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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Was Archäologen an der Johannisstraße finden
Zwischenüberschrift:
Grabungen fördern 500 Jahre altes Christusbildchen und Schlangenglas aus Venedig zutage
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Einst war hier das Sinn-Leffers-Kaufhaus, doch in Kürze soll das vierstöckige Gebäude an der Johannisstraße dem Erdboden gleichgemacht werden, um dort bis Ende 2021 ein Doppelhotel zu errichten. Bevor diese Arbeiten beginnen, waren die Archäologen vor Ort. Bei ihren Grabungen vor Weihnachten entdeckten sie nicht nur unzählige Scherben: Zur Überraschung aller stellte sich eine unscheinbare Scheibe nach der Restauration als jahrhundertealtes religiöses Relikt heraus.

Dargestellt ist Christus auf dem Kreuz ausruhend, oben mit Beischrift , ECCE HOMO′. Das Motiv nennt sich , Christus in der Rast′ oder auch , Christus im Elend′ und taucht ab dem 15. Jahrhundert auf″, erklärt Sara Snowadsky, die zusammen mit Ellinor Fischer Grabungsleiterin war.

Von Pilgern mitgebracht?

Wir wissen noch nicht genau, welche Funktion es hatte. Es könnte sich um ein Andachtsbildchen oder einen Anhänger beziehungsweise eine Medaille gehandelt haben″, sagt Snowadsky. Die im Hintergrund angedeutete Stadtansicht stand für Jerusalem. Von der Art der Herstellung passt es nach Nordfrankreich, allerdings haben wir dort keine vergleichbaren Motive gefunden.″ Vielleicht, so eine der Thesen, hat es einst ein Pilger von einer Wallfahrt aus dem Heiligen Land mitgebracht. In Osnabrück landete es dann letztendlich im Erdreich. Sehr teuer wird das Bildchen nicht gewesen sein, schätzt Snowadsky: Es ist aus Kupfer und nicht aus Gold und wird damals nur für den Besitzer einen Wert gehabt haben. Auch heutzutage ist es eher für die Forschung interessant, da es selten ist.″

Der unverhoffte Fund gehört zu einer Reihe Dinge, die innerhalb von acht Wochen hinter dem ehemaligen Sinn-Leffers-Gebäude ausgegraben wurden. Darunter war auch ein Stück einer Siegburger Schnelle. Dabei handelte es sich um einen sehr großen Bierkrug aus dem 16. Jahrhundert, der meist einen Metalldeckel hatte und mit Abbildungen aus der Mythologie oder der Bibel verziert war. Das Fundstück an der Johannisstraße zeigt die Bibelstelle Die Trunkenheit Noahs″. Zudem fand sich eine Scherbe eines einst sehr üppig gestalteten Ofens.

Hinzu kommt ein Stück eines Schlangenglases. Diese Gläser wurden im 17. Jahrhundert in Venedig hergestellt und sind an ihrer charakteristischen Blaufärbung erkennbar. Wer so etwas besaß, hatte einen gehobenen Lebensstandard, so Fischer.

Am Ort der Grabung befand sich einst ein Feuchtgebiet, das Osnabrück von der Neustadt trennte. Durch die bis zu drei Meter tiefen Grabungen können wir inzwischen auch genau sehen, wo einst der aus der Wüste kommende Wiesenbach verlief″, so Fischer. In der Stadt erinnert an diesen längst vergessenen Bach nur noch ein Straßenname im Stadtteil Wüste.

Doch einst floss der Wiesenbach etwa an der Stelle gen Hase, wo nun der Fußgänger-Durchgang neben der Johanniskirche liegt, der die Straße Am Landgericht mit der Johannisstraße verbindet. Im Erdreich fanden die Archäologinnen Reste einer großen Holzkonstruktion, die im Spätmittelalter vermutlich als Uferrandbefestigung diente. Weitere Pfosten und Staken gehörten zu Entwässerungsgräben.

Mit Müll trockengelegt

Das Erdreich ist in diesem Teil der Stadt immer noch sehr feucht, vor Jahrhunderten war es sumpfig und oft überflutet. Die vielen Muschelreste, die ebenfalls gefunden wurden, haben aber nichts mit dem Bach und Überschwemmungen zu tun: Es handelt sich dabei um jahrhundertealten Speiseabfall.

Damit die Neustadt und Altstadt wachsen konnten, habe man Ende des 16. Jahrhunderts begonnen, den feuchten Grund zuzuschütten, sagt Snowadsky. Das war ein immenser Arbeitsaufwand, der über einen langen Zeitraum stattgefunden hat″, sagt Fischer. Für diese Annahme spricht auch, dass eines der Fundstücke ein Pfeifenkopf aus dem 17./ 18. Jahrhundert war.

Um das Feuchtgebiet trockenzulegen, wurden Schichten aus Holz und Lehm errichtet und mit Schutt aus der Stadt meist Hausmüll wie den Scherben und Muscheln aufgefüllt. Man könnte also sagen, dass der Zusammenschluss zwischen den ehemals zwei Städten auf Hausmüll und religiösen Mitbringseln fußt.

Bildtexte:
Die Scherbe eines einst sehr üppig gestalteten Ofens ist nur einer von vielen Funden, die die Archäologinnen bei ihren Grabungen entdeckten.
Im Labor: Sara Snowadsky (links), Ellinor Fischer (rechts) und Ulrike Haug (vorne) untersuchen das Chirstusbildchen (Bild rechts) und das Schlangenglas.
Welche Schätze verbergen sich im Erdreich? Im Schatten von St. Johann und hinter dem ehemaligen Sinn-Leffers wurde gegraben.
Fotos:
David Ebener, Sara Snowadsky, Ulrike Haug/ Stadt- und Kreisarchäologie

Wann werden Archäologen gerufen?

Bevor in Osnabrück Bau- oder Gewerbegebiete neu ausgewiesen und bebaut werden, kommt der Fachdienst Archäologische Denkmalpflege für Stadt und Landkreis ins Spiel. Er soll anhand von Forschungen und Grabungen einschätzen, ob durch die Erschließung und Bebauung der Gebiete mögliche archäologisch wertvolle Stücke verloren gehen könnten oder ob sich Dinge im Erdreich finden, die Rückschlüsse auf die Stadtgeschichte erlauben. Die Arbeiten finden auf Kosten des Grundstücksbesitzers statt.

Besonders interessant für die Archäologen sind dabei unbebaute Orte, an denen beispielsweise durch den Bau eines Kellers oder einer Tiefgarage nicht schon Fundstücke im Erdreich vernichtet worden sind. Nach Abschluss der Grabungen werden die Örtlichkeiten freigegeben, und mit den eigentlichen Arbeiten kann begonnen werden.
Autor:
Corinna Berghahn


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