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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Heute vor 25 Jahren endet in Osnabrück eine spektakuläre Geiselnahme
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Originaltext:
Osnabrück Die Szenen, die sich heute vor 25 Jahren auf dem Johannistorwall abspielten, erinnerten an einen TV-Krimi. Um kurz nach 11 Uhr endete dort die Flucht zweier Gefängnisausbrecher, die rund 50 Stunden zuvor in der JVA Celle einen Aufseher überwältigt und verschleppt hatten. Peter S. und Günther F., damals 38 und 37 Jahre alt, hatten 200 000 DM Lösegeld und einen Porsche als Fluchtwagen erhalten, den sie später gegen einen unterwegs gestohlenen Golf austauschten. Offenbar um Verwirrung zu stiften, warfen die zunehmend kopflos agierenden Geiselnehmer auf dem Neumarkt Geldscheine aus dem Fenster, nach denen Passanten gierig griffen. Um 11.04 Uhr hieß es schließlich: Zugriff! An der Kreuzung Johannistorwall/ Kommenderiestraße keilte ein Sondereinsatzkommando den Golf ein, zerschlug dessen Scheiben und zerrte S. und F. heraus. Sie ließen sich widerstandslos festnehmen. Die Geisel blieb nahezu unverletzt. Nach Angaben des Justizministeriums in Hannover lebt S. noch heute hinter Gittern er hat seine Strafe zwar inzwischen abgesessen, befindet sich aber in Sicherungsverwahrung. F. wurde 2011 entlassen. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Es war der bisher letzte Ausbruch aus einem niedersächsischen Gefängnis, der mit einer Geiselnahme verbunden war.

(Die folgende Langfassung ist vom www.noz.de)
Osnabrück. An diesem Samstag vor 25 Jahren endete in Osnabrück die spektakuläre Flucht zweier Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Celle, die einen Aufseher überwältigt und anschließend als Geisel verschleppt hatten.

Der 23. Mai 1995 war ein sonniger Dienstag doch besonders entspannt ging es an dem Vormittag auf den Straßen der Hasestadt nicht zu: Kurz nach 11 Uhr endete hier die spektakuläre Flucht zweier Geiselgangster, die rund 50 Stunden zuvor in der Justizvollzugsanstalt Celle einen Aufseher überwältigt und als Geisel genommen hatten.

Die Geiselnehmer Peter S. und Günther F., zum damaligen Zeitpunkt 38 und 37 Jahre alt, forderten in Celle 200.000 DM Lösegeld und einen Fluchtwagen. Um die Geisel nicht zu gefährden, ließ die Polizei die beiden ziehen. Sie flohen samt ihrer Geisel zunächst in einem Porsche. Später tauschten sie den Sportwagen gegen einen unterwegs gestohlenen Golf ein.

Kriminelle Karriere als Jugendlicher gestartet

S., den einige für den Kopf des Duos halten, hatte seine kriminelle Karriere bereits als Jugendlicher gestartet. Wegen Diebstahls, versuchten Raubes und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte war er bereits verurteilt worden, als er 1978 in der psychiatrischen Einrichtung, in der er untergebracht war, zwei Pfleger niederstach. 1982 wurde er bei einem Schusswechsel mit der Polizei schwer verletzt, zuvor war er während eines Hafturlaubs geflohen.

1995 hätte S. noch eine Strafe bis zum Jahr 2006 absitzen müssen. Da das Gericht aber zusätzlich Sicherungsverwahrung verhängt hatte, wäre er möglicherweise erst 2016 frei gekommen. Das, so wurde später vermutet, war wohl ein Grund für den erneuten Fluchtversuch.

Schon davor Geisel genommen

In Sachen Geiselnahme hatte S. zu diesem Zeitpunkt bereits Erfahrung: 1984 war er schon einmal aus der JVA Celle ausgebrochen, auch damals hatte er gemeinsam mit einem Komplizen einen Vollzugsbeamten als Geisel genommen. Und auch damals führte der Weg über Osnabrück.

Allerdings machten die Gangster 1984 dort nur kurz Zwischenstation, um mit Unterstützung eines Helfers an den städtischen Kliniken einen neuen Fluchtwagen zu besteigen. Die Polizei beendete die Flucht nach gut 24 Stunden in Bremen. S. und sein Kompagnon wurden im Steintorviertel verhaftet, wo sie sich offenbar vergnügen wollten.

In Wellingholzhausen ausgeruht

Gut elf Jahre später fuhr S. also wieder auf der Flucht vor der Polizei durch Osnabrück. Über zwei Tage waren er und F. mit ihrer Geisel zu diesem Zeitpunkt schon unterwegs. Die Polizei hatte die unmittelbare Verfolgung zwischenzeitlich ausgesetzt wie es hieß, um den Gangstern die Möglichkeit zu geben, die Geisel freizulassen.

Die dachten aber gar nicht daran. Stattdessen bezahlten sie ihr Benzin großzügig mit einem 100-DM-Schein bei einer Tankstelle an der B218 in Schwagsdorf, später ruhten sie sich in einem Waldstück bei Wellingholzhausen etwas aus.

In Ostercappeln wurde sie dann dabei beobachtet, wie sie in einem Supermarkt Obst und Gemüse einkauften und zehn große Packungen Streichhölzer. " Die Täter versuchten, Material für weitere Waffen und Sprengsätze zu bekommen", sagte damals der Sprecher der Polizei gegenüber unserer Redaktion. Die Versuche blieben jedoch erfolglos und die Polizei nahm die Verfolgung wieder auf.

Am Neumarkt mit Geld geworfen

Doch die Nerven der beiden Verbrecher lagen trotz Ruhepause offenbar schon blank, als sie in Osnabrück eintrafen: Die Täter agierten zunehmend kopflos und chaotisch. Das war jedenfalls der Eindruck der Osnabrücker Polizei. Berichten zufolge wurden S. und F. in Osnabrück von rund 20 Polizeifahrzeugen verfolgt. Zusätzlich kreiste ein Polizeihubschrauber über der Stadt. Die Straftäter rasten bei Rotlicht über Kreuzungen, Rad- und Gehwege. Mehrere Fußgänger konnten sich nur durch Sprünge zur Seite retten.

Auf dem Neumarkt warfen die Gangster dann schließlich Teile des Lösegelds aus dem Fenster, vermutlich um Verwirrung zu stiften. Passanten griffen gierig nach den herumfliegenden Scheinen.

Zugriff um 11.04 Uhr

Die Polizei entschied sich um 11.04 Uhr für den Zugriff. An der Kreuzung Johannistorwall/ Kommenderiestraße war es so weit. Die Gangster hielten an einer roten Ampel. Mitglieder eines Sondereinsatzkommandos aus Köln keilten das Fluchtfahrzeug daraufhin von drei Seiten ein, schlugen die Scheiben ein und zerrten S. und F. aus dem Fahrzeug.

Den Tätern blieb laut Zeugenberichten keine Zeit zum Widerstand. Sie ließen sich ohne große Gegenwehr festnehmen. Die Geisel wurde unverletzt befreit. Der Justizvollzugsbeamte erlitt lediglich ein paar Prellungen.

Für S. war es der vorerst letze Ausflug in die Freiheit. Er saß seitdem in verschiedenen Gefängnissen seine Strafe ab. Die ist seit 2012 verbüßt, aber S. lebt laut niedersächsischem Justizministerium weiter hinter Gittern wie vom Gericht angeordnet in Sicherungsverwahrung. Er hat mittlerweile eine Frau geheiratet, die ihm Briefe ins Gefängnis schrieb, und ihren Nachnamen angenommen.

Auch sein Komplize Günther F. saß lange isoliert von anderen Gefangenen in Haft. 2011 wurde er entlassen. Über sein weiteres Schicksal ist dem Ministerium nach eigenen Angaben nichts bekannt.

Letzter Ausbruch mit Geiselnahme

Der Ort der Geiselnahme, die Kreuzung Johannistorwall/ Kommenderiestraße, kam Jahre später wieder in die Schlagzeilen: Sie galt bis zum Umbau und einer Neuordnung der Spurtrennung als " Todeskreuzung", nachdem hier mehrere Radfahrer tödlich verunglückten. Auch sonst hat sich der Ort verändert: Von den anliegenden Geschäften von damals ist nur das Waschcenter übrig geblieben, nachdem zuletzt das Restaurant an der Ecke geschlossen wurde.

Nach Angaben des Justizministeriums war es der bisher letzte Ausbruch aus einem niedersächsischen Gefängnis, der mit einer Geiselnahme verbunden war. Vorkehrungen im baulichen, administrativen und sozialen Bereich garantierten ein hohes Maß an Sicherheit im Justizvollzug, heißt es aus Hannover. So gebe es beispielsweise Alarm- und Sicherungspläne für jede Anstalt sowie regelmäßige Begehungen und Übungen mit Polizei und Feuerwehr.

Bildtexte:
An der Kreuzung Johannistorwall/ Kommenderiestraße wurden am 23. Mai 1995 zwei Geiselnehmer von der Polizei festgenommen.
Das Titelbild der Neuen Osnabrücker Zeitung am Tag nach der beendeten Geiselnahme.
Der Innenraum des Wagens nach dem Zugriff.
Die Fahrt durch Osnabrück am 23. Mai 1995.
Die Schaulustigen applaudierten 1995 der Polizei und dem SEK, nachdem die Geiselnahme beendet war.
Fotos:
Gert Westdörp, Archiv
Grafik:
Archiv
Autor:
dpa, Corinna Berghahn, Sven Kienscherf


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