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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Laubenpieper müssen raus
 
Die wilden Gärten werden geräumt
Zwischenüberschrift:
Gärten in der Gartlage werden geräumt
 
Unruhe in der Gartlage: Laubenpieper lassen ihr Paradies frustriert zurück
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Mehr als 100 Pächter von Gartenparzellen hinter der Halle Gartlage haben kürzlich eine Kündigung in ihren Briefkästen gefunden. Bis Ende Oktober sollen sie aus den Gärten am Sandbach raus sein. Abgesendet hatte die Erbengemeinschaft Schwartze/ Wilhelms aus München die Schreiben bereits vor Ausbruch der Corona-Krise, als noch Gerüchte die Runde machten, dass hier ein neues Stadion für den VfL entstehen könnte. Auch wenn das vorerst kein Thema mehr ist: Hoffnung machen dürfen sich die nicht in einem Verein organisierten und lediglich geduldeten Gärtner wohl keine mehr.

Osnabrück In den wilden Gärten hinter der Halle Gartlage in Osnabrück ist die Aufregung groß: Weit mehr als 100 Laubenpieper haben die Kündigung bekommen und räumen nun ihre Parzellen. Es wird geraunt, auf dem Areal solle ein neues Stadion für den VfL entstehen, doch das ist schon überholt. Zurück bleiben Frust und große Trümmerberge.

Die Kündigung kam Anfang März, kurz vor der Corona-Krise. Absender war die Erbengemeinschaft Schwartze/ Wilhelms aus München. Seit Jahresbeginn stand in Osnabrück zur Diskussion, ob der VfL als Zweitligist an der Bremer Brücke bleiben oder ein neues Stadion bekommen müsse. Das war der Plan B für die Flächen am Bahndamm in der Gartlage. Alles noch sehr unkonkret, aber für ein neues Trainingszentrum ebenfalls in der Aue am Sandbach sollte möglichst kurzfristig Platz geschaffen werden. Auch dafür hätten die Kleingärten geräumt werden müssen.

Jetzt kommt alles ganz anders. Von einem neuen Stadion ist in Corona-Zeiten nicht mehr die Rede, und die neuen Trainingsplätze werden wohl eher auf dem früheren Kasernengelände am Limberg entstehen. Stadtkämmerer Thomas Fillep sagt, dass die Stadt nicht mehr auf die Flächen in der Gartlage setze. Die Verhandlungen mit der Erbengemeinschaft Schwartze/ Wilhelms lägen auf Eis, weil deren Forderungen so hoch seien, dass wir sie nicht erfüllen können″.

Dennoch sind die Kündigungen für die Pächter der Gartenparzellen zum 31. Oktober wirksam, und in der Laubenkolonie hat sich Enttäuschung breit gemacht. Die Gärten am Sandbach gehören zu keinem ordentlichen″ Kleingartenverein, sie sind nur geduldet. Als Grabeland. So nennt die Stadt Zwischennutzungen für Flächen, deren große Stunde aus Mangel an Geld oder Entschlossenheit noch nicht gekommen ist.

Kein Schutz

Für das bunte Völkchen, das auf solchen Provisorien Gemüse anbaut oder Hühner hält, gibt es deshalb keinen Schutz, wenn es nach Jahrzehnten zur Vertreibung aus dem Paradies kommt. Die Werte, die in Gartenlauben und Bepflanzungen stecken, lassen sich nicht von der einen Laubenkolonie in die nächste transferieren. Und eine Entschädigung für die Nutzer von Grabeland ist nirgendwo vorgesehen.

Mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung zerstören viele Laubenpieper in diesen Tagen, was sie lieben. Gartenhäuser, Gewächshäuser und Hühnerställe verschwinden von der Bildfläche, Beete werden eingeebnet und Bäume gefällt. Ein Pächter ist gleich mit dem Bagger in der Kolonie aufgetaucht und hat Tabula rasa gemacht. So gründlich, dass seine Parzelle nur noch aus dem nackten Boden besteht.

Bäume und Büsche dürfen in dieser Jahreszeit allerdings nicht gerodet werden, weil brütende Vögel und Kleintiere zu schützen sind. Und der Müll muss fachgerecht entsorgt werden. Doch das hat sich unter manchen Gartenpächtern wohl noch nicht herumgesprochen. Hinter manchen Hecken lagern wilde Deponien aus Abbruchmaterial, alten Heizöltanks, Kinderspielzeug und ausgedienten Möbeln.

Für asbesthaltige Dachabdeckungen und problematische Dämmstoffe stehen immerhin großformatige Bigbags bereit, aber nicht alle Gartenfreunde scheinen sich damit so gut auszukennen wie Serim Yücel, der sich als Profi vom Bau vorstellt.

Der 50-Jährige hat seine Asbestdächer schon entsorgt und räumt seine Doppelparzelle gründlich auf. Eigentlich hatte er ein neues Häuschen bauen wollen, und nun ist er froh, dass er damit noch nicht angefangen war, als die Kündigung kam. Was soll ich machen?″, fragt er enttäuscht. Aber mit seiner Tatkraft ist er zuversichtlich, seine Pläne in einem anderen Kleingarten verwirklichen zu können.

Eine Familie schräg gegenüber holt in diesen Tagen alles Brauchbare aus ihrer Parzelle, das in ihrem neuen Garten am Schinkelberg von Nutzen sein könnte. Wir haben hier viel Spaß gehabt im Sommer″, erzählt Filipa da Costa, die Mutter von zwei kleinen Töchtern. Im Sommer wurden Marmelade und Apfelsaft hergestellt, und die Hühner lieferten Eier. Inzwischen musste Opa Mario die Hühner schlachten, weil die nicht mit umziehen dürfen. Familie da Costa bedauert zwar, dass sie ihr Refugium in der Gartlage nach sieben Jahren aufgeben muss, aber sie will sich jetzt auf ihr Neuland konzentrieren.

Trauer um Parzellen

Viele ältere Pächter nehmen mit Verbitterung Abschied von der lieb gewordenen Scholle. Der 80-jährige Herbert Mock, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, sieht sich außerstande, noch mal von vorne anzufangen. Ich habe Krebs″, sagt er nur. Zuerst wollte er das Gelände abräumen, doch dann wurde ihm klar, dass seine Kräfte das nicht mitmachen. Jetzt hat er sich vorgenommen, alles stehen zu lassen und bis zum 31. Oktober zu bleiben. Die Kaution von 500 Euro kann er damit in den Schornstein schreiben.

Schlimmer findet Herbert Mock, dass es keine Entschädigung gibt. So wie er hätten viele Gartenfreunde jahrzehntelang ihre Anlagen gepflegt und viel Geld investiert. Von einer älteren Frau wisse er, dass sie weinend auf dem Balkon sitze, weil man ihr die Lebensader genommen″ habe.

Betrübt über das bevorstehende Ende ist auch Johannes Dick, der mit seinem kaputten Knie kaum noch aus dem Auto steigen kann. 10 000 Euro, so rechnet er vor, habe er im Laufe der Zeit in sein Gartenhäuschen investiert. Nur fürs Material″, wie er betont, während er an seiner Zigarette zieht. Als er vor 30 Jahren seine Parzelle übernahm, musste er den Müll seiner Vorgänger abräumen und das Land urbar machen. Dafür befreite ihn der Verpächter zwei Jahre lang von der Zahlung.

Jetzt ist das ordentlich gezimmerte Gartenhaus eines der wenigen, das noch unversehrt da steht. Dick sieht sich außerstande, den Holzbau zu demontieren und an anderer Stelle wieder aufzubauen. Und auch seine Tochter, der er die Parzelle vor einem Jahr überlassen hat, kann da wohl nichts machen. Der 59-Jährige hat Unterschriften gesammelt und Oberbürgermeister Wolfgang Griesert um Hilfe gebeten. Doch der konnte auch nur sein Bedauern und zugleich die Hoffnung auf ein anderes Stück Garten ausdrücken. Ähnlich äußerten sich die angeschriebenen Fraktionen. Das tut sehr weh″, sagt Johannes Dick.

Unsere Redaktion hat die Erbengemeinschaft am Montag um eine Stellungnahme gebeten. Sprecherin Anke Wilhelms teilte dazu mit, sie wolle sich erst mit den anderen Mitgliedern der Erbengemeinschaft abstimmen.

Bildtexte:
Familie da Costa räumt ihre Parzelle. Sie gehört zu den wenigen Pächtern, die sich einen neuen Kleingarten gesichert haben. Dennoch ist die Enttäuschung von Filipa da Costa und ihrem Vater Mario groß.
Bis spätestens Ende Oktober müssen die Pächter ihre Grundstücke räumen.
Tabula rasa hat ein Pächter mit dieser Parzelle gemacht. Bäume und Büsche zu roden, ist in dieser Jahreszeit allerdings nicht erlaubt.
Einer, der aufräumt: Auch Serim Yücel muss seinen Garten in der Gartlage aufgeben.
Johannes Dick vor dem Garten, den er im letzten Jahr seiner Tochter übergeben hat.
Fotos:
Michael Gründel
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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