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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Wer den Tod nicht scheut, fährt Lloyd″
Zwischenüberschrift:
Ausstellung zur Automobilisierung nach 1945 – Morgen Eröffnung im Industriemuseum
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
OSNABRÜCK. NSU fährt im Nu, hundert Meter, bums, da steht er.″ Die nicht mehr ganz so jungen Osnabrücker werden sich an die zumeist wohlwollend gemeinten Spottverse erinnern, mit denen sie als Kinder die Automobile der Nachkriegszeit bedachten. Da war doch auch der Leukoplastbomber″ Lloyd, den angeblich nur fährt, wer den Tod nicht scheut. Oder der DK Wupp-dich setz dich rein, ich schupp dich″.

Solche Verse spiegeln einerseits wider, dass die Autos vor 60 Jahren ihren Nutzern nicht immer nur Freude bereiteten. Die technische Zuverlässigkeit würde sie in heutigen Pannenstatistiken ganz ans Ende der Tabelle befördern, und auch in ästhetischer Hinsicht kam manches wie etwas hastig entworfen daher. Andererseits zeigendie Verse aber auch, welche normen Stellenwert das Automobil an sich und die einzelnen Marken mit ihrem je eigenen Image in der Gesellschaft einnahmen.
Klar, dass die Anhänger der anderen Marke dann gern zu abwertenden Schmähversen griffen. Beispiel: Jeder Popel fährt′ nen Opel″. Oder Ford wurde so buchstabiert: Für Opa reicht der″, über BMW hieß es wenig schmeichelhaft: Besser man wandert″, und aus dem Markennamen Fiat wurde die Empfehlung Fahr immer am Tag″ abgeleitet, da nachts die Werkstätten nun mal geschlossen seien.
Die Ausstellung Richtig in Fahrt kommen″ des Museums Industriekultur versucht zu ergründen, weshalb die Automobilisierung Westdeutschlands eine derart rasante Entwicklung nehmen und alle Lebensbereiche so schnell und nachhaltig verändern konnte. Sie fängt mit der Stunde Null an, der Kapitulation vor 67 Jahren. Es war in Wirklichkeit aber gar keine Stunde Null″, sagt Museumsdirektor Rolf Spilker, der die Ausstellung konzipiert hat und zusammen mit Barbara Kahlert kuratiert. Mochten die Werkhallen auch zerstört und die Maschinen in irgendwelche Bergwerksstollen ausgelagert sein, das Know-how und das Organisationstalent der entscheidenden Macher und ihre Netzwerke waren erhalten. Selbst ein ehemaliger NS-Wehrwirtschaftsführer wie Carl F. W. Borgward wurde entnazifiziert und konnte 1949 weitermachen″, so Spilker.

Schirme und Töpfe

Unter Demontagen hätte die sowjetische Besatzungszone heftig gelitten, die französische abgeschwächt auch, aber in der amerikanischen und besonders in der britischen Zone sei schon 1946 die Erkenntnis gereift, dass ein wieder zu Exporten befähigtes Deutschland mehr Nutzen stifte als ein demontiertes. Je schneller das am Boden liegende Land wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen würde, desto weniger würden die Alliierten mit Besatzungskosten belastet. Bekanntlich ging die Rechnung auf, und sogar sehr viel schneller als gedacht.
Die Osnabrücker Ausstellung zur Frühmotorisierung in der Bundesrepublik ist nicht die erste. Schon zahlreiche andere Museen haben die Anfänge des Auto-Kults gezeigt. Aber wir sind die Einzigen, die in der Start-Vitrine einen Taschenschirm zeigen″, hebt Spilker hervor. Einen Taschenschirm, den die Firma Robert Bosch 1945 produziert hat. Eine Vitrine weiter sieht man eine Ansammlung von Kochtöpfen, hergestellt vom späteren Autozulieferer Lemförder Metallwaren. Firmenchef Jürgen Ulderup hatte im Krieg Strahltriebwerke ans Laufen gebracht, jetzt montierte er Griffe auf Topfdeckel und ersann Bucheckern-Quetschen. Gebrauchsartikel für den täglichen Bedarf waren zunächst wichtiger als Fahrzeuge. Bosch konstruierte unter anderem eine Spätzle-Maschine, wohl eher für den heimischen Markt als für den Export, bis 1951 mit der in Serie gefertigten Benzineinspritzpumpe die Autotechnik in den Mittelpunkt rückte.

Das Original

Blickfänge in der Ausstellung sind natürlich die 1: 1-Exponate, sprich die historischen Originalfahrzeuge, die man auch streicheln darf. Fahrräder mit Hilfsmotor, eine NSU Quickly von 1953 und eine seltene Adler M 100 glänzen in der Abteilung Zweiräder. Höhepunkte beiden Personenkraftwagen sind ein VW-Käfer von 1949, ein DKW F 91 Meisterklasse″ und ein Borgward Hansa 1500. Nutzfahrzeuge sind durch eine Hanomag-Zugmaschine und ein Tempo-Hanseat-Dreirad vertreten. Richtig große Brummer wieden MAN F 8 zu zeigen würde den Rahmen der Ausstellung sprengen, erklärt Spilker. Aber mit vielen Fotos, Werbeplakaten und größenmäßig beherrschbaren Einzelteilen wie einem Getriebe für den Setra-Reisebus (Hersteller: Zahnradfabrik Friedrichshafen) oder dem Bosch-Einbau-Winker wird die Bedeutung der Nutzfahrzeuge für den Beginn des Autozeitalters unterstrichen.

Transportprobleme

Es waren nicht in erster Linie die Kleinwagen wie Messerschmitt Kabinenrol-er oder Goggomobil, mit denen das deutsche Wirtschaftswunder in Fahrt kam. Die wirtschaftliche Basis legten zunächst die Lastkraftwagen, weil sie für die Überwindung der Transportprobleme am dringlichsten benötigt wurden″, unterstreicht Spilker. Deshalb bliebe die Ausstellung unvollständig, wenn sie nur die Nettigkeiten″ wie die erste Italienreise mit dem Heinkel-Roller oder das Picknick neben dem neuen VW-Käfer zeigen würde.

Die Ausstellung Richtig in Fahrt kommen″ wird vom 13. Mai bis zum 30. September 2012 im Magazingebäude des Museums Industriekultur (Süberweg 50 A) gezeigt. Öffnungszeiten: mittwochs bis sonntags 10.00 18.00 Uhr. Führungen auf Anfrage: Tel. 05 41/ 1 39 30 79. Zur Ausstellung ist ein Katalog (330 Seiten) erschienen. Weitere Infos: www.industriekultur-museumos.de.

Bildtexte:
Richtig in Fahrt kommen mit Spezialöl.
Endstation Sehnsucht: Mit kriegszerstörten Gebäuden im Rücken, das Fahrrad in der Hand, betrachtet ein junger Mann den ausgestellten VW-Käfer, der für ihn wohl noch unerschwinglich ist.
Borgward Hansa 1500, Baujahr 1949.
Blaupunkt-Autoradio aus den Fünfzigern.
Die Ausstellungsmacher: Barbara Kahlert und Rolf Spilker.
Tanksäule. 1955.
Na, wenn das die Polizei sieht . . .! Das Halten am Autobahnrand war auch 1952 schon verboten. Aber bei dringenden Bedürfnissen einzelner Mitreisender machte man auch mal eine Ausnahme.

Foto:
Klaus Collignon, um 1948, Süddeutsche Zeitung/ Ausstellungskatalog, Familie Kornmann, Münster/ Ausstellungskatalog, Verband der Automobilindustrie/ Ausstellungskatalog, Jörn Martens
Autor:
Joachim Dierks


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