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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Von der Papiermühle zum Global Player
Zwischenüberschrift:
Spezialpapierhersteller Felix Schoeller ist 125 Jahre alt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Die Osnabrücker Felix Schoeller Group feiert in diesem Jahr Jubiläum: Die Gründung des Gretescher Spezialpapier-Herstellers geht auf das Jahr 1895 zurück. Die Schoellers haben seither in Osnabrück vielen Menschen Arbeit gegeben und vielfältige Spuren hinterlassen.

Die Familie ist mit Mutter und zwei Söhnen dementsprechend gut auf Osnabrücks Straßenschildern vertreten. Im Stadtteil Darum/ Gretesch/ Lüstringen, unweit der Papierfabrik Schoeller, gibt es seit 1963 die Gerhard-Schoeller-Straße und die Lothar-Schoeller-Straße. Ohne Vornamen kommt die Schoellerstraße auf dem Westerberg aus. Sie erinnert an Agnes Schoeller (1861–1945), die Ehefrau des Firmengründers Felix Schoeller (1855–1907), Mutter von Gerhard und Lothar und verehrt als die große alte Dame der freiwilligen Wohlfahrtspflege in der Stadt.

1880 heirateten Felix und Agnes Schoeller. Ihr erstes Heim war in Neu-Caliß bei Dömitz/ Mecklenburg, wo Felix sich in die Leitung der dort vom Vater aufgebauten Papierfabrik einarbeitete. 1886 siedelten sie mit ihren drei inzwischen geborenen Kindern nach Düren über, wo Felix in die Chefetage der Zellstofffabrik des Schoellerschen Firmenverbundes eintrat.

Als der Vater Felix Schoeller senior starb und die Erbschaft für finanzielle Unabhängigkeit sorgte, konnte Felix junior sich endlich den Traum von der Herstellung eines neuartigen Fotopapiers erfüllen. Die Suche nach einem geeigneten Standort mit gutem Wasser führte ihn nach Gretesch bei Osnabrück. Dort stand die alte Gruner′sche Papierfabrik zum Verkauf.

Die Wasserprobe aus dem Belmer Bach fiel günstig aus. Felix griff zu. 1894 wurde der Kaufvertrag unterzeichnet. Der Kaufpreis von 163 538 Mark war angesichts des enormen Grundbesitzes recht günstig, andererseits waren die Produktionsanlagen ziemlich heruntergekommen. Was aber auch zählte, war der eingearbeitete Facharbeiterstamm. Zum 2. Januar 1895 trat die Feinpapierfabrik Felix Schoeller jr.″ ins Leben.

Siegeszug der Fotografie

Felix Schoeller nahm unverzüglich die Modernisierung der technischen Anlagen in Angriff. Was sich in jüngster Zeit als weniger segensreich erwies, nämlich die Konzentration des Produktionsprogramms auf Fotorohpapiere, war 1895 noch eine visionäre Idee. Schoeller sah die steile Aufwärtsentwicklung der Fotografie voraus und setzte auf das richtige Pferd. Eine neue Papiermaschine, die PM 1, nahm noch 1895 die Arbeit auf. Elektrischer Strom hielt Einzug in die bis dahin von Petroleumlicht mehr oder weniger erleuchteten Räume. Für die Dampferzeugung folgte ein größerer Kessel im neuen Kesselhaus.

Ein hoher Schornstein machte den alten, ungewöhnlicherweise im Mühlenturm platzierten überflüssig. Der Mühlenturm war ein Relikt der früheren Krafterzeugung mittels der 1813 von Gruner erbauten Windmühle. Der mächtige, in Bruchsteinmauerwerk errichtete Turm dient der Firma bis heute als Logo, ist darüber hinaus das Wahrzeichen des Sportvereins TSG Burg Gretesch. Zum Hundertjährigen richtete Schoeller 1995 im Mühlenturm ein Firmenmuseum ein.

Im November 1897 liefen die ersten Versuche mit Fotopapier auf der PM 1. Sie waren erfolgreich. 1899 kam dann der Großauftrag: Zehn Rollen gingen an die Firma Gevaert in Antwerpen, eine der Keimzellen des Agfa-Gevaert-Konzerns.

Damit begann eine lang andauernde Geschäftsbeziehung. Die überaus große Nachfrage forderte eine zweite Papiermaschine, die PM 2, die in der Arbeitsbreite 175 Zentimeter von 1904 bis 1971 produzierte. 1906 übertrafen die Fotobasispapiere mengenmäßig bereits die sonstigen Feinpapiere wie Dokumenten-, Zeichen- und Lichtpauspapiere.

Früher Tod des Gründers

1907 starb Felix Schoeller mit nur 52 Jahren an Darmkrebs. Sehr früh musste die zweite Generation mit Felix Heribert (1881–1958), Lothar (1883–1957) und Gerhard (1886-1970) Verantwortung übernehmen.

In ihre Zeit fielen die Umstellung der Rohstoffbasis von Lumpen auf hochveredelte Zellstoffe, die Investition in die noch leistungsfähigere PM 4 und die Einführung des Barytverfahrens, mit dem man eine gleichmäßigere und glattere Auftragsfläche für die lichtempfindliche Schicht erreichte. Und sie musste das Unternehmen durch zwei Weltkriege führen.

Während des Zweiten Weltkriegs blieb das Unternehmen von existenzbedrohenden Schäden verschont. 1950 überschritt die Produktionsmenge bereits wieder das Vorkriegsniveau. Auch die Exportquote näherte sich mit 40 Prozent dem Vorkriegsstand.

1958 ging die PM 5 in Betrieb. Sie war zehnmal so schnell wie die PM 1 und mit ihrer Arbeitsbreite von 286 Zentimetern zu der Zeit die leistungsfähigste Papiermaschine der Welt. Die dritte Generation mit Gert, Felix Richard und Klaus Schoeller sowie Schwiegersohn Hans-Georg Gallenkamp hatte in den 1960er- und 1970er-Jahren das Sagen. Sie führten die Polyethylenbeschichtung des Fotopapiers ein, trieben die technische Erneuerung des Unternehmens voran und gründeten die Tochtergesellschaft in Pulaski im US-Bundesstaat New York.

Ein Nebeneffekt der prosperierenden Papierfabrik für die damals selbstständige Gemeinde Gretesch war, dass sie dank der Gewerbesteuereinnahmen bis zu ihrer Eingemeindung 1972 zu den reichsten Orten Deutschlands zählte. Die kleine Gemeinde betrieb ein eigenes Hallenbad und ließ ein Sportstadion mit innovativer Kunststoffbahn errichten, das heute Heimstatt der TSG Burg Gretesch ist.

Von 1980 bis 2006 leitete Hans Michael Gallenkamp als Vertreter der vierten Generation das Unternehmen. Er wagte die Investition in die neue PM 1, mit der Schoeller wiederum die weltweit leistungsstärkste Maschine für Fotobasispapier besaß und Weltmarktführer in dieser Sparte wurde. In seine Zeit fielen die Zukäufe der sächsischen Werke in Penig und Weißenborn und der Glory Mill in Großbritannien. Mit Bernhard Klofat führte bis 2018 ein Familienexterner das operative Geschäft. Seit 2018 steht mit Hans-Christoph Gallenkamp wieder ein Mitglied der Familie Schoeller/ Gallenkamp an der Spitze.

Digitalfotografie-Krise

Die Jahre seit der Jahrhundertwende waren geprägt von einem massiven Nachfragerückgang nach Fotobasispapieren infolge des Siegeszugs der Digitalfotografie. Hinzu kamen plötzliche Umsatzeinbrüche durch das Abspringen einzelner Großkunden. 2007 kündigte der japanische Fotokonzern Fuji die Geschäftsbeziehung auf. 30 Prozent des Absatzes an Fotopapier brachen weg, die PM 1 war nur noch zu 50 Prozent ausgelastet, 270 Stellen waren abzubauen. Diversifikation lautete das Gebot der Stunde.

Sie darf als weitestgehend gelungen gelten. Foto- und Digitaldruckpapiere spielen bei Schoeller nur noch eine Nebenrolle. Zwei Drittel des Umsatzes entfallen heute auf Dekorpapiere für die Möbel- und Holzwerkstoffindustrie. Weitere wachsende Standbeine sind unter anderem Papierverbundverpackungen und Vorprodukte für die Tapetenherstellung.

Der Global Player mit einer Exportquote von mehr als 60 Prozent erzielte 2018 mit weltweit 3600 Mitarbeitern, davon etwa 900 am Standort Osnabrück, einen Gruppenumsatz von 952 Millionen Euro. Neben fünf Standorten in Deutschland produziert Schoeller in den USA und Kanada und über Joint Ventures auch in Russland, Indien und China. Das Unternehmen ist weiterhin ausschließlich im Familienbesitz.

Bildtexte:
Die Papierfabrik Schoeller in Gretesch um 1908.
Das Stammwerk in Gretesch heute. Der historische Mühlenturm rechts neben dem Schornstein steht für die 125-jährige Tradition des Unternehmens.
Felix Schoeller (rechts) mit den ersten Großkunden, dem Ehepaar Gervaert aus Antwerpen, um 1900.
Fotos:
Firmenarchiv Schoeller/ Rudolf Lichtenberg, Alexander Böhle
Autor:
Joachim Dierks


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