in der Redaktion die Verkäuferregeln erklärt Worden waren, wurde mir von einem Redaktionsmitarbeiter ein Verkäuferausweis erstellt. Mit einem Stapel Straßenzeitungen und voller Energie freute ich mich auf den Verkauf. Als ,, Hingucker″ besorgte ich mir einen großen Aufsteller, dekorierte diesen und los ging.
Am 5. Dezember stand ich nun. um 11.15 Uhr an der Katharinenstraße 51. Es war sehr windig und mir war sehr schnell kalt. Nach fünf Minuten verkaufte ich die erste Straßenzeitung und kam mit einem älteren Ehepaar nett ins Gespräch. Dann passierte lange nichts. Viele gingen vorbei. Da in der Straße viele Fahrradfahrer unterwegs sind, hoffte ich auf ein gutes Geschäft. Eine Dame fuhr vorbei, drehte extra nochmal um und meinte, dass ich hier keinen guten Platz hätte: egal. Juhu, die zweite war verkauft. Mir wurde immer kälter. Bodo Werth fragte immer wieder, ob er mir einen Tee machen sollte. Bei seinen Kundinnen im Salon war ich mit dieser Aktion auch Gesprächsthema. Frieren, Abwarten, Geduld haben, Blicke der Passanten zulassen, Aushalten, Hoffen, da war. schnell ein Gefühl von Einsamkeit. Doch plötzlich stand eine Anwohnerin mit einer Tasse Kaffee und Keksen vor mir. Sie mieinte, sie hätte immer ihren Stamm-abseits-Verkäufer. Daher hätte sie schon die aktuelle Ausgabe, gab mir trotzdem zwei Euro und auch wir kamen ins Gespräch. Es hat mich sehr berührt, dass sie mir ihre Wertschätzung so spontan entgegen gebracht hat. Nach zwei Stunden hatte ich erst vier Zeitungen verkauft. Das kann nicht sein, dachte ich. Nach, einer Tasse Tee und einem kurzen Aufwärmen im Friseursalon packte ich alles in mein Auto und überlegte, wo ich mehr Glück hätte.
Beim nächsten Supermarkt bekam ich eine Absage, da die Marktleiterin dieses nicht spontan entscheiden konnte. Also weiter, vor dem nächsten Supermarkt stand bereits ein abseits-Verkaufer. Was nun? Fast hätte ich alles abgebrochen! Dann bin ich wieder Richtung Innenstadt. Da die Domschule den Schulhof als Parkplatz zur Verfügung stellt, dachte ich, hier läuft der Verkauf besser! Ich parkte mein Auto, holte mir das OK von einem Lehrer und stellte mich Richtung Einkaufszone auf! Hier waren viel mehr Trubel und mehr Passanten, und der Verkauf lief. Als kleines Dankeschon gab ich jedem Käufer einen kleinen Nikolaus, und wieder kam ich ins Gesprach. Aus München kommend fragte eine Frau, was das für eine Zeitung und warum der Papst darauf abgebildet sei. Plötzlich nahm das Gespräch eine Wende hin zum katholischen Glauben, Ich konnte erziihlen, dass ich letztes Jahr in Rom war und diesen Papst LIVE erlebt habe. Statt 1, 60 Euro gab mir diese Frau 10 Euro, wow! Dann traf ich Bekannte, die mich fragten: ,, was machst du hier und wieso, weshalb und warum? Und kauften ebenfalls. Meine Tochter besuchte mich sogar und wollte wissen, ob ich schon viele Zeitungen verkauft hatte.
Mir war so kalt, obwohl das Thermometer noch sieben Grad anzeigte, und ich versuchte mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal so gefroren hatte. Dabei musste ich an die Wohnungslosen, aber auch an die Flüchtlinge denken. Kein Wunder, dass immer wieder Menschen durch Erfrieren sterben. Gleichzeitig zu sehen, wie viele Leute mit dicken Tüten und Weihnachtsgeschenken in Hülle und Fülle an mir vorbeizogen, stimmte mich traurig.
Gegen 16.30 Uhr beendete ich meine Aktion, fuhr zum nächsten Supermarkt, um mir zwei Tassen Tee und ein Stück Kuchen zu gönnen. Für mich war es ein schöner Tag, denn die Begegnungen mit Menschen machen mein Leben lebenswert. Und in die Rolle der abseits-Verkäuferin schlüpfe ich gerne wieder: ganz unter dem Motto ,, sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst in dieser Welt!

Bildtext:
Ulrike Homann und Bodo Werth
Foto:
privat


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