User Online: 1 | Timeout: 13:41Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Keine Heizung – keine Schule
Zwischenüberschrift:
Kohlenmangel prägt Januar 1920 in Osnabrück: Saline ruht, Schoeller feiert, Vollmilch wird knapp
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Im Januar 1920 ist das Leben in Osnabrück weiterhin von den Folgen des Ersten Weltkriegs geprägt. Vor allem der allgegenwärtige Kohlenmangel hat zunehmend Einschränkungen des öffentlichen Lebens zur Folge. Wohl am gravierendsten ist die zeitweise Schließung aller städtischen Schulen, die Stadtbaurat Friedrich Lehmann als das für die Energieversorgung zuständige Mitglied des Magistrats verfügen muss.

Die Schulschließungen haben nicht bloß Auswirkungen auf die Schüler, sondern auf die gesamte Bevölkerung, weil damit auch die gewohnten Ausgabestellen für die Brot- und Lebensmittel-Bezugsscheine nicht zur Verfügung stehen. Die Menschen müssen sich an neue Ausgabestellen und - zeiten gewöhnen. Weitere öffentliche Einrichtungen schließen so die städtische Lesehalle, die Polizeiwache am Hauptbahnhof, verschiedene Sparkassen-Nebenstellen und sämtliche Einzelzimmer im Stadtkrankenhaus. Die Mittagspause in allen städtischen Dienststellen entfällt. Die ungeteilte Arbeitszeit″ erlaubt es, nachmittags bereits zwei Stunden früher mit dem Heizen aufzuhören.

Ein Leser des Osnabrücker Tageblattes″, von Beruf Landlehrer, wendet sich in einem Leserbrief gegen das Jammern und Klagen wegen des Schulausfalls und gestattet sich den energischen Hinweis″ auf Unterrichtsmöglichkeiten außerhalb des Schulgebäudes. Wenn ein Lehrer Liebe zum Beruf und zu den kleinen Menschenkindern aufbringe, dann sammelt er seine Jugend um sich, zu Wanderungen (auch im Winter!), treibt mit ihnen Sport, macht naturwissenschaftliche Ausflüge, Museumswanderungen, besucht seine Jungen im Elternhaus, sorgt für gute Lektüre, […] geht mit ihnen durch Betriebe, Fabriken, Werkstätten und zeigt ihnen die harte Last der körperlichen Arbeiten.″

Ein Erlass des Bildungsministeriums weist die Provinzial-Schulkollegien an, bei den bevorstehenden Versetzungsentscheidungen zu Ostern Milde walten zu lassen. Es müsse Rücksicht darauf genommen werden, dass der Unterricht vielfach schwere Hemmnisse″ durch Kohlennot und unzureichende Ernährung der Jugend erfahren habe.

Mit Karren unterwegs

Neue Kohlezuteilungen an private Haushalte sind für einen Teil der Empfänger mit der Erschwernis verbunden, dass die Zuteilungsmenge nicht wie bislang vom Kohlehändler angeliefert wird, sondern beim Gaswerk abgeholt werden muss. Der Redakteur des Tageblatts″ führt Beschwerde: Wieviel Haushaltungen gibt es, in denen keine Kinder oder Dienstboten vorhanden sind, und wo der Mann in den zur Abholung bestimmten Stunden seiner Arbeit nachgehen muß. Sollen da ältere Frauen in dieser Kälte stundenlang auf dem Gaswerkshofe stehen? Und was sollen die vielen einzelnen alten Leute über 70 Jahre machen? Will man denen auch zumuten, dass sie mit dem Handwagen zum Gaswerk ziehen?

Die Kohlennot zieht auch einen Salzmangel nach sich, weil die Rothenfelder Saline stillgelegt werden musste. Die Salzsiedung ruht. Obwohl die Nachfrage nach Siedesalz außerordentlich hoch ist, harren viele Hundert Kubikmeter gesättigter, gradierter Sole vergebens auf die Weiterverarbeitung. Die Arbeiter werden hilfsweise damit beschäftigt, die Kalkberge″ hinter den Siedehäusern zu planieren. Sie stammen aus der Zeit, als hier Soda als Abfallprodukt gewonnen wurde. Auf den planierten Flächen soll demnächst ein Luft- und Sonnenbad eingerichtet werden.

Die Fotopapierfabrik Schoeller in Gretesch begeht ihr Geschäftsjubiläum zum 25-jährige Bestehen. Am 1. Januar 1895 hatte Felix Schoeller die Papiermühle C. S. Gruner & Sohn übernommen und durch weitergehende Mechanisierungen schnell zu neuer Größe geführt. Felix Schoeller starb bereits 1907, leider viel zu früh im besten Mannesalter″, wie die Zeitung schreibt, aber in zweiter Generation werde sein Werk von Lothar, Gerhard und Felix Heribert Schoeller umsichtig fortgesetzt. Für den Ort Gretesch, eine mehrere hundert Personen umfassende Angestellten- und Arbeiterschaft, nicht minder für die Stadt Osnabrück bedeutet die Firma einen Faktor von größtem sozialen und wirtschaftlichen Wert″, würdigt das Tageblatt″ und wünscht der Firma auch in Zukunft eine glückliche Entwicklung so wie der Vorname Felix („ der Glückliche″) sie verheißt.

Ruhiger Jahreswechsel

Die Zufuhren an Vollmilch nach Osnabrück erreichen wiederum nicht die vorgesehenen Mengen. Bei den Verteilungen samstagnachmittags und sonntagvormittags werden wesentliche Kürzungen″ vorgenommen. Nur Säuglinge, hoffende Frauen und Schwerkranke sind ausgenommen.

Im Rückblick beschreibt das Tageblatt″ den Jahreswechsel 1919/ 20 als verhältnismäßig ruhig. Von den Türmen läuteten mit dem Schlag der zwölften Stunde die wenigen Glocken, die wir noch besitzen, auch mehrere Schüsse konnte man vernehmen; aber der lebhafte nächtliche Straßenbetrieb, wie man ihn früher kannte, die , Prosit Neujahr′-Rufe usw. fielen diesmal fast völlig aus.″ Die meisten Menschen scheinen das neue Jahr zu Hause in der Familie begangen zu haben, oder sie haben es vorgezogen, sich in Morpheus′ Armen über die Schwelle des Jahres hinübertragen zu lassen.″ Die Neujahrs-Grußkarten, die in den Jahren vor dem Krieg in Waschkörben anfielen, sind auf ein Minimum zusammengeschrumpft, sintemalen jetzt auch das gestiegene Porto eine Rolle spielt″.

Das Union-Theater in der Johannisstraße 112 zeigt den skandalträchtigen Film Prostitution II Die sich verkaufen″. Bei einer Vorstellung kommt es zu Aufruhr und Pfui-Rufen einer größeren Gruppe junger Leute, die unter Protest den Kinosaal verlassen. Wie die folgenden Diskussionen in der Presse ergeben, steckt der Trutzring deutscher Jugend″ dahinter, ein Zusammenschluss mehrerer Jugendverbände überparteilicher und überkonfessioneller Natur. Auch Vertreter der Polizei schauen sich, dienstlich veranlasst, den Film an. Sie befinden, dass vom sittlichen Standpunkte aus Einwendungen nicht zu erheben sind″. Der Film sei ja auch von der Reichszensur freigegeben. Er hätte wahrscheinlich nicht mehr Aufsehen als jeder andere gemacht, wenn ein weniger verfänglicher Titel gewählt worden wäre.

Der Trutzring″ lässt jedoch nicht locker und fordert eine Kinoreform″ unter dem Motto Weg mit dem Kinoschund″. Die üblen volksvergiftenden Auswüchse des Kinowesens″ gehörten bekämpft: Wir protestieren gegen Darbietungen, die es in raffinierter Weise darauf anlegen, im Beschauer niedrige Empfindungen zu wecken, indem sie an bedenklichen Punkten plötzlich abbrechen, um das Weitere der Phantasie des Beschauers zu überlassen. Und da soll dann der schöne Deckmantel der , Aufklärung′ alles entschuldigen.″ Der Protest richtet sich auch gegen Verbrecher- und Detektivgeschichten, die schon manchen jungen Menschen verdorben haben.″

Ringkampf im Kino

Eine andere Veranstaltung im Union-Theater ist offenkundig unumstritten und erfreut sich lebhaften Publikumszuspruchs: eine internationale Ringkampf-Konkurrenz″. Über die Leinwand flimmert zunächst das Stummfilm-Drama Falscher Start″. Dann wendet sich die Aufmerksamkeit der Bühne vor der Leinwand zu, wo ein Ring aufgebaut ist. Folgende Paarungen treten an: Frank Goksch (Deutsch-Amerikaner) gegen Willi Karge (Berlin), Texas-William (Mexiko) gegen Ullmann (Brandenburg), Fred Schmitz (Deutschmeister) gegen Otto Schulz (Meisterringer von Pommern). „ Der Cowboy Texas-William zeigte eine ganz eigenartige ringerische Fertigkeit″, staunt der Zeitungsschreiber.

Bildtext:
Die Papierfabrik Schoeller feiert ihr 25-jähriges Bestehen. Das Foto zeigt den Fuhrpark vor der westlichen Werkszufahrt im Jahr 1905.
Foto:
Rudolf Lichtenberg, Archiv Museum Industriekultur
Autor:
Joachim Dierks


Anfang der Liste Ende der Liste