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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Bald Elefantenbabys „made in Osnabrück″?
Zwischenüberschrift:
Zoodirektor Michael Böer geht heute in den Ruhestand – und nährt unsere Hoffnung auf spektakuläre Zuchterfolge
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Der Osnabrücker Zoodirektor Michael Böer geht Ende März in Ruhestand. Im Interview mit unserer Redaktion nimmt er Stellung zum großen Führungsstreit von 2019, erklärt, was der Zoo aus dem Bärenausbruch vor drei Jahren gelernt hat und warum sich der Klapperstorch auf der Arche Noah″ manchmal lange bitten lässt.

Professor Böer, Sie sind seit Juli 2012 als Prokurist im Zoo Osnabrück tätig, schienen nach internen Querelen aber in den letzten Jahren mehr oder weniger kaltgestellt. Täuscht der Eindruck? Was hat dazu geführt, dass zuletzt immer andere in der ersten Reihe standen, wenn es wichtige Neuigkeiten aus der Osnabrücker Zootierwelt zu verkünden gab?
Der Eindruck täuscht: Der Zoo arbeitet hier mit einem modernen, fließenden Übergangsmanagement für einen hinreichend langen Zeitraum, um die Kollegen der nachfolgenden Berufsgeneration kontinuierlich unsere Tätigkeiten zwischen Tierwelt, Wissenschaft und Öffentlichkeit bewältigen zu lassen. Da ist es logisch, dass meine Kollegen Thomas Scheibe, unser Zootierarzt, sowie unsere zoologischen Kuratoren Tobias Klumpe und Andreas Wulftange dann auch der Presse direkt Interessantes aus ihren Arbeitsbereichen berichten.

Ich selbst konnte in der letzten Zeit daher unabhängig vom Tagesgeschäft sehr intensiv fachübergreifende Problemstellungen bearbeiten und koordinieren: zum Beispiel die wissenschaftliche Erfassung von Daten als Nachweis für unsere Aufsichtsbehörden, dass sich unsere Orang-Utans in den neuen Anlagen wohlfühlen. Solche Erkenntnisse benötigen Zeit und werden unspektakulär im Hintergrund erarbeitet.

Als im Sommer 2019 der Führungsstreit zwischen Präsidium und Geschäftsführung im Zoo eskalierte, erklärte der Betriebsrat öffentlich, von Ihnen fachlich und menschlich schwer enttäuscht″ zu sein. Wollen Sie dazu etwas sagen?
Es gehört zu einer guten Demokratie dazu, dass sie möglichst weitreichend greift auch in die einzelnen Arbeitsfelder hinein. Dazu gehört vor allem auch freie Meinungsäußerung in der Öffentlichkeit.

Nach Ihrem Ausscheiden soll es erst einmal keinen neuen Zoodirektor in Osnabrück geben. Stattdessen hat jetzt ein wissenschaftliches Leitungsteam in zoologischen Angelegenheiten das Sagen. Die richtige Entscheidung?
Unser Leitungsteam der Zootierarzt und die beiden zoologischen Kuratoren haben zusammen mehr als 40 Jahre Berufserfahrung und mit mir gemeinsam manche kritische Situationen durchgestanden. Auch meine Erfahrung und Fachwissen als Professor der Tiermedizin haben dazu beigetragen, dass die Kollegen stets gute fachliche Lösungen für diverse Problemstellungen in der Zucht, Haltung und den Erkrankungen von Wildtieren finden werden.

Werden Sie dem Zoo Osnabrück in anderer Form erhalten bleiben, zum Beispiel als Berater?
Mein fachlicher Rat, den ich auch in Zukunft dem Zoo gern bei Bedarf zur Verfügung stelle, wird von den Kollegen geschätzt, und das empfinde ich als sehr positiv. Ich habe dem Leitungsteam deshalb zugesagt, dass es sich jederzeit gern an mich wenden kann, sei es für einen guten Ratschlag oder gern auch bei speziellen Aktionen wie Notfall-Anästhesien, soweit es meine Zeit erlaubt.

Blicken wir auf Ihre fast achteinhalb Jahre als Osnabrücker Zoodirektor zurück. Wie hat sich der Tierpark unter Ihrer Ägide verändert?
Unter den wildtiermedizinischen wie auch den tiergartenbiologischen Entwicklungen waren folgende wichtig: Unser Impfvorsorge-Plan wurde intensiviert. Neue Injektionsanästhesie-Cocktails in Kombination mit routinemäßiger Sauerstoffversorgung der Patienten bei differenziertem Narkosemonitoring ermöglichen inzwischen bis zu zweistündige kreislaufschonende Narkosen. Die neue Standsedation bei Dickhäutern ist inzwischen Routine immer dann, wenn Nashörner und Elefanten sich für bestimmte Untersuchungen oder kleinere, ihnen unangenehme Eingriffe nicht anfassen lassen.

Wir haben mit knappen Finanzmitteln sehr artgerechte Lösungen zur Modernisierung der Anlagen für Orang-Utans und Sumatra-Tiger im Stile asiatischer Tempelruinen gefunden, und wir konnten mittels Verhaltens- und Stresshormonanalysen objektiv nachweisen, dass die Gehegebewohner sich darin wohlfühlen. Unsere transparent wirkenden Gehegesysteme im neuen nordamerikanischen Areal des Zoos Manitoba erlauben einen großzügigen, nahezu barrierefreien Einblick in das Leben kanadischer Tiere.

An welche Ereignisse und Erlebnisse, ob schön oder nicht so schön, erinnern Sie sich besonders?
Das Entkommen und der schmerzliche Verlust unserer Hybrid-Bärin Tips im März 2017 blieb bei uns allen lange mit Trauer um diese Tierpersönlichkeit fest im Gedächtnis, aber man lernt daraus: Das bis dahin schon gut bewährte und danach erneut weiterentwickelte Sicherheitssystem des Osnabrücker Zoos ist inzwischen eines der funktionsfähigsten und modernsten in Europa.

Mein Highlight für den Osnabrücker Zoo ist die gesamte Entwicklung unserer Elefantenhaltung seit 2013: Wir haben mehr als ein Dutzend Mal Elefanten in eine für sie viel besser geeignete Haltungs- und soziale Situation gebracht entweder in andere Parks transferiert oder zu uns geholt. Wir haben nach einem intensiven Austausch mit englischen und irischen Zoos im Best-Practice-Verfahren ein den Elefanten wohltuendes Beschäftigungsprogramm mit Belohnungsreizen umgesetzt, die aus Tierschutzgründen wichtige Einbringung weichen Sandbodens in die Halle für die Elefantenkühe und in die Schlafbox für Zuchtbulle Luka nebenbei realisiert, unsere originären Daten über das harmonische Zusammenleben einer putzmunteren Junggesellengruppe mit einem vollerwachsenen Bullen auch der Fachwelt präsentiert und schließlich die glückliche Geburt und Aufzucht von Minh Tan erleben können.

Die Tatsache, dass unsere Elefantenkühe Douanita und Sita den Luka attraktiv finden, beide sich mit ihm schon mehrmals verpaart haben und Minh Tan sich mehr und mehr auch seinem Patchwork-Papa″ anschließt, zeigt mir sehr deutlich, dass wir nachhaltige Schritte in Richtung Elefantenzucht in Osnabrück gehen. Das erfreut mich sehr und stimmt zuversichtlich, dass wir in naher Zukunft auch Lukas eigenen Nachwuchs Elefantenbabys made in Osnabrück sehen werden.

Das wäre ja großartig! Allerdings warten wir nicht nur bei den Elefanten, sondern auch bei Tigern, Nashörnern oder auch Orang-Utans bislang vergeblich auf Nachwuchs. Wie lange müssen wir uns hier noch gedulden?
Wir haben bei den von Ihnen genannten Arten erst seit wenigen Jahren genetisch passende und beziehungsweise oder sehr junge Individuen zusammengesetzt, da muss man sich einfach gedulden. Nicht immer zeigen sich Sympathie, Paarungsbereitschaft und Fruchtbarkeit bei jung erwachsenen Tieren innerhalb weniger Monate. Aber ich bin optimistisch für die Zukunft. Die Zoobesucher dürfen gespannt sein auf kommende Ereignisse.

Auch bei den Löwen will der Zoo Osnabrück nach Vergrößerung der Gehege wieder in die Zucht einsteigen. Halten Sie das für klug?
Nach dem letzten großen Wurf von 2008 mit insgesamt neun Löwenbabys blieb man am Schölerberg auf mehreren Katern sitzen, die anschließend kastriert werden mussten wie übrigens auch ihr Vater, der Chef des Rudels...

Bei der Nachzucht des vom Aussterben bedrohten Löwen kommt der Arche-Noah-Funktion des Zoos eine besondere Bedeutung zu. Nach dem Ableben der alten Zuchttiere werden im Rahmen internationalen Naturschutzes junge Löwen genetisch und sozial passend folgen. Hier geht es um Nachwuchs, der arterhaltend ist und dennoch Publikumsmagnet wird. Gut geplant, widersprechen sich diese Aspekte ja nicht.

Unsere drei riesengroßen kastrierten Löwenmännchen bleiben Publikumslieblinge und können zukünftig ebenso bestaunt werden, da die Innen- und Außenanlagen bereits im Bau so enorm vergrößert werden und dabei auch teilbar sind, dass sich alle Löwen und alle Zoobesucher daran erfreuen werden.

Was nehmen Sie mit aus Ihrer Zeit am Schölerberg?
Welchen Stellenwert hat sie in Ihrem langen Berufsleben? Und was würden Sie mit dem Wissen von heute anders machen? Ich habe in Osnabrück fachlich sehr vieles umsetzen können von dem, was ich im Zoo Hannover unmittelbar nach meinem Studium in der wissenschaftlichen Bearbeitung von Fragestellungen erkennen und im Serengetipark unter wesentlich extensiveren Haltungsbedingungen an Wildtieren schon anwenden konnte. Neue Tiervergesellschaftungen tierschutzbewusst zu wagen, Gehegeumfriedungen so transparent wie möglich und dennoch sicher für Mensch und Tier zu gestalten, und die Weiterentwicklung der Wildtier-Anästhesie waren hier in Osnabrück für mich lohnenswerte Aufgaben.

Bei all dem darf aber das Zwischenmenschliche im Beruf nicht auf der Strecke bleiben. Rückblickend würde ich diesem Aspekt mehr Aufmerksamkeit schenken!

Welche Pläne haben Sie für Ihre Zukunft?
Seminare und Vorlesungen an der Universität Osnabrück und an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, um mein Wissen weiterzugeben, ebenso wie Forschungsprojekte. Und: meinen fünf Enkeln klarmachen, was es heißt, caring for the earth″ wirklich zu leben, und mit ihnen die letzten Wildnisse unserer Erde zu erkunden, bevor sie verschwunden sind ...

Bildtexte:
Osnabrücks Zoodirektor Michael Böer hat 2013 die Afrikanischen Elefanten am Schölerberg gegen Asiatische ausgetauscht, um mit der weitaus bedrohteren Art zu züchten.
Eröffnung der Manitoba-Welt im Zoo Osnabrück im Oktober 2018.
Elefantenbaby Minh-Tan kurz nach der Geburt im Juli 2017, umgeben von seiner Mutter und Schwester.
Löwen sonnen sich in ihrem Gehege im Zoo Osnabrück. Das Bild stammt von Januar 2017.
Osnabrücks Zoodirektor Michael Böer, hier im März 2015, ist Experte beim Thema Wölfe.
Fotos:
Zoo Osnabrück, Jörn Martens, David Ebener, Michael Gründel
Autor:
Sebastian Stricker


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