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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Deutsche Roboter, russische Gründlichkeit
 
Nach außen abweisend, nach innen wohltuend offen
 
Noch ein Amt für den Präsidenten
Zwischenüberschrift:
Es klingt nach Putin, Wodka und Abenteuer, aber in Twer ist doch alles ganz anders
 
Auf Besuch bei einer jungen Familie in Twer
Artikel:
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Originaltext:
TWER. Twer ist schon eine andere Nummer″, hört man im Osnabrücker Rathaus, und das klingt ein bisschen nach Putin, Wodka und Abenteuer. Wer sich in die Partnerstadt an der Wolga wagt, mag sich wundern über ein Visa-Prozedere wie im Kalten Krieg, über einen Straßenverkehr wie im Wilden Westen und über Treppenhäuser wie im Rohbau. Aber hinter dieser martialischen Fassade kommen Menschen zum Vorschein, die herzlich, gastfreundlich und neugierig auf Osnabrück sind.

Mein erster Eindruck: Straßen und Geschäfte sehen nicht so geleckt aus wie in einer westdeutschen Stadt. Bei Regen balancieren die Fußgänger vorsichtig um die vielen Pfützen herum. Wer eine Straße überqueren will, muss schon sehr entschlossen den Zebrastreifen betreten und dabei den Blickkontakt zum jeweiligen Autofahrer suchen.
Das hindert die ungeduldig wartenden Bleifußakteure nicht loszupreschen, sobald ihre Spur wieder frei ist. Selbst an Kindern rasen sie gnadenlos vorbei mit einer Handtuchbreite Seitenabstand. Radfahrer sind in Twer überhaupt nicht zu sehen. Wer sich mit dem Velo auf die Straße wagt, wird als lebensmüde betrachtet und entsprechend behandelt.
Natascha Koopmann amüsiert sich über meine ungläubigen Blicke. Für sie ist das alles ganz normaler Alltag. In Twer ist sie vor 30 Jahren auf die Welt gekommen, in Osnabrück hat sie ihren Mann und ihre zweite Heimat gefunden. Am Ende eines Jahres als Städtebotschafterin in Twer widmet sie mir drei mit Terminen vollgestopfte Tage, um mich mit dem Lebensgefühl in der russischen Partnerstadt vertraut zu machen.

Hunger auf Autos

Fragt sich nur, ob die Unterschiede in der Mentalität oder im System zu suchen sind. Zum Beispiel beim Autoverkehr: In Deutschland dauerte es Jahrzehnte, bis ihn die Zivilgesellschaft ein wenig zähmen konnte. In Osnabrück war der Traum von der autogerechten Stadt schon als Trauma entlarvt, als in Twer die Massenmotorisierung gerade erst begann.
Die Menschen haben Hunger auf Autos″, sagt Oberbürgermeister Vladimir Babichev. Sicherlich müsse das Transportsystem geändert werden, aber da helfe keine Revolution, sondern nur eine Evolution.
Wer als Deutscher nach Twer kommt, wird mit der Nase darauf gestoßen, dass augenscheinlich deutsche Tugenden wie Fleiß und Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Effizienz hoch im Kurs stehen. Bei meinem Besuch im Waggonwerk, dem größten Unternehmen der Stadt, kommt es geballt: Peter Gorelow, der stellvertretende Direktor, führt mich durch fast menschenleere Hallen. Da stehen Roboter, made in Germany, und stanzen, lasern, bohren und schweißen computergesteuert Profile aus Blech und Kunststoff.
Bei der Pünktlichkeit und der Zuverlässigkeit hätten die Russen schon aufgeholt, erzählt mir Natascha Koopmann mit spitzbübischem Lächeln. Wenn Gruppen aus Twer nach Osnabrück reisen wollten, dann werde bei der Vorbereitung sorgfältig auf jedes Detail geachtet. Umgekehrt habe sie sich als Städtebotschafterin bei den Osnabrückern manchmal echt gewundert″, dass wichtige Terminsachen aus purer Leichtfertigkeit verpasst oder vergessen würden.
Deutscher Schlendrian, russische Gründlichkeit? Am partnerschaftlichen Reiseverkehr haben sich im vergangenen Jahr Theatergruppen, Musiker und Politiker beteiligt. Oberbürgermeister Wladimir Babichev wünscht sich darüber hinaus mehr wirtschaftliche Kontakte. Sie seien oft die Basis für weitere Beziehungen, sagt der erste Bürger der Stadt Twer.
Am liebsten würde er weitere Leuchttürme wie das Hotel Osnabrück″ auf den Weg bringen. Das gilt in Twer als erste Adresse und als Symbol für die Städtepartnerschaft. Seit seiner Fertigstellung sind allerdings schon 14 Jahre vergangen, ohne dass es zu Nachfolgeprojekten gekommen wäre.
Dabei hat Twer große Ambitionen. Vom Bau der mautpflichtigen Autobahn zwischen Moskau und Sankt Petersburg verspricht sich Osnabrücks Partnerstadt Impulse für Gewerbe und Industrie. Ähnliche Erwartungen richten sich an die Eisenbahn-Hochgeschwindigkeitstrasse, die ebenfalls die Stadt berühren soll.
Der Bausektor ist in Twer geschrumpft. Dabei sieht OB Babichev großen Nachholbedarf, vor allem im Wohnungsbau. Ein großer Teil der Stadtbevölkerung lebt in Plattenbauten oder in renovierungsbedürftigen Mietskasernen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Den Traum vom Eigenheim mit Garten, wie es in Osnabrück weit verbreitet ist, können sich in Twer nur wenige Gutbetuchte erfüllen.
Von einer Zusammenarbeit mit westlichen Baufirmen verspricht sich Oberbürgermeister Babichev deshalb auch, dass Wohnungen billiger werden.
Ein Bauprogramm mit weitreichenden Folgen erlebte Twer vor 250 Jahren. Nachdem großen Stadtbrand von 1763 ordnete Katharina die Große den Wiederaufbau an. Wo es vorher nur Holzbauten gegeben hatte, entstanden auf einem geometrisch angelegten Straßennetz steinerne Häuser mit klassizistischen Fassaden. Das war die Zeit, in der Twer als schönste Stadt Russlands galt. Und noch heute ist das Stadtbild davon geprägt.
Twer ist 20 Jahre älter als Moskau, und eine gewisse Rivalität hat das gegenseitige Verhältnis lange geprägt. Bis 1475 lieferte sich das Fürstentum Twer mit Moskau einen blutigen Kampf um die Vorherrschaft. Das war auch die Zeit, in der ein Kaufmann ausTwer als einer der ersten Europäer nach Indien reiste: Afanassi Nikitin erreichte sein Ziel immerhin 25 Jahre vor Marco Polo.
Natascha Koopmann zeigt mir im Vorbeigehen das bronzene Denkmal, das an den berühmten Weltreisenden erinnert. Ich hätte es beinahe für das Lenin-Denkmal gehalten. Das steht auch in Twer, nur ein paar Straßen weiter vor der Stadtverwaltung. Niemand käme auf die Idee, den marxistischen Vordenker und Gründer der Sowjetunion vom Sockel zu stoßen, nur weil der Kommunismus abgedankt hat.

Witze über Putin

Vielleicht wird in Twer eines Tages ein Denkmal an Wladimir Putin erinnern. Wer sich mit jungen Leuten unterhält, bekommt vielsagende Andeutungen und beißenden Spott zu hören über den starken Mann in Moskau und sein oligarchisches System.
Dann kommt eine Stimmung auf, die mich fast in die Zeit zurückversetzt, als Witze über Radio Eriwan die Runde machten. Im Prinzip ja..., aber. Es schmeichelt mir, als Ohrenzeuge in diese fröhliche Verschwörung einbezogen zu werden. Gelegentlich nehmen solche Gespräche eine ganz unerwartete Wendung: Erst wird abgelästert und die ganze Unzufriedenheit herausgelassen. Und dann zückt einer ganz leise die staat stragende Karte: Russland brauche einen Mann wie Putin. Weil die Gesellschaft noch nicht reif sei für eine Demokratie nachwestlichem Muster.
Darauf könnte man einen Wodka trinken. Aber seltsam: Dazu ist es auf meiner dreitägigen Reise gar nicht gekommen.

Bildtexte:
Katharina die Große ließ Twer nach dem großen Stadtbrand wiederaufbauen. Hier die Christi-Himmelfahrt-Kathedrale.
Auf dem Sockel geblieben: das Lenin-Denkmal vor der Stadtverwaltung.
Die Wolga bietet reizvolle Perspektiven. Im Hintergrund ist der Flusshafen zusehen, der heute als Kunsthalle dient.
Auf neue Bauprojekte hofft Oberbürgermeister Wladimir Babichev.
Fotos:
Rainer Lahmann-Lammert

Twer-Spezial
Natascha Koopmann war ein Jahr als Städtebotschafterin in Twer, Rainer Lahmann-Lammert drei Tage als Reporter. Zusammen absolvierten sie einen Termin nachdem anderen. Die Reportagen aus Osnabrücks Partnerstadt erscheinen nach dem heutigen Auftakt in loser Folge. Natascha Koopmann erzählt im Video-Interview, was in Twer anders ist.

Bildtext:
Volles Programm: Natascha Koopmann und Rainer Lahmann-Lammert.

TWER. Wie geht es eigentlich in einer russischen Familie zu? Ich bin eingeladen bei Eugenia und Sergej, einem Ehepaar in Twer. Die beiden sind weltoffen und sprechen Englisch. Ihre Wohnung könnte auch in Deutschland sein. Aber an der Haustür reibe ich mir die Augen.
Ich stehe in einem stockdunklen Hinterhof, vor mir eine Tür, wie ich sie bislang nur von Baustellen oder Bunkern kannte: aus Eisen, unförmig, abweisend, grau gestrichen und mit Graffiti beschmiert. Doch, das ist die Haustür, erfahre ich. Statt einer Klingel entdecke ich eine Tastatur mit Ziffern und höre schon eine Stimme in der Wechselsprechanlage.
Die Tür öffnet sich, und ich trete in ein Treppenhaus, das aussieht, als hätten die Handwerker während der Arbeit die Flucht ergriffen. Im Schummerlicht erklimme ich die nackten Betonstufen und frage mich schon, wo ich hier gelandet bin.
Dritter Stock, hier oben ist die Welt wieder in Ordnung. Ich habe gelesen, dass es in Russland üblich ist, an der Schwelle die Schuhe auszuziehen. Eugenia Pigarkina (30) und Sergej Antipov (34) bitten mich mit einer wohltuenden Offenheit in ihre geräumige Wohnküche.
Die Wohnung umfasst die gesamte Etage, und es ist unverkennbar, dass sich hinter der kargen Fassade ein gehobener Lebensstandard verbirgt. Elektronische Utensilien liegen herum, Laptops, USB-Sticks und eine Spiegelreflexkamera. Und natürlich Kinderspielzeug. Das gehörtdem dreijährigen Jaroslav (3) und seiner zwölf Monate alten Schwester Aljona.
Wir essen ein Kartoffelgericht mit Champignons und trinken Rotwein dazu, aber keinen Wodka. Sergej ist Geschäftsmann, vor elf Jahren hat er einen Großhandel für Bauwerkzeuge gegründet. Er liefert bis Wladiwostok und beschäftigt 70 Mitarbeiter. Manchmal lässt er durchklingen, dass ihn einzelne mit ihren Nörgeleien nerven, und er fragt, ob es das auch in Osnabrück gibt.
Eugenia hat Anglistik und Informationsmanagement studiert, dann aber die künstlerische Laufbahn eingeschlagen. Als Malerin arbeitet sie mit einer alten russischen Aquarelltechnik aus der Zeit vor der Revolution, die mit wenig Wasser auskommt und den Farben eine ungewohnte Dichte verleiht.
In der Gorki-Bibliothek in Twer hat Eugenia kürzlich eine Reihe von Stillleben ausgestellt. Jetzt träumt sie davon, ihre Bilder einmal in Osnabrück zu zeigen.

Bildtexte:
Sieht aus wie der Eingang zueiner Baustelle, ist aber eine ganz normale Haustür.
Familienleben in Twer: Mutter Eugenia mit dem dreijährigen Jaroslav, Vater Sergej mit Töchterchen Aljona (1).

Wolga, Uniund ein AKW

Seit 20 Jahren besteht die Partnerschaft zwischen Osnabrück und Twer. Die Stadt liegt rund 170 km nordwestlich von Moskau am Oberlauf der Wolga und hat rund 405 000 Einwohner.Twer ist die Hauptstadtder Oblast Twer und damit Sitz des Gouverneurs, der mit dem Ministerpräsidenten eines Bundeslandes vergleichbarist. Zu den staatlichen Universitäten gehören eine medizinische Fakultät und eine technische Hochschule. Die Stadt gilt als wichtiges Industrie- und Kulturzentrum in Russland. Im Waggonwerk, das einem internationalen Konsortium gehört, arbeiten rund 7000 Beschäftigte. Wichtige Wirtschaftszweige sind außerdem die Holzindustrie, Textil-, Chemie- und Druckereibetriebe sowie die Bioenergie. Zum Gebiet Twer gehört das Atomkraftwerk Kalinin mit drei Reaktoren und ei-nem vierten im Bau.

TWER. Die Deutsch-Russische Gesellschaft in Twer könnte ein Motor für die Städtepartnerschaft mit Osnabrück sein. Aber um die 20 Jahre alte Honoratiorenvereinigung ist es ziemlich still geworden. Und ihr neuer Präsident Prof. Mikhail Kalinkin orientiert sich lieber nach Homburg im Saarland. Dem Mediziner sind Kontakte nach Deutschland wichtig, aber mit Vorliebe zu seinen Berufskollegen. Osnabrück ist zwar Partnerstadt, hat aber keine medizinische Fakultät, wie Kalinkin bedauert. Übrigens in tadellosem Deutsch.
Ich habe nicht viel Zeit.″ Dieser Satz kommt Mikhail Kalinkin in unserem Gespräch mehrfach über die Lippen. Der 61-Jährige ist Präsident der Staatlichen Medizinischen Akademie, und er hat in Twer noch einige weitere Ämter inne. Als Oberbürgermeister Wladimir Babichev ihn bat, den Vorsitz der Deutsch-Russischen Gesellschaft zu übernehmen, konnte der 61-Jährige nicht Nein sagen. Wieviele Mitglieder die Gesellschaft hat, weiß Kalinkin nicht. Er ahnt allerdings, dass viele von ihnen schon aus Altersgründen nicht zu den Aktivposten zählen werden. Was er machen will in seinem neuen Amt? Erst einmal die begonnenen Projekte weiterführen, sagt der Präsident, jede konkrete Erklärung vermeidend. Auf jeden Fall wünscht er sich, dass viele junge Menschen in Twer Deutsch lernen. Ob er mal in die Partnerstadt Osnabrück kommt? Kalinkin lächelt gequält: Ich habe nicht viel Zeit!

Bildtext:
Konnte nicht Nein sagen: Prof. Mikhail Kalinkin
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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