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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Stürzt das Denkmal Calmeyer?
Zwischenüberschrift:
Nach Kritik aus Holland: Biograf des Judenretters verteidigt Osnabrücker Museumspläne
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Taugt der in den Niederlanden öffentlich gemachte Fall einer Amsterdamer Auschwitz-Überlebenden dazu, Hans Calmeyers Ruf als größter deutscher Judenretter im Zweiten Weltkrieg zu beschädigen? Der Osnabrücker Calmeyer-Biograf Mathias Middelberg sagt: Kritik an Calmeyer muss immer sein aber ...″

Mitte April 2020 erschien in den Niederlanden das Buch Het raadsel van Femma Prooi van een mensenredder″ (Das Rätsel von Femma Beute eines Menschenretters). Autorin Els van Diggele zieht darin die Lebensgeschichte der heute 92-jährigen Amsterdamer Auschwitz-Überlebenden Femma Flijsman-Swaalep heran, um mit dem angeblich falschen und unvollständigen Bild″ von Hans Calmeyer (1903–72) aufzuräumen. In einer Zeit, wo seine Heimatstadt Osnabrück konkrete Pläne für ein Calmeyer-Museum schmiedet, will die Journalistin das andere Gesicht″ dieses Mannes zeigen: Also nicht das eines bereits 1992 vom Staate Israel ausgezeichneten Holocaust-Saboteurs, der kraft Amtes mehrere Tausend niederländische Juden vor der Deportation in Konzentrations- und Vernichtungslager bewahrte. Sondern das eines berechnenden Beamten″ in Nazi-Uniform, der als Leiter der NS-Entscheidungsstelle in Den Haag völlig willkürliche Entscheidungen über Leben und Tod″ traf wie scheinbar im Fall Femma, die er mit einem Federstrich in die Hölle geschickt″ habe, anstatt seine üblichen lebensrettenden Bürokraten-Tricks auch bei ihr anzuwenden.

Film zu Calmeyer- Opfer″

Dabei begleitet van Diggeles Buch eine gleichnamige TV-Dokumentation, die die sogenannte Jüdische Programmierung des Evangelischen Rundfunks (Evangelische Omroep, kurz: EO) produziert hat und die am Montag, 4. Mai, um 22.55 Uhr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen der Niederlande ausgestrahlt werden soll (22.55 Uhr, NPO 2). In dem Film kommt laut EO auch Mathias Middelberg zu Wort: Der Osnabrücker CDU-Bundestagsabgeordnete hat 2015 eine Calmeyer-Biografie veröffentlicht („ Wer bin ich, dass ich über Leben und Tod entscheide? Hans Calmeyer – , Rassereferent′ in den Niederlanden 1941–1945″) und gehört einer Gruppe handverlesener Wissenschaftler an, die die Stadt Osnabrück in Sachen Calmeyer-Haus berät.

Von unserer Redaktion nach seiner Meinung zu der TV-Doku gefragt, erklärte Middelberg, er habe sie noch nicht gesehen und wolle sich deshalb mit einem Kommentar vorläufig zurückhalten. Allgemein könne er aber Folgendes sagen: Kritik an Calmeyer darf nicht nur sein, sie muss sein immer wieder, gerade auch in einem denkbaren Museum.″ Sie sei wichtig, weil die Auseinandersetzung über Calmeyer auch deutlich mache, welche Spielräume Opposition in einer Diktatur überhaupt haben kann″.

Calmeyer sei in der Nazi-Zeit unstreitig Teil der Mordmaschinerie″ gewesen, stellt Middelberg fest. Aber nur in dieser Stellung konnte er Tausende Leben retten.″ Ähnlich verhalte es sich mit anderen, namhaften Judenrettern wie Oskar Schindler und Berthold Beitz. Allein ihre Nähe zum NS-Regime habe den beiden Industriellen die Chance zum Helfen eröffnet.

Selbst Hitler-Attentäter Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der als Wehrmachtsoffizier den Vernichtungskrieg aktiv beförderte″, habe am 20. Juli 1944 die Bombe im Führerhauptquartier nur deshalb legen können, weil er in höchsten Positionen diente. Middelberg: Den Widerständler mit der weißen Weste, den Calmeyers Kritiker suchen, den gibt es nicht in einer totalitären Diktatur.″

Und was sagt der Osnabrücker Experte zum Schicksal der Femma Fleijsman-Swaalep jener Frau, über deren rassische″ Zugehörigkeit Calmeyer im Oktober 1943 und Juli 1944 zu urteilen hatte, der er aber damals nach eigenem Dafürhalten nicht helfen konnte? Obwohl Calmeyer doch, wie man heute weiß, bei mindestens zwei Drittel aller rassischen Zweifelsfälle″, die über seinen Schreibtisch gingen, ein Auge zudrückte.

Kontext beachten

Der Fall Femma Fleijsman-Swaalep berührt sehr. Aber man muss ihn und Calmeyers Entscheidung dazu im Kontext sehen.″ Das gab Middelberg auch dem Regisseur der niederländischen TV-Doku, Alfred Edelstein, Anfang des Jahres per E-Mail zu verstehen, nachdem dieser ihm Aktenstücke zur Prüfung übersandt hatte. Die entsprechende Korrespondenz liegt unserer Redaktion vor.

Zwar könne er anhand der vorliegenden Papiere leider keine Erklärung″ für Calmeyers Handeln im Fall Femma liefern, sagt Middelberg. Allerdings habe Calmeyer schlicht nicht jeden Antrag günstig bescheiden können, sonst wäre sein Widerstand schnell aufgefallen″. Er habe mitunter auch gut begründete Vorlagen ablehnen müssen, und dies sogar demonstrativ, um seinen Ruf als kompromissloser Verfechter des nationalsozialistischen Rasserechts zu wahren. Spätestens 1943 sei Calmeyer im kritischen Visier der SS″ gewesen. Die habe ihm die Entscheidungen über die Zweifelsfälle eigentlich ganz abnehmen wollen.

Als das nicht gelang, seien immer häufiger Entscheidungen gegengeprüft worden. Zuständig dafür war der niederländische SS-Offizier Ludo ten Cate. Genau der war auch im Fall Fleijsman-Swaalep beteiligt, was die Sache noch schwieriger machte.″ Darüber hinaus sei ein gewisser Dr. Haring Piebenga darin verwickelt gewesen ein Mitglied der niederländischen Nazi-Partei NSB, der als Anthropologe im Unterschied zu den meisten anderen , Sachverständigen′ sehr ungünstig für die Betroffenen gutachtete″.

Im März 1944 habe das Reichssicherheitshauptamt der SS in Berlin schließlich die Revision der Calmeyer-Akten angeordnet wegen des Verdachts auf ausgedehnten Abstammungsschwindel″, erklärt Middelberg. Calmeyer erfuhr davon. Und allerspätestens ab diesem Zeitpunkt war ihm völlig klar, dass er mit jeder weiteren positiven Entscheidung enorm viel riskierte.″

So hielt Calmeyer im Fall Femma, die ausweislich vorliegender Dokumente der NS-Entscheidungsstelle am Tag ihrer Geburt (28. Februar 1928) mit vier jüdischen Großeltern beim Standesamt gemeldet worden war und bis August 1942 auch der jüdischen Gemeinde angehörte, weder das schriftliche Vorbringen eines arischen Erzeugers″ für glaubhaft, noch vertraute er den im Abstammungsverfahren beigebrachten Zeugen.

Middelberg verweist an dieser Stelle auf den Gründungsdirektor des 1945 aus der Taufe gehobenen Amsterdamer Instituts für Kriegs-, Holocaust- und Genozidstudien NIOD, Professor Louis de Jong. Der habe bilanzierend über Calmeyer befunden: Manche hatte er nur retten können, indem er andere preisgab. Und seine Scham über Letzteres war größer als seine Genugtuung über Ersteres.″

Darüber hinaus habe Joseph Michman, bei der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in den 90er-Jahren Direktor der Abteilung für die Gerechten unter den Völkern″, wie folgt über Calmeyer geurteilt: Wer alle Juden retten wollte, rettete niemanden. Obwohl ihm selbst KZ oder gar Todesstrafe drohte, hat er in einer Art und Weise manövriert, die Bewunderung verdient.″

Unterstützung aus Holland

Sowohl de Jong, der als Jude vor den Nazis nach England geflohen sei, als auch Michman, der eigentlich Joop Melkmann heiße und im Krieg für die Zwangsverwaltung der Juden den Judenrat in Amsterdam gearbeitet habe, hätten Calmeyers Ehrung maßgeblich vorangebracht, betont Middelberg. Hinzu komme, dass 1992 mit Moshe Bejski jemand dem Yad-Vashem-Gremium zur Bestimmung der Gerechten″ vorstand, der nicht nur als sogenannter Schindler-Jude überlebt hatte, sondern auch Zeuge im Eichmann-Prozess, Anwalt und später Richter an Israels oberstem Gerichtshof war.

Middelberg: Das Urteil dieser Leute, die als verfolgte Juden die Zeit selbst erlebt haben und die Möglichkeiten auch die Calmeyers in der damaligen Lage gut einschätzen konnten, hat für mich bis heute sehr hohes Gewicht.″

Bildtexte:
Er war ein Teil der NS-Mordmaschinerie und streute ihr Sand ins Getriebe, wo es ging: Der Osnabrücker Hans Calmeyer (1903-72) rettete als NS-Funktionär mit bürokratischen Tricks vielen Tausend niederländischen Juden das Leben. Das Bild zeigt ihn in den 1950er-Jahren.
Die Amsterdamer Auschwitz-Überlebende Femma Flijsman-Swaalep heute mit über 90 Jahren hier in einer Szene aus dem niederländischen Dokumentarfilm, der ihr Schicksal nachzeichnet.
Fotos:
Evangelische Omroep (EO)
Autor:
Sebastian Stricker


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