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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Samenspender erster Güte
Zwischenüberschrift:
Das Landgestüt Eversburg erlebte 1960 seine letzte Hengstparade
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Der September war einst der Monat der großen Hengstparaden. Vor 60 Jahren erlebte das Landgestüt Eversburg die letzte dieser Großveranstaltungen. 1961 wurde es aufgelöst. Das verbleibende Niedersächsische Landgestüt Celle übernahm Mitarbeiter und Pferde. Heute erinnern noch drei denkmalgeschützte Stallgebäude an der Osnabrücker Klöcknerstraße an das einstmals zweitgrößte Landgestüt Niedersachsens.

Hengstparaden sind das Aushängeschild und wichtigstes Marketinginstrument eines Landgestüts in dem Bestreben, gute Preise für den Samenverkauf zu erzielen. Am 25. September 1960 gab das Gestüt in Eversburg noch einmal alles. Obersattelmeister Nerlich dirigierte unter den Augen von Landwirtschaftsminister Alfred Kubel und Oberbürgermeister Willi Kelch ein reichhaltiges Programm, in dem die Spitzenpferde an der Hand, unter dem Reiter und vor dem Wagen die ganze Bandbreite ihres Könnens aufzeigten.

Vorgestellt wurden etwa die Traberquadrille mit hannoverschen Hengsten″ und Kaltbluthengste im schweren Zug″, die Fjordhengste im Gespann″ und als Höhepunkt der Achterzug mit hannoverschen Hengsten″. Zum Ausklang spielte das Musikkorps Muss i denn…″.

Reitsport boomte später

Im Grußwort des Programmhefts war bereits angekündigt, dass diese Hengstparade die letzte in Eversburg sein würde. Die verminderte Bedeutung der Pferdehaltung als Zugkraftquelle in der Landwirtschaft und der gewerblichen Wirtschaft hat zu so einem starken Rückgang der Stutenbedeckung und als dessen Folge auch der in Zukunft noch notwendigen Landbeschäler geführt, dass vom nächsten Jahr ab die staatliche Hengsthaltung in Niedersachsen im Landgestüt Celle zusammengezogen wird″, heißt es da.

Wenn wir heutzutage mehr Pferde als Kühe auf den Weiden sehen, mag man sich fragen, ob der damals festgestellte Trend nicht längst wieder umgeschlagen ist. Tatsache bleibt aber, dass das Freizeitreiten erst Jahrzehnte nach 1960 einen Boom erlebte. Zunächst gab es ein großes Loch, weil weder Verkehr noch Landwirtschaft noch Militär weiterhin Pferde brauchten.

Ihren Ursprung haben Landgestüte in dem Bestreben der Landesherren im 17. und 18. Jahrhundert, die Landwirtschaft zu fördern. Sie stellten den Landwirten - und später den professionellen Pferdezüchtern gegen geringes Entgelt gute Hengste, die sogenannten Landbeschäler, zur Deckung ihrer Stuten zur Verfügung. Weitere Motive waren die Sicherstellung des Bedarfs an hochwertigen Pferden für die Kavallerie, Repräsentationsbedürfnisse und die Aufbesserung der Staatskasse. Es wurde also in der Regel keine eigene Zucht betrieben, sondern es wurden lediglich Hengste an Privatzüchter für den Natursprung″ ausgeliehen. Heute ist der Natursprung überwiegend von künstlicher Besamung mit Frisch- oder Gefrier-Sperma abgelöst.

Celler Gestüt überfüllt

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die hannoversche Pferdezucht Hochkonjunktur. Das lag am Nachholbedarf der Landwirtschaft, die im Krieg Zehntausende von Pferden ans Militär hatte abgeben müssen, und am ebenfalls großen Bedarf im Straßenverkehr, denn Lastkraftwagen waren einfach noch sehr teuer. Das Landgestüt in Celle platzte aus allen Nähten. Ein zweites Gestüt zur Versorgung der westlichen Landesteile musste her.

Man wählte Osnabrück aus. Hier stand dafür ein 13 Hektar großes Gelände aus staatlichem Forstbesitz zur Verfügung, der ehemals zum Gut Eversburg gehört hatte. Nach Plänen des Regierungsbaurats Erdmenger entstand zwischen 1923 und 1925 die symmetrisch aufgebaute Großanlage, ergänzt noch einmal 1938/ 39, als die Wehrmacht nach weiteren Pferden rief. Die Denkmalpflege beurteilt die Architektur heute so: Bei aller Schlichtheit sind die Bruchsteinbauten unter Anknüpfung an traditionelle, heimatliche Hausformen sorgfältig gestaltet und abwechslungsreich angeordnet″, der sachlich-nüchterne Charakter einer preußischen Wirtschaftsanlage″ werde von fein ausgewogenen Proportionen″ begleitet.

Das Gestüt erzielte in den 36 Jahren seines Bestehens mit den bis zu 120 Warmblut-, Kaltblut- und norwegischen Fjord-Hengsten beachtliche Zuchterfolge. So ritt Josef Neckermann auf Asbach″, der einen Eversburger Vater hatte, 1960 in Rom zu olympischer Bronze. Vor 1961 war Eversburg bundesweit die Nummer drei an Deckungszahlen, übertroffen nur von Celle und Warendorf. Die jährlich im September abgehaltenen Hengstparaden waren gesellschaftliche Großereignisse mit bis zu 8000 Zuschauern.

Torhaus wird abgerissen

Repräsentativer Eingang war das Torhaus an der Eversburger Straße. Es stand zur Zeit der Entwicklung des Hafenerweiterungsgebiets West″ 1966 leider nicht unter Denkmalschutz und wurde abgerissen. Heute reiht sich hier ein neuzeitlicher Flachdach-Gewerbebau an den nächsten.

Das Torhaus stand im Bereich der heutigen Hausnummern Eversburger Straße Nr. 38 (Firma Signum), Nr. 36 (Freikirchliche Gemeinde New Generation″) und Nr. 34 (Firma Proft). Ein alter Lageplan zeigt, dass damals nichts außer Kiefern und Eichen das Gestüt umgab. Eversburger Straße und Petrusallee waren die einzigen Zuwegungen die Klöcknerstraße wurde erst später im Zuge der Erschließung des Gewerbegebiets durch das frühere Gestüt geschlagen.

Keine Spur mehr gibt es von Reitplatz und Vorführungsbahn″, von Wagen- und Kutscherhaus, von Schmiede und Stellmacherei. Das Reitburschenhaus mit Kantine fehlt ebenso wie das Gehöft des Sattelmeisters und, in bevorzugter Lage, Wohnhaus und Gärten des Landstallmeisters sowie die Dungstätten″.

Erhalten sind drei große Steildachgebäude, die einst Hengstställe und Reithalle waren. Und einige Gestütswärterhäuser an der Petrusallee. Sie sind durch das gelbe Bruchstein-Mauerwerk klar als zum Landgestüt-Ensemble gehörig erkennbar. In den Stallgebäuden und auf dem Reitplatz ist seit 2005 der städtische Eigenbetrieb Grünflächen und Friedhöfe untergebracht, seit 2010 organisatorisch Bestandteil des Osnabrücker Servicebetriebs (OSB). Davor waren der Reiterverein Osnabrück (bis 1969) und der Zirkus Carl Althoff Zwischennutzer.

Bildtexte:
Das war einmal ein Wahrzeichen des Stadtteils Eversburg. Uniformierte Gestütswärter führen vor 1954 einige der ausgezeichneten Zuchthengste durch das Torhaus des Landgestüts an der Eversburger Straße.
Die ursprüngliche Ausdehnung des Landgestüts wird auf dem Luftbild deutlich. Ganz unten die Bahnlinie, darüber die Eversburger Straße mit dem Torhaus des Landgestüts links.
Ein prachtvoller Anblick, den sich viele nicht entgehen lassen wollten: ein Viererzug bei der Hengstparade des Landgestüts Eversburg im Jahr 1948. Es fährt Gestütswärter F. Rhode.
Das ehemalige Stallgebäude an der Klöcknerstraße steht unter Denkmalschutz. Es wird heute von der Abteilung Grünflächen des OSB genutzt
Die Belegschaft des Landgestüts beim letzten Betriebsausflug 1960. In der Mitte der vordersten Reihe: Landstallmeister Dr. Kiel.
Traberquadrille auf der Hengstparade am 28. September 1958
Die Titelseite des Programmhefts der letzten Hengstparade in Eversburg im September 1960.
Chef des Gestüts von 1945 bis 1961 war Landstallmeister Dr. Kiel, hier bei der Hengstparade 1955.
Fotos:
Archiv des Bürgervereins Eversburg, Archiv Dr. Reinhard Loxtermann, Joachim Dierks, Kurt Löckmann
Autor:
Joachim Dierks


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