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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wohnen für Hilfe
Zwischenüberschrift:
Ende der Einsamkeit: Studentin zieht bei Osnabrücker Seniorin ein
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Die eine suchte eine Wohnung, die andere Gesellschaft: Im Stadtteil Sonnenhügel haben eine Studentin und eine ältere Dame zueinander gefunden. Die junge Frau hilft beim Entrümpeln, die ältere lässt sie dafür kostenlos bei sich wohnen. Es ist eine ungewöhnliche Lösung für die Wohnungsnot in Osnabrück und noch viel mehr als das.

Seit dem Tod ihres Mannes vor vier Jahren lebte Gertrud Dom alleine in ihrer 105-Quadratmeter-Eigentumswohnung. Sie hat eine große Familie, vier Kinder und 14 Enkelkinder, sie liebt Musik, singt in einem Chor und geht regelmäßig tanzen. Doch zu Hause war es still geworden. Der Fernseher half ihr ein wenig, aber was kann schon einen Menschen aus Fleisch und Blut ersetzen? Die Wohnung wurde ihr zu groß für sich alleine. Umziehen wollte sie nicht. Zu viele schöne Erinnerungen hängen daran.

Ob sie sich einsam gefühlt habe? Oh ja, sehr.″

Seit Mitte Oktober ist das vorbei. Ich bin froh, wenn ich abends nach Hause komme, und es brennt wieder Licht″, sagt die 80-Jährige. Es ist Debora Landreh, 23 Jahre alt, die das Licht anknipst.

Landreh studiert seit diesem Wintersemester Musikwissenschaften und Germanistik in Osnabrück. Auf Lehramt? Nein, nicht mehr.″ Schade!″, sagt Gertrud Dom. Sie war selbst Lehrerin, zuletzt an der Grundschule Icker, und hat ihren Beruf geliebt. Doch davon abgesehen, passen die beiden perfekt zusammen. Im urigen Wohnzimmer voller Fotos und Mitbringseln ihres Mannes, der für terre des hommes gearbeitet hatte, steht ein Klavier. Gertrud Dom hatte sich schon seit Jahren nicht mehr drangesetzt. Jetzt spielt sie mit ihrer neuen Mitbewohnerin zusammen vierhändig.

Als Gegenleistung für das kostenlose Wohnen haben sie vereinbart, dass Landreh entsprechend ihrer Zimmergröße zwölf Stunden pro Monat im Haushalt helfen soll und das betrifft derzeit vor allem das Ausmisten von Büchern und vielem anderen im Keller. So eng nimmt Gertrud Dom das mit den Stunden aber nicht. Das Zusammenleben ist das Wichtigste.

Direkt am ersten Wochenende hat Trudi mich zur Apfelernte mit ihrer gesamten Familie mitgenommen″, sagt Landreh. Und Dom erzählt weiter: Meine Kinder sagten: Wie, ihr wohnt zusammen und duzt euch nicht? Wer die beiden jetzt, zwei Monate später kennenlernt, kann sich das kaum noch vorstellen.

Zwei Jahre lang hatte Gertrud Dom vergeblich versucht, einen jüngeren Mitbewohner zu finden. Dann las sie in der NOZ den Aufruf einer Osnabrücker Studierendeninitiative.

Wohnen für Hilfe″ heißt das Projekt in Trägerschaft des Asta der Uni Osnabrück, das die Studierenden Berit Wolff und Simon Marx nach einem Jahr Stillstand wiederbelebt haben. Sie bringen hilfsbedürftige oder einsame Menschen und junge Leute zusammen, beziehungsweise: sie versuchen es. Denn bislang sind Gertrud Dom und Debora Landreh die Einzigen, bei denen es in Osnabrück geklappt hat. Versucht haben wir drei″, sagt Berit Wolff. Bei einem älteren Ehepaar sei es daran gescheitert, dass die beiden zu weit außerhalb lebten und eine ganze Wohnung anbieten wollten. So viel Hilfe im Haushalt kann jedoch vernünftigerweise nicht erwartet werden, und uns ist wichtig, dass der Umfang der Hilfeleistungen mit dem Alltag der Wohnraumnehmer und - nehmerinnen gut vereinbar ist″, so Wolff. Sind sich beide Seiten einig, wird eine schriftliche Vereinbarung geschlossen. Je nach Größe des Wohnraums sind auch Mietbeteiligungen denkbar im Fall von Dom und Landreh gibt es die jedoch nicht.

Für die 80-jährige Dom ist das Zusammenleben mit der jüngeren Debora etwas Selbstverständliches. Jeder müsste ja merken, dass man mit Einsamkeit nicht weiterkommt″, sagt die 80-Jährige. Doch mit dieser Einstellung ist sie in ihrer Altersgruppe eine Ausnahme. Sie kennt allein in ihrer Straße drei alte Damen, die ganz alleine in ihren Häusern leben. Erfolglos warb sie für das Projekt Wohnen für Hilfe″.

Die vermittelnden Studierenden kennen das. Auf 30 Nachfragen von jungen Leuten Tendenz steigend kämen gerade mal drei Interessierte, die Wohnraum anbieten wollten, sagt Studentin Berit Wolff. Sie hofft, dass sich das ändert, wenn das Projekt bekannter wird. Schließlich ist der Wohnungsmarkt gerade für Menschen mit geringem Einkommen und dazu zählen nun mal Studenten sehr angespannt. Auch Debora Landreh, die von der Uni Bochum nach Osnabrück wechselte, hatte lange nach eine Wohnung oder WG gesucht, bevor sie auf Gertrud Dom traf.

Die Seniorin erinnert das Wohnprojekt an ihre Jugend. Anfang der 1960er-Jahre hatte sie in Münster selbst bei einer älteren Dame zur Untermiete gelebt wenn auch viel anonymer. Die Küche durfte sie nur zum Kaffeekochen nutzen und die Dusche gar nicht. Heute ist das ganz anders. Die beiden Frauen teilen sich Küche, Wohnzimmer und Bad. Landrehs 12-Quadratmeter-Zimmer liegt direkt neben Doms eigenem Schlafzimmer.

In jeder WG gibt es früher oder später Konflikte: Die eine belagert das Bad zu lange, der andere macht in der Küche nicht ordentlich sauber. Bei Landreh und Dom läuft es noch reibungslos, und wenn eine kocht, hat meist auch die andere etwas davon. Wir haben uns versprochen: Wir wollen alles ehrlich ansprechen und nicht drum herumreden″, sagt Dom.

Die 80-Jährige hat zwar Schwierigkeiten mit dem Laufen, ist aber sonst noch sehr fit. Was, wenn sie gebrechlicher wird? Es ist ganz klar eine Selbstverständlichkeit, dass man aufeinander achtet″, sagt Landreh.

Und Freunde? Partys? Du kannst jederzeit jemanden mitbringen nur einziehen sollte er nicht gleich″, sagt Dom und lacht.

Bildtext:
Seit Oktober wohnt Debora Landreh (links) bei Gertrud Dom Zimmer an Zimmer.
Foto:
Gert Westdörp

Kommentar
Ideallösung gegen die Wohnraumnot

Wenn sich mehr Senioren auf das Abenteuer einlassen würden, junge Leute in ihren Wohnungen oder Häusern aufzunehmen, wäre das Problem der Wohnungsnot im niedrigen Preissegment ein ordentliches Stück gelindert.

Es gibt so viele ältere Menschen, die einsam in ihren zu groß gewordenen Häusern oder Wohnungen leben und mit Haushalt und Garten kaum alleine fertig werden. Für sie kann die Gesellschaft jüngerer Mitbewohner eine echte Bereicherung sein.

Das funktioniert natürlich nur, wenn sich beide Seiten Jung und Alt aus freien Stücken dafür entscheiden. Niemandem, der Jahrzehnte in seiner Wohnung oder seinem Haus gelebt hat, sollte ein Vorwurf gemacht werden, wenn er sich das nicht vorstellen kann. Schließlich ist ja auch nicht jeder für das WG-Leben gemacht. Aber es lohnt sich, zumindest einmal darüber nachzudenken.

Das Beispiel der Studentin Debora Landreh und der 80-jährigen Gertrud Dom ist bestens dafür geeignet, Mut zu machen für diese ungewöhnliche Wohnform. Bei den beiden geht es um viel mehr als nur die Wohnraumfrage. Es geht um ein echtes Miteinander, von dem beide profitieren: DieJüngere von der günstigen Wohngelegenheit und der Lebenserfahrung der Älteren, die Ältere von der Vitalität und Gesellschaft der Jüngeren. Niemand hat die Garantie dafür, dass es in jedem Fall so gut passt das ist bei Studenten-WGs nicht anders. Aber es besteht die Chance. s.dorn@ noz.de
Autor:
Sandra Dorn


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