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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Mit kleinem Schiffsmodell zum großen Rekord
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Im Juni 1962 wird die kleine, in Osnabrück gebaute „Bremen″ getauft
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Eine frische Brise Atlantikluft wehte vor 58 Jahren in die Hasestadt. Es war ein lokales Großereignis, als die kleine Bremen″ in die Fluten des Stichkanals eintauchte. Das zwölf Meter lange Modell des gleichnamigen Vorkriegs-Passagierschiffs schaffte es später als größtes seetüchtiges Modellschiff der Welt in das Guinnessbuch der Rekorde.

Zur Taufe am 16. Juni 1962 drängten sich Tausende Menschen an den Ufern, auf Lagerhausdächern und sogar auf Kränen, um die Jungfernfahrt mitzuerleben. Ein Autokran der Firma Egerland hievte den zwölf Tonnen schweren Bonsai-Ozeanriesen beim Wendebecken in das Hafenwasser.

Seine beiden Erbauer Günter Buse und Günter Bos steckten in nachempfundenen Kapitänsuniformen mit weißen Schirmmützen und kletterten stolz in das Cockpit im Schiffsinnern. Hier verfügten sie über ein Steuerrad und alle Bedienelemente für die zwei 38-PS-Dieselmotoren. Der Ausguck nach vorne erfolgte durch ein übergroßes, nicht ganz vorbildgetreues Fenster unterhalb der Kommandobrücke. Für die bessere Rundumsicht konnten sie aber auch ihre Köpfe durch eine Luke vor dem vorderen Schornstein nach draußen stecken.

Lebenstraum erfüllt

Mit der tausendfach fotografierten Hafenrundfahrt vor großem Publikum ging die 16-jährige Bauphase für Buse und Bos zu Ende und ihr Lebenstraum in Erfüllung. Diesen Traum geträumt hatte zuerst der damals 13-jährige Günter Buse, als er 1939 die richtige Bremen IV″ an der Columbuskaje in Bremerhaven sah. Das vierte Schiff der Reederei Norddeutscher Lloyd (NDL) dieses Namens war mit seinen 286 Metern Länge, 51 735 Bruttoregistertonnen und Betten für 2231 Passagiere eine imposante Erscheinung. Das Flaggschiff der deutschen Handelsflotte versah ab 1929 den Nordatlantikdienst des NDL.

Legendären Ruhm erlangte der Schnelldampfer gleich auf der Jungfernfahrt. Dabei brauchte die Bremen″ nur 4 Tage, 17 Stunden und 42 Minuten bis New York. Das entsprach einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 27, 8 Knoten (ca. 52 km/ h) und reichte für die begehrte Trophäe Blaues Band″ für die schnellste Atlantiküberquerung. Nicht durch Kriegseinwirkung, sondern durch Brandstiftung ging das Leben der Bremen″ 1941 zu Ende. Ein 17-jähriger Schiffsjunge legte Feuer angeblich aus Frust über seine schlechte Bezahlung. Das Schiff brannte vollständig aus.

Vielleicht trug das traurige Ende nach kurzem, aber ruhmreichem Leben dazu bei, dass Günter Buse, den Jungen von der Knollstraße, der Traum nicht mehr losließ, eines Tages selbst am Steuer einer Modell- Bremen″ zu stehen. Noch verhinderte der Krieg die Verwirklichung. Aber 1947 ging es ans Werk. Erst musste eine Werkstatt im Garten gebaut werden, die das acht Meter lange Schiff aufnehmen konnte. Es war die Zeit, als es sprichwörtlich nichts gab″ an Baumaterial. Zwei Jahre gingen damit ins Land. Dann kam die Erkenntnis, dass der Maßstab 1: 35 und acht Meter Schiffslänge nicht ausreichen würden, um das Modell bemannen und einigermaßen stabil damit schippern zu können. Buse und sein Freund Günter Bos, der inzwischen mit im Boot war, schwenkten um auf den Maßstab 1: 25. Das bedeutete: zwölf Meter Länge. Entsprechend war auch der Schuppen zu verlängern.

Bauplan für Spinner

Die Hauptverwaltung des NDL in Bremen hielt die beiden Schiffsbauer aus dem Binnenland für Spinner und weigerte sich, die Originalbaupläne herauszugeben. So mussten Buse und Bose sich mit Fotos und einem kleinen Plastikmodell behelfen. Erst, als sich der Erfolg des Projekts abzeichnete, trat beim NDL ein Sinneswandel ein. Man erkannte das Potenzial als Werbeträger und sagte nun Unterstützung zu. Die Baupläne der Werft-AG Weser erleichterten ab 1957 den Baufortschritt. Außerdem spendierte der NDL zwei Mercedes-Dieselmotoren aus dem 180 D, die der Modell-Bremen zu einer Geschwindigkeit von sieben Knoten verhelfen sollten. Vom Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerk (OKD) kamen 2, 4 Tonnen Blei als Ballast. Im letzten Jahr vor der Fertigstellung erhielt Günter Buse, ein städtischer Beamter, ein Jahr Sabbaturlaub, um das Projekt zusammen mit seinem Kumpel Günter Bos, einem Versicherungskaufmann, konzentriert zu Ende führen zu können. Im Garten an der Knollstraße entstand ein provisorisches Schwimmbecken, in dem der Dampfer auf Seetüchtigkeit getrimmt werden konnte.

Obwohl der Passagierliniendienst zu Wasser auf dem Nordatlantik so langsam von Boeing 707 und Co abgelöst wurde, stand der NDL zu seiner Zusage, die kleine Bremen″ und ihre Erbauer samt Ehefrauen auf eine Promotionstour durch die USA einzuladen. Ein NDL-Frachter brachte die Gesellschaft nach New York, wo der Minidampfer zu Wasser gelassen wurde und, über die Toppen geflaggt, als erster Höhepunkt mehrfach die Freiheitsstatue umrundete. Anschließend ging es durch mehrere Staaten an der Ostküste, von einem Fernsehsender wurden sie zum nächsten gereicht, immer wieder mussten sie ihre Geschichte erzählen. Die Amerikaner waren genauso beeindruckt wie die Osnabrücker, wenn die Bremen IV″ über Flüsse und Seen tuckerte.

Vom Einsatz gezeichnet

Einigermaßen ramponiert kehrte das Mini-Schiff nach Deutschland zurück. An allen Ecken und vorstehenden Kanten zeichnete sich Reparaturbedarf ab. Die Wellentunnel waren nicht mehr dicht, der Kahn zog Wasser. Buse und Bos, die den Großteil ihres Freizeitlebens und ein kleines Vermögen in das Projekt gesteckt hatten, verloren die Lust, noch einmal Zeit und Geld in die Restaurierung zu stecken.

Da erschien 1964 der Wäschereibesitzer Arnold Scholz auf der Bildfläche. Er übernahm das Kommando gegen das Versprechen, das Schiff wieder auf Vordermann zu bringen und in dem Zustand zu bewahren. Scholz sah darin eine Geschäftsidee. Er rüstete einen Lkw-Anhänger zur Aufnahme des Bootes her und ging mit dieser mobilen Bremen IV″-Ausstellung auf Tournee durch Deutschland und einige Nachbarländer. Kinder zahlten 50 Pfennig Eintritt, Erwachsene 1 DM. Obwohl viele Tausend Menschen das größte seetüchtige Modellschiff der Welt bestaunten, blieb die Schausteller-Expedition für Arnold Scholz ein Zuschussgeschäft.

Zwischendurch unterzog Scholz das Boot einer Belastungsprobe. Bis Windstärke 4 könne er damit in See stechen, hatten Buse und Bos ihm versichert. Scholz passte ruhiges Wetter ab und unternahm dann eine Seefahrt nach Helgoland. Alles lief gut, bis einige Schnellboote der Bundesmarine ihn überholten. Im Schwell der Kriegsschiffe wäre die kleine Bremen″ fast abgesoffen. Schwer beschädigt kehrte sie nach Cuxhaven zurück.

Nach einer Reihe weiterer Rückschläge durch eine fehlerhafte Reparatur und Sturmschäden verlor auch Scholz die Lust an weiterem Engagement für seine Dauerbaustelle″, die er mit dem Kölner Dom verglich: Der wird auch nie fertig.″

Neue Heimat in Speyer

Dass die Redaktion des Guinnessbuchs der Rekorde die kleine Bremen″ 1997 ins Verzeichnis der Weltrekordhalter aufnahm, änderte nichts an Scholz′ Entschluss, sie in die Hände eines Museums zu geben. Nach einigem Suchen wurde er mit dem Technikmuseum Speyer handelseinig. Dort ist die kleine Bremen″ seit 1999 zu bewundern.

Bildtexte:
Tausende Zuschauer verfolgten 1962 den Stapellauf″ des Modells der Bremen IV″ im Osnabrücker Hafen.
In der Knollstraßen-Werft″ wird die Bremen″ auf einem Tieflader verzurrt.
Günter Bos steuert im August 1999 noch einmal die Bremen″ auf dem Rhein bei Speyer, wo sie anschließend ins Museum kommt.
In den 1960er-Jahren traf das Modell der Vorkriegs- Bremen″ auf der Weser mit der großen Nachkriegs- Bremen″ zusammen.
Die " Bremen" auf dem Osnabrücker Stichkanal.
Günter Bos steuert im August 1999 noch einmal die " Bremen" auf dem Rhein bei Speyer, wo sie anschließend ins Museum kommt.
Fotos:
Hugo Mittelberg, R. Finke, dpa/ Mathias Ernert, Archiv Helmut Riecken, Archiv NOZ
Autor:
Joachim Dierks


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