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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wo Nazi-Gewalt Angst verbreitete
Zwischenüberschrift:
Die Gedenkstätte Gestapokeller im Schloss besteht seit zehn Jahren
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
OSNABRÜCK. Der Blick auf die Gefängnistür mit dem Guckloch lässt Besucher schaudern. Hier im Kellerauf der Westseite des Schlosses verbreitete die Geheime Staatspolizei der Nationalsozialisten Angst und Gewalt. Zeitzeugen sollten später von Schreien berichten, die bei Verhören aus den Fenstern drangen. Seit zehn Jahren ist ein Teil des ehemaligen Gestapokeller seine Gedenkstätte.

Der Weg führt über den Innenhof des Schlosses. Früher war dies der Personaleingang. Die geheimen Staatspolizisten des NS-Regimeshaben ihre Gefangenen von der anderen Seite des Westflügels in den Keller gebracht, dort entlang, wo sich heute eine Studentenkneipe befindet. Im Gang der Gedenkstätte zeigt Georg Hörnschemeyer auf eine verschlossene Tür. Dahinter ist die Küche der Kneipe.″ Am anderen Ende des Ganges befinden sich Lagerräume der Universität. Drei von ehemals fünf Zellen sind zur Gedenkstätte geworden.
Die Gestapo war 1938 von der Bezirksregierung am Heger-Tor-Wall ins Schloss gezogen. Von 1940 bis 1943 verlegte sie ihren Sitz in das damalige Hotel Schaumburg am Schillerplatz und kehrte anschließend wieder ins Schloss zurück. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges vernichteten die Gestapo-Leute viele ihrer Unterlagen und flohen.
An Wänden erinnern Karteikarten an Opfer der Gestapo aus dem damaligen Osnabrücker Regierungsbezirk. Es sind nur einige Beispiele, denn insgesamt haben die geheimen Staatspolizisten 49 000 Exemplare mit Schreibmaschinen getippt. Wenn irgendwo eine Person auffällig geworden war, legten sie eine Karteikarte an. Dann entschieden sie über den Zugriff″, erläutert Georg Hörnschemeyer. Und sie waren brutal. Die Formulierung verschärftes Verhör″ bedeutete Folter. Viele kamen anschließend in ein Lager. Hatte die Gestapo auf die Karteikarte den Vermerk RU″ getippt, kam dies einem Todesurteil gleich, denn: Diese Abkürzung stand für Rückkehr unerwünscht′.″
Hier waren ständig etwa 25 geheime Staatspolizisten im Dienst″, berichtet Georg Hörnschemeyer. Sie wurden oft ausgewechselt, damit keine Nähe zur Bevölkerung entstehen konnte.″ Deshalb dürften auch kaum Einheimische unter ihnen gewesen sein. Sie überwachten die Bürger, installierten V-Leutezum Beispiel in Kirchen, Kneipen oder der Straßenbahn. Auf der Suche nach Feinden beobachteten sie nicht nur, was draußen vorsich ging. Sie hatten auch die eigenen Parteigenossen im Blick: Die Gestapo kontrollierte das System gleichzeitig nach innen, also in den eigenen Reihen.″ Auch an den Massenmorden an Juden hatte die Gestapo ihren Anteil, denn sie bereitete unteranderem deren Verschleppung in Konzentrationslager vor.
Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten die Alliierten die Gestapo-Karteikarten und brachten sie nach Berlin ins Document Center. Erst nach der deutschen Einheit in den 1990er Jahren kamen sie wieder nach Osnabrück und befinden sich seitdem im Staatsarchiv. Und der Keller? Jahrzehntelang hatten die Pädagogische Hochschule und später die Universität ihn als Waschküche und Abstellraum benutzt.
Georg Hörnschemeyer war Theologiestudent, als er zu einer Gruppe gehörte, die sich in den 1980er- und 1990er-Jahren mit dem ehemaligen Gestapokeller beschäftigte und begann, historisches Material zu sammeln. Im Jahr 2000 gründeten sie den Trägerverein und wählten Professor Dr. Martin Bennhold zum Vorsitzenden. Georg Hörnschemeyer ist sein Nachfolger. Von Anfangan kooperiert der Verein mit der Uni und der Gedenkstätte Augustaschacht in Hasbergen-Ohrbeck.
Vielen Besuchern der Gedenkstätte ist die inzwischen verstorbene Marianne Semnet noch in Erinnerung. Ihre Eltern waren während des Nationalsozialismus politisch Verfolgte, und sie war als Mädchen Zeitzeugin geworden. Jahrzehnte später berichtete sie Schulklassen von ihren Erfahrungen.
Die Lehrerin Ute Becker, ebenfalls Mitglied des Vorstandes, entwickelte eine Ausstellung mit Jugendliteratur über die Zeit des Nationalsozialismus mit Resonanz auch aus anderen Städten. In diesen Tagen wird die Ausstellung in München aufgebaut.
Ute Becker erinnert sich, dass Martin Bennhold sie vor rund sechs Jahren gefragt hatte, ob sie sich für die Gedenkstätte engagieren wolle. Am Anfang habe ich gezögert, weil das ja ein grässlicher Ort ist.″ Doch dann begann sie, Gruppen durch den Keller zu führen. Ihr liegt es am Herzen, dass Schüler lernen, menschenfeindliche Ideologien wie die der Nationalsozialisten zu durchschauen. Daher ist für Ute Becker der Blick in die Vergangenheit so wichtig auch wenn er schaudern lässt wie die Gefängnistür mit dem Guckloch.

Außerhalb der Führungen ist die Gedenkstätte Gestapokeller an jedem ersten Sonntag im Monat von 14 bis17 Uhr geöffnet. Informationen unter www.gedenkstaetten-augustaschacht-osnabrueck.de/ gestapokeller.

Bildtext:
Ute Becker und Georg Hörnschemeyer, Vorstandsmitglieder des Trägervereins, erinnern an die menschenfeindliche Ideologie der Nationalsozialisten und ihre Folgen.
Foto:
Gert Westdörp
Autor:
Jann Weber


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