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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
In diesem Bus geht die Post ab
 
In Twer leben Radler gefährlich, aber Alexej lässt sich nicht abschrecken
Zwischenüberschrift:
Twer: Marschrutka-Fahrer können gleichzeitig lenken, kassieren und telefonieren
 
Velo Twer setzt sich für Radwege ein, fühlt sich aber kaum ernst genommen
Artikel:
Kleinbild
 
Kleinbild
Originaltext:
TWER. Sie sind klein, sie sind gelb, sie sind überall: Wer in Twer vorankommen will, hält eine Marschrutka an. Andere Fahrzeuge mögen bequemer sein schneller kommen sie auch nicht voran. Und billiger schon gar nicht.

Auf den Hauptlinien von Osnabrücks russischer Partnerstadt an der Wolga fahren die großen Trolleybusse. Aber die gelben Kleinbusse der Marke Gazel sind das Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs.
Mit der Post haben sie trotz ihrer Farbe nichts zutun; betrieben werden sie von privaten Unternehmen. Genau genommen, handelt es sich um Sammeltaxis im Linienverkehr. Aber für so feinsinnige Unterscheidungen interessiert sich in Twer niemand.
Haltestelle Komsomolskaja Plošcad. Städtebotschafterin Natascha Koopmann gibt ein Handzeichen, als sich der gelbe Kleinbus mit der Nummer 7 nähert. Die Marschrutka bremst scharf ab, Natascha reißt die Schiebetür auf. Wir sind kaum eingestiegen, da geht die Post ab, und der Fahrer gibt schon wieder Gas. Bezahlen? Fragend stehe ich im Gang und werde energisch aufgefordert, mir erst mal einen Platz zu suchen.
Gar nicht so einfach, denn inzwischen rasen wir mit 80 Sachen über die Hauptstraße, und dem Fahrer ist es ziemlich egal, wie seine Passagiere mit Schlaglöchern, abrupten Richtungswechseln oder rabiaten Bremsmanövern umgehen können. In Osnabrück bekäme er eine Abmahnung, in Twer zählt nur eins: so schnell wie möglich weiterkommen!
Endlich sitze ich und sehe, wie Natascha ihrem Nebenmann zwölf Rubel (umgerechnet etwa 52 Cent) in die Hand drückt. Der reicht das Geld weiter an seine Nachbarin, und die Kette setzt sich fort bis zum Fahrer, einem echten Multitaskingtalent. Er kann gleichzeitig lenken, kassieren und auch noch mit seinem Handy telefonieren.
Ich habe den Fahrpreis nicht passend, also schicke ich einen 20-Rubel-Schein über meinen Nachbarn auf die Reise nach vorn. Der Fahrer rückt acht Rubel Wechselgeld heraus, reicht sie überseine Schulter nach hinten, und die Kette funktioniert ebenso reibungslos in der Gegenrichtung.
Mein Blick wandert durch den Innenraum der Marschrutka. Zwei Fahrgäste können vorne auf der Bank neben dem Fahrer sitzen, sofern sie durch die Beifahrertür einsteigen. Elf Plätze, mal vorwärts, mal seitwärts, mal rückwärts angeordnet, stehen hinten zur Verfügung.
Wer keinen Sitzplatz gefunden hat, steht vorn übergebeugt. Aufrecht geht nicht, denn die kompakte Bauweise bringt es mit sich, dass ein ausgewachsener Mitteleuropäer sonst an die Decke stoßen würde. Auf dem Boden liegen mehrere Zehn-Kopeken-Stücke, nach denen sich niemand mehr bückt. In großen Fetzen hängen die Türverkleidungen herunter, manchmal sanft überdeckt von den vergilbten Gardinen, die vielleicht nur verbrämen sollen, dass die Fensterscheiben schon lange nicht mehr gereinigt wurden.
Etwas orientalisch wirkt ein roter Vorhang, der im Luftraum zwischen Fahrerbank und Passagierkabine die Grenze markiert. Im Cockpit fallen allerlei Devotionalien auf, die der Fahrer mit sich führt. Ein Rosenkranz, eine Ikone, das Etui mit den Einnahmen, eine Schachtel Zigaretten. Und natürlich das Handy, sofernes sich der Steuermann nicht gerade an sein Ohr hält.
Wird neben dem Fahrer ein Platz frei, springt hinten jemand auf, entschwindet durch die Schiebetür und flutscht vorne wieder rein. Auch das fast mit Lichtgeschwindigkeit, dawai, dawai! Angetrieben von der Unruhe des Fahrers, der sich gebä-det, als hätte er Angst, dass ihn die nächste Marschrutka überholt.
Wer aussteigen will, ruft einfach den Namen der Haltestelle. Für Ausländer ohne Russischkenntnisse zunächst mal eine Hemmschwelle. Wer in die Innenstadt will, muss sich nur Trjochsvjatskaja″ merken. Das kann doch jedes Kind!
Ich muss es auf jeden Fall noch üben.

Bildtexte:
Die Marschrutka ist das Rückgrat im öffentlichen Nahverkehr von Twer. Im Hintergrund ein elektrisch betriebener Trolleybus.
Mit Schlaglöchern, abrupten Richtungswechseln oder rabiaten Bremsmanövern müssen die Passagiere umgehen. Ein Video über das Busfahren in Twer ist bei os1.tv zu sehen.
Fotos:
R. Lahmann-Lammert

TWER. Ganz im Ernst: Radfahren in Twer ist lebensgefährlich. Überall in Russland gilt auf der Straße das Recht des Stärkeren, da macht Osnabrücks Partnerstadt an der Wolga keine Ausnahme. Für Autofahrer, die ihre Freiheit am Steuer erst seit 15 oder 20 Jahren ausleben können, sind Radler Verkehrshindernisse, und die werden gnadenlos an die Seite gedrängt. Doch neuerdings schließen sich die Pedalisten zusammen und stellen Forderungen.
Alexej Shabaskov ist Vorsitzender des Fahrradclubs Velo Twer. Der 45-jährige Arzt gehört zu den wenigen Radlern, die sich nicht abschrecken lassen. Mit seinem roten Helm und seinem leuchtgrünen Rucksack beansprucht er seinen Raum auf der Straße. Und wird von den Autofahrern als Querulant wahrgenommen, der sie nur an ihrem Vorwärtsdrang hindert. Ich bin schon verrückt″, sagt der Clubvorsitzende, der mit einer Mischung aus Trotz und Galgenhumor sein Recht auf Mobilität verteidigt.
Dass er sich auf einen gefährlichen Kampf eingelassen hat, ist ihm bewusst. Im vergangenen Jahr sei er dreimal von Autos angefahren worden, erzählt Alexej Shabaskov. In Russland gebe es viele schlechte Autofahrer, lautet seine Erklärung dafür. Leute, die niemals eine Fahrschule besucht und stattdessen den Führerschein gekauft″ hätten.

Alibi-Radweg

Velo Twer soll aus rund 100 zahlenden Mitgliedern bestehen und mehrere Hundert Sympathisanten haben. Vor zwei Jahren fand der Verein mit einer Umfrage heraus, dass es in der 400 000-Ei-wohner-Stadt mehr als 100 000 Fahrräder geben soll. Offensichtlich trauen sich die meisten ihrer Besitzer aber nicht, sie im Straßenverkehr einzusetzen.
Das will der Verein ändern. In Briefen an den Oberbürgermeister und die Stadtverwaltung wird der Bau von Radwegen eingefordert. Mitglieder von Velo Twer bringen sich inzwischen auch in Bürgerforen und Runde Tische ein.
Bislang ohne Erfolg, sagt Alexej Shabaskov. Einen 500 Meter langen Radweg habe die Stadt zwar kürzlich zwischen der Autobahn und dem Krankenhaus gebaut, dochder sei nur ein Alibi und nütze fast niemandem. Weitere Projekte würden stets mit dem Hinweis auf das fehlende Geld, auf die zu schmalen Straßen und den langen Winter abgelehnt. Aber die Twerer Radler wollen nicht lockerlassen.

Bildtext:
Nur wenige Radler trauen sich in Twer auf die Straße. Alexej Shabaskov ist einer von ihnen.
Foto:
Lahmann-Lammert
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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