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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Abschied von Galeria Kaufhof
Zwischenüberschrift:
Von feilschenden Kunden und weinenden Verkäuferinnen / Letzter Verkaufstag am 17. Oktober
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Für Galeria Kaufhof Osnabrück wird der 17. Oktober der letzte Verkaufstag sein. Doch vorher soll noch alles raus: Es ist die Zeit der großen Rabattaktionen. Momentan herrsche ein Kundenansturm, der sogar das Weihnachtsgeschäft toppe, sagt eine Verkäuferin. Doch während sich Schnäppchenjäger freuen, fließen bei den Mitarbeitern die Tränen. Die Schaufenster der Filiale sind leer geräumt, stattdessen kleben hier Plakate: großer Sortimentsabverkauf, alles muss raus, bis zu minus 60 Prozent, wir schließen.

Es ist erst kurz nach 9 Uhr, Kaufhof öffnet um halb zehn, dennoch warten bereits die ersten Kunden vor der Tür. In dem Kaufhaus lichten sich die Reihen. Helle Flecken auf dem Boden deuten an, dass hier mal Regale gestanden haben. Auf Tischen liegen Osterkörbchen neben Schultornistern neben Weihnachtskerzen. Ein Jahreslauf auf wenigen Quadratmetern. Die Schaufensterpuppen bleiben nackt, und auf Bademode gibt′s jetzt 70 Prozent, denn für Kaufhof Osnabrück war es der letzte Sommer.

Die Rolltreppe in das erste Obergeschoss ist defekt. Ein Handwerker in Blaumann beugt sich über ein Loch im Boden. Lohnt das denn noch?″, raunt ihm ein Kunde in schlammgrüner Jacke zu. Natürlich lohnt das. Solange der Betrieb läuft, läuft der Betrieb.Und wie der läuft!

Hier ist momentan jeden Tag Weihnachten″, sagt Geschäftsführer Dirk Pallapies. Nur nicht von der Stimmung her.″ Er sitzt in seinem Büro in einer der oberen Etagen des Kaufhauses an der Wittekindstraße. Hinter ihm ein Plakat, das seinen Lieblingsschauspieler Steve McQueen zeigt allerdings in einem Auto mit Münsteraner Kennzeichen. Ein Geschenk seiner Frau.

Pallapies ist 48 Jahre alt. Seit 32 Jahren arbeitet er im Unternehmen. Ich habe nicht studiert, ich habe nicht mal Abi″, sagt er. Stattdessen hat er in Münster damals noch bei Horten eine Ausbildung gemacht und sich über viele Stationen bis zum Geschäftsführer hochgearbeitet. Seit sechs Jahren leitet er die Filiale in Osnabrück, mit seiner Frau und seinem zweijährigen Sohn wohnt er in Georgsmarienhütte. Er schiebt eine Visitenkarte über den Tisch. Die müssen ja auch weg″, sagt er und entschuldigt sich für seinen Galgenhumor. Nach Trauer und Wut nun Phase drei: ein bitterer Realismus.

Tränen bei Mitarbeitern

Es war Freitag, der 19. Juni. Per Telefonkonferenz erfuhr Pallapies, dass die Osnabrücker Filiale geschlossen wird. Ich war in dem Moment geschockt, aber gefasst. Ich konnte das noch gar nicht richtig realisieren″, sagt er. Nach einem Gespräch mit dem Betriebsrat folgte eine Mitarbeiterversammlung. Und dann stand ich da und wusste: Hinter dieser Tür warten jetzt 60, 70 Mitarbeiter, denen ich das jetzt sagen muss.″ Was er dann gar nicht tat. Fünf Minuten lang habe er nicht sprechen können, hatte nur mit den eigenen Tränen zu tun. Aber im Grunde musste er dann auch nichts mehr sagen. Alle wussten Bescheid. Das war der schlimmste Moment in meinen 32 Berufsjahren″, sagt der 48-Jährige. Wie es denn nun für ihn weitergeht? Das weiß ich noch gar nicht.″ Genau wie die übrigen Mitarbeiter müsse er nun Bewerbungen schreiben.

Ein paar Stockwerke tiefer spielen sich teils dramatische Szenen ab. Die purzelnden Preise scheinen manche Kunden zu überfordern. Eine Leserin berichtet unser Redaktion von einer Frau, die den ganzen Laden zusammengebrüllt habe, weil ihr die Vergünstigungen immer noch nicht günstig genug waren. Ja, so was kommt hier vor″, sagt Andrea Bartke. Wir hatten hier auch schon Kunden, die haben die Schilder mit 50 Prozent neben denen mit 30 Prozent gesehen und wollten dann 80 Prozent Rabatt haben.″

Andrea Bartke arbeitet als Verkäuferin bei Galeria Kaufhof. Am 1. August hatte sie ihr 40-jähriges Dienstjubiläum. Viele hier sind schon 20, 30 Jahre im Unternehmen, wir sind hier eine große Familie″, sagt sie. Und es ist schwer, eine Familie zu verlassen.″ Andrea Bartke ist 57 Jahre alt. Ich muss noch zehn Jahre.″ Dass das als Vollzeitkraft eine schwierige Geschichte″ werden würde, das habe man ihr bei der Agentur für Arbeit bereits gesagt. Und von den 65 Mitarbeitern haben bislang erst zwei, drei eine Idee, wie es für sie beruflich weitergehen wird. Viele müssten sich umorientieren. Jobs im Handel sind knapp.

Die stellvertretende Betriebsrätin berichtet von einer Kollegin Mitte 50, die solche Existenzängste empfinde, dass sie derzeit nicht in der Lage sei zu arbeiten. Und sie erzählt von einer Verkäuferin, die etwas schwerhörig sei und wegen der Masken noch zusätzliche Probleme bei der Verständigung habe. Als sie die Frage eines Kunden nicht direkt aus dem Stand beantworten konnte, habe der sie derart angegangen, dass sie heulend nach Hause ging.

Am meisten Ärger bekommen die Kassierer ab. Hier wird gefeilscht und gehandelt. Dabei sind die meisten Kassen bereits geschlossen, im Erdgeschoss stellen sich die Verkäuferinnen und Verkäufer tapfer den Schnäppchenjägern. Alles muss raus, alles muss raus! So auch die Plastiktüten von der Sportarena, die bereits seit zwei Jahren geschlossen ist und in die jetzt heruntergesetzte Parfums, Schmuck oder Schokolade gepackt werden.

Berge in den Umkleiden

Ja, es ist wie Weihnachten ohne Stimmung, bestätigt Andrea Bartke. Und samstags ist es noch schlimmer. Ich hätte von der einen Umkleidekabine ein Foto machen sollen″, sagt sie. Klamottenberge, alles auf links gedreht, Papier auf dem Boden im Ausverkauf sinkt nicht nur der Preis, sondern auch das Niveau. Wir haben hier jeden Tag so viel zu tun, und einige Kunden sind auch anstrengend″, sagt Dirk Pallapies. Aber vielleicht ist es gut, dass so viel zu tun ist. Dann kommt man nicht so zum Nachdenken.

Was passiert eigentlich mit der Ware, die bis Mitte Oktober nicht verkauft wird? Das wird alles verkauft″, ist sich der Filialgeschäftsführer sicher. Und dann? Er zuckt mit den Schultern. Ich will gar nicht daran denken, wie es sein wird, wenn ich dieses Haus zum letzten Mal abschließe, wie es sein wird, wenn ich den Schlüssel abgeben muss.″ Manche Freunde und Bekannte fragen ihn derzeit, worauf er denn Lust habe, was er denn künftig machen wolle. Dann antworte er: Wenn ich ganz ehrlich bin? Am liebsten das, was ich in den letzten 32 Jahren gemacht habe. Warenhaus und Handel. Das war immer meine Leidenschaft.″

Bildtexte:
Der Ausverkauf läuft: Am 17. Oktober wird voraussichtlich der letzte Verkaufstag bei Galeria Kaufhof sein.
Dirk Pallapies, Geschäftsfährer der Osnabrücker Filiale von Galeria Kaufhof.
Ausverkauf bei Kaufhof: In den Kabinen türmen sich die Klamotten, während sich die Regale lichten. Fotos aus der Filiale dürfen wir leider nicht veröffentlichen - die Konzernzentrale aus Essen hat keine Erlaubnis erteilt.
Fotos:
Jörn Martens, Cornelia Achenbach, Michael Gründel
Autor:
Cornelia Achenbach


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