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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Villa Schlikker: Jetzt geht′s um die Inhalte
 
Calmeyer-Entscheidung nichtöffentlich
Zwischenüberschrift:
Kulturausschuss tagt heute / Vier Agenturen legen Konzepte vor
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück Bis 2023 soll die Villa Schlikker am Heger-Tor-Wall eine Gedenkstätte werden, die an den Holocaust und die schwierige Mission des Judenretters Hans Calmeyer erinnert. Den Umbau des denkmalgeschützten Gebäudes will der Bund mit einem Millionenbetrag fördern. In Osnabrück kommt jetzt das inhaltliche Konzept auf den Tisch. Am heutigen Donnerstag entscheidet der Kulturausschuss in nicht öffentlicher Sitzung, welche von teilnehmenden vier Agenturen den Auftrag für die weitere Ausgestaltung bekommen soll. Mit dieser Frage hat sich auch der wissenschaftliche Beirat beschäftigt, ebenfalls nicht öffentlich. Der für Kultur zuständige Stadtrat Wolfgang Beckermann kündigt an, dass die Öffentlichkeit anschließend über das Ergebnis informiert werden soll.

Osnabrück Soll es Hans-Calmeyer-Haus heißen, Friedenslabor oder doch ganz anders? Mit der Namensfindung für die Gedenkstätte in der Villa Schlikker will sich die Stadt noch Zeit lassen, inhaltlich sollen am heutigen Donnerstag Pflöcke eingeschlagen werden. In nichtöffentlicher Sitzung will der Kulturausschuss entscheiden, welche Agentur den Zuschlag für das Gestaltungskonzept bekommt.

Die Villa Schlikker und ihre Vergangenheit: Bis vor 75 Jahren war die ehemalige Fabrikantenvilla am Heger-Tor-Wall Parteizentrale der Osnabrücker NSDAP. Später diente sie in verschiedenen Funktionen als Museumsgebäude. Laut Ratsbeschluss soll aus der Villa ein historisch-kultureller Lernort″ werden, der dem Judenretter Hans Calmeyer ein museales Andenken widmet. Den Umbau des Gebäudes will der Bund mit 1, 7 Millionen Euro fördern. Zusätzlich müssen nach derzeitigen Kalkulationen etwa 700 000 Euro für die inhaltliche Ausgestaltung aufgebracht werden. Die Finanzierung aus Bundesmitteln steht unter dem Vorbehalt einer Fertigstellung der Gedenkstätte bis 2023.

Was entschieden wird: Konzeptideen für die Ausgestaltung der Villa Schlikker haben vier Agenturen geliefert, die sich an einem Wettbewerb der Stadt beteiligten. Nach einer Presseverlautbarung ging es dabei um Fragestellungen wie diese: Wie lässt sich die Zeit des Nationalsozialismus anschaulich in der Villa Schlikker darstellen? Wie könnte eine Ausstellung aussehen, die das Wirken Hans Calmeyers thematisiert, der, obwohl Teil der Besatzungsmacht in den Niederlanden, mehreren Tausend Juden das Leben gerettet hat? Der für Kultur zuständige Stadtrat Wolfgang Beckermann ist überzeugt, dass wir ein hervorragendes Ergebnis bekommen werden″.

Warum tagt der Ausschuss nichtöffentlich? Schon der von der Stadt einberufene wissenschaftliche Beirat hat sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit den Vorschlägen der Agenturen befasst und dazu ein Votum abgegeben. Jetzt tagt auch der Kulturausschuss hinter verschlossenen Türen. Nach der Geschäftsordnung des Rates soll die Öffentlichkeit nur dann ausgeschlossen werden, wenn es um die private Persönlichkeitssphäre oder um schutzwürdige Geschäftsgeheimnisse von Beteiligten oder Dritten geht. Es gibt Zweifel, ob diese Voraussetzungen gegeben sind. Kultusdezernent Beckermann ist der Ansicht, dass die Gründe für oder gegen die Vergabe an eine Agentur nicht für alle Ohren bestimmt sind. Wir wollen das auch öffentlich machen″, kündigt er an, allerdings erst nach der Entscheidung.

Ein Café in einer Gedenkstätte? Durchgesickert ist, dass im Erdgeschoss ein Café eingerichtet werden soll. Passt das zum Konzept einer Gedenkstätte? Es gibt Akteure, die diese Frage verneinen. Beckermann verweist auf den Zusammenhang: Schon seit drei Jahren gebe es Pläne, das Museumsquartier mit einem Café auszustatten. Der westliche Raum in der Villa Schlikker mit der Terrasse biete sich dafür an. Es gehe aber keineswegs um einen Vergnügungsbetrieb, sondern um die Frage, wie sich die Inhalte am besten vermitteln ließen. Auch das Anne-Frank-Haus in Amsterdam widme sich dem Holocaust und verfüge über ein Cafè.

Steht das Raumkonzept schon? Eine grobe Aufteilung gehörte zu den Vorgaben für die Agenturen. Wurde damit nicht der zweite Schritt vor den ersten gesetzt? Nein, meint Stadtrat Beckermann, im Vordergrund stehe die Frage, mit welchen Erwartungen die Besucher ins Haus kämen und wie sich das Thema der Ausstellung vermitteln lasse. Die weitere Ausgestaltung werde sich dann im Prozess ergeben.

Calmeyer-Haus oder doch nicht? Im wissenschaftlichen Beirat sind Vorbehalte laut geworden, der Gedenkstätte den Namen Hans-Calmeyer-Haus″ zu geben. Allerdings habe es diese Kontroverse nur in der ersten von drei Sitzungen gegeben, betont Stadtrat Beckermann. Im Ratsbeschluss vom 5. Dezember 2017 ist der Name aber ausdrücklich so festgelegt. Der Beirat werde dazu am Ende des Planungsprozesses eine Empfehlung geben, heißt es nun. Zunächst soll es um die inhaltliche Ausrichtung gehen. Wenn das geplante Haus doch nicht Hans-Calmeyer-Haus heißen soll, müsste der Rat seinen Beschluss von damals ändern.

Bildtext:
Das braune Haus″ wurde die ehemalige Fabrikantenvilla Schlikker in der nationalsozialistischen Zeit genannt, weil sie als Parteizentrale der NSDAP genutzt wurde.
Foto:
Archiv NOZ

Zur Person

Der Jurist Hans Calmeyer (1903 1972) aus Osnabrück hat von 1940 bis 1945 mindestens 3500 Juden aus den von Nazi-Deutschland besetzten Niederlanden vor der Ermordung in den Vernichtungslagern gerettet mehr als jeder andere Deutsche, wie die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem bestätigt. Sie hat ihm posthum den Ehrentitel Gerechter der Völker″ verliehen. Calmeyer war als Leiter der Entscheidungsstelle über Zweifelsfälle bei der Kategorisierung von Juden, Halbjuden″ oder Vierteljuden″ zwar Teil des NS-Apparats. Sicher ist jedoch, dass er sein Leben riskierte, um die Mord- maschine trickreich zu sabotieren. Als Jurist legte er die Bestimmungen für die Niederlande judenfreundlicher aus als im deutschen Reichsgebiet, erfand Gründe, um die jüdische Abstammung der Antragsteller zu relativieren, und schreckte auch vor Urkundenfälschung nicht zurück, um Menschenleben zu retten.
Foto:
Archiv/ NOZ

Kommentar
Nicht hinter verschlossenen Türen

Es ist ein großer Vorzug der Demokratie, dass öffentliche Angelegenheiten öffentlich diskutiert werden. Gerade auf lokaler Ebene, wo die Verhältnisse überschaubar sind, können Intereressierte erleben, wie ihre gewählten Vertreter sich informieren, wie sie abwägen und entscheiden. Aber Öffentlichkeit kann für die Akteure von Rat und Verwaltung auch lästig sein. Deshalb werden bestimmte Angelegenheiten gerne mal in den nichtöffentlichen Teil einer Sitzung verbannt. So wie jetzt die Entscheidung über das Hans-Calmeyer-Haus. Aber das ist nicht im Sinne der Niedersächsischen Gemeindeordnung (NGO).

Vier Agenturen legen ihre Konzepte für die künftige Gedenkstätte in der Villa Schlikker vor. Anschließend wird beraten und abgestimmt. Es zeugt von einem abenteuerlichen Demokratieverständnis, diesen Tagesordnungspunkt hinter verschlossenen Türen stattfinden zu lassen. Wo ist denn hier die private Persönlichkeitssphäre berührt, wo sind hier schutzwürdige Geschäftsgeheimnisse im Spiel? Das Transparenzgebot der Niedersächsischen Gemeindeordnung schreibt vor, dass diese inhaltlichen Aspekte vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit zu behandeln sind.

Wenn es dann um Honorare und andere geschäftliche Angelegenheiten geht, ist es in Ordnung, wenn der Ausschussvorsitzende die Besucher nach draußen bittet. Aber bitte erst dann!

rll@ noz.de
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert, Sebastian Stricker


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