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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Rassismus oder Symbol der Wertschätzung?
Zwischenüberschrift:
Die ehemalige Mohren-Apotheke in der Johannisstraße wurde schon 2004 umbenannt
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Ja, er lebt noch, er lebt noch, der alte Holz-Mohr wenn auch nur noch zurückgezogen in der Wohnung des früheren Apothekers. Der Mohrenkopf war jahrzehntelang die Galionsfigur der traditionsreichen Mohren-Apotheke in der Johannisstraße. Eine Rassismus-Debatte muss über sie aber nicht mehr geführt werden: Die drittälteste Apotheke Osnabrücks existierte unter diesem Namen nur bis 2004.

Dann entschied Apotheker Peter Sarnetzki, der die Apotheke im Jahr 2000 gekauft hatte, allen möglicherweise noch kommenden Anfeindungen wegen des Namens aus dem Wege zu gehen. Er verpasste der Apotheke ein moderneres Image und taufte sie in Vita-Apotheke″ um.

Vorbesitzer Albert Raestrup hatte erleben müssen, dass der auf einem Sims über der Eingangstür platzierte Mohrenkopf beschädigt wurde. Ob es sich dabei um gedankenlosen Vandalismus gehandelt hatte oder ob politische Motive dahintersteckten, ist nicht ganz klar.

Jedenfalls zog Apotheker Raestrup es nach der Restaurierung vor, die Figur nicht wieder außen am Gebäude, sondern in der Offizin, also im Ladeninneren, aufzustellen. Dort tat sie ihren Dienst, bis Raestrup sie nach dem Verkauf der Apotheke mit in seine Wohnung im Obergeschoss über dem Laden nahm. Dort begrüßt sie bis heute seine Gäste.

Die Geschichte der Mohren-Apotheke ist ein Stück Osnabrücker Pharmaziegeschichte. Sie beginnt im Jahr 1659. Damals, elf Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, erhielt Apotheker Johann Rudolf Schwartze die Special-Concession″ zur Errichtung einer Apoteck uffer Neubenstadt″ (Apotheke auf der Neustadt), wie es in einer schwungvoll geschriebenen Urkunde im Staatsarchiv heißt.

Das war den Inhabern der beiden älteren Apotheken am Ort, der Rats- oder Löwen-Apotheke am Markt und der Hirsch-Apotheke am Nikolaiort, gar nicht recht, denn sie befürchteten, dass ihr Geschäft darunter leiden würde. Sie erwirkten 1680 immerhin eine Bestätigung des Magistrats, dass ihre Söhne, sofern sie qualifiziert seien, die väterlichen Apotheken weiterführen dürften. Dieses Vorrecht der privilegierten Apotheken″ wurde der Neustadt-Apotheke verwehrt. Sie bekam nur eine Personalkonzession″ zugestanden. Nach dem Ableben des Apothekers fiel die Konzession an den Staat zurück, der dann frei entscheiden konnte, ob es eine Nachfolge gibt und wer sie möglicherweise antritt.

Darin liegt der Grund, warum die Inhabernamen der Neustadt-Apotheke häufiger wechselten. Bekannte Patrizierfamilien wie Ameldung und Ehmbsen waren darunter. Im letzten Jahrhundert hatten ab 1901 Paul Lachmund, ab 1951 Carl Raestrup und ab 1992 dessen Sohn Albert Raestrup das Sagen.

Apotheken unterlagen von jeher einem strengen Reglement der Behörden. In einem Protokoll von 1665 ist festgeschrieben, dass außer den drei bestehenden Apotheken keine weitere in Osnabrück zugelassen werde. Und noch 1819 galt die Verordnung, dass nur in diesen drei Apotheken Mineralwässer verkauft werden durften, nirgendwo sonst. Das sprudelnde Wasser war apothekenpflichtig.

Alle drei bis fünf Jahre wurden die Apotheken einer behördlichen Revision unterzogen. Im Gutachten von 1748 taucht erstmals der Name Mohren-Apotheke für die Apotheke auf der Neustadt auf. Wenig später ist der klassizistische Altbau errichtet worden. Es war ein Prachtbau, der sich über drei Grundstücke (Nummern 51 bis 53) und in der Tiefe bis an die Gefängnismauer erstreckte, neun Fensterachsen und drei Vollgeschosse aufwies. Über dem mittigen Eingang prangte der Namenspatron: ein Mohrenkopf aus lackiertem Eichenholz mit weißem Turban und goldener Straußenfeder. Als in der Franzosenzeit Napoleons Soldaten über die Johannisstraße marschierten, sollen sie sich über das freundlich lächelnde Maskottchen lustig gemacht haben.

Den Bombenkrieg überlebte der rechtzeitig in Sicherheit gebrachte Turbanträger, nicht aber das Haus selbst. Die wertvolle Fassade stand zwar noch, war aber nicht zu retten, weil im Wiederaufbau die Johannisstraße verbreitert und die Baufluchtlinie um mehrere Meter zurückgezogen wurde. 1951 begann Carl Raestrup mit der Neuerrichtung nach einem Entwurf von Architekt Walter Mellmann in einem historisierenden Stil mit vorgeblendeten Sandsteinplatten. 1952 war der erste Bauabschnitt bis zum ersten Obergeschoss fertig, 1971 auch die weiteren zweieinhalb Geschosse. Ab 1959 war der Mohr wieder in der Fassade aufgestellt.

Im Jahr 2000 übernahm Apotheker Peter Sarnetzki die Mohren-Apotheke. Vier Jahre behielt er den angestammten Namen bei, machte dann aber eine Vita-Apotheke daraus. Der neue Name war nicht nur politisch unauffällig, sondern passte auch besser in das moderne Konzept, mit dem Sarnetzki jüngere Käuferschichten ansprechen wollte. 2016 gab Sarnetzki die Apotheke auf, wegen des schwierigen Umfeldes in der Johannisstraße, wie es hieß. Neuer Mieter ist seitdem die Bäckerei Middelberg.

Neben Mohrenstraßen, Mohren-Cafés, Mohren-Gasthöfen und ähnlichen Wortverbindungen dürfte es im deutschsprachigen Raum noch mehr als hundert Mohren-Apotheken geben. Für die einen liegt im Namen und in der bildlichen Darstellung von schwarzen, dicklippigen Menschen in serviler Pose ein klarer Fall von Rassismus vor. Mohr″ sei eine aus der deutschen Kolonialzeit stammende Bezeichnung für Schwarze, die im Kontext von Sklaverei, Völkermord und Rassismus entstand. Wenn man diese abwertende Bezeichnung heute noch verwende, beleidige man damit gewollt oder ungewollt alle Menschen dunkler Hautfarbe.

Verteidiger des Traditionsnamens hingegen tragen andere Sichtweisen vor. Der Mohr″ sei lange vor der deutschen Kolonialzeit in die Apothekennamen geraten. Er leite sich von den islamischen Mauren her, die vom 8. bis ins 15. Jahrhundert Arabien, Nordafrika und weite Teile des heutigen Spanien beherrschten und eine Fülle fortschrittlichen Wissens gerade auch im Bereich der Medizin und Pharmazie in das damals in der Hinsicht recht rückständige Europa brachten.

Oder man verweist auf den heiligen Mauritius, der im 3. Jahrhundert als Anführer der Thebanischen Legion Roms sich weigerte, Christen wegen ihres Glaubens zu töten. Wegen dieser Befehlsverweigerung wurde er selbst hingerichtet. Mauritius (oder Moritz) war Nordafrikaner. Er ziert als Säulenheiliger den Dom zu Magdeburg, dessen Namenspatron er ist, man findet ihn im Wappen des Erzbistums München und Freising, und als solcher ist er auch in das Wappen des vormaligen Papstes Benedikt XVI. gewandert.

Da er auch heilkundig war, wurde er zum Patron der Apotheker. Die heutigen Bilderstürmer würden in ihrem Streben nach politischer Korrektheit nicht wissen oder verdrängen, dass der Mohr als Schutzpatron der Apotheken nicht abwertend, sondern im Gegenteil wertschätzend zu verstehen sei, sagen Apologeten des Traditionsnamens.

Zumindest in Osnabrück muss diese Diskussion nicht mehr geführt werden. Die Mohren-Apotheke ist schon lange Geschichte.

Bildtexte:
Die Mohren-Apotheke in der Johannisstraße 51–53 residierte in einem klassizistischen Prachtbau, der 1942 im Bombenkrieg zerstört wurde. Auf dem Foto von 1913 ist über dem Mitteleingang der Mohrenkopf zu erkennen, der heute in der Privatwohnung des früheren Inhabers steht (kleines Foto).
Der Wiederaufbau der Apotheke in einem historisierenden Stil mit vorgeblendeten Sandsteinplatten war 1959 bis zum ersten Obergeschoss vorgedrungen.
Im Nachkriegsneubau gab es bis 2004 die Mohren- und danach die Vita-Apotheke. 2016 übernahm der Bäckerei-Filialist Middelberg die Ladenfläche.
Der Mohrenkopf hatte zum 300-jährigen Jubiläum 1959 wieder einen Platz in der Außenfassade gefunden.
Nach Beschädigungen und anschließender Restaurierung blieb der Mohr im Innern der Apotheke, hier oberhalb des Kopfes des Apothekers Albert Raestrup.
Fotos:
Rudolf Lichtenberg, Joachim Dierks, Kurt Löckmann, Albert Raestrup
Autor:
Joachim Dierks


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