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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Niederländer kratzen an Calmeyers Ruf
Zwischenüberschrift:
Buch und Film werfen kritischen Blick auf Osnabrücker Holocaust-Saboteur / Was sagen Experten dazu?
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Der Osnabrücker Hans Calmeyer (1903–1972) rettete als NS-Funktionär im Zweiten Weltkrieg Tausenden niederländischen Juden das Leben. Doch manchen half er nicht. Das Schicksal einer Auschwitz-Überlebenden aus Amsterdam soll nun herhalten, um Calmeyers anderes Gesicht″ zu zeigen.

In den Niederlanden ist am 14. April ein Buch mit dem Titel Das Rätsel von Femma Beute eines Menschenretters″ erschienen. Es begleitet einen gleichnamigen Dokumentarfilm, den der öffentlich-rechtliche niederländische Fernsehsender NPO 2 am 4. Mai ausstrahlt (22.55 Uhr).

Die Journalistin und Historikerin Els van Diggele beschreibt in dem 192-Seiten-Werk die Geschichte der heute 92-jährigen Femma Flijsman-Swaalep aus Amsterdam, die mit 15 nach Auschwitz verschleppt wurde. Zugleich rechnet das Buch mit dem Osnabrücker Hans Calmeyer ab: jenem Rechtsanwalt, der im Zweiten Weltkrieg als NS-Rassereferent in Den Haag die Abstammung niederländischer Juden prüfte und dabei gezielt den Holocaust sabotierte, indem er offensichtlich gefälschte Verwandtschaftsnachweise größtenteils gelten ließ. Nach aktuellem Forschungsstand bewahrte er auf diese Weise etwa 3000 Menschen vor der Deportation in Konzentrations- und Vernichtungslager möglicherweise sogar fast doppelt so viele. Femma Flijsman allerdings nicht.

Anderes Gesicht gezeigt?

Im Gegenteil: Wie aus ihrer vollständig erhaltenen Fallakte im niederländischen Nationalarchiv hervorgeht, hat Calmeyer Femmas Namen am 25. Oktober 1943 absichtlich″ von seiner Liste der zu Verschonenden gestrichen und damit sein anderes Gesicht gezeigt″, wie Autorin van Diggele im Gespräch mit unserer Redaktion sagt. Oder, um es mit den Worten ihres in Amsterdam ansässigen Buchverlags De Geus auszudrücken: Calmeyer, dieser berechnende deutsche Beamte″, habe das Mädchen mit einem Federstrich in die Hölle″ geschickt.

Das angeblich in Osnabrück wie in Deutschland insgesamt vorherrschende Bild von Calmeyer als Menschenretter sei deshalb falsch und unvollständig″, meint die Historikerin. Und auch wenn die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Calmeyer seit 1992 einen Gerechten unter den Völkern″ nennt: Ihre Forschung zum Schicksal der Femma Flijsman-Swaalep, Tochter eines arischen Amsterdamer Fensterputzers″, belege, dass Calmeyer mit Menschenleben gespielt″ habe, um weiter für die Nazis am Schreibtisch arbeiten zu können und nicht selbst als Wehrmachtssoldat kämpfen zu müssen. Denn laut van Diggele handelte der Jurist hauptsächlich aus Angst vor der Ostfront″.

Buch und Film zeigten, wie Calmeyer einen Job in der nationalsozialistischen Zerstörungsmaschine anstrebt″, wie er die Verfolgung erleichtert″ und völlig willkürliche Entscheidungen über Leben und Tod treffen kann″. Es gebe kaum Anhaltspunkte dafür, dass sein Motiv war, Menschen zu retten″, erklärt die Autorin. All dies rücke die Pläne seiner Heimatstadt Osnabrück, ihn mit einem eigenen Museum dem sogenannten Hans-Calmeyer-Haus zu ehren, in ein ganz anderes Licht″.

Aber tut es das wirklich? Nein, sagt Joachim Castan, promovierter Historiker und stellvertretender Vorsitzender der Osnabrücker Hans-Calmeyer-Initiative. Von unserer Redaktion mit van Diggeles Einlassungen konfrontiert, stellt er fest: Es ist unbestritten, dass Menschen aufgrund von Calmeyers Unterschrift ins KZ und in den Tod geschickt wurden. Über dieses Dilemma war Calmeyer sich völlig im Klaren, und das macht ja gerade seine Tragik aus.″

Maßgeblich für die Beurteilung von Calmeyers Rettungswerk sei, dass der Osnabrücker unter höchster Gefahr für sich selbst″ nachweislich in 65 Prozent aller Fälle zugunsten der Verfolgten entschieden habe. Eine außerordentlich hohe Quote″, findet Castan. Bei weiteren zehn Prozent der Fälle sei die Lage unklar. Die Auschwitz-Überlebende Femma Flijsman-Swaalep gehört also wohl zu jenen 25 Prozent, für die Calmeyer nach eigenem Ermessen nichts tun konnte. Daraus einen Skandal zu machen geht aber nicht″, findet Castan.

Rat ausgeschlagen

Auch die niederländische Geschichtswissenschaftlerin Petra van den Boomgaard, die für ihre 2019 vorgelegte Doktorarbeit über Hans Calmeyer das gesamte Archiv der NS-Entscheidungsstelle sprich: Tausende von Unterlagen ausgewertet hat, warnt davor, Schlussfolgerungen auf der Basis eines Einzelfalls zu ziehen″. Das habe sie auch Els van Diggele gesagt, als die Autorin sie vergangenes Jahr zum Interview getroffen habe, berichtet van den Boomgaard unserer Redaktion. Doch allem Anschein nach wurde ihr wissenschaftlicher Rat in den Wind geschlagen. Schon damals habe van Diggele keine Dokumente mitgebracht, die ihre Behauptung vom absichtlichen Handeln Calmeyers im Fall Femma hätten stützen können. Nun ließen Buch- und Filmtitel vermuten, dass hier anhand eines Schicksals sogar ein moralisches Urteil über Calmeyer″ gefällt werde.

Was die vielleicht Kenntnisreichste aller Calmeyer-Fachleute außerdem bedauert: dass weder ihre Landsfrau van Diggele noch die für den Dokumentarfilm verantwortliche niederländische Rundfunkorganisation Evangelische Omroep (EO) sie nach Abschluss der Recherchen um eine Einschätzung des Resultats gebeten hätten. Dies hätte die Arbeit im Sinne eines historisch korrekten Ergebnisses überzeugender gemacht.″

Anhand der ihr mittlerweile bekannt gewordenen Dokumente könne sie für den Moment aber eins festhalten: Die NS-Entscheidungsstelle habe über Femma geurteilt, während zwei SS-Leute und ein mit den Nazis symphatisierender Anthropologe in den Fall verwickelt gewesen seien. Eine Situation, die es Calmeyer unmöglich gemacht hätte, anders zu entscheiden″, ist van den Boomgard überzeugt.

Bildtexte:
Szene aus dem Dokumentarfilm: Femma Flijsman-Swaaleps Sohn Henny protestiert in Osnabrück gegen Pläne für ein Hans-Calmeyer-Haus.
Hans Calmeyer (1903–1972) in den 1950er-Jahren.
Die Auschwitz-Überlebende Femma Flijsman-Swaalep.
Fotos:
Evangelische Omroep (EO), Filmkontor Castan

Kommentar
Anklage steht auf tönernen Füßen

Femma Flijsman-Swaalep wurde nach Auschwitz deportiert, weil die damals vom Osnabrücker Juristen Hans Calmeyer geleitete NS-Entscheidungsstelle es so wollte. Oder besser gesagt: es nicht verhinderte.

Es kann nicht überraschen, dass Femma und ihre Familie ausgerechnet jenen Mann für all das Leid verantwortlich machen, den andere als einen der größten deutschen Judenretter jener Zeit bezeichnen. Und den selbst die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel seit 1992 für einen Gerechten unter den Völkern″ hält.

Seltsam erscheint hingegen, wie Autoren und Filmemacher in den Niederlanden dieses Fallbeispiel für eine allgemeine, zudem moralinsaure Anklage nutzen gegen Calmeyer, aber auch gegen die Pläne seiner Heimatstadt, ihm ein eigenes Museum zu widmen.

Zum einen rettete Calmeyer nach aktuellem Forschungsstand weit mehr als doppelt so viele Menschen, wie er ins Verderben schickte wobei er wohl auch nur deshalb so oft helfen konnte, weil er es manchmal eben nicht tat, so schwer erträglich das ist. Zweitens missachtet eine Pauschalisierung wie im Fall Femma die Tatsache, wie behutsam und rücksichtsvoll man sich in Osnabrück dem Ziel nähert, einen Ort zu schaffen, an dem Calmeyers Dilemma nachvollziehbar wird. Einen Ort, der gerade nicht einer fragwürdigen Heldenverehrung dient, sondern im Gegenteil eine ständige kritische Auseinandersetzung mit Calmeyers Leben und Rettungswerk ermöglicht. s.stricker@ noz.de
Autor:
Sebastian Stricker


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