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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
80-Jährige sollen ausziehen
 
Senioren sollen verpflanzt werden
Zwischenüberschrift:
Diakoniewerk will 32 Reihenhäuser abreißen / Bewohner fühlen sich getäuscht
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Sie sind um die 80, und sie haben sich darauf eingestellt, dass sie ihren Lebensabend in der Anlage für Betreutes Wohnen am Küpper-Menke-Stift verbringen können. Doch die Bewohner der Einrichtung haben ihre Pläne ohne das Diakoniewerk gemacht. Der Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirche will die 32 Reihenhäuser an der Sedan-straße abreißen, seinen Mietern bietet er eine neue Bleibe im Landwehrviertel an. Begründet wird der Schritt mit dem schlechten Zustand der Häuser. Nach mehr als 50 Jahren komme es immer wieder zu Wasserrohrbrüchen oder Heizungsausfällen, heißt es dazu. Unter den Senioren macht sich Unmut breit über das Verhalten des Diakoniewerks. Sie fühlen sich getäuscht, weil sie Hinweise haben, dass ihnen die Planung bewusst verschwiegen worden sei.

Osnabrück An der Sedanstraße will das Diakonische Werk 32 Reihenhäuser für das Betreute Wohnen abreißen, um Platz für einen Neubau zu schaffen. Die Bewohner fühlen sich getäuscht, weil die Geschäftsleitung solche Absichten bislang bestritten hatte.

Die belügen einen von vorn bis hinten″, schimpft Maria Hauke (82). Seit zwölf Jahren wohnt sie mit ihrem schwer kranken Mann in einem der Reihenhäuser am Küpper-Menke-Stift, und jetzt sollen sich die beiden eine neue Bleibe suchen. Das Diakonische Werk hat ihr und allen Nachbarn eine Wohnung im Landwehrviertel angeboten. Die Unterkunft hatte zuletzt als Flüchtlingsheim gedient.

Ich möchte da gar nicht hin″, sagt Maria Hauke, denn in den Wohnungen dort gebe es keine Küche, in der sie selber kochen könne, keinen Balkon und keinen Platz für Waschmaschine oder Trockner. Außerdem müsse sie dort den Lärm der Eisenbahn ertragen. Die Wohnungen an der Sedanstraße hätten zwar ihre Mängel, sagt sie, aber hier hat man seine Ruhe″.

Abriss in zwei Jahren

Seit einer Woche haben es die Mieter schwarz auf weiß: Das Diakoniewerk Osnabrück kündigt nach langer Überlegung und unter Abwägung aller Möglichkeiten″ an, sowohl das Pflegeheim Küpper-Menke-Stift als auch das Betreute Wohnen zurückzubauen und die Pflegeeinrichtung neu zu errichten″. Diese Entscheidung sei schweren Herzens″ gefallen, aber die wiederkehrenden Bauschäden wie Wasserrohrbrüche, Heizungsausfälle und Probleme mit den Außenfassaden machten eine Sanierung im Bestand unter wirtschaftlichen Aspekten unmöglich.

Innerhalb von zwei Jahren werde der Abriss angestrebt, teilt Geschäftsführerin Sabine Weber in dem Schreiben mit und stellt den Senioren die barrierefreie Bleibe im Landwehrviertel in Aussicht. Dort werde es auch einen Gemeinschaftsraum mit Teeküche und Terrasse geben. Wir sind zuversichtlich, mit Ihnen gemeinsam gute Wege für Ihr zukünftiges Wohnen zu finden″, schreibt die Geschäftsführerin.

Einige der Adressaten empfinden das wie Hohn. Sie haben sich darauf eingestellt, dass sie in den Reihenhäusern am Küpper-Menke-Stift ihren Lebensabend verbringen können. Nun sollen sie im hohen Alter verpflanzt werden. Lutz Jainski (80) ist vor 14 Jahren in eine der ebenerdigen Wohnungen gezogen. Er schätzt die Gemeinschaft, ist mit seinen 40 Quadratmetern zufrieden und froh, dass er für sein Auto eine Garage in der Nähe hat. All diese Vorzüge werde er wohl nirgendwo sonst bekommen, glaubt er.

Wir verstehen uns alle gut″, betont auch Fritz Rentsch (82), der seit sechs Jahren in der Anlage wohnt. So ein Zusammenleben, das werden wir wohl nicht wiederbekommen″, meint er. Als er damals noch mit seiner Frau einzog, sei die Wohnung feucht gewesen. Und dann sei auch noch der Boiler geplatzt. Um seine vier Wände in Schuss zu bringen, habe er viel Geld aufwenden müssen.

Von Gebäudeschäden und umfassenden Renovierungen berichten auch andere Mieter der Reihenhausanlage, mehrere von ihnen haben erst vor Kurzem ihre Terrassen neu pflastern lassen. Jetzt sind sie sauer, dass sie nicht früher informiert wurden über den bevorstehenden Abriss der Reihenhäuser. Ich find′s unmöglich, wie mit uns umgegangen wird″, empört sich die 75-jährige Helga Elbert. Schon längere Zeit sei geplant, die Häuser abzureißen, meint auch Ursula Weitzel (77): „ Das sind alte Bauten, die sind unrentabel″. Gleichwohl habe das Diakoniewerk ohne Vorwarnung Wohnungen neu vermietet.

Marlies Berlekamp (79) ist im November 2018 eingezogen, und für sie war damals eines klar: Ich dachte, das ist meine letzte Wohnung″. Kurze Zeit später fand sie ebenso wie ihre Nachbarn ein anonymes Schreiben in ihrem Briefkasten. Die Geschäftsleitung der Diakonie habe vor, die Wohnanlage in drei Jahren abzureißen, hieß es darin. Mindestens seit März 2018 sei das bekannt, doch die Verantwortlichen hielten diese Information zurück, hatte der Absender behauptet.

Die Reaktion kam prompt. Mit Datum vom 15. Januar 2019 teilte die Koordinatorin für Betreutes Wohnen allen Mieterinnen und Mietern am Küpper-Menke-Stift mit, dass an den Behauptungen nichts dran sei. Im Gegenteil: Dahinter stecke die erkennbare Absicht, die Mieter in Angst und Schrecken zu versetzen″.

Wie sich jetzt zeigt, war offenbar doch etwas dran an der Behauptung, dass die Reihenhäuser verschwinden sollen. Diakoniewerk-Geschäftsführerin Sabine Weber kann nachvollziehen, dass sich unter den Betroffenen Unmut breitmacht. Gegenüber unserer Redaktion machte sie aber deutlich, dass die Pläne zum Zeitpunkt des anonymen Briefes noch nicht klar gewesen seien: So eine Entscheidung, die trifft man irgendwann mal″.

Die Häuser aus den 60er-Jahren seien am Ende″ und wegen der häufigen Reparaturen nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben. Das Diakoniewerk könne seine Arbeit auf Dauer nur fortsetzen, wenn eine Weiterentwicklung möglich sei. Sie bedaure sehr, dass die Mieter durch diese Umstände in eine schwierige Lage gebracht würden, erklärte die Geschäftsführerin.

Unser Exklusivangebot″

Trotz aller Vorbehalte an der Unterkunft im Landwehrviertel sei festzuhalten, dass dort gute Bedingungen für das Betreute Wohnen geschaffen würden. Es gebe viel Grün in der Nähe, eine gute Busverbindung und einen Nahversorgungsmarkt, der auch mit dem Rollator erreichbar sei. Der Gemeinschaftsraum für alle Bewohner biete die Chance, das gute Miteinander auch weiterhin zu pflegen. Und zur Kritik an fehlenden Küchen entgegnete sie, dass es bei den Grundrissen und der Ausstattung noch Spielräume gebe.

Das ist unser Exklusivangebot″, betont Sabine Weber, niemand müsse ins Landwehrviertel ziehen. Und niemand müsse sich unter Zeitdruck entscheiden. Alles werde getan, dass wir mit unseren Mietern Wege finden″.

Bildtexte:
Die Bausubstanz ist schlecht, aber die Gemeinschaft ist gut: Das Diakonische Werk will die Reihenhäuser für das Betreute Wohnen abreißen und einen Neubau auf der Fläche errichten. Für die betroffenen Senioren ist das ein schwerer Schlag.
Dieses Gebäude im Landwehrviertel will die Diakonie für das Betreute Wohnen einrichten.
Schlechte Bausubstanz: 32 Reihenhäuser für Betreutes Wohnen am Küpper-Menke-Stift will das Diakoniewerk demnächst abreißen
Fotos:
Liudmila Jeremies, Michael Gründel, Geodaten Osnabrück

Kommentar
Was hier fehlt, ist Transparenz

Einen alten Baum soll man nicht verpflanzen, lautet ein gern zitiertes Sprichwort. Die Senioren, die sich für das Betreute Wohnen in einem Reihenhäuschen am Küpper-Menke-Stift entschieden haben, fühlen sich hinters Licht geführt. Sie haben darauf vertraut, dass sie an der Sedanstraße unbehelligt ihren Lebensabend verbringen dürfen. Da stellt sich die Frage, ob das Diakoniewerk zu viel versprochen hat.

Es ist nicht zu verkennen, dass die Häuser ihre Lebensdauer schon erreicht oder überschritten haben. Irgendwann lohnen sich die Reparaturen nicht mehr, und das Diakoniewerk sieht sich aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, die Wohnanlage aufzugeben. Das ist einleuchtend, aber nicht kompatibel mit der Lebensplanung der Bewohner. Allerdings wären sie mit einer Totalsanierung der Häuser wohl auch nicht besser dran.

Eine verfahrene Situation, in der es nur Verlierer gibt. Das Einzige, was in solchen Fällen helfen würde, wäre größtmögliche Transparenz. Allerdings nicht erst, wenn das Klima schon vergiftet ist. Es scheint, dass das Diakoniewerk den richtigen Zeitpunkt verpasst hat.

rll@ noz.de
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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