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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Chemiefabrik mitten im Wohngebiet
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Vor zehn Jahren verließ Hagedorn Osnabrück
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Originaltext:
Osnabrück Vor zehn Jahren hieß es bei der Chemiefirma Hagedorn an der Lotter Straße: Der Letzte macht das Licht aus. Nach langwierigen Verhandlungen mit der Stadt und dem Land gab die Firma im September 2010 ihren Osnabrücker Standort auf und verlagerte die Produktion nach Lingen-Schepsdorf. Der Weg für die städtebauliche Entwicklung des Sanierungsgebiets Mittewest″ war damit frei.

25 Jahre ist es her, als die Emotionen um Emissionen so richtig hochkochten. Der Bürgerverein Nordwest und die FDP-Stadtratsfraktion setzten sich an die Spitze einer Protestbewegung, die die Produktionseinstellung forderte. Ein Chemiebetrieb mitten im Wohngebiet, das gehe gar nicht. Kronzeugen waren für sie zwei Ärzte, die eine Häufung von Leukämie-Fällen im Sektor der Abluft-Fahnen aus dem Schlot des Werks behaupteten.

Das Werk hielt dagegen: Aus dem Schlot kämen nur noch Verbrennungsabgase der Gas-Zentralheizung. Alle Forderungen der Gewerbeaufsicht nach Filteranlagen würden erfüllt, der Brandschutz werde ständig verbessert. Der Leukämie-Vorwurf erwies sich später als unhaltbar, was auch der Bürgerverein einräumen musste.

Dennoch blieb großes Unbehagen. Die Stadt schaltete sich in die Gespräche ein: Auch sie wünschte eine Aussiedlung, um den Fremdkörper″ im Wohnviertel loszuwerden. Hagedorn lehnte sich entspannt zurück. Mit der Positionsbeschreibung mitten im Wohngebiet″ sei es ja so eine Sache.

Zuerst sei hier das Gewerbegebiet gewesen, bestehend nicht nur aus Hagedorn, sondern auch aus der Weberei Terberger (heute Fahrzeugstaffel der Polizei) und dem Straßenbahndepot (heute Bürohaus und Parkgarage). Die Wohnbebauung sei erst nach und nach herangewachsen. Wenn die öffentliche Hand eine Umsiedlung wünsche, solle sie die finanziellen Lasten übernehmen, argumentierte Hagedorn-Vorstand Dirk Brauch: Unsere Aktionäre haben kein Interesse, für die Stadtentwicklung zu bezahlen.″

Nicht gerade günstig für gutnachbarschaftliche Verhältnisse war der Umstand, dass es immer mal wieder knallte, puffte und brannte. Das Vorprodukt Nitrozellulose oder Schießbaumwolle ist ein heikler Werkstoff, der leicht entflammbar ist und bei Schlag, statischer Entladung und schnellem Erhitzen explosiv reagiert. Im Herstellungsprozess von Spezialfarben für die Druckindustrie ist es aber erforderlich, dass die Nitrozellulose gepresst, gewalzt und geknetet wird.

Zwischenfälle″ waren an der Tagesordnung. Vom Verkehrsmeister der benachbarten Stadtwerke ist der lapidare Ausspruch überliefert: Kameraden, es ist wieder so weit, bei Hagedorn brennt′s″, nachdem er 112 gewählt hatte. Seine Feuermeldung ging meistens früher bei der Feuerwehr ein als der Alarmruf des Werkes selbst, wird erzählt.

Der Durchbruch wurde im April 2008 erzielt, als das Land sich bereit erklärte, einen namhaften Zuschuss für die Betriebsverlagerung zu bezahlen. Im November 2008 unterzeichneten Hagedorn und die Baubecon als Sanierungstreuhänder den Kaufvertrag. Knapp zwei Jahre hatte das Werk nun noch Zeit, den Auszug zu organisieren.

Ende September 2010 war das Werk besenrein geräumt. Der Abrissbagger machte die verschachtelten Gebäude längs der Augustenburger Straße ebenso platt wie das Kesselhaus. Der 40 Meter hohe Schlot wurde hingegen Stein für Stein abgetragen, denn bei einer Sprengung wäre wohl das denkmalgeschützte Hauptgebäude von 1897 in Mitleidenschaft gezogen worden. Es ist inzwischen als Hageloft″ für Wohnzwecke und Büros vorbildlich hergerichtet worden. Der gesamte vordere Bereich und der Pavillon an der Lotter Straße werden gewerblich von der Muuh! Group″ von Hageloft-Gesellschafter Jens Bormann genutzt. Die übrige Hagedornfläche ist mit neuen Wohnhäusern bebaut.Hagedorn startete 1885

Ab 1885 produzierte Hagedorn an der Lotter Straße. Gründer und Namensgeber war der 1849 in Iburg geborene Anton Hagedorn, der sich nach einer Schlosserlehre mit einem Teilhaber selbstständig machte. 1880 unter dem Namen Hagedorn und Sander, später als Hagedorn und Fricke wurden zunächst landwirtschaftliche Geräte, Gusskugellager und diverse Fahrradartikel hergestellt. Teilhaber Hermann Fricke brachte Geld ein und war von Beruf Drogist. Er eröffnete dem Tüftler Hagedorn den Einstieg in die Welt der Kunststoffe. 1897 entstand das Fabrikgebäude mit angrenzendem Maschinen- und Kesselhaus. Wenig später begann die Fertigung von Fahrradgriffen aus Kork mit einem Überzug aus Celluloid, dem ältesten Kunststoff. Paul Meyer, ein entfernter Verwandter Frickes, trat an dessen Stelle als Teilhaber ein. Für die Kunststoffproduktion wurden erhebliche Investitionsmittel gebraucht. So erfolgte 1906 die Umwandlung von der A. Hagedorn & Comp. in die Hagedorn AG.

Paul Meyer wurde zur bestimmenden Figur des Unternehmens. Immer mehr Fertigwaren des alltäglichen Bedarfs aus Celluloid erweiterten das Produktionsprogramm. Neben Nagelfeilen und Brillengestellen waren auch so kuriose Dinge wie Mitesserentferner, Zungenschaber und Rückenkratzer darunter.

Bis in die 1950er-Jahre spielte neben der Herstellung von Kunststoff-Halbzeugen eine breite Palette von Fertigprodukten aus Celluloid eine wichtige Rolle, darunter Kämme, Zahnbürsten, Kinderrasseln, Stehaufmännchen, Füllfederhalterhülsen, Teigschaber, Fotolaborbedarf, Tischtennisbälle und Puppen. Bis zu 7500 verschiedene Artikel befanden sich zeitweise im Angebot, und das Unternehmen wuchs zum größten Hersteller von Fertigwaren aus Celluloid in Europa heran.

Paul Meyers Sohn F.A. Paul Meyer wurde 1937 Vorstandsvorsitzender. Er leitete den Rückzug aus der Fertigwarenproduktion ein und setzte die Konzentration auf Kunststoff-Halbzeuge insbesondere für die Lackindustrie durch. Lediglich die Tischtennisbälle unter den Markennamen Comet″ und Hanno″ blieben erfolgreiche Dauerläufer im Fertigwarensektor. Ins Jahr 1951 fiel der Startschuss für die Produktion von Pigmentpräparationen. Das sind farbige Nitrocellulose-Pellets als Vorprodukte lebensmittelechter Farben, mit denen sich zum Beispiel Joghurtbecherdeckel und Chipstüten schnelltrocknend bedrucken lassen.

Nitrocellulose-Chemie, Kunststoffextrusion und flexible Verpackungen waren ab etwa 1995 die Standbeine des Unternehmens mit Fertigungsstätten in Lingen und im europäischen Ausland. Osnabrück spielte nur noch eine Nebenrolle. Beim Betriebsende 2010 waren es 20 Arbeitnehmer, für die eine neue Beschäftigung gefunden werden musste, gegenüber 400 Arbeitern in den 1930er-Jahren. Was Osnabrück als Erinnerungsposten an Hagedorn bleibt, ist das nun prächtig in Szene gesetzte Fabrikgebäude von 1897.

Bildtexte:
Vor mehr als 60 Jahren: Firma Hagedorn an der Lotter Straße im Mai 1959.
Heute: Üppiges Stadtgrün verdeckt aus gleicher Perspektive einen Großteil des Fabrikgebäudes.
Hergestellt in der Püppchenfabrik″: Spielzeug wie dieses Paar aus Celluloid gehörte zum Hagedorn-Programm.
Die Ostfassade des Fabrikgebäudes mit Kesselhaus und Kamin im Jahr 2008.
Hochwertiges Wohnen und Arbeiten verspricht das runderneuerte Fabrikgebäude Hageloft″, hier ebenfalls von Osten gesehen.
Anton Hagedorn (1849 1926) war der Gründer der Chemiefabrik.
Das Fabrikgebäude im Jahr 1958. Am linken Bildrand: Gebäudekomplex des Straßenbahndepots.
Das Werksgelände Hagedorn im Jahr 2005. Die Sheddächer links daneben gehören zur Fahrzeugstaffel der Polizei, die Hallen am rechten Bildrand zum Busdepot der Stadtwerke.
Foto:
Alfred Spühr, Joachim Dierks, WerksarchivHagedorn, Egmont Seiler, Gert Westdörp
Autor:
Joachim Dierks


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