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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Gedränge an Gleis 11
Zwischenüberschrift:
Osnabrück war im Krieg ein Schwerpunkt der „Kinderlandverschickung″
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Die Kinderlandverschickung (KLV) war eine Maßnahme des Nazi-Regimes, um Kinder während des Zweiten Weltkriegs aus den besonders von Bombenangriffen bedrohten Städten zu evakuieren. Osnabrück gehörte dazu, da es Standort kriegswichtiger Schwerindustrie und Eisenbahnknotenpunkt war. Hinzu kamen der relativ kurze Anflugweg von den Flugplätzen in Südengland und die Eignung als Ausweichziel: Wenn etwa die Wolken einen Angriff auf Berlin, Braunschweig oder Hannover vereitelt hatten, gab es immer noch die Möglichkeit, die Bombenlast auf dem Rückweg Richtung England über Osnabrück abzuladen. Die Hasestadt lag fast immer passend auf dem Weg.

Luftnotstandsgebiet″

Im Januar 1944 erklärte der Reichsverteidigungskommissar Osnabrück zum Luftnotstandsgebiet″. Damit war die Schließung der Schulen in der besonders gefährdeten Innenstadt verbunden. Betroffen waren die Rosenplatz-, Johannis-, Ledenhof-, Niedersachsen-, Altstädter und die Domschule.

Einige noch intakte Schulgebäude wurden als Lazarette benötigt. Die Kinder wurden, soweit möglich, bei Verwandten und Bekannten außerhalb der Stadt untergebracht, die jüngeren auch in Familienpflegestellen, die älteren in Heimen der Kinderlandverschickung (KLV), in denen sie weiter von Osnabrücker Lehrkräften betreut wurden.

Verschickungsorte lagen in den Niederlanden, in der Ostmark (Österreich) und im Sudetengau (Tschechien), aber auch im Osnabrücker Umland, etwa in Jeggen und Bad Essen.

Der erste Transport ins Salzburger Land umfasste 433 Schüler. Ziele waren Krimmlerhof, Wald und Mittersill im Pinzgau, St. Gilgen am Wolfgangsee und Mitterberg am Hochkönig. Diese Orte galten als absolut luftsicher″.

Die KLV wurde von der Partei und den Schulen stark propagiert. Manchen Eltern war es aber nicht recht, ihre Kinder in den ungewissen Zeiten nicht in der Nähe zu haben, andere wollten sie nicht der totalen Vereinnahmung durch die NS-Ideologie aussetzen. Sie widersetzten sich der Verschickung oder holten die Kinder vorzeitig zurück. Dagegen wandten sich Aufrufe der Partei: Eltern! Die Schuljugend gehört nicht in die Frontstadt Osnabrück! Sicher sind eure Kinder in der Kinderlandverschickung.″ Oder so: Wo geht es euren Kindern besser? Im Jagen der Alarme? Im Hasten zwischen Bunkern, Schutzgräben und Häusern? Im Hagel der Bomben? In der Unruhe der Nächte? Kinder aus luftgefährdeten Gebieten gehören aufs Land! Wenn dein Kind bereits der KLV anvertraut wurde, so hole es auf keinen Fall zurück!

Das EMA marschiert

Recht gut dokumentiert sind die klassenweisen Verschickungen von Schülern der Staatlichen Oberschule für Jungen″, dem späteren Ema-Gymnasium an der Lotter Straße. So gibt es auf der Internetseite der Schule unter ema-os.de/ kinderlandverschickung-1941-1945/ Einzelberichte, Briefe und Fotos aus den Lagern Petzer bei Trautenau (Riesengebirge), Bresnitz (Südböhmen), Schloss Eerde bei Ommen (Niederlande), Mühlbach am Hochkönig bei Bischofshofen (Österreich) und Abtenau im Salzburger Land.

Aus der Braunbergbaude″ Petzer am Südhang der Schneekoppe berichtete ein Artikel im Osnabrücker Tageblatt″ im Sommer 1941. Darin wird geschildert, wie es der Quarta der Schule dort ergeht: Der Unterricht hat durch diesen Aufenthalt keine Unterbrechung erfahren. Der Klassenlehrer der Jungen setzt ihn dort […] fort.″ Hier sei es gelungen, Klassengemeinschaften in den landschaftlich schönsten Teilen Deutschlands unterzubringen, wo die Jungen ungestört ein herrliches Jungendasein führen″.

Dem Osnabrücker Kaufmann Carl Schäffer soll im Chor geantwortet worden sein: Wir wollen gar nicht wieder weg von hier″, als er bei einem Besuch in der Braunbergbaude die Jungen fragte, wer von ihnen denn mit nach Hause wolle. Schäffer, der auf einer Geschäftsreise zu den schlesischen Glashütten war, hörte zufällig, dass Petzer nicht weit vom Wege ablag. Er entschloss sich, einmal nach seinem Jungen zu sehen, drehte bei der Gelegenheit einen Schmalfilm von ihrem Alltag und spendierte ihnen einen Ausflug nach Prag. Keine Frage, dass die Osnabrücker Leitung der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt″ (NSV) Schäffers Schilderungen und das Filmchen dankbar für Propagandazwecke einsetzte.

Streng geregelt

Die eigentliche KLV hatte es schon vor dem Krieg gegeben. Sie diente anfangs reinen Erholungszwecken für Stadtkinder. Mit Einsetzen des Bombenkriegs organisierten NSV und Hitlerjugend (HJ) dann die Erweiterte KLV″. Die Propaganda sprach niemals von Evakuierung″, sondern nur von Landverschickung″ und Unterbringung″.

Die Unterbringungen gingen meist über drei bis sechs Monate, gegen Ende des Krieges auch noch länger. Lagerleiter war ein Lehrer, der auch für den Unterricht verantwortlich war. Von der HJ-Führung zugeteilte jugendliche Lagermannschaftsführer oder Lagermädelführerinnen regelten den Tagesablauf. Der begann im Sommer um 6.30 Uhr mit Wecken, Waschen, Bettenlüften, Stubendienst und Gesundheitsappell. Um 7.30 Uhr folgten Begrüßungsspruch und Frühstück. Für den Unterricht waren vier Zeitstunden vorgesehen. Sonntags standen ein Flaggenappell und eine Morgenfeier auf dem Plan. Nach dem Mittagessen und einer Ruhestunde begann ein zeitlich straff durchorganisiertes Programm bis zum Zapfenstreich um 21 oder 21.30 Uhr.

Bischof von Galen warnt

Ziel der gesamten Evakuierungsaktion war es, die Sorgen der Bevölkerung wegen Luftangriffen zu zerstreuen und verschickte Kinder und Jugendliche vor Bomben zu bewahren. Als Vorteile der KLV stellte die Propaganda den Erholungswert heraus, die gute Ernährung, den unbeeinträchtigten Nachtschlaf und einen ungestörten Unterrichtsbetrieb. Die Unterbringung war zudem kostenlos und entlastete die Haushaltskasse der Eltern. Als Nebeneffekt konnten zurückbleibende Mütter für kriegswichtige Arbeiten freigestellt werden.

Zum ideologischen Konzept der Nationalsozialisten passte aber auch die Lagererziehung, die eine individuelle Erziehung durch Elternhaus und Halbtagsschule ablösen sollte. Das erzeugte bei vielen Eltern Unbehagen, sie befürchteten eine Entfremdung ihrer Kinder. Auch der warnende Hirtenbrief des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen, dass die Kinder in den Lagern ohne jede kirchlich-religiöse Betreuung blieben, soll einen deutlichen Rückgang der Anmeldungen zur KLV zur Folge gehabt haben.

Dennoch lässt sich der lebensrettende Effekt der KLV nicht bestreiten. Schätzungsweise 74 000 daheim gebliebene Kinder kamen bei Bombenangriffen ums Leben. Ohne KLV wären es wesentlich mehr gewesen.

Wer erkennt sich?

Die Bilder von einer Verschickungsaktion, die vermutlich das Bergische Land zum Ziel hatte, stellte uns Eisenbahnhistoriker Lothar Hülsmann zur Verfügung. Das genaue Aufnahmedatum ist unbekannt, es dürfte zwischen 1942 und 1944 liegen. Die Frage ist, ob der eine oder andere Leser der NOZ sich vielleicht unter den abgebildeten Kindern wiederentdeckt. Sie müssten schätzungsweise den Jahrgängen 1930 bis 1936 angehören. Wer sich erkennt, kann sich gerne per E-Mail an osnabrueck@ noz.de oder Telefon 0541 310-631 bei unserer Redaktion melden.

Bildtexte:
Gedränge an Gleis 11 des Osnabrücker Hauptbahnhofs: Schülerinnen stehen zum Einstieg in den Zug bereit, der sie in ein Lager der Kinderlandverschickung (KLV) bringen wird (links). Heute geht es zumeist beschaulicher auf den Bahnsteigen zu. Die Humboldt-Brücke aus Bongossi-Holz von 1990 ist schon wieder erneuerungsbedürftig.
Antreten auf dem Bahnhofsvorplatz. Auf einem Schild ist als Zielort Wermelskirchen″ zu lesen. Die Kinder tragen Verschickungskarten″ um den Hals.
Eine Polizeikapelle spielt zum Abschied Muss i denn ...″ (links). Unter den Blaskapellenklängen geht der Marsch zum Bahnsteig. Zielschilder lauten Langenfeld″ und Opladen-Schlebusch". Im Hindergrund sind Reparaturarbeiten sichtbar, die auf bereits erlittene Bombenschäden hindeuten.
Abschied nehmen: Am Fuße der alten Humboldtbrücke auf dem Bahnhofsvorplatz verabschieden Eltern ihre Kinder.

Fotos:
Samlung Lothar Hülsmann, Joachim Dierks

Richtigstellung in der NOZ vom 5.11.2020

Viele Leser erinnern sich noch
Reaktionen zu Kinderlandverschickungen

Osnabrück Am 24. Oktober hat unsere Redaktion in der Serie Zeitreise″ an die sogenannte Kinderlandverschickung (KLV) während des Zweiten Weltkriegs erinnert. Im Anschluss haben uns mehrere Leser ihre eigenen Kindheitserlebnisse aus dieser Zeit geschildert in den KLV-Lagern und, besonders eindrucksvoll, während überhasteter Rückreisen in die Heimat, als die Front näher rückte. Zeitzeuginnen, die sich auf den abgebildeten Fotos von der Abreise am Osnabrücker Hauptbahnhof wiedererkannt hätten, waren jedoch nicht darunter.
Dafür wurden wir auf einen Fehler aufmerksam gemacht. Der erwähnte Chef des Kunstgewerbehauses Schäffer, der 1941 seinen Sohn Günter im KLV-Lager Petzer im Riesengebirge (heute Tschechien) besuchte, hieß nicht Carl, sondern Ludwig Schäffer (1893–1944). Darauf wiesen uns die Nachkommen hin. Firmengründer Carl Schäffer starb 1925 und sein erstgeborener Sohn gleichen Namens bereits 1916 im Ersten Weltkrieg. Der zweite Sohn Ludwig Schäffer übernahm die Firmenleitung im Jahr 1923.
Autor:
Joachim Dierks


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