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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Artenschutz mit Bauern zusammen
 
Baum gegen Baum: Wie lange geht das noch?
Zwischenüberschrift:
So will die Stadt künftig die Bebauung von Grünflächen kompensieren
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück In der Stadt Osnabrück wird derzeit viel gebaut und mit jedem neuen Baugebiet verschwinden Grünflächen. Bislang gilt die Devise: Wo ein Baum weicht, muss an anderer Stelle Ersatz geschaffen werden. Das nennt sich Kompensation und ist gemäß Bundesnaturschutzgesetz Pflicht. Doch so langsam gehen der Stadt die geeigneten Flächen aus. Ein neuer Ansatz soll gleich mehrere Probleme lösen: Ein Areal, das wegen seiner klimatischen Bedeutung als Frischluftschneise für die Stadt ohnehin nicht bebaut werden darf, soll zur Referenzfläche für eine sogenannte produktionsintegrierte Kompensation″ werden. Dabei will die Stadt Landwirte in den Artenschutz einbinden. Das hat der Rat vorige Woche beschlossen. CDU und SPD hatten den Antrag gemeinsam eingebracht.

Osnabrück Auf Beton können keine Feldvögel brüten″: Mit diesem Satz brachte CDU-Ratsfrau Verena Kämmerling in der jüngsten Ratssitzung das Problem der zunehmenden Bebauung im Stadtgebiet auf den Punkt. Sie verwies auf die letzte Brutvogelkartierung, die 2011 im Stadtgebiet stattfand: Da waren Rebhühner aus Osnabrück bereits verschwunden, und die Zahl der Feldlerchen-Brutpaare im Vergleich zu 2002 um 77 Prozent auf 23 Brutpaare zurückgegangen. Und diese Zahlen sind zehn Jahre alt″, gab Kämmerling zu bedenken.

Ihr Vorschlag, den CDU und SPD als gemeinsamen Antrag einbrachten, soll diesen Tieren Lebensraum bieten und dabei noch weitere Probleme lösen. Bislang funktioniert die Kompensation also der Ersatz von Grünflächen bei einer Bebauung in Osnabrück meist so, dass die Stadt landwirtschaftlich genutzte Flächen kauft, die dann dauerhaft das bieten sollen, was an anderer Stelle zubetoniert wird, also etwa Wald, Wiesen oder Gewässer. So eine Kompensation ist Pflicht und im Bundesnaturschutzgesetz festgeschrieben.

Arten- und Höfesterben

Doch Boden ist teuer und neben dem Artensterben gibt es auch ein Höfesterben. Der neue Ansatz, den die Stadt nun als Pilotprojekt erproben soll, heißt Produktionsintegrierte Kompensationsmaßnahme″: Bauern, die dabei mitmachen, dürfen die Äcker weiter bewirtschaften, lassen darauf aber beispielsweise alle paar Jahre auch Blühflächen stehen. Dafür werden sie entlohnt. Oder sie lassen beim Getreideanbau an wechselnden Stellen sogenannte Lerchenfenster frei, in denen die Tiere in Ruhe brüten können. Aber auch gegen den viel diskutierten Insektenschwund kann [...] durch die Verwendung von zertifiziertem Regio-Saatgut etwas unternommen werden″, heißt es im CDU/ SPD-Antrag. Damit das gemäß dem Naturschutzgesetz als Kompensation anerkannt wird, ist eine Referenzfläche nötig, die komplett grün bleibt.

Und genau die soll in einem Umfang von drei Hektar laut dem Vorschlag von CDU und SPD im Areal des Hofs Entrup in Schinkel-Ost liegen. Vor zwei Jahren hat die Stadt einem Landwirt 16 Hektar Land östlich des Schinkeler Friedhofs abgekauft mit dem Ziel, dort Wohnungen entstehen zu lassen. Das städtische Umweltamt allerdings sah die Frischluftzufuhr von außen für die inneren Stadtgebiete in Gefahr. Noch ist unklar, wie groß das Baugebiet auf dem ehemaligen Hof Entrup werden kann, klar ist nur: Wir werden nicht darum herumkommen, einen Teil der Fläche frei zu halten″, wie Kämmerling zusammenfasste. Und genau diese Teilfläche könne die Stadt direkt für den Artenschutz nutzen. Die Stiftung Westfälische Kulturlandschaft soll die produktionsintegrierten Kompensationsmaßnahmen koordinieren und überprüfen.

Im Rat stimmten SPD, CDU, BOB, Grüne und Linke dafür, das Pilotprojekt an den Start zu bringen. FDP und UWG enthielten sich. Die FDP sah vor allem die langfristige Finanzierung kritisch.

Ausgleich für Bebauung

360 Hektar Kompensationsflächen hat die Stadt mittlerweile als Ausgleich für Bebauung geschaffen, wie Ansgar Niemöller vom Fachdienst Naturschutz und Landschaftsplanung unserer Redaktion auf Anfrage mitteilte. Fast alle liegen im Stadtgebiet, rund 160 Hektar davon sogar innerhalb der Bebauungsplanbereiche. Der Rest befindet sich außerhalb in größeren Flächenpools wie etwa in Pye, in Hörne und am Belmer Bach.

Es gibt zahlreiche Gemeinden im Landkreis, die nicht auf ihren eigenen Flächen kompensieren, sondern ganz woanders, etwa auf den rund 90 Hektar Land der Stiftung Hof Hasemann in Bramsche-Achmer.

Das will die Stadt vermeiden. Doch geeignete Flächen würden immer weniger, sagt Christiane Balks-Lehmann, die in Osnabrück den Fachdienst Naturschutz und Landschaftsplanung leitet. Und es geht auch um eine Förderung der bäuerlichen Familien.″ Schon jetzt arbeite die Stadt mit Landwirten zusammen. So sei es etwa in Pye ein Landwirt, der die 20 Hektar große Kompensationsfläche pflege, die nicht mehr intensiv genutzt werden dürfe.

Bildtext:
Östlich des Friedenswegs in Schinkel-Ost (hier in der oberen linken Bildhälfte) hat die Stadt vor zwei Jahren 16 Hektar Land erworben. Drei Hektar sollen als Referenzfläche für Natur- und Landschaftsschutz grün bleiben.
Foto:
Archiv/ André Havergo

Kommentar
Zwickmühle

Die Stadt Osnabrück steckt in einer Zwickmühle: Einerseits grassieren auch hier das Insektensterben und das Verschwinden heimischer Vogelarten, außerdem stellt die Überhitzung der Stadt in heißen Sommernächten wegen der immer dichteren Bebauung ringsum ein Problem dar. Andererseits wird dringend neuer Wohnraum benötigt und neue Wohnhäuser rauben Pflanzen und Tieren noch mehr Lebensraum.

Die Schlussfolgerung sollte eigentlich allen einleuchten: Je geringer die restlichen verfügbaren Flächen, desto verantwortungsvoller müssen sie bebaut werden, also durchaus auch mit Hochhäusern. In Ballungsgebieten wie dem Rhein-Main-Gebiet rings um Frankfurt ist das seit Jahrzehnten Praxis, in Osnabrück tut sich in diesem Punkt immer noch nicht viel.

Letztlich ist auch der neue Ansatz zur Kompensation, der Landwirte enger einbinden soll, in erster Linie aus der Flächennot geboren. Aber er bietet zumindest die Chance, mehr zu einer ökologischen Landwirtschaft zurückzukehren, die Vögeln wie Feldlerche und Rebhuhn von Natur aus den Lebensraum bietet, den sie dringend benötigen.

s.dorn@ noz.de
Autor:
Sandra Dorn


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