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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Leben und Arbeiten im Hafen
Zwischenüberschrift:
Am Lauten und Leisen Speicher entsteht ein neues Osnabrücker Quartier
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Von Weitem sieht es aus, als würden sich Lieko Schulze und Tom Bethge eine Pause gönnen. Aber der Theaterpädagoge und die Schauspielerin haben eine Arbeitsbesprechung. Und weil die Sonne scheint, reden sie nicht im Büro, sondern haben sich auf die Rampe des Leisen Speichers gesetzt. Im Osnabrücker Stadtteil Hafen verschwimmt Leben und Arbeit. Im Umfeld der umgebauten Getreidespeicher auf dem Gelände der ehemaligen Winkelhausen-Kaserne entwickelt sich derzeit langsam, aber sicher ein neues Stadtviertel. Es wird viel gebaut, und es siedeln sich immer mehr Geschäfte und Büros dort an. Zuletzt eröffnete das Restaurant Mellows gemeinsam mit der Kaffeerösterei Joliente im Leisen Speicher einen Gastronomiebetrieb.

Bereits im Februar nahm die Design-Agentur Hasegold ihren Betrieb im Leisen Speicher auf. Das Gebäude wird so genannt, weil dort eine Mischung aus Kreativität und Kunst entstehen soll. Im benachbarten Lauten Speicher proben vor allem Bands, die naturgemäß ein gewisses Lautstärkelevel erreichen.

Die offenen Büros bei Hasegold sehen modern aus und strahlen industriellen Charme aus. Zur Büroeinrichtung gehören auch zwei Schaukeln, auf denen Gesellschafterin Julia Amelung gern sitzt. Die 40-Jährige hat das Gebäude bei einer Führung im November 2018 kennengelernt. Ihr Kompagnon Detlef Heese kennt es schon etwas länger. Vor 30 Jahren habe er im Schatten der Gebäude Hamburger verputzt, erzählt er. Jetzt geht der Diplom-Fotodesigner in der Mittagspause ins Mellows. Manchmal kochen sie auch mit den anderen Hafenarbeitern″ ihres Teams, erzählt Diplom-Kommunikationsdesignerin Amelung.

Laut und staubig

Beiden ist anzumerken, dass sie sich in ihren neuen Büroräumen wohlfühlen. Sie wollen ehrliche Arbeit″ abliefern, deswegen passe das industrielle Interieur zu ihrer Agentur, sagen sie. Und weil Hasegold ihr Baby ist, müssen sie sich nicht verstellen, wenn sie zur Arbeit kommen. Heese empfängt seine Gesprächspartner in Shorts und Hawaii-Hemd. Das passt nicht jedem Kunden″, räumt er ein. Im Anzug zur Arbeit kommen, das will er aber nicht.

Einen Monat früher als Hasegold ist die Theaterpädagogische Werkstatt (TPW) in den Leisen Speicher eingezogen. Geschäftsführerin Anna Pallas sagt, es sei an der Zeit gewesen, sich zu verändern. Deswegen wurde der Umzug von der Langen Straße in den Hafen vollzogen. Die 63-Jährige sagt, sie wolle das entstehende Viertel im Hafen mitgestalten. Momentan sei sie aber dort noch nicht im Flow″. Es sei laut und staubig. Und es fehlten die Künstler im Leisen Speicher. Sonia Wohlfahrts Galerie Intervision sei eine Ausnahme. Zwar funktioniere der Austausch mit dem Landschaftsverband, der auf der gleichen Etage wie das TPW residiert, sehr gut. Aber Anna Pallas erhofft sich mehr Synergien in der Zukunft.

Komplett neues Quartier″

Ursprünglich war angedacht, dass sich Büros und Künstler im Leisen Speicher ansiedeln und sich gegenseitig befruchten. Wir hatten den Gedanken, ein Kreativ-Quartier zu errichten″, sagt Matthias Folkers, Gesellschafter der Osnabrücker Speicher GbR. Im November 2018 hat die Gesellschaft die Speicher gekauft. Die Leute sind hier angekommen″, sagt Folkers. Für ihn gilt das noch nicht ganz. Sein Büro unter dem Dach des Leisen Speichers wird ebenso noch umgebaut wie das Ingenieursbüro in der fünften Etage. Das ist ein komplett neues Quartier″, sagt Folkers über das Areal an den Speichern.

Er wehrt sich dagegen, es ein In- oder Hipster-Viertel″ zu nennen. Dennoch sei es im Um- und Aufbruch. Seine Gesellschaft hat ein weiteres Gebäude auf dem Gelände gekauft, in dem die britische Militärpolizei ihren Sitz hatte. Wenn es fertig ist, werden dort eine Rechtsanwaltskanzlei und ein Steuerberater einziehen, sagt er. Die von Anna Pallas angesprochenen Synergien sieht Folkers vor allem im Lauten Speicher, wo es Flächen für Ausstellungen und Theater gebe. Er weist darauf hin, dass wegen Corona Veranstaltungen abgesagt wurden. Wir starten im nächsten Jahr durch″, sagt er in Bezug auf die kulturelle Ausrichtung der Speicher.

Die Attraktivität der Speicher ist auch in der Gastronomie begründet. Das jüngste Mitglied der Speicher-Familie ist das Gastro-Kombinat Mellows und Joliente. Personal- und Service-Leiterin Daniela Lodter sagt, der Hafen sei eine Bomben-Location″. Sie fügt an: Das Konzept ist revolutionär.″ Die 46-Jährige arbeitet seit 27 Jahren in der Gastronomie. Das Mellows sei der erste Betrieb, wo man nicht weiß, was passiert″. Das empfindet sie als spannend. Daniela Lodter vergleicht die Atmosphäre mit der Speicherstadt in Hamburg. Mittags kommen hungrige Mäuler aus der Polizeidienststelle oder den neuen Firmen auf dem ehemaligen Kasernengelände. Abends wird das Areal von Musikern und Menschen aus den Stadtteilen Dodesheide, Haste oder Westerberg bevölkert, die im Mellows essen und trinken.

Innovativ und modern″

Das ist in Corona-Zeiten auch im Dock 49 möglich. Sonst ist das Restaurant nur für private Feiern geöffnet. Nun können am Abend die Gäste auf und vor der Sonnendeck″ genannten Rampe sitzen und die Sonne genießen falls sie scheint. Und es finden regelmäßig kleine Konzerte im Dock 49 statt. So kommt wenigstens etwas Geld rein.

Bereits im September 2019 ist Käpt′n Henning Wiehemeyer im Hafen vor Anker gegangen. Vorher war er nur mit seinem Food Truck unterwegs. Im Sommer gibt es am Streetfood Thursday″ spezielle Gerichte wie das tunesische Nationalgericht Shakshuka oder Poke Bowls. Seine Gäste seien ähnlich wie seine Speisen, sinniert Wiehemeyer: innovativ und modern. Hier arbeiten viele Menschen, die eine Affinität zu neuen Dingen haben.″ Anders als Detlef Heese scheut sich Wiehemeyer nicht zu sagen, dass das Areal im Hafen ein hippes Viertel ist. Und das wertet Osnabrück auf.″

Als wir an einem Donnerstagabend vorbeischauen, ist viel los am und im Lauten Speicher. Viele Gruppen proben in den insgesamt 84 Proberäumen. Eine von ihnen ist die Band Keiler. Die Haare der vier Musiker sind zum Teil ergraut. Gitarrist Wolfram ist 42 Jahre alt. Die Musik sei ein Hobby, sagt er. Deswegen trinken er und seine Kumpels beim Proben auch ein paar Bier zusammen. Das gehört dazu.″ Die Band macht laut eigener Aussage Hardcore″. Die Nachbarn sagen Krach dazu″, scherzt Sänger Bernd (42).

Vorher hat Keiler an der Petersburg geprobt. Dort wurden die Verhältnisse zum Schluss immer schlechter. Mal gab es keinen Strom, und im Winter war es kalt. Im Lauten Speicher gibt es saubere Toiletten und Fußbodenheizung. Das wissen die vier Hardcoreler von Keiler zu schätzen. Es ist aber auch nicht günstig″, merkt Wolfram an. Die Band kann sich den Proberaum nur leisten, weil sie sich die 30 Quadratmeter mit einer anderen Band teilt.

Jeder Übungsraum im Lauten Speicher trägt übrigens den Namen einer Hafenstadt. Keiler probt in Hanekenfähr. Andere Musiker haben ihre Räume Den Haag, Miami oder Finkenwerder getauft. Die Idee dazu hatte Carsten Gronewald. Er war der Kopf hinter dem Freiraum Petersburg und ist nun vor allem für die Bands Ansprechpartner und Verwalter der beiden Speicher.

Gronewald regelt das Zusammenleben im Speicher. So hat er die Studios, Musik-Studenten und Gesangslehrer in einem Teil des Speichers untergebracht; die lauten und sehr, sehr lauten Bands in einem anderen Teil. Sie kommen sie sich nicht in die Quere. Auf der sozialen Ebene bringt er die verschiedenen Musiker schon zusammen. Beim Gang durchs Haus spricht er mit vielen Bewohnern″. Er trinkt im Kiosk ein Bier mit den Leuten oder raucht eine Zigarette und schnackt mit jungen und älteren Musikern.

Familiäres Miteinander

Falls sie mal einen Satz Saiten oder ein paar Trommelstöcke oder gleich eine neue Gitarre benötigen, können die Musikanten im Laden von John Weiss einkaufen. Der 48-Jährige hat ihn Oscar Music genannt. So lautet auch sein mittlerer Name. Er spielt selbst Gitarre und hat mit seiner Band Dy Addic einen Raum im Lauten Speicher gemietet. Die Atmosphäre vor Ort findet er total angenehm″. Es ist ein entspanntes Miteinander″.

Untereinander sei man schnell beim Du. Und die Spezies Musiker scheint sehr tolerant zu sein. Fast permanent ist ein Schlagzeug oder eine laute Gitarre zu hören. Das kommt zum Baulärm dazu. Vielleicht ist aber auch der ein oder andere schon schwerhörig. Musiker sind unkompliziert″, sagt John Weiss. Deswegen gebe es auch selten Stress. Das liegt daran, dass sich die Leute hier wie zu Hause fühlen″, sagt er. In dem Kreativ-Viertel herrsche ein familiäres Miteinander.

Bildtexte:
Wie zwei Monolithen stehen sich der Leise (links) und Laute Speicher im Hafen gegenüber. Doch das Bild täuscht. Die Menschen, die darin arbeiten, wachsen immer mehr zusammen.
Die Gesellschafter der Agentur Hasegold, Julia Amelung und Detlef Heese, setzen auf offene Büros und lockeren Umgang.
Den Überblick überden Lauten und Leisen Speicher hat deren Betreiber Matthias Folkers.
In der Corona-Zeit ist das Dock 49 von Henning Wiehemeyer nicht nur für private Feiern geöffnet.
Mit den Speicherstädten in Hamburg vergleicht Daniela Lodter (Foto links) vom Restaurant Mellows das Areal am Hafen. Die Hardcore-Band Keiler spielt laut. Deswegen probtsie im Lauten Speicher auf der anderen Seite.
Fotos:
Swaantje Hehmann
Autor:
Thomas Wübker


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