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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Wie die Nazis Lüstringer Schulkinder einspannten
Zwischenüberschrift:
Raupenzucht, Altmaterial- und Heilkräutersammlungen im Osnabrück der Kriegszeit
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs war an den Import von Fallschirmseide nicht mehr zu denken. Die Fallschirmjägertruppe brauchte aber Fallschirme und zwar in großer Zahl. Daher wurden Volksschulen im ganzen Reich angehalten, Seidenraupen heranzuziehen. Auch Schüler im Osnabrücker Land machten mit, in Lüstringen zum Beispiel Reinhard Loxtermann.

Der heute 89-jährige pensionierte Hochschullehrer für Botanik und Pflanzenbau hat als Schriftführer des Bürgervereins Darum-Gretesch-Lüstringen schon an mehreren heimatkundlichen Publikationen mitgewirkt. Da lag es nahe, auch eigene Erlebnisse in der Kriegs- und Nachkriegszeit aufzuschreiben. Man müsse doch festhalten, was war″, sagt er, damit gerade auch nachkommende Generationen erfahren, wo man herkommt und welche Entwicklung die Gesellschaft genommen hat. Zu den Absonderlichkeiten des Autarkiestrebens, in das sich eine nationalistische und kriegstreibende Politik verrannte, gehört für ihn das Kapitel Seidenraupenzucht.

Loxtermann, dessen Großvater und Vater Hauptlehrer und Schulleiter in Lüstringen waren, ging 1941 in die vierte Klasse der zuvor katholischen, unter den Nazis aber zur Gemeinschaftsschule umgewidmeten Volksschule Lüstringen. Deren Gebäude in der Waldstraße 37 gibt es noch, es ist sehr schön renoviert und heute Sitz einer Unternehmensberatungsgesellschaft.

Damals brachte Lehrer Heinrich Janßen eines heiteren Frühsommertages eine kleine Papiertüte voller Seidenraupeneier mit in den Klassenraum. Die wurden auf eine Untertasse geschüttet und auf der Fensterbank in die Sonne gestellt. Nach einigen Tagen schlüpften daraus kleine Raupen. Wir hielten frische Maulbeerblätter darüber, und sofort krochen die Raupen darauf und begannen zu fressen. So konnten wir sie auf ein Gerüst tragen, das in der Ecke des Klassenraumes aufgestellt war″, erinnert sich Loxtermann.

In das Gerüst waren übereinander drei oder vier Holzroste eingehängt, etwa 1 mal 1, 20 Meter groß. Wir mussten die Raupen täglich mit frischen Blättern versorgen. Dazu legten wir große Packpapierbögen mit Löchern, etwa so groß wie ein Markstück, auf die Tiere und darauf frische Maulbeerzweige″, so Loxtermann. Nach kurzer Zeit konnten die Schüler die Bögen mit den Raupen anheben und die alten Zweige darunter samt dem Kot der Tiere entsorgen.

Die Maulbeerbüsche wuchsen nicht bei der katholischen Schule, sondern auf dem Schulhof der evangelischen Schule. Die stand ein paar Hundert Meter weiter, ebenfalls auf dem Lüstringer Berg. Der sogenannte Neubau der Schule befand sich auf der Südseite des Schledehauser Weges, etwa auf Höhe der heutigen Hausnummern 112 bis 118. Das Schulgebäude wurde 1981 abgerissen und machte der heutigen Wohnbebauung Platz.

Besagte Maulbeerbüsche waren damals am Rande des Schulhofs, der sich parallel zum Schledehauser Weg erstreckte, auf einer Länge von etwa 80 Metern in einer Doppelreihe gepflanzt. Seidenraupen mögen das frische Blattgrün gerade dieser Pflanze. Von anderen Blättern halten sie hingegen nichts und würden darauf nur langsam oder gar nicht wachsen.

Loxtermann und seine Klassenkameraden fütterten also die hungrigen Raupen und beobachteten, wie sie immer größer wurden. Als sie etwa die Dicke eines kleinen Fingers angenommen hatten, hörten sie auf zu fressen und suchten einen Platz zum Verpuppen. Dazu haben wir ihnen Ginsterzweige in das Gerüst gestellt, an denen sie heraufkrochen und sich mit ihren Seidenfäden einspannen.″

Mit dem weiteren Herstellungsprozess, dem Abtöten der Kokons, dem Abspulen der Fäden und so weiter, hatten die Schüler dann nichts mehr zu tun.

Die Seidenraupenzucht war nicht der einzige Dienst zum Nutzen der nationalsozialistischen Volkswirtschaft, zu dem Schüler in ländlichen Gegenden herangezogen wurden. Von den Altmaterialsammlungen hat der Bürgerverein mehrere Bilder zusammengetragen, unter anderem eines, das den Abtransport eines großen Kessels und mehrerer Zinkwannen zeigt. Der Singsang Eisen, Lumpen, Knochen und Papier ausgeschlagene Zähne sammeln wir″ diente dazu, dass die aufgesuchten Anwohner ihre Keller und Schuppen öffneten. Alte Wasserleitungen aus Blei brachten besonders viele Punkte″, weiß Loxtermann noch. Denn für die Schüler wurde die Aktion dadurch reizvoll gemacht, dass es nach einem bestimmten Schema Punkte gab. Die fleißigsten Sammler wurden dann zu bestimmten Anlässen besonders belobigt.

Loxtermann war auch an der Sammlung von Heilkräutern beteiligt. Die wurden getrocknet, um daraus Tees oder Medikamente herzustellen. Blätter von Brombeeren, Himbeeren, Erdbeeren, Linden, Brennnesseln, Schafgarbe, Huflattich, Spitz- und Breitwegerich waren begehrt, sie wurden ebenso wie die Blüten von Holunder, Weißer Taubnessel und Rainfarn auf den Dachboden der Schule gebracht und zum Trocknen ausgebreitet. Die Pflanzen wurden teils nachmittags in unserer Freizeit gesammelt, manchmal aber auch während der Schulzeit. Das war dann Biologieunterricht″, erzählt Loxtermann. Die ganze Schule verströmte im Sommer den intensiven Geruch der trockenen Pflanzen.″ Einige Schüler waren eingeteilt, den Trocknungsprozess zu überwachen.

Vor allem in den ersten Tagen nach der Ernte mussten die Pflanzen gewendet werden. Wenn trocken waren, wurden sie in große Jutesäcke gefüllt, die zugenäht und hoch aufgepackt auf einem Opel-Blitz-Lastwagen abtransportiert wurden. Diese Aktionen waren ja durchaus sinnvoll, auch wenn sie in einer Diktatur stattfanden″, meint Loxtermann heute, ich habe jedenfalls fast nur angenehme Erinnerungen daran.″

Bildtexte:
Spaß, Sport und Nutzen: Der Schulgarten in Lüstringen wird 1936 mit Kinderanspannung″ gepflügt. Heutzutage würde man für eine derartige Aktion sicherlich vom Kinderschutzbund gerügt.
Lüstringer Schüler beim Verladen der gesammelten und getrockneten Heilkräuter, um 1940.
Dr. Reinhard Loxtermann ist der alteingesessene Chronist des Lüstringer Schulwesens.
Fotos:
Archiv des Bürgervereins Darum-Gretesch-Lüstringen, Joachim Dierks.

Seidenbau als Volksaufgabe″

Die wichtigsten Erzeugerländer für Fallschirmseide lagen in Fernost und damit außerhalb der Beschaffungsmöglichkeiten der deutschen Kriegswirtschaft. Also musste eine Seidenraupenzucht im Inland aufgebaut werden. Sie ist arbeitsintensiv, Arbeitskräfte waren aber knapp. Die rettende Idee: Schulkinder. Davon gab es genug und sie kosteten nichts.

Ende Mai 1940 erging ein Runderlass vom Reichsminister für Wissenschaft und Erziehung, dass in den Volksschulen Seidenraupen gepflegt und versorgt werden sollten. Wo immer möglich, wurden in einem ersten Schritt auf den Schulhöfen Maulbeersträucher als Seidenraupennahrung angepflanzt. Seidenbau-Beraterinnen zogen durch die Lande, begutachteten die Vorbereitungen und bestimmten in jeder teilnehmenden Schule einen Seidenbau-Leitlehrer″, der sich einem Lehrgang Seidenbau als Volksaufgabe″ unterziehen musste.

Ein Zuchtgestell aus Holz und Draht konnte etwa 3500 Raupen beherbergen. Nach der Verpuppung lieferte jeder Kokon einen etwa 900 Meter langen Seidenfaden. Man brauchte 15 000 Kokons, um die für einen einzigen Fallschirm benötigte Gewebemenge herstellen zu können. Ein Problem bestand darin, dass der Wachstumsprozess der aus Asien stammenden Raupen in der kühlen deutschen Witterung länger als geplant dauerte und die Qualität der hier erzeugten Schulseide″ schlechter war als bei Importware. Der Ausschuss war dementsprechend groß. Dennoch wurde das Programm schon aus erzieherischen Gründen durchgezogen. Geschicklichkeit und Fleiß der Schulkinder wurden im Fach Kriegshilfe″ benotet.
Autor:
Joachim Dierks


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