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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Spurensuche im Gestapo-Keller
Zwischenüberschrift:
Ehemalige Zwangsarbeiter aus der Ukraine begegnen Osnabrücker Schülern
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
OSNABRÜCK. Die Begegnung mit Zeitzeugen ist besser als jeder Geschichtsunterricht.″ Die das sagt, ist selber Geschichtslehrerin: Mechthild Brebaum-Ersenvon der Ursulaschule. Nach Auskunft ihrer Schüler ist Geschichte bei ihr immer spannend″. Aber kein Unterricht der Welt kann die gemeinsame Spurensuche von früheren ukrainischen Zwangsarbeitern und Schülern, die ihre Urenkel sein könnten, ersetzen. Der einwöchige Aufenthalt einer Gruppe aus der Ukraine im Osnabrücker Land ging jetzt zu Ende. In der Pernickelmühle wurde Bilanz gezogen.

Drei Frauen und zwei Männer im Alter von 84 bis 87 Jahren, die damals zwangsweise bei Klöckner, Karman, Kromschröder oder in anderen Betrieben gearbeitet hatten, waren mit Töchtern oder Enkeln als Begleitung angereist. Weiter gehörten sechs Schülerinnen und Schüler es Gymnasi-ums Nummer 9 in Simferopol (Ukraine) und ihre Deutsch-Lehrerinnen zu der Gruppe. Gastgeber auf deutscher Seite waren Mitarbeiter der Gedenkstätten Augustaschacht und Gestapo-Keller sowie sechs Ursula-Schüler mit ihrer Geschichtslehrerin Brebaum-Ersen.
Ziel der generationenübergreifenden Begegnung seinatürlich, Zeitgeschichte authentisch miterlebbar zu machen, solange es die Zeitzeugen noch gebe, sagte Brebaum-Ersen. Deshalb hätten sich die Projektpartner auch darauf verständigt, in jedem Jahr einen Besuch und einen Gegenbesuch durchzuführen, jetzt zum fünften Mal in Folge. Die Zeit läuft″, sagte Dr. Michael Gander, Geschäftsführer der Gedenkstätte Augustaschacht.
Vor zehn Jahren habe man noch mehr als tausend Namen in der Liste der nach Osnabrück verschleppten Zwangsarbeiter gehabt, heute antworteten nur noch ein oder zwei Dutzend von ihnen auf die Einladungsschreiben. Mit jedem Zeitzeugen, der stirbt, wird das Projekt ein Stückchen ärmer″, konstatierte die begleitende Deutsch-Lehrerin Irina Avilova vom Gymnasium Simferopol. Sie und ihre Kollegin Sarema Fettajewa sind so etwas wie die guten Seelen des Projekts, die den hochbetagten Senioren vor und während der Reisen zur Seite stehen, sich um das Visum kümmern und die Aufregung nehmen.
Da ist zum Beispiel Raissa Schaldebyna. Die 86-Jährige war als junges Mädchen bei Karmann an der Martinistraße eingesetzt. Dort wurden Aufbauten für Heeresfahrzeuge gefertigt. Die Arbeit sei vergleichsweise human gewesen, aber im Lager hätten sadistische Aufseherinnen ihr das Leben zur Hölle gemacht. Frau Schaldebynas persönliche Spurensuche ging diesmal zum Heger Friedhof, wo sie auf dem internationalen Gräberfeld die Grabsteine von Kameradinnen aufsuchte, die damals nicht mit dem Leben davongekommen waren.
Igor Rudchin (84) aus Sewastopol bezeichnet sich als Glückspilz″, weil er im Lager Ohrbeck heute Sitz der Gedenkstätte einquartiert war, bevor es zum KZ-ähnlichen Arbeitserziehungslager″ umfunktioniert wurde. Als schmächtiger kleiner Kerl, der er als 15-Jähriger war, hätte er das noch viel härtere Regiment wohl nicht überlebt, ist er überzeugt. Trotzdem traf es ihn hart genug: Vom ständigen Hunger halb wahnsinnig, ließ er ein Stückchen Wurst mit gehen. Dieses Verbrechen″ brachte ihn in die Gestapo-Verhörzelle im Osnabrücker Schloss. Rudchin schilderte den Schülern, wie ihm die Nutzung der Pritsche verboten wurde und er auf dem kalten Kellerboden nächtigen musste. Der Vernehmungsoffizier habe ihm am nächsten Tag den Schrank mit einer Vielzahl von Peitschen und Schlagstöcken geöffnet. Rudchin habe sich aussuchen dürfen″, mit welchem Instrument er anschließend ausgepeitscht wurde.
Zum Besuchsprogramm der Gruppe gehörten Stippvisiten in einer Reihe von Schulen des Osnabrücker Landes. Darunter waren die Oberschule Hagen, die Gesamtschule Schinkel, die Johannes-Vincke-Schule Belm, das Graf-Stauffenberg-Gymnasium, die Erich-Maria-Remarque-Realschule und die Schule am Roten Berg Hasbergen. Die am Projekt beteiligten deutschen und ukrainischen Schüler stellten dabei jeweils die Biografie eines Zeitzeugen vor. Anschließend konnten die besuchten Schüler Fragen stellen. Das ging manchmal richtig unter die Haut″, berichtete die 17-jährige Susanna Emirova aus Simferopol. Einige Mädchen hätten Tränen in den Augengehabt, etwa als sie die Geschichte von Rudchins Wiedersehen mit der Hagener Familie Gausmann hörten. Gausmanns hatten ihm damals immer mal wieder Essbares zugesteckt und ihm so das Überleben gesichert, obwohl es streng verboten war.
Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft″ übernimmt einen Großteil der Kosten des Projekts. Die von der deutschen Industrie und vom deutschen Steuerzahler seinerzeit mit fünf Milliarden Euro ausgestattete Stiftung hat ihre erste Aufgabe erfüllt. Zwischen 2000 und 2006 leistete sie direkte Entschädigungszahlungen an 1, 7 Millionen Zwangsarbeiter in aller Welt. Das restliche Stiftungskapital wird nun für zukunftsgerichtete Projekte der Verständigung und Aussöhnungeingesetzt. So wie die Osnabrücker Begegnung.

Bildtext:
Hier war die Pritsche, die ich aber nicht benutzen durfte″ der ehemalige Zwangsarbeiter Igor Rudchin aus der Ukraine stellt der Studentin Elena Schischkunova seine″ Zelle im Gestapo-Keller des Osnabrücker Schlosses vor.
Foto:
Jörn Martens
Autor:
Joachim Dierks


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