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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Trümmer, Tränen, Todesangst
Zwischenüberschrift:
Erinnerungen an die letzte Kriegsweihnacht
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Hasbergen/ Osnabrück Kein anderes Fest ist mit so vielen Erinnerungen, Emotionen und Erwartungen verbunden wie Weihnachten. Etwas ganz Besonderes soll es sein, vor allem besinnlich und friedlich und am besten im Kreis der Familie. Doch nicht immer wird die Wirklichkeit diesen Vorstellungen gerecht. Heute nicht, und schon gar nicht vor 75 Jahren.

Weihnachten 1944 war in der Region Osnabrück alles andere als festlich. Der lange Krieg und seine Schrecken hatten die Menschen bis ins Mark erschüttert. So auch die damals elfjährige Edith Kellermann, die mit ihrem Vater und ihrer acht Jahre älteren Schwester alleine zu Hause war. Die Mutter lag seit mehreren Monaten mit schweren Verbrennungen im Krankenhaus in Bad Rothenfelde, der ältere Bruder war in der damaligen Sowjetunion, das Heimathaus in der Hamburger Straße in Osnabrück vor einem Monat von britischen Bombern in Schutt und Asche gelegt worden. In dem spartanisch möblierten Raum in der Notunterkunft in der Buerschen Straße stand ein kleiner Tannenbaum mit leeren Kerzenhaltern. Die Fenster waren mit Pappe abgedunkelt, die letzten Kerzenstummel längst abgebrannt. Es war der 24. Dezember 1944, doch an Weihnachten war nicht zu denken″, erinnert sich die heute 86-jährige Edith Kellermann zurück an die letzte Kriegsweihnacht in Osnabrück.

Bereits am 23. Dezember seien sie und ihre Schwester bei einem Voralarm losgesaust, den Blick stets nach oben zum Himmel gerichtet, das Pfeifen der Bomben ebenso in den Ohren wie das Geräusch zusammenbrechender Häuser. Über dem Stadtteil Wüste waren während eines Luftangriffes mehrere Sprengbomben abgeworfen worden. Einen Weihnachtsfrieden wie im Ersten Weltkrieg 1914 sollte es nicht geben. Wir waren alle so aufgeregt, trauten uns gar nicht, uns in die Betten zu legen. Und wenn, dann nur komplett angezogen, um im Notfall schnell in den Bunker rennen zu können.″ Auch Heiligabend gab es einen Alarm: ein einzelner Jagdbomber beschoss einen fahrenden Zug, zwei Frauen wurden leicht verletzt. Die Menschen in den Straßen standen mit zugeteilten Essensmarken in langen Schlangen vor den Läden, doch es gab kaum etwas. Osnabrück lag in Trümmern.

Gute 1300 Kilometer weiter östlich, im kalten, russischen Tambow-Rada, befand sich zu der gleichen Zeit der damals 25-Jährige Gerd Werner und weinte. Mit über zehntausend anderen Männern gehörte der Hasbergener zu den sowjetischen Kriegsgefangenen. Zu Fünfzehnt waren sie in Erdlöchern über drei Ebenen zusammengepfercht. Pro Fach fünf Gefangene, zugedeckt mit Bäumen gegen die Kälte. An Schlaf war so gut wie nicht zu denken″, erzählt der damalige Funker, der nach Einsätzen in Frankreich, Ostpreußen und dem heutigen Litauen während des Rückmarsches im Juli 1944 gefangen und in das Arbeitslager gesteckt wurde.

Die Russen gaben uns Weihnachten einen Tag arbeitsfrei. Doch der Anblick des Lagers und die Ungewissheit über die Liebsten zu Hause machte alle traurig. Obwohl wir ahnten, dass der Krieg so gut wie zu Ende war, wussten wir nicht, wie es mit uns weitergehen sollte.″ Die Sehnsucht nach Familie, Tannenbaum, einem vernünftigen Essen sei bei allen groß gewesen. Heiligabend habe es dann eine dünne Suppe mit Mais gegeben, die Gefangenen sangen ein Weihnachtslied, beteten. In Werners blauen Augen spiegelt sich beim Erzählen eine Traurigkeit wider, die erahnen lässt, wie schwer ihm die Erinnerung an das Weihnachtsfest vor 75 Jahren fällt. Er formuliert lange Sätze, die den Bogen zurückschlagen, erzählt von der dunklen und finsteren Jahreszeit, von der Todesangst.

Gerd Werner, ein immer noch vor Energie strotzender Mann von heute 100 Jahren, sagt: Ich war froh, wenn Weihnachten vorbei war.″ Fünf Jahre sei er in Gefangenschaft gewesen, vom Wäschemagazin bis hin zum Steinbruch, in wechselnden Arbeitslagern. Erst nach meiner Rückkehr nach Deutschland und meiner Heirat lernte ich Weihnachten langsam wieder zu schätzen.″

Für die kleine Edith hingegen endete das Weihnachtsfest 1944 noch mit einer Überraschung. Als sie am 1.Weihnachtsfeiertag mit dem Zug zu ihrer Mutter ins Krankenhaus nach Bad Rothenfelde fuhr, hatte die ein Geschenk für ihre Tochter parat: eine kleine Blechdose mit Buntstiften von Faber Castell. Das war wie der Himmel auf Erden″, drückt die Osnabrückerin ihre Freude über das kleine, aber bedeutende Präsent aus.

Die Menschen sahen im Dezember den Himmel glühen, viele hatten keine Wohnung mehr, das Heizmaterial war knapp. Aus aufgeribbelten Zuckersäcken wurden harte und kratzige Sachen gestrickt. Mehl wurde mit Essig verrührt und in Zucker ausgerollt, das war dann das Gebäck. Und es schmeckte köstlich″, erzählt Kellermann. Sie zieht die Schultern hoch, fügt hinzu: Wir kannten es als Kinder halt nicht anders.″

Heute, genau ein Dreivierteljahrhundert später, sind die Erinnerungen an die letzte Kriegsweihnacht fast verblasst. Es leben nur noch wenige Zeitzeugen, die mit ihren Kindern und Enkeln über das Leid und die Entbehrungen reden können. Osnabrück ist in diesen Tagen hell erleuchtet und nicht so düster wie Heiligabend 1944. Wieder stehen Menschen in Schlangen an, um Lebensmittel zu besorgen. Sie stellen sich die Frage: Raclette, Gänsekeule oder Würstchen mit Kartoffelsalat? Tannenbäume werden selten traditionell geschmückt, eher so übertrieben dekoriert, dass von dem eigentlichen Baum kaum etwas zu sehen ist.

Den historisch belegten Termin des Weihnachtsfestes gibt es seit dem Jahr 336. Die einzelnen Traditionen dazu sind vermutlich so verschieden wie die Menschen selbst. Doch früher wie heute gilt: Weihnachten verbindet die Menschen, mögen die Unterschiede auch noch so verschieden sein. Und mögen wir uns auch heute ab und an über den Weihnachtsstress beklagen relativiert er sich durch die Gedanken an Weihnachten vor 75 Jahren.

Bildtexte:
Im Dezember 1944 gab es an sieben Tagen Luftangriffe auf Osnabrück.
Viele Essensmarken konnten nicht eingelöst werden, da die Nahrungsmittel knapp waren. Umso größerwar die Freude über kleine Dinge.
Vor 75 Jahren hieß die Osna-brücker Zeitung noch Neue Volksblätter″. Sie berichtete auch über die Luftangriffe auf Osnabrück.
Edith Kellermann erinnert sich an Weihnachten 1944, als Osnabrück schon größtenteils in Schutt und Asche lag.
Nicht immer ist Weihnachten positiv besetzt. Für den 100-jährigen Gerd Werner bedeutet es auch die Erinnerung an seine Gefangenschaft.
Fotos:
W. Büttner, Monika Vollmer
Autor:
Monika Vollmer


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