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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Bunte Wimpel für den Weinverkauf
Zwischenüberschrift:
Werbewoche mit „Partymeile″ auf dem Marktplatz
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
OSNABRÜCK. So richtig Party machen, bis der Arzt kommt″, scheint auf dem Marktplatz im Jahr 1937 nicht angesagt gewesen zu sein. Auch wenn die querüber den Platz gespannten bunten Wimpel andeuten, dass es einen Anlass zum Feiern gegeben haben muss. Welchen, das konnten wir von dem im Februar verstorbenen Fotografen noch kurz vor seinem Tod erfahren.

Dr. Werner Goll, in Osnabrück aufgewachsen und später in Hamburg als Arzt tätig, war als Mitglied der Schülerkapelle des Ratsgymnasiums zum Turmblasen″ abkommandiert worden. Vom Turmumgang der Marienkirche aus schoss er bei der Gelegenheit das hier gezeigte Foto. Nach seiner Erinnerung sollte die Blasmusik mehr Publikum auf den Markt locken, was aber zum Zeitpunkt der Aufnahme offensichtlich noch nicht gelungen war. Oder wir haben so schlecht gespielt, dass die Leute weggelaufen sind″, scherzte er.
Jedenfalls war der Markt mit Wimpelchen und Hakenkreuz-Fahnen beflaggt, weil Winzer aus Oppenheim eine Art Wein-Werbewoche veranstalteten. Hintergrund, so Goll, waren die massiven Bemühungen des Reichsbauernführers, den Weinabsatz anzukurbeln. Den Winzern sei es schlecht gegangen, weil nach mehreren Massenernten die Preise weggerutscht seien. Außerdem das war natürlich erst nach dem Krieg zu erfahren war der Weinhandel praktisch zum Erliegen gekommen, nachdem jüdische Weinhändler mit einem Berufsverbot belegt worden waren. Die als Reichsnährstand″ bezeichnete Bauernorganisation rief eine Art Winzerhilfswerk ins Leben. Den Weinorten wurden ab 1935 Paten-Großstädte zugeordnet, deren Einwohner nur den Wein der patenschaftlich verbundenen Winzer trinken sollten.
Höhepunkte waren die Feste der deutschen Traube und des deutschen Weines″. Diese Anstrengungen konnten aber wenig daran ändern, dass der Wein ein Luxusgut blieb. Der Durchschnittsverbrauch pro Kopf und Jahr lag 1935 bei fünf Litern, heute sind es 25. Ob der mäßige Publikumszulauf auf dem Foto als Sinnbild für diese Situation herangezogen werden kann, erschien Goll etwas gewagt. Vielleicht wurde der Weinprobierstand vor der Löwenapotheke auch gerade erst aufgebaut, meinte er nach genauerem Betrachten der Wartenden, die erwartungsvoll zum Stand herüberblicken. Das Haus Nr. 6, damals Löwenapotheke unter Apotheker Pankoke, nach dem Krieg Stadtbibliothek und jetzt Remarque-Friedenszentrum, eignet sich gut als optischer Anker″. Es ist damals wie heute das einzige mit Ovalfenster im Giebel-Dreieck. Der klassizistische Bau tritt heute dank der herausgearbeiteten Sandstein-Gewände imposanter hervor als 1937. Auch wirkt das Ensemble derTreppengiebelhäuser geschlossener als vor dem Krieg. Das liegt daran, dass die im 18. Jahrhundert einheitliche Front spätgotischer Treppengiebel im folgenden Jahrhundert umgebaut wurde.
Vorgänger des Hauses Nr.6 war seit 1494 ein typisches Treppengiebelhaus. Als es baufällig wurde und dem Repräsentations bedürfnis seines Eigentümers nicht mehr genügte, wurde es durch den klassizistischen Bau ersetzt. Andere Häuser wurden mit Walmdächern versehen, so auf der historischen Aufnahme rechts von der Löwenapotheke die Häuser Nr. 5 (Städtisches Bau- und Vermessungsamt) und Nr. 4 sowie ganz links das Haus Nr. 8 (Fuchs & Sanders).
Beim Bombenangriff vom 13. September 1944 wurde die Häuserreihe schwer getroffen und brannte aus. Noch bis in die 1950er-Jahre beherrschten ausgebrannte Ruinen und leere Fensterhöhlen die Südseite des Marktplatzes. Die nur notdürftig abgestützten Fassaden drohten einzustürzen. Der historische Kern der Stadt würde dann sein Gesicht verlieren, mahnte Stadtdirektor Paul Voßkühler 1952. Daraufhin nahm sich der 1950 gegründete Verkehrsverein der Sache an und organisierte eine groß angelegte Marktplatz-Lotterie. Sie geriet zu einem kaum erwarteten Erfolg. 200 000 Lose wurden verkauft und 53 148, 39 DM eingespielt, nach heutiger Kaufkraft etwa eine halbe Million Euro. Die Gemeinde St. Marien bekam davon ein Drittel zur Sicherung des Kirchturms, während zwei Drittel für die Rekonstruktion der Stadtwaage und der Giebelhäuser verwendet wurden. Bei deren Wiederaufbau orientierte man sich am frühgotischen Vorbild. So kann espassieren, dass man heute vor einem historischen″ Treppengiebel steht, wo vor dem Krieg gar keiner war.

Bildtexte:
Die Partymeile″ auf dem Markt kam 1937 bescheiden daher. Das anlässlich einer Wein-Werbewoche vom Marienkirchturm aus geknipste Foto zeigt die Original″-Giebelhäuser vor der Kriegszerstörung.
Das Haus Markt 6, heute Remarque-Friedenszentrum, lässt sich dank des ovalen Giebelfensters gut erkennen. Rechts schließt sich der Neubau der Stadtkasse, heute Stadtbibliothek, an.
Fotos:
Werner Goll (Archiv Museum Industriekultur), Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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