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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Unvergleichbarer Mangel
Zwischenüberschrift:
Oktober 1920: Wohnungsnot, Kartoffelnot und Angriffe auf das städtische Orchester
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Zu Recht beklagen wir heutzutage einen Mangel an („ bezahlbarem″) Wohnraum. Dieser Mangel ist jedoch nicht vergleichbar mit den deutschen Wohnungsnöten nach den verlorenen Weltkriegen, die um Größenordnungen gravierender waren. 1920 warten an die 2000 Menschen auf halbwegs menschenwürdige, heizbare Unterbringung. Die Stadt Osnabrück greift zu Beschlagnahmungen und Zwangsvermietungen, da die Neubauprogramme keine kurzfristige Abhilfe bieten können.

Öffentliche Gebäude sind teilweise zu Wohnzwecken umgebaut worden. Im Fall der evangelischen Volksschule IV am Schützenwall/ Ledenhof erregt dies den Unmut des Elternbeirats. Ausgiebig wird in den städtischen Kollegien diskutiert, ob dem Gesuch stattgegeben werden soll, die Wohnungen im Schulgebäude aufzulösen. Die Kinder hätten doch ein Anrecht darauf, endlich wieder in normalen Klassenräumen unterrichtet zu werden und nicht zusammengepfercht in irgendwelchen Abstellkammern, sagen die Eltern. Die bekannten Argumente gehen hin und her. Ergebnis: Solange für die dort wohnenden Familien keine anderweitige Unterkunft gefunden ist, bleibt es bei den Wohnungen im Schulgebäude.

Gleichzeitig läuft der Haus- und Grundbesitzer-Verein gegen den Entwurf des neuen Reichsmietgesetzes Sturm. Es bedeute eine neue Vergewaltigung des Hausbesitzes″ und führe nur dazu, dass weniger gebaut und die Bauunterhaltung der bestehenden Mietshäuser vernachlässigt werde.

Wohnen im Kaffeehaus?

Stadtbaurat Friedrich Lehmann bringt den Antrag ein, das Kaffeehaus Schölerberg″, Voxtruper Straße 98, in Wohnraum zu verwandeln. Sechs Wohnungen ließen sich dort einrichten. Auch diese Angelegenheit wird heftig diskutiert. Befürworter verweisen darauf, dass sich dort kinderreiche Familien von Kriegsversehrten unterbringen ließen und diese guten Werke″ doch höher zu bewerten seien als die Interessen von Sonntagnachmittags-Ausflüglern. Bürgervorsteher Prechelt ist dagegen, mit Rücksicht auf das Not leidende Gastwirtsgewerbe und die Lage der dort Beschäftigten, die arbeitslos würden. Eher solle man die Norddeutsche Bierhalle″ im Alten Rathaus zu Wohnungen umnutzen oder Räume im Schloss oder in den Kasernen, wo noch große Raumverschwendung″ getrieben werde.

Bürgervorsteher Hansen meint, rings um den Schölerberg seien noch genug Kaffeewirtschaften vorhanden, da komme es auf diese eine nicht an. Als Kompromiss wird angeregt, die Wirtschaft im Erdgeschoss zu belassen und nur das Obergeschoss für drei Wohnungen einzurichten. Die Sache wird noch nicht entschieden.

Der Kampfgenossenverein der ehemaligen 78er beschwert sich über das städtische Orchester. Das habe abgelehnt, zehn bis zwölf Mann für Musik zur Beerdigung eines verdienten Kriegers von 1870/ 71, Carl van Lindt, abzustellen. 38 Bezirkskriegervereine haben die Beschwerde unterschrieben. Die Sache kommt vor die städtischen Kollegien. Senator Hermann führt als zuständiger Dezernent aus, dass das Orchester an dem betreffenden Tag dienstfrei gehabt habe, es aber trotzdem die Musik gestellt haben würde, wenn der Verein nicht bloß zehn bis zwölf Mann beantragt hätte. Für einigermaßen gute Musik sei eine Besetzung von mindestens 18 Mann erforderlich. Das sei das Orchester sich selbst und seinen Qualitätsansprüchen schuldig.

Bürgervorsteherin Billmann ist empört. In diesen Notzeiten müsse die Kapelle doch dankbar jede Gelegenheit einer Honorareinnahme wahrnehmen, um damit der Stadt weniger auf der Tasche zu liegen. Außerdem sei es bedauerlich, wenn ein Orchester nicht so viel Nationalgefühl aufbringe, einen solchen Mann zu Grabe zu geleiten. Wortführer Schweigmann pflichtet ihr bei. Erst habe es geheißen, das Orchester sei an dem Tag dienstlich verhindert gewesen, jetzt höre man auf einmal von einem freien Tag.

Außerdem bestreitet er, dass man mit zwölf Mann keine anständige Trauermusik blasen könne. Wenn jemand eine bescheidenere Trauermusik haben wolle, so müsse diese auch zu haben sein. Es zeichne ja gerade gute Orchestermusiker aus, dass sie in jeder Besetzung, und notfalls auch als Solisten, etwas Vernünftiges abliefern könnten. Für Bürgervorsteher Paul Meyer ist die Sache mit der zu geringen Besetzung die faulste Ausrede″, die er je gehört habe.

Keine Speckmusikanten″

Dagegen argumentiert Bürgervorsteher Westfälinger. Der künstlerischen Entscheidung des Orchesters müsse es überlassen bleiben, wie viel Mann für eine gute Musik erforderlich seien. Eigenartig sei es auch, dass die Kriegervereine das Orchester nur bei Beerdigungen haben wollten, bei sonstigen Anlässen aber andere Kapellen bevorzugten. Spitz fügte er hinzu, wenn die Kriegervereine selbst zu Grabe getragen würden, dann würden zwei Mann Musik allerdings genügen. Auf den entstehenden Tumult und mahnende Worte des Oberbürgermeisters hin rudert er zurück. Eine Beleidigung derjenigen Krieger, die ihr Leben für das Vaterland eingesetzt hätten, liege ihm selbstverständlich fern.

Der ganze Vorgang ist insofern merkwürdig, als ja das städtische Orchester aus der Regimentskapelle der 78er mit vielfacher personeller Kontinuität hervorgegangen ist. Mangelndes Fingerspitzengefühl in Sachen Nationalbewusstsein und militärische Ehren sind hier eher nicht zu vermuten. Senator Hermann bringt die Sache zu einem Abschluss, indem er sein Verständnis für das Orchester wiederholt. Die Musiker müssten darauf halten, dass sie auch weiterhin als Künstler und nicht als Speckmusikanten″ angesehen würden. Er kündigt aber an, sich zukünftig alle geplanten Ablehnungen von Auftritten zur Entscheidung vorlegen zu lassen.

Ebenso wie für Kartoffeln ist ab 1. Oktober auch die Zwangsbewirtschaftung von Fleisch und Vieh aufgehoben. Das Osnabrücker Tageblatt″ appelliert eindringlich an Landwirte und Handelsstufen, die neuen Freiheiten nun nicht preistreiberisch auszunutzen. Preissenkungen seien allerdings wohl auch nicht zu erwarten, nicht zuletzt wegen der herrschenden Maul- und Klauenseuche, die die Viehbestände ausgedünnt habe.

Die Kartoffelversorgung ist trotz oder vielleicht auch wegen der Freigabe äußerst problematisch. Es gelingt der Stadt nicht, die angepeilte Menge von 200 000 Zentnern für den Bedarf des nächsten Halbjahres zu annehmbaren Preisen vertraglich unter Dach und Fach zu bringen. Vorsorglich bewilligen die Gremien 70 000 Mark, mit denen die Stadt teurere Zukäufe preislich subventionieren kann.

Die Osnabrücker Bürgervereine appellieren an die landwirtschaftlichen Organisationen und an die Gemeindevorsteher der Landgemeinden, Kartoffeln nicht an auswärtige Händler oder gar an Auslandsschieber″ zu verkaufen, auch wenn die mehr als die als angemessen zu betrachtenden 20 Mark pro Zentner zu zahlen bereit seien. Sonst könne es durchaus zu terroristischer Selbsthilfe der Verbrauchermassen″ kommen.

Auch Oberhirte Bischof Berning ruft seine Schäfchen auf dem Lande auf, die eifrige und freudige Mitarbeit an der überaus wichtigen Aufgabe der Lebensmittelversorgung der Stadtbevölkerung nicht zu versagen″. Auf der anderen Seite dürfe aber auch die Stadtbevölkerung nicht durch ungerechte Verallgemeinerung die Landleute des Wuchers schmähen und vor allem nicht durch maßlose Genuß- und Vergnügungssucht den Landleuten ein schlechtes Beispiel geben″.

Zu einem Aufbegehren der Bramscher Bevölkerung kommt es am 5. Oktober. Es hat sich herumgesprochen, dass auf dem Bahnhof größere Mengen an Kartoffeln verladen werden sollen. Gegen halb elf zieht fast die gesamte Arbeiterschaft zum Bahnhof, um die Versendung der 1500 Zentner zu verhindern und die Menge für den Verkauf vor Ort frei zu bekommen. Unter dem Druck der Straße sieht sich der Aufkäufer, der für die Stadtverwaltung Herne agiert, schließlich gezwungen, die Kartoffeln in Bramsche zu lassen.

Milch für Schwerstkranke

Sorgen bereitet auch das dürftige Angebot an Milch. Die Maul- und Klauenseuche fällt in immer neue Gehöfte ein. Der Magistrat sieht sich zu weiteren Kürzungen gezwungen. So können nicht einmal Kranke auf Krankenkarten Milch erhalten. Nur für Schwerstkranke stehen den Milchhändlern einige Liter zur Verfügung. Und in dieser Situation verlangt die Wiedergutmachungskommission der Siegermächte von Deutschland die Abgabe von 810 000 Milchkühen! Der Magistrat fordert die Reichsregierung auf, entschiedenen Einspruch einzulegen.

Neben Milcherzeugnissen sind weiterhin unter anderem Fett, Speiseöl, Kunsthonig, Haferflocken und Zucker rationiert. Wonach die Osnabrücker sehnlichst verlangen, das spiegelt sich in den ausgelobten Preisen beim Preiskegeln″ wider. Es winken nicht etwa Geldsummen, sondern Lebendvieh, Schinken, Speck und Schmalz.

Bildtexte:
Die evangelische Volksschule IV am Ledenhof ist 1920 mit Wohnungen belegt. Heute steht an der Stelle die Industrie- und Handelskammer.
Erster Preis: 1 Schinken. Preiskegeln im Jahr 1920. Inserat im Osnabrücker Tageblatt vom 2. Oktober 1920.
Das Kaffeehaus Schölerberg soll ebenfalls in Wohnraum umgewandelt werden. Ansichtskarte des Verlags Emil Tapper, Osnabrück, aus der Sammlung Helmut Riecken
Fotos:
Rudolf Lichtenberg jr., Osnabrücker Tageblatt vom 2. Oktober 1920
Autor:
Joachim Dierks


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