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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Gegen das Vergessen
 
"Ihr meint, Ihr Wüsstet alles und in Wirklichkeit wisst Ihr nichts."
Zwischenüberschrift:
Über Opfer der NS-Psychiatrie
 
Interview mit Dr. Volker Issmer, Historiker und Schriftsteller
Artikel:
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Originaltext:
Anstoß für das Titelthema dieser Ausgabe ,, Gegen das Vergessen - Die Opfer der Euthanasie im Ill. Reich″ war das Buch ,, Fremde Zeit - Unsere Zeit″ von Volker lssmer, welches wir in der letzten Ausgabe vorgestellt haben. Aus diesem Lesebuch veröffentlichen wir im Folgenden exklusiv die Erzählung von ,, WiI| y″, einem Kind mit einer geistigen Behinderung, das zum Opfer der NS-Zeit wird und in der Nachkriegszeit von seiner Familie totgeschwiegen wird. Daran schließt sich ein Interview mit Volker lssmer, dem Osnabrücker Historiker, über den Hintergrund des Buches und ein Bericht der Zeitzeugin Dorothea Buck übere ihre Erfahrungen als psychisch Kranke im dritten Reich. Das Bild zeigt einen Teil des Mahnmals fiir die psychisch kranken Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Osnabrück. Sie ist am Gertrudenberg aufgesfellt.

Willy
von Volker Issmer

Sie feierten in kleinem Rahmen.
Aber schließlich war es kein runder Geburtstag. Die Großmutter war 85 geworden. Die Mutter war einige Tage vorher zu ihr gefahren und hatte bei den Vorbereitungen geholfen. Er selbst hatte sich nur einen halben Tag freinehmen können, da das Projekt, in dem er mitarbeitete, gerade in eine entscheidende Phase getreten war. Zum Glück lag seine Universität nicht weit von dem Ort entfernt, in dem die Großmutter lebte, und so war er nachmittags eingetroffen.
Die Gäste waren bereits gegangen. Die Großmutter hatte einige der Mitbewohner Zum Kaffee eingeladen, und auch die Heimleitung und der Pastor hatten hereingeschaut. Nun war sie froh, dass alles vorbei war. Aber sie freute sich sichtlich über das Kommen des jüngsten Enkels, der ihr einen Kuss gab und einen Strauß Frühlingsblumen berreichte″.
,, Schön, dass du es dir einrichten konntest″, sagfe sie. ,, Deine Mutter hat dich ja schon angekündigt. Aber sie hat auch gesagt, dass du zurzeit viel arbeiten musst. Vergiss dariiber bloß nicht, dass es auch noch was anderes gibt.″ Das war eine Anspielung darauf, dass er zurzeit keine Freundin hatte.
,, Und was sollte das sein? Aber im Ernst das mit dem Arbeiten stimmt schon″, sagte er. ,, Aber einer von den Enkeln musste ja Wohl kommen, wo wir doch früher immer alle an deinem Geburtstag da gewesen sind. Die Blumen sind übrigens von uns dreien. Haben die anderen sich schon gemeldet?
Er setzte sich zu denbeiden Frauen, lieI sich Kaffee einschenken und nahm von dem Kuchen, den sie ihm aufgehoben hatten. Währenddessen erzähte die Mutter, wie der Tag bis hier verlaufen war. Die Brüder hatten auch schon angerufen. Beiden ging es gut, und die Kinder waren gesund, was vor allem die alte Frau zu beruhigen schien. Sonst beschränkte sie sich aufs Zuhören und warf nur hin und wieder eine Bemerkung ein. Sie war müde, das war deutlich.
Doch nach einer Weile wurde sie wieder lebhafter. Sie begann zu erzählen, wie sie früher die Geburtstage gefeiert hatten, als sie noch ein junges Mädchen war und auf dem elterlichen Hof lebte. Sie erinnerte sich an Gesehenke, die sie erhalten hatte, an ihr Lieblingsessen, das es an diesem Tag gab, und an Freundinnen, die sie einladen durfte. Nach dem Kaffeetrinken hatten sie dann draußen gespielt.
,, Und der Willy hat immer am Fenster gestanden und gelacht″, sagte sie.
Willy war ein Bruder der Großmutter gewesen und im Krieg gefallen, wusste er. Aber warum hatte er am Fenster gestanden und war nicht bei den anderen draußen gewesen? Er fragte die Großmutter danach.
Sie presste die Lippen zusammen. ,, Warum willst. du das denn wissen? fragteisie zurück. Die Stimme klang auf einmal scharf. ,, Das sind doch alte Geschichten. Das interessiert doch heute keinen mehr. Ich will nicht mehr daüber sprechen!
Erstaunt blickte er sie an. Er hatte sie bisher immer als freundliche alte Frau erlebt, die mit großer Geduld auf die Enkel einging und nichts übel nahm. Er wollte fragen, was er Falsches gesagt habe. Aber die Mutter gab ihm ein Zeichen, und er unterließ es. Sie wechselten das Thema.
Als er wieder gehen musste, bot die Mutter an, ihn zum Auto zu begleiten. Sie war den Tag über nicht nach draußen gekommen und wollte sich etwas die Beine vertreten. Erverabschiedete sich von der Großmutter, die noch einmal für seinen Besuch dankte. ,, Und komm bald mal wieder″, sagte sie. Der Misston von vorhin schien vergessen.
,, Was war denn vorhin eigentlich los?″, wollte er von der Mutter wissen, sobald sie draußen waren. ,, So habe ich die Oma ja noch nie erlebt.″
,, Ich weiß es nicht″, sagte die Mutter. ,, Vielleicht war die Erinnerung einfach zu schmerzlich; Vergiss auch nicht, dass sie heute einen ziemlich anstrengenden Tag hatte.″
,, Das Weiß ich. Aber ich wollte doch nur wissen, warum der Bruder am Fenster gestanden hat und nicht draußen bei den anderen gewesen ist. Das hiitte sie doch einfach erklären konnen. Mehr wollte ich ja nicht wissen.″
,, Über ihren Bruder spricht sie sonst nicht″, sagte die Mutter. ,, Vielleicht ist ihr das vorhin nur so rausgerutscht Und als es passiert war, tat es ihr leid.″
,, Was weißt du eigentlich über diesen Bruder?″. fragte er jetzt. ,, Hat sie früher mal etwas über ihn erzäht?
,, Nein, nie; Du weißt ja, er ist im Krieg geblieben. Und das war wohl so ein Schock für die ganze Familie, dass darüber nicht gesprochen wurde.″
,, Weißt du denn wenigstens, wo er gefallen ist?
,, Auch nicht″, sagte sie kurz; ,, Und bevor du weiter fragst, sage ich dir; wir sollten respektieren, dass die Oma darüber nicht sprechen möchte. Ich werde ihr jedenfalls keine Fragen stellen.
,, Ist schon gut″, sagte er. ,, Nun fang du nicht auch noch an, ärgerliche zu werden. Ich komm mir ja vor, als ob ich etwas ganz Schlimmes getan hätte. Mir tut′s schon leid, dass ich vorhin gefragt habe. Es wird auch nicht wieder passieren.″

Trotz dieser Zusicherung hieß ihn das Erlebte nichtios. Er sprach darüber mit den Brüdern, als er am Telefon vom Besuch bei der Großmutter berichtete. Aber auch sie rieten, nicht weiterzufragen und der alten Frau ihre Ruhe zu lassen.
Er solle sich lieber auf seine Arbeit konzentrieren, sagten sie, statt auf einen langst verstorbenen Großonkel, nur weil der am Fenster gestanden und den Mädchen draußen zugelacht habe. ,, Du bist doch Psychologe. Da wirst du ja wohl herausfinden; warum er das getan hat.″ Sie nahmen den kleinen Bruder und sein Studienfach noch immer nicht ganz ernst.
Aber so schnell wollte er nicht aufgeben. Dass der Tod des Bruders für die Großmutter traumatisch gewesen sein musste, lag fur ihn auf der Hand. Offensichtlich versuchte sie, die schmerzhafte Erfahrung zu verdrängen, indem sie nicht darüber sprach. Aber das war nicht gut, wie in jedem Handbuch der Psychologie nachgelesen werden konnte. Und der Bruder war in ihren Gedanken immer noch präsent, sonst hätte sie ihn ja nicht erwahnt. Er könnte versuchen, mehr über den Toten herauszufinden. Vielleicht gab es einen Weg, um doch noch mit ihr über ihn zu sprechen. Vielleicht wäre es sogar moglich, miteinander das Grab aufzusuchen, damit sie wirklich Abschied nehmen konnte. Er wusste zwar nicht, wo es sich befand. Es mochte im Ausland liegen, in einem der damals besetzten Lander. Aber die Großmutter war ja für ihr Alter durchaus noch rüstig.
Bei der Mutter wollte er nicht noch einmal nachfragen; Sie hatte deutlich zu erkennen gegeben, dass sie sich mit dem Thema nicht mehr beschäftigen wollte. Errief den Vater an. Aber der wusste nur wenig über die Familiengeschichte seiner. Frau. ,, Zur Hochzeit haben wir die Verwandten nicht eingeladen. Die Großmutter wollte das so. Aber spater sind wir mal auf dem Hof gewesen und haben ihren anderen Bruder kennen gelernt, den Onkel deiner Mutter.
Ich erinnere mich noch, dass er sich beklagte, dass seine Schwester einen Mann von auswarts geheiratet hat und aus dem Dorf fortgezogen ist. So etwas war früher wohl nicht üblich. Da heiratete man im Dorf. Der Onkel ist lange tot. Ein Sohn hat den Hof übernommen, soviel ich weiß. Eigentlich ist es ja schade, dass kein Kontakt zwischen unseren Familien besteht. Fahr doch mal hin! Vielleicht kannst du dort mehr über Willy, herausfinden, wenn es dich so interessiert.
,, Ja, mal sehen″, sagte er. ,, Aber erzähl Mutter besser nichts davon! Sonst regt sie sich nur wieder auf.′′ Der Vater versprach es und nannte ihm auch die Adresse der Verwandten.

An einem der nächsten Wochenenden fuhr er zudem Hof, der am Rand eines Dorfes lag. Er hatte sich vorher angemeldet und wurde freundlich empfangen.
Wie sich herausstellte, wurde der Hof inzwischen von der dritten Generation bewirtschaftet, seitdem die Großmutter fortgegangen war. Der jetzige Besitzer und entfernte Vetter machte ihn mit seiner Familie bekannt. Dann führte er ihn auf dem Hof herum, der ihm bisher nur von alten Fotos und aus den Erzählungen der Großmutter bekannt war. Seit ihrer Zeit hatte sich manches verändert. Aber das alte Wohnhaus wurde immer noch genutzt, und auch der Garten lag noch an der derselben Stelle wie früher.
Er erzählte dem Vetter von dem Ausspruch der Großmutter. ,, Weißt du, wie sie das gemeint haben könnte? fragte er.
,, Vom Opa hab ich gehört, dass das sein Zimmer war.″ Der Vetter wies auf ein Fenster, das auf den Garten hinausging. ,, Er ist wohl häufig krank gewesen. Es könnte ja sein, dass er dann am Fenster stand und den Mädchen zusah, die draußen im Garten spielten.″
,, Und was Weißt du sonst über ihn?
,, Er ist jung gestorben, im Krieg.″ Dass er als Soldat gefallen sei, war dem Vetter allerdings unbekannt. Bilder von ihm besitze er auch nicht, beteuerte er. Wenn welche vorhanden gewesen seien, habe sie wohl die Schwester mitgenommen, als sie damals nach auswarts heiratete und das Dorf verließ. ,, Sie ist übrigens nie wieder zurückgekommen auf den Hof, soviel ich weiß jedenfalls. Dabei lebte mein Opa doch hier, ihr anderer Bruder Sehade eigentlich! Sonst hatten wir uns sicher früher kennen gelernt.″
,, Weißt du vielleicht; wo Willy begraben liegt?
,, Drüben auf dem Friedhof.″ Der Vetter wies in Richtung Dorf, über dessen Häuser der Turm einer Kirche emporragte. ,, Wir können nachher ja hinübergehen.″
Später standen sie an der Grabstätte der Familie. Auf einer Rasen? äche, die mit Buchsbaum eingefasst war, lagen die Graber nebeneinander, In der Mitte der Anlage erhob sich eine Stele aus dunklem Marmor, in die eine Tafel eingelassen war. Sie enthielt die Namen und Daten der Toten, die hier ruhten.
Es war ein eigenartiges Gefühl für ihn, an der Grabstatte von Vorfahren zu stehen, über die er kaum etwas wusste. Ein Teil meiner Geschichte liegt hier, dachte er und trat heran, um besser lesen zu können. Die Daten der ersten Namen verwiesen noch auf das vorletzte Jahrhundert, die Schrift war altdeutsch. Später war ein Ehepaar aufgeführt, bei dem es sich um die Eltern der Großmutter handeln musste. Der Mann war in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts verstorben, die Frau nach Kriegsende.″
,, Da steht sein Name.″ Der Vetter wies auf die Stelle. Willy war zwei Jahre älter als die Großmutter gewesen, als Todesjahr war 1943 angegeben. ,, Wenn er tatsachlich gefallen ware, dann stande ein Eisernes Kreuz dahinter″, fuhr der Vetter fort. ,, Du kennst ja wohl den Orden. Das Zeichen ? ndest du ringsum auf vielen Gräbern, als Hinweis darauf, dass der Tote als Soldat in fremder Erde liegt. Aber Willy ist tatsachlich hier bestattet worden. Er war auch nie Soldat.″
,, Aber warum hat die Großmutter es dann behauptet? Sie muss doch wissen, was aus dem Bruder geworden ist!
,, Ich werde dir jetzt etwas erzählen″, sagte der Vetter. ,, Ich habe dir vorhin nicht alles gesagt, was ich weiß, als du nach Willy fragtest. Da kannte ich dich ja noch kaum und wusste nicht, warum du solche Fragen stellst. Es geht ja auch um ein Thema, über das man nicht so gerne spricht. Aber du gehörst zur Familie, und deshalb kannst du es ruhig wissen. Willy war geistig behindert. Deshalb ließen sie ihn auch nur ganz selten aus dem Haus. Verstehst du jetzt, wieso deine Großmutter meine Großtante ist sie ja wohl sich daran erinnert, wie er immer am Fenster stand? Das hat sich ihr wohl so eingeprägt.″
,, Und wie ist Willy wirklich gestorhen?
,, Er kam zuletzt in eine Anstalt. Dort ist er dann gestorben. Das war wohl auch das Beste für ihn, hat der Opa gesagt. Die Urne wurde der Familie zugeschickt.

Während er wieder zurückfuhr, dachte er nach über das, was er vom
Vetter erfahren hatte. Die Großmutter hatte ihm also nicht die Wahrheit gesagt. Und die Mutter auch nicht, falls sie mehr wusste, als sie zugegeben hatte, was er inzwischen für möglich hielt. Es war doch offensichtlich, dass sie ihre Mutter schützen wollte. Aber wovor? Und wieso durfte er nicht die Wahrheit wissen? ,, Im Krieg geblieben″ damit war er abgespeist worden. Glaubten sie etwa, er sei immer noch der kleine Junge und könne mit der Wahrheit nicht umgehen? Seine Entrüstung wuchs. Er hatte den Vetter noch gefragt, ob er Naheres über die Umstande wisse, unter denen Willy in die Anstalt gekommen und gestorben sei. Ob es Unterlagen darüber gebe. Die Fragen wurden verneint. Aber er würde sich nicht damit zufriedengeben beschloss er jetzt. Er würde weiterfragen und nach Antworten suchen. So schnell würde er nicht aufgeben!
In den nächsten Tagen machte er mehrere Anrufe. Zuerst wandte er sich andie Anstalt, in die Willy damals eingeliefert worden war und deren Namen ihm der Vetter genannt hatte. Die Klinik, die früher die of? zielle Bezeichnung ,, Heil- und P? egeanstalt″ trug, in der Bevölkerung aber nur ,, Irrenanstalt″ hieß, war inzwischen privatisiert
worden. Auf seine Frage, ob noch Patienten-Unterlagen aus der Zeit vor 1945 vorhandent seien, erhielt er die Auskunft, man habe die Dokumente einem staatlichen Archiv übergeben.
Dort rief er als Nächstes an und trug sein Anliegen vor. Man versprach, der Anfrage nachzugehen. Einige Tage später erfuhr er, dass der Bestand an Krankenakten, den das Archiv übernommen habe, erhebliche Lücken aufweise und Unterlagen über den Gesuchten nicht auf? ndbar seien. Seine Hoffnung sank. Er gebe ihm aber den Rat, fuhr der Auskunfterteilende fort, sich mit einer Frau in Verbindung zu setzen, die über die Anstalt geforscht und vor der Privatisierung die damals Vorhandenen umfanglichen Aktenbestände durchgearbeitet habe.
Er setzte sich mi tihr in Verbindung. ,, Ich helfe Ihnen gem, soweit ich das kann″, sagte sie. ,, Einen Teil des Materials habe ich seinerzeit kopiert. Möglicherweise sind Unterlagen dabei, die später ausgesondert worden sind, aus welchen Gründen auch immer. Solche Dinge geschehen leider. Geben Sie mir etwas Zeit. Ich melde mich auf jeden Fall zurück.″ Er machte sich neue Hoffnungen. Am nächsten Tag schon kam der Anruf. ,, Sie haben Glück″, sagte die Frau. ,, In meinen Unterlagen habe ich ein Dokument gefunden, das sich auf Ihren Verwandten bezieht. Wenn Sie wollen schicke ich Ihnen eine Ablichtung zu.″ Zwei Tage später lag ein brauner Umschlag in seinem Postkasten. Er öffnete ihn und nahm drei Blätter heraus. Der Schriftkopf auf dem ersten Blatt nannte die Anstalt, in die sein Verwandter eingewiesen worden war. ,, Krankheitsverlauf″ stand in Druckbuchstaben darunter. Es folgten der Name und die Einträge in zeitlicher Abfolge.
Was er las, erschütterte ihn. Offensichtlich war die Einlieferung selbst ohne besonderer Probleme vor sich gegangen. Aber dann habe der Patient die Nahrungsaufnahme verweigert, hieß es, geschrieen und getobt, sodass er ,, ruhig gestellt″ werden musste. Wie das geschehen war, wurde nicht gesagt. Später war davon die Rede, er nässe ein und beschmiere alles mit Kot. Er sei tätlich geworden, ,, gemeingefährlich″, und man habe ihn isolieren müssen. Es handele sich um einen ,, hochgradigen Idioten″, dessen Zustand keinerlei Verbesserung erwarten lasse, so die abschließende Diagnose.
Der Leidensweg war kurz. Zwischen Einlieferung und Tod vergingen kaum drei Monate. Als Todesursache war ,, allgemeiner körperlicher und geistiger Verfall″ angegeben.
Er fragte die Frau danach, als er sie zurückrief. ,, Das ist eine Standardformel″, sagte sie. ,, die die wirklichen Gründe verschleiert. Durch meine Forschungen weiß ich, dass die Patienten in dem Zeitraum in dem auch Ihr Verwandter gestorben ist, regelrecht verhungert sind. Die Essensrationen waren so bemessen, dass ein Überleben kaum möglich war. Es war auch nicht erwünscht. Schließlich handelte es sich um lebensunwertes′ Leben, in der
Sicht des Regimes.″
Er wollte wissen, wer für die Einweisung verantwortlich war. ,, Da arbeiteten eine Reihe von Instanzen zusammen″, sagte sie. ,, Es gab den Amtsarzt, der ein Gutachten erstellte, die Abteilung für Erb- und Rassepflege und das Hauptamt fur , Volksgesundheit′, um nur einige zu nennen. Das Verfahren war durch Gesetze und Verordnungen geregelt, Wenn es Sie interessiert, kann ich Ihnen Untersuchungen zur, Thematik nennen. Das Regime war jedenfalls bemüht, jeden zu erfassen, der erbbiologisch unerwünscht war. Leider gehörte wohl auch Ihr Verwandter zu diesem Personenkreis.
,, Musste die Familie ihre Einwilligung geben? fragte er. ,, Ich habe doch schon darauf hingewiesen, dass es ein Instanzenweg war″, antwortete sie etwas ungeduldig. ,, Die Familie kam dabei nicht vor. Es mag Familien gegeben haben in denen sie eine Einlieferung verhindern konnte″, schränkte sie ein. ,, Aber das waren wohl eher Ausnahmen. Ich habe darüber auch keine Kenntnisse.″- Er bedankte sich fur die Auskünfte und legte auf.
Jetzt sah er die Zusammenhänge klar vor sich. Willy hatte in seiner Familie gelebt bis weit in die Kriegszeit hinein. Was für eine Art Leben das war, konnte ernicht beurteilen. Dafür wusste er zu wenig. Aber immerhin, Willy hatte ein Zimmer gehabt, er hatte den anderen zusehen durfen, und er hatte überlebt, 20 Jahre lang. Dann waren die Nazis gekommen, hatten ihn abgeholt und in einer Anstalt binnen kurzester Zeit verrecken lassen ,, Euthanasie″ nannten sie das ja wohl. Aber ein ,, guter Tod″ war es mit Sicherheit nicht gewesen. Das wusste er jetzt aus demsDokument.

Was fing er mit diesem Wissen an? Er hatte noch keinen Entschluss gefasst, als er zu seinem nächsten Besuch bei der Großmutter fuhr.
Sollte er ihr erzählen, dass er auf dem Hof gewesen war? Sie würde gleich Wissen, was er dort gewollt hatte. Da unterschätzte er sie nicht.
Ich kann ihr ja anbieten, die Fahrt noch einmal zu unternehmen und mit ihr das Grab aufzusuchen. Ich kann auch mit ihr zu der Anstalt fahren und ihr sagen, was ich über denTod des Bruders herausgefunden habe, mit aller Schönung natürlich. Aber Wenn sie nicht will, dann soll sie es sagen, und ich werde sie in Ruhe lassen. Sie kann das Angebot annehmen oder nicht.
Wie immer freute sie sich, dass er kam. Er erzählte von seiner Arbeit, und sie sprach davon, was sich inzwischenim Heim ereignet hatte. Ein Mitbewohner war gestorben und auf dem nahe gelegenen Friedhof beerdigt worden. ,, Weißt du eigentlich, dass ich mal eingeäschert werden. möchte? fragte sie.″ ,, Ich habe kürzlich schon mit deiner Mutter darüber gesprochen. Aber du sollst es auch wissen.″
,, Und wo möchtest du beerdigt werden? fragte er.
Sie überlegte einen Moment, dann sah sie ihn an. ,, Wie meinst du das denn? Plotzlich war ihr Blick voller Abwehr.
Er gab sich innerlich einen Ruck. ,, Ich bin vor einigen Wochen auf dem Hof gewesen″, sagte er. ,, Dabei habe ich auch den Friedhof besucht. Deshalb frage ich.″
,, Und was wolltest du dort?
,, Ich wollte Willys Grab sehen. Ich weiß jetzt auch, dass er nicht gefallen ist, sondern in einem Heim gestorben. Warum hast du mir das eigentlich nicht gesagt? Es ist doch langst bekannt, was die Nazis damals getan haben, Euthanasie und so weiter. Das ist doch etwas, worüber man sprechen kann. Ihr konntet doch nichts daür.
Sie stand auf aus ihrem Stuhl, ging zum Fenster und sah hinaus. Dann kam sie zurück und stellte sich vor ihn hin. Früher war sie eine hoch gewachsene Frau gewesen. Jetzt war sie alt und gekrümmt und rnusste zu ihrem Enkel aufsehen.
,, Du weißt gar nichts″, sagte sie. ,, Ihr glaubt heute, ihr wüsstet alles über diese Zeit. Aber in Wirklichkeit wisst ihr nichts. Mutter und ich haben uns um Willy gekümmert. Er war so gutmiitig und hat keiner Fliege was zuleide getan. Im Dorf gab es noch andere wie ihn. Die gab es doch überall, wegen der Inzucht; Den meisten anderen ist nichts passiert. Aber den Willy haben sie abgeholt Er hat so geschrieen, als sie ihn holten. Er beruhigte sich erst, als Mutter und ich in den Wagen stiegen.″ Sie fuhr sich mit den Händen über das Gesicht.
,, Und warum ausgerechnet Willy?
,, Unser Bruder wollte es so. Er war in der Partei und Ortsbauernführer. Wir müssten ein Vorbild sein, hat er gesagt.″
Aber wie konntet ihr bloß mitfahren? fragte er.
,, Was hatten wir denn tun sollen?

Die Erzählung beruht auf einer Reihe unterschiedlicher Informationen über Zusammenhänge, die mit dem NS-Massenmord an (geistig) Behinderten, der so genannten ' Euthanasie′, zu tun haben und dem Verfasser aus der Region zugetragen Worden sind.

Fotos:
Thomas Osterfeld

Herr lssmer, wie sind Sie zu den Geschichten und auf die Idee gekommen, ein solches Buch zu schreiben?
Seit den 90-er Jahren forsche ich über die regionale NS-Zeit. Dabei erhielt ich eine Fülle von Informationen wie Dokumente, Fotos unde Geschichten, die mir erzählt wurden. Auf diese Weise ist eine richtige Sammlung an NS-Themen und - Zusammenhängen entstanden.
Nach anderen Publikationsformen kam ichsschließlich auf die Idee, Kurzgeschichten zu verfassen, da, wo mir ein Zusammenhang besonders spannend oder typisch für die NS-Zeit erschien. Ich wollte mich auf die Region beschränken und die Nazizeit, den Krieg inbegriffen, erzählerisch abbilden, sodass sie leicht zugänglich ist mit möglichst vielen Zusammenhängen und Schwerpunkten. Und so, dass man eben nicht Wissenschaftler sein oder eine höhere Bildunghaben muss, sondern sich auch als ganz durchschnittlicher Mensch und Bürger, auch unabhängig von der Altersgruppe; über diese Zeit informieren kann. Daraus ist eine Sammlung von 20 Geschichten entstanden. Inzwischen habe ich gerade die vierzehnte neue Geschichte abgeschlossen, will aber noch einmal auf etwa 20 kommen und einen Fortsetzungsband machen. Ich denke, ich könnte noch lange so Weiterschreiben, aber irgendwann reicht es auch. Ich will weder das Lesepublikum überfordern noch mich. Ich habe inzwischen manchmal auch psychische Schwierigkeiten, mich so intensiv mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen.

Können Sie uns erzählen, wie der Beitrag für diese Ausgabe ganz konkret zustande gekommen ist?
Es gab mehrere Anstöße. Ich hörte von jemandem, der erfahren hatte, dass es in seiner Familie einen Toten gab, der in Zusammenhang mit der Euthanasie ums Leben gekommen war. Bis dahin war immer wieder gesagt worden, dass der Verstorbene gefallen sei. Über Unterlagen und Aussagen von anderen Familienmitgliedern stieß er aber schließlich darauf, dass es sich um einen ganz anderen Zusammenhang gehandelt hatte. Der Verstorbene war geistig behindert und unter Mitwirkung von Familienangehörigen auf den Gertrudenberg eingeliefert worden. Dort wurde er Opfer der Euthanasie. Ob er jetzt abtransportiert wurde in eine Tötungsanstalt oder an mangelnder Pflege zugrunde ging, ist nicht bekannt. Ich habe noch von anderen, ähnlich gelagerten Geschichten gehört. So entstand dann die Idee zu meiner Erzählung, die zeigen soll, rwiegverwickelt auch dieser NS-Zusammenhang ist, was Täter und Opfer betrifft und was die Schuldfrage angeht. Auch was u. U. die Familie für eine Beteiligung an Schuld haben kann. Täterschaft - Opfer in der gleichen Familie, Mitwisserschaft, Mitläufer um das, was sich in einer einzelnen Familie tabspielte, hat sich in der gesamten Gesellschaft abgespielt. Das, was hier in Osnabrück oder der Region geschehen ist, ist auch in anderen Städten und in ganz Deutschland geschehen.

Wie gehen die von Ihnen Befragten nach Ihrer Erfahrung mit der Schuldfrage um?
Deutsche Zeitzeugen zu finden, ist grundsätzlich viel schwieriger als Zeitzeugen im Ausland. Bei denen ist in der Regel klar, sie sind Opfer und sie erzählen ihre Opfergeschichte. Wenn man mit deutschen Zeitzeugen spricht, ist immer die Befürchtung da, irgendwie sind wir oder unsere Familienmitglieder in die.Zusammenhänge schuldhaft verwickelt. Da tun sich dann viele schwer zu berichten, manchmal blocken sie auch ab und wollen nichts erzählen, oder es kommen solche Aussagen wie die in meiner Erzählung: Ihr meint, ihr wüsstet alles, und in.Wirklichkeit wisst ihr nichts. Dahinter steht sicher auch die Tatsache, dass man die eigene Geschichte und möglicherweise Schuld nicht hat loswerden können. Es hat. ja keine psychologische Aufarbeitung dieser Geschichte stattgefunden. Und diese alten Menschen heute haben dann oft die Einstellung, ja, wir könnten erzählen, aber lange habt ihr es nicht wissen wollen, und ihr würdet esauch gar nicht verstehen, weil ihr diese Zeit nicht erlebt habt. Das ist die Einstellung, mit der, leider sehr oft abgeblockt wird, was dann dazu führt, dass die vorhandenen Geschichten und wichtige Informationen nicht überkommen. Ich denke, auch von jemandem wie mir und allen, die sich mit der NS-Zeit beschäftigen, ist es wichtig zu zeigen, ja, wir nehmen euch ernst, wir wollen eure Geschichitenhören und aufbewahren, damit das, was ihr berichtet, möglichst nicht wieder geschieht. Häufig wird einem auch entgegengehalten: Was hätten Sie denn damals getan, wenn Sie dabei gewesen wären? Das soll natürlich auch von Schuld entlasten. Das soll deutlich machen, ja, ich bin schuldig geworden, ich habe nicht protestiert, dass zum Beispiel der Nachbar abgeholt wurde - aber was hätten denn Sie gemacht? Ich sage dann immer, die Frage ist falsch gestellt, denn mich hätte es damals nicht gegeben., Ich, Volker lssmer, inzwischen 68 Jahre alt, bin das Produkt der Nachkriegszeit und erziehung, die, Gott sei Dank, in Richtung Freiheit und Demokratie ging. Der Mensch, der ich heute bin, der wäre ich nicht geworden, wenn ich 30 Jahre früher geboren wäre.

Können Sie uns sagen, wie des hier in unserer Region damals gewesen ist?
Soweit ich weiß war unsere Region eine ganz durchschnittliche. behinderte, geistig oder psychisch kranke Menschen gab es damals das Landeskrankenhaus. Es ist bekannt, dass über 200 Personen auf Transport gingen, die dann in Tötungseinrichtungen ihr Leben verlorenihaben. Ich denke, es wird nie mit letzter Sicherheit festgestellt werden können, wie viele Opfer es in unserer Region wirklich gegeben hat, denn wie meine Erzählung ja deutlich macht, hat man Menschen auch einfach verkommen lassen. Sie sind in ihren eigenen Exkrementen liegen gelassen worden, verhungert und verdurstet. Ich denke, da gibt es eine Reihe von Todesfällen, deren. wahre Ursachen nie in den offiziellen Unterlagen vermerkt worden sind. Ansonsten gabes in Osnabrück die Deportation der jüdischen Bevölkerung oder der Sinti, deren Geschichte allerdings noch wenig erforscht ist. Es gibt zwar Versuche, sie aufzuhellen, aber ich glaube, da ist noch viel Forschungsbedarf. Ich bin in der Gestapokartei auf eine Reihe von Eintragungen gestoßen, Wo ganze Sinti-Familien erscheinen, die in Auschwitz-Birkenau umgebracht worden sind. Dann gab es noch weitere Verfolgten-Gruppen, darunter auch die der sozial Auffälligen, der sog. Asozialen″ und Arbeitsscheuen″. Hier Schicksale aufzuzeigen, ist schwierig. Das liegt vielleicht auch daran, dass diese Gruppe damals und in der Nachkriegszeit nicht die Lobby hatte, um sich als Opfergruppe deutlich zu machen.
Was ich nicht gefunden habe und wahrscheinlich auch nicht erhalten werde, das ist die Erzählung eines sogenannten Arbeitsscheuen″, der in die Fänge der Gestapo geriet, Lagerhaft erlebte und heute noch diese Geschichte erzählen könnte. Wenn es solche Zeitzeugen gibt, werden sie sich wohl nicht outen.

Gibt es einen Punkt oder eine Geschichte, die Sie ganz besonders erschüttert hat?
Da gibt es viele. So wie die Geschichte von Willy, die jetzt in der Abseits!? abgedruckt ist. Vor allem sind es Geschichten, in denen es um soziale Ausgrenzung, Verachtung und Verspottung Einzelner durch die anderen, die Mehrheit, geht. Ich selbs bin Vertriebener. Ich bin in Schlesien geboren, meine Familie ist 1946 vertrieben worden. Der Neuanfang hier war schwer, und ich habe gewissermaßen am eigenen Leibe erfahren, was es heißt, nicht dazuzugehörenl Auch obdachlosigkeit gehört von dieser Zeit her wohl zu meinen Grundängsten. Ich glaube, die Erfahrungen der frühen Kindheit haben mich für diese Thematik sensibilisiert.
Vor kurzem machte ich einen Spaziergang mit unseren Söhnen, und da stand ein verlassenes baufalliges Haus. Ich sagte ihnen, dass es früher geheißen hätte, dass man in diesem Haus noch eine Flüchtlingsfamilie unterbringen könnte. Solche Erfahrungen sitzen.

Vielen Dank für das Interview

Das Interview führten UIrich.Sandhaus und Thomas Kater.

Nachtrag/ Anmerkung von NUSO:
Der Interviewte Volker Issmer (2016) und die Strassenzeitung " Abseits"- Redaktion (2015) wurden mit der Bürgermedallie der Stadt Osnabrück ausgezeichnet/ geehrt. Weitere ausgezeichnete/ geehrte finden Sie unter https:// www.osnabrueck.de/ politik/ auszeichnungen-der-stadt/ buergermedaille/
Autor:
Ulrich Sandhaus, Thomas Kater


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